Heute vor siebzig Jahren, am 5. November 1956 landen 668 britische Elite-Fallschirmjäger in Port Said und kämpfen unter einem erfundenen Vorwand der Briten, Franzosen und Israelis darum, Ägypten die neu gewonnene Kontrolle über den Sueskanal wieder zu entreißen. Die wichtigste Schifffahrtsstraße der Welt ist seither unverändert fest in ägyptischer Hand. Seine Verstaatlichung durch Ägypten und die westliche Reaktion darauf stellen den Anfang vom Ende des britischen und französischen Kolonialismus dar, der seither wider besseres Wissen durch den israelischen ersetzt werden soll.
1952 befindet sich Ägypten im Wandel, in Kairo übernimmt die Armee nach einem weitgehend unblutigen Staatsstreich die Macht über das Land. Im Juli 1952 führen die „Freien Offiziere“ einen Militärputsch durch, bei dem der fette König abgesetzt und aus dem Land geworfen wird. Mit seinem Hab und Gut segelt Faruk auf seiner Jacht Mahroussa von Alexandria aus in Richtung Capri. Die britische Marionette ist weg, Ägypten eine Republik. Der Architekt der Revolution ist der aus einfachen Verhältnissen stammende Oberst Gamal Abdel Nasser. Er hat alles, was seine Vorgänger nicht hatten, ist jung und sieht wie ein Filmstar aus, gilt als Sohn des Volkes. Sein Motto lautet: „Ich bin ein Ägypter wie ihr. Wie ihr bin ich bereit, für Ägypten zu sterben.“ Nassers oberstes Ziel ist es, die noch in Ägypten befindlichen britischen Truppen loszuwerden.
Wir haben nichts gegen die Briten. Wir mögen nur die Anwesenheit britischer Truppen in unserem Land nicht. Wenn ihr diese Truppen abzieht, wird eine große Freundschaft zwischen uns bestehen.
Gamal Abdel Nasser über die britische Präsenz in seinem Land
Als Nasser 1954 Ägyptens Staatschef wird, ist Ägypten ein armes Land. Zwei Drittel der Bevölkerung leben unter harten ländlichen Bedingungen ohne jede Aussicht auf Verbesserung ihrer Lebensumstände. Nasser will seine Heimat in das 20. Jahrhundert führen, er ist der Ansicht, dass Ägypten sich modernisieren und industrialisieren muss. Ein zentrales Vorhaben dabei ist der Bau des Assuan-Staudamms am Nil, der nicht nur die Überschwemmungen eindämmen, sondern durch seine Wasserkraft auch Millionen von Ägyptern mit Elektrizität versorgen soll. Die Planungs- und Baukosten belaufen sich auf etwa 1,3 Milliarden US-Dollar. Und obwohl die Amerikaner und Briten von diesem Projekt nicht besonders begeistert sind, fürchten sie den sowjetischen Einfluss. Sie zeigen sich daher offen für die Idee, das Großprojekt zu finanzieren.

Die Briten sind in Ägypten unbeliebt, Symbol kolonialer Autorität und Besatzungsmacht. Zwar hat sich Großbritannien das Land am Nil offiziell nicht einverleibt, verhält sich dort aber kaum anders als in seinen imperialen Niederlassungen. Die Ägypter gelten in den Augen des Empire als minderwertig und widerspenstig, denen die Kolonialmacht meint eine Lektion in Sachen Zivilisation erteilen zu müssen. Zuvorderst geht es den Briten aber um den Sueskanal, nur ist Nassers Ägypten nicht mehr dazu bereit, irgendetwas auf seinem Grund und Boden noch den Machtansprüchen der vermeintlichen Herrenmenschen des Okzidents unterzuordnen.
Auf der britischen Seite steht ihm der tablettensüchtige konservative Politiker Anthony Eden gegenüber. Dieser erkennt im Gegensatz zu vielen anderen in seiner Partei in Nasser einen neuen Typus des ägyptischen Führers, jemanden, der sein Land modernisieren und es auf der Weltbühne voranbringen will. Sein Instinkt veranlasst ihn zur Zusammenarbeit mit dem Anführer der ägyptischen Revolution. Es kommt zu einer Übereinkunft mit Nasser, deren Hauptpunkt besagt, dass alle britischen Truppen in Ägypten innerhalb von 20 Monaten abgezogen werden. Das endgültige Abkommen wird 1954 unterzeichnet und sieht vor, dass die letzten britischen Soldaten Ägypten bis zum 18. Juni 1956 verlassen müssen. Nach deren Verlegung besteht die britische Präsenz in Ägypten nur noch aus Zivilisten, anschließend wird der Sueskanal von einer Gruppe britischer und ägyptischer Ingenieure und Beamter verwaltet. Das Abkommen enthält jedoch eine Klausel, die besagt, dass Großbritannien im Falle des Angriffs einer ausländischen Macht auf Ägypten die Sueskanalzone wieder militarisieren und seine Truppen zurückbringen kann.

Am 19. Juli 1956 sucht der ägyptische Botschafter Ahmed Hussein US-Außenminister John Foster Dulles auf und meint: „Sagen Sie bloß nicht, Sie würden die Finanzierung des Staudamms einstellen, denn ich habe hier das sowjetische Angebot zur Finanzierung vor mir.“ Dulles entgegnet: „Nun, da Sie eine Finanzierung haben, brauchen Sie unsere nicht mehr, also stellen wir sie sofort ein.“ Für Nasser ist das eine Demütigung. Die USA und Großbritannien haben ihn hingehalten, machen in letzter Minute eine Kehrtwende und sagen dann Nein. Er sieht darin den Versuch, Ägypten kontrollieren und in seine Schranken weisen zu wollen und gibt seine Pläne zur Finanzierung des Assuan-Staudamms erst recht nicht auf. Er wird auf diese Schmach reagieren. Im Mittelpunkt seines Vorhabens steht der Sueskanal.
Der Sueskanal ist ein Wunderwerk der Ingenieurskunst, eine 164 Kilometer lange Infrastruktur, die das Mittelmeer mit dem Roten Meer verbindet und den ungehinderten Schiffsverkehr zwischen Europa und Asien ermöglicht. Anstatt die Südspitze Afrikas umfahren zu müssen, können die Schiffe direkt durch den Kanal fahren und so die Fahrtzeit effektiv halbieren. Er war ein Projekt des Franzosen Ferdinand de Lesseps und wurde am 17. November 1869 fertiggestellt. Für die britische Wirtschaft ist er unverzichtbar und mit dem Siegeszug des Erdöls als globale Energiequelle mehr denn je die Hauptader, durch die das schwarze Gold fließt. Seine Eigentumsverhältnisse sind jedoch alles andere als geklärt. Die bauliche Struktur des Kanals ist zwar eindeutig in ägyptischem Besitz, Großbritannien hält jedoch 44% der Anteile an der Sueskanal-Gesellschaft, die den Kanal betreibt. Die Inselmonarchie geht davon aus, auch der Eigner zu sein, die Briten sehen sich als Herrscher über ganz Ägypten, 80.000 britische Soldaten sind in der Kanalzone stationiert.
Am 26. Juli 1956 bereitet sich Nasser darauf vor, eine Rede vor seinem Volk zu halten. Er wird nach Alexandria gefahren und dort von riesigen Menschenmengen begrüßt, allein auf dem Mansheya-Platz finden sich eine Viertelmillion Zuschauer ein, die Ansprache wird über den Radiosender Voice of the Arabs (Stimme der Araber) übertragen. Er beginnt seine Rede mit der großen Liste von Demütigungen, die Ägypten im Laufe der Geschichte aufgrund der britischen Besatzung ertragen musste. Zur gleichen Zeit sind ägyptische Truppen vor der Sueskanal-Gesellschaft stationiert. Als Nasser zum ägyptischen Volk spricht, fordert er es auf, den Kopf hochzuhalten und stolz darauf zu sein, Ägypter zu sein. Dann beginnt er, über Ferdinand de Lesseps zu sprechen und wiederholt immer wieder: „De Lesseps, De Lesseps, De Lesseps.“ Das anwesende Publikum ist etwas irritiert, doch der Grund für die Wiederholung des Namens ist nichts anderes als ein Signal an die bereitstehenden Truppen, De Lesseps ein Codewort. Für die Soldaten ist dies der Moment, die Kontrolle zu übernehmen. Ägyptische Offiziere stürmen die Büros der Sueskanal-Gesellschaft und vertreiben die Briten. Als Nasser erfährt, dass seine Truppen Erfolg haben, verkündet er dies der Menge auf dem Mansheya-Platz:
Heute Abend kann ich euch sagen, dass dieser Kanal, dieser ägyptische Kanal, von nun an von uns, von den Ägyptern, betrieben wird.
Gamal Abdel Nasser am 26. Juli 1956 in Alexandria
Am Abend des gleichen Tages veranstaltet Anthony Eden in der Downing Street Nr. 10 in London ein Festmahl für den irakischen König Faisal II., an der auch sein alter Freund Nuri al-Said, der irakische Premierminister, teilnimmt. Als Eden von Nassers Angriff auf den Sueskanal erfährt, rät ihm al-Said, dass Nasser nur Stärke verstehe und er handeln müsse. Obgleich die Übernahme völlig rechtmäßig ist, sieht Eden die britischen Interessen grundlegend bedroht, erachtet Nasser für den Betrieb der strategischen Wasserstraße als ungeeignet und spricht sich für eine schnelle und harte militärische Reaktion aus. Eden will, dass die USA seinen Krieg gegen Nasser unterstützen, aber Dwight D. Eisenhower befindet sich im Wahlkampf und lehnt ab. Ohne Eisenhowers Rückendeckung kann Eden Ägypten aber nicht so ohne weiteres angreifen und den Sueskanal zurückerobern.
Am 22. Oktober 1956 trifft sich eine Gruppe von Politikern heimlich in einer Villa im französischen Sèvres nahe Paris, darunter der französische Premierminister Guy Mollet, der israelische Premierminister David Ben-Gurion und Edens Vertreter, der britische Außenminister Selwyn Lloyd. Die drei Länder planen einen gemeinsamen Krieg gegen Ägypten und wollen Gamal Abdel Nasser loswerden. Wie in unzähligen anderen Fällen auch sieht der Judenstaat den charismatischen Ägypter als existenzielle Bedrohung. Die Israelis verlangen, dass Großbritannien eingreift und die ägyptische Luftwaffe zerstört. Die Briten hingegen bevorzugen eine israelische Invasion Ägyptens als Auslöser weiterer Handlungen. Auch der Plan Frankreichs sieht vor, dass der Angriff Israels Anlass für den Einsatz britischer und französischer Truppen sein soll. Die Franzosen verweisen auf die Klausel im anglo-ägyptischen Vertrag von 1954, die besagt, dass das britische Militär zurückkehren und die Kontrolle übernehmen kann, so der Sueskanal bedroht ist. Das Geschacher zwischen den drei Staaten ist fast schon grotesk: Frankreich präsentiert seine Idee den Briten gegenüber als Plan Israels und dann den Israelis gegenüber als britische Initiative.
Der israelische Ministerpräsident David Ben-Gurion hält in seinem Tagebuch fest, dass es eine britische Idee gewesen sein soll, in Ägypten einzumarschieren. Ein geheimer Plan sieht vor, dass Israel unter dem falschen Vorwand, Ägypten habe zuerst angegriffen, in Ägypten einmarschiert. Anschließend sollen Großbritannien und Frankreich beide Seiten auffordern, den Waffenstillstand einzuhalten und sich zehn Meilen (16 Kilometer) vom Sueskanal zurückziehen. Die Verschwörer setzen darauf, dass Nasser das Ultimatum ablehnt, während sich die israelischen Truppen noch in Ägypten befinden. Dies wird Großbritannien und Frankreich dann den Vorwand liefern, um von ihren Militärstützpunkten aus einen Angriff zu starten. Sie würden in Ägypten einmarschieren, Nasser stürzen und die Kontrolle über den Sueskanal zurückerobern – das alles unter dem Deckmantel einer Friedensmission.
Das sogenannte „Protokoll von Sèvres“ ist eine einzige große Täuschung der Öffentlichkeit, definiert Israel als alleinigen Aggressor, obgleich es mit Großbritannien und Frankreich unter einer Decke steckt. Nachdem Selwyn Lloyd Sèvres verlassen hat, wird Frankreich das Dokument zur Unterschrift vorgelegt. Die französische Regierung unterzeichnet das Papier vorbehaltlich der Zustimmung der britischen Regierung. Doch schnell entgleitet die Angelegenheit dem konspirativen Trio. Als die britischen Unterhändler mit der von den Franzosen unterzeichneten Kopie des Protokolls nach London zurückkehren, verliert Eden die Beherrschung und kann nicht fassen, dass aus seiner heimtückischen Verschwörung ein vertragliches Dokument wurde. Er befiehlt sofort, das Papier zu vernichten und schickt seine Unterhändler mit dem Flugzeug zurück nach Frankreich, um den Franzosen und Israelis mitzuteilen, dass auch sie ihre Kopie vernichten sollen. Beide Staaten lehnen ab.
Am 29. Oktober 1956 beginnt Israel seine Operation Kadesch mit der Invasion des Gasastreifens und der Sinai-Halbinsel und stößt anschließend in Richtung des Sueskanals vor, woraufhin Großbritannien und Frankreich unisono erklären, dass der Kanal in Gefahr wäre. Der offizielle Vorwand für den israelischen Einmarsch in Ägypten sind kleinere Scharmützel an der ägyptisch-israelischen Grenze. Die israelische Invasion ist maßlos, dient aber der Durchführung des zuvor vereinbarten Drehbuchs. Der französische Premierminister Guy Mollet reist nach London, um diesbezüglich dringende Gespräche mit Anthony Eden zu führen.
Am 30. Oktober um 16:15 Uhr stellen Guy Mollet und Anthony Eden ein Ultimatum an Israel und Ägypten. Innerhalb von zwölf Stunden sollen beide Länder die Kämpfe einstellen, sich um die vereinbarten zehn Meilen (15 Kilometer) vom Kanal zurückziehen und die Besetzung und Sicherung der Kanalzone durch eine anglo-französische Truppe akzeptieren. Tatsächlich finden in der Nähe des Sueskanals gar keine Kämpfe statt, die Frontlinie verläuft etwa 200 Kilometer östlich in der Sinai-Wüste. Dennoch fordern Großbritannien und Frankreich, dass sich das Angriffsopfer Ägypten um rund 215 Kilometer zurückziehen soll, während der Aggressor Israel die Erlaubnis erhält, um gut 185 Kilometer vorzustoßen. Nasser lehnt wie erwartet ab und liefert Eden damit den Vorwand, britische Soldaten zurück nach Ägypten zu schicken.
Als US-Präsident Eisenhower davon erfährt, gerät er völlig aus der Fassung, ruft Anthony Eden an und lässt ihm gegenüber eine minutenlange Hasstirade los. Er bemerkt allerdings nicht, dass nicht Eden, sondern sein Pressesprecher den Anruf entgegennimmt. Bis Eden selbst am Hörer ist, hat Eisenhower bereits aufgelegt. Am 31. Oktober um vier Uhr morgens Londoner Zeit läuft das Ultimatum ab, binnen einer halben Stunde fallen die Briten in Ägypten ein. Nasser kann nicht glauben, dass britische Flugzeuge Kairo bombardieren und läuft auf das Dach seines Hauses, um zu sehen, ob das alles wirklich geschieht. Und tatsächlich fliegen britische Flugzeuge über Kairo und werfen Bomben auf den internationalen Flughafen.
Am 4. November gibt es in London eine massive Demonstration gegen Edens Einmarsch in Ägypten, auf dem Trafalgar Square versammeln sich etwa 20.000 Menschen. In Großbritannien ist es die größte Demonstrationen der Nachkriegszeit. Einer der wichtigsten Redner an diesem Tag ist der Labour-Abgeordnete Aneurin Bevan:
Anthony Eden gibt vor, er würde gerade in Ägypten einmarschieren, um die Vereinten Nationen zu stärken. Wenn Sir Anthony Eden also ernst meint, was er sagt, dann ist er zu dumm, um Premierminister zu sein.
Aneurin Bevan am 4. November 1956 während seiner Rede vor Demonstranten in London
In Whitehall gibt es eine Reihe von Gängen, die zwischen der Downing Street und dem Gebäude des Kabinettsbüros verlaufen, Eden schleicht sich durch sie hindurch, um aus der Nummer 10 ins Gebäude des Kabinettsbüros zu gelangen. Er beobachtet die Geschehnisse um ihn herum aus dem sicheren Abstand des vom Volk entrückten Politikers. Als die Demonstranten vom Trafalgar Square zum Sitz des Premierministers marschieren, stürmt berittene Polizei in die Menge. Es werden Feuerwerkskörper und Rauchbomben geworfen. Eden äußert sich später darüber wie folgt:
Das waren nicht nur extrem linke Agitatoren, die so etwas immer tun, sondern tatsächlich ein Querschnitt aus Tausenden von Bürgern, die unglaublich wütend über meine Politik waren.
Anthony Eden 1960 in seinen Memoiren Full Circle
In der Nacht des 5. November wird der britische Premierminister Anthony Eden aus dem Bett geholt, um eine zwar von Nikita Chruschtschow verfasste aber von seinem Ministerpräsidenten Nikolai Bulganin signierte Nachricht zu lesen. Es ist eine offene Drohung mit dem Einsatz von Atomwaffen gegen die britische Insel. Wörtlich ist von einer anglo-französischen Aggression in Ägypten zur Wiederherstellung der kolonialen Sklaverei die Rede, einem Akt gegen das arabische Volk. Das französische Verteidigungsministerium erhält Informationen von der Sichtung sechs russischer U-Boote in Richtung Ägypten. Etwas unbeholfen erklärt Anthony Eden der Öffentlichkeit, es gehe nur darum, einen Krieg zwischen Israel und Ägypten zu verhindern, der den Sueskanal bedrohe.
Um drei Uhr morgens spitzt sich die Lage weiter zu. In Paris bestellt der französische Premierminister Guy Mollet den US-amerikanischen Botschafter Douglas Dillon zu sich und überreicht ihm die Depeschen der sowjetischen Presseagentur TASS, in denen die Drohung eines möglichen Atomangriffs auf Großbritannien und Frankreich bekräftigt wird. Frankreich verfügt damals noch nicht über sein später als Force de frappe (Schlagkraft) bekannt gewordenes Atomwaffenarsenal und wäre einem möglichen Angriff Russlands schutzlos ausgeliefert. Mollet fragt Dillon: „Was passiert, wenn es einen direkten Angriff der Sowjetunion auf Frankreich gibt? Wird Eisenhower uns verteidigen?“ Dillon entgegnet: „Nun, natürlich wird der amerikanische Präsident auf einen direkten Angriff auf Frankreich reagieren.“ Das reicht Mollet aber nicht, er fordert eine offizielle Bestätigung aus Washington, worauf Dillon schließlich meint: „Nun, in Washington ist gerade mitten in der Nacht. Eisenhower wird schlafen, also werde ich das nicht tun.“
Wenige Stunden später wird Guy Mollet von Anthony Eden aus London angerufen. Dieser meint, er könne die Militäroperation nur noch höchstens weitere 24 Stunden aufrechterhalten. Trotz der Drohungen seitens der Sowjets drängt Mollet Eden, die Mission zum Schutz des Sueskanals fortzusetzen. Eden allerdings hat den Mut verloren, er steht vor der Wahl, die Mission abzubrechen und den Sueskanal zu gefährden oder weiterzumachen und den Beginn eines Atomkriegs zu riskieren. Um 5 Uhr 30 morgens erhält Eden den Geheimdienstbericht, dass die sowjetischen Gegner auf dem Schlachtfeld eingreifen könnten. Um 5 Uhr 50 eröffnen britische Kampfschiffe das Feuer auf Port Said. Um 6 Uhr 15 beschießen Kampfflugzeuge den Strand und vernichteten alle verbleibenden ägyptischen Verteidigungsanlagen. Anschließend stürmen Kommandos der Royal Marines mit Amphibienfahrzeugen an Land. Am 6. November 1956 um 9 Uhr 45 morgens beruft Eden eine Krisensitzung des Kabinetts ein.
Als Großbritannien und Frankreich ägyptische Ziele bombardieren, ist Eisenhower vor Wut außer sich, denn die Briten haben seine Warnung willentlich ignoriert. Die US-amerikanischen Geheimdienste stellen währenddessen fest, dass etwas Seltsames vor sich geht. Wenn die Briten angreifen, um die kämpfenden Truppen zu stoppen, bombardieren sie nur die Ägypter und nicht etwa die Israelis. Zudem werfen sie Flugblätter mit merkwürdigen Nachrichten über den Ägyptern ab: „Wir werden eure Dörfer bombardieren. Ihr habt eine Sünde begangen, indem ihr Nasser unterstützt habt. Erhebt euch gegen ihn!“ Dies ist offensichtlich eine koordinierte Kampagne psychologischer Kriegsführung und ganz sicher keine Friedensmission. Das Bild verdichtet sich, es ist ein gemeinsamer Krieg von Israel, Großbritannien und Frankreich gegen Nassers Ägypten.
Zur Eröffnung des Parlaments am 6. November verliest die britische Monarchin eine von der Regierung vorgefertigte Rede, in der sie ihre tiefe Besorgnis über den Ausbruch der Feindseligkeiten zwischen Israel und Ägypten äußert und den gemeinsamen Beschluss mit der französischen Regierung verkündet, schnell und entschlossen einzugreifen, um das Leben der britischen und französischen Staatsangehörigen zu schützen, den Sueskanal zu sichern, die Konfliktparteien zu trennen und den Frieden wiederherzustellen. Das alles ist jedoch von A-Z erfunden.
Wie Jahrzehnte später sein Amtsnachfolger Donald Trump versprach auch Eisenhower seinen Wählern, dass es zu keinen neuen Kriegen mehr kommen werde. Er kann nicht fassen, dass der Brite Eden seine öffentlichen wie privaten Warnungen ignoriert hat und in den Krieg gezogen ist. Aus Eisenhowers Sicht könnte der Zeitpunkt nicht schlechter sein. Die USA reagieren heftig, verhängen Sanktionen gegen Großbritannien, sperren die Öllieferungen und blockieren die Kredite des Internationalen Währungsfonds. Großbritannien droht aufgrund seiner schmutzigen Verschwörung der Bankrott – etwas, womit Eden überhaupt nicht gerechnet hat. Eisenhowers Vorgehen wird zur Verarmung des Königreiches führen, die gesamten Devisenreserven drohen zu verschwinden, Schulden und Defizit außer Kontrolle zu geraten. Obgleich selbst großer Befürworter des Krieges, informiert ein in Panik geratener britischer Ministerpräsident Harold Macmillan Eden über die verheerenden Auswirkungen der amerikanischen Sanktionen. Dem Pfund Sterling und der britischen Wirtschaft droht der Zusammenbruch.
Die Situation nimmt absurde Ausmaße an. Während Eisenhower und Macmillan Eden zu einem Waffenstillstand drängen, fordert sein französischer Mitverschwörer Guy Mollet die Fortsetzung der Kampfhandlungen. Mollet ist zutiefst besorgt über den Widerstand gegen die französische Herrschaft in Algerien und hält Gamal Abdel Nasser für den Drahtzieher, was jeglicher Tatsachen entbehrt. Er ist davon überzeugt, dass eine Verlängerung des Einsatzes um höchstens zwei Tage dazu ausreichen würde, den Sueskanal zurückzuerobern – Nasser würde den Prestigeverlust nicht überstehen. Doch Eden weigert sich, mit Guy Mollet überhaupt noch zu sprechen.




Eisenhower wendet sich währenddessen an die Vereinten Nationen. Mehrere internationale Vertreter werfen Großbritannien und Frankreich Absprachen mit Israel vor. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Sowjetunion stimmen gemeinsam gegen Großbritannien und Frankreich. Der kanadische Außenminister Lester Pearson schlägt die Bildung einer UN-Friedenstruppe vor, an der teilzunehmen sich ausgerechnet auch die Briten als einer der drei Kriegstreiberstaaten bereit erklären. Am 6. November um 17:55 Uhr ruft Eisenhower erneut Eden an. Der Ton ist diesmal höflich und kühl. Eden teilt ihm mit, dass es einen Waffenstillstand geben werde. Eisenhower sagt: „Ich verstehe.“ Eden hofft auf eine positive Reaktion von Eisenhower und erhält die Antwort: „Sie können sagen, ich sei erfreut, dass Sie es für möglich gehalten haben, das Feuer heute Abend einzustellen.“ Eden versucht, das zu retten, was von der besonderen Beziehung zu den USA noch übrig ist und fragt Eisenhower: „Wie läuft die Wahl?“ Eisenhower entgegnet, dass sich seine Regierung voll und ganz auf den Nahen Osten konzentriert und meint abschließend: „Die Wahl ist mir völlig egal.“
Eden tritt am 10. Januar 1957 zurück, zwei Monate nach der Sueskrise. Der Sueskanal ist bis zum heutigen Tage im Besitz Ägyptens. Am 9. Januar 1960 beginnt der Bau des Assuan-Staudamms, fertiggestellt wird er am 21. Juli 1970. Gamal Abdel Nasser stirbt am 28. September 1970. Algerien erreicht seine Unabhängigkeit von Frankreich am 5. Juli 1962. Am 21. Juni 1966 entzieht das Gründungsmitglied Frankreich der NATO die Kontrolle über seine Truppen. Die beiden Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien sind heute mit Deutschland, einem kompromisslosen Unterstützer Israels und Verursacher zweier Weltkriege, erneut an einem Stellvertreterkrieg in Europa beteiligt. In den europäischen Bevölkerungen kocht abermals der Ärger einer verfehlten Politik hoch, in der Steuergeld statt Frieden nur noch Krieg unterstützt. Im Nahen Osten ist die Sueskrise Vorbote dessen, was der Apartheidsstaat Israel unter der Verteidigung seiner Sicherheit versteht und seither nicht nur im Gasastreifen, sondern auch im Westjordanland, dem Libanon, in Syrien und im Iran auf brutalste Weise praktiziert: die Zerstörung der Existenz aller anderen Staaten und Völker der Region.
David Andel











