Das Anglo-American Hospital in Kairo

Das Krankenhaus im Herzen der Stadt

Wer es nicht genau weiß, wird an jener Stelle kaum ein Krankenhaus vermuten. Inmitten eines der besten Viertel Kairos, in unmittelbarer Nähe des berühmten städtischen Wahrzeichens, dem Cairo Tower, und auch noch auf einer Insel befindlich, steht es immer noch und überstand sämtliche revolutions- und kriegsbedingten Wirren des Landes der Pharaonen: das Anglo-American Hospital.

Der 1903 errichtete Bau war kaum mehr als ein koloniales Projekt der britischen Besatzer jenes Landes, aus dem einst eine der bedeutendsten menschlichen Zivilisationen hervorging. Die imperialistische Armee der westeuropäischen Inselmonarchie hatte ihren ägyptischen Hauptsitz in der Kasr-Al-Nil-Kaserne in Kairo, auf deren Grundstück später nicht zufällig das schillernde ehemalige Nile Hilton errichtet wurde, das dann als Nile Ritz-Carlton seine glorreiche Wiedergeburt erleben sollte. Von besagter Kaserne und jenem an deren Stelle erbauten Luxushotel, das heute als das beste der Stadt gilt, ist das Anglo-American Hospital nur wenige Gehminuten entfernt, zumindest wenn man die Nilbrücke schnellen Schrittes überquert und sich weder von den einzigartigen Aussichten und Eindrücken noch von den zahlreichen Hemmnissen auf dem Weg, etwa dem heftigen Autoverkehr, ablenken lässt.

Das Einfahrtstor des Anglo-American Hospital
Das Einfahrtstor des Anglo-American Hospital

Geopolitisches Geschacher wie Ukraineposse und Iranwahn heute gab es schon damals. Die Briten wollten das korrupte Regime Ägyptens auf ihrer Seite behalten und gewährten dem verfressenen Königshaus von Abbas II. daher zahlreiche Freiheiten. Lord Evelyn Baring Cromer (*26. Februar 1841 in Norfolk, †29. Januar 1917 in London) war von 1883 bis 1907 Generalkonsul in Ägypten und eine Art Wächter über die zunehmend prekäre Finanzpolitik des nordafrikanischen Landes. Man hatte ihn 1877 zur vorgeblich internationalen, tatsächlich jedoch wesentlich britischen, Kontrolle der ägyptischen Finanz- und Wirtschaftspolitik nach Ägypten entsandt, da die verkommene ägyptische Monarchie systematisch über ihre Verhältnisse lebte.

Uneigennützig blieb dieser König nicht, denn er befand sich in chronischer Finanznot. Nicht allein wollte er auch mit der deutschen Orientbank seine Schulden unifizieren lassen, sondern er trug ihr über Direktor Said Ruete 1907 eine Hypothek auf sein Grundstück über 800.000 Sterlingpfund an. Das fanden die Deutsche Orientbank als auch Bernard von Bülow politisch bedenklich. Man nahm also davon Abstand. Immerhin zeigte sich der Khedive in seinem Gespräch mit Orientbankdirektor Said Ruete daran interessiert, ob sich die Bank an industriellen Unternehmungen in Ägypten und in der Türkei beteiligen wolle, etwa im Bergbau und bei der Elektrizität in Kleinasien. Wenig blieb einstmals den Rivalen verborgen, denn auch Lord Evelyn Baring Cromer wurde aktiv. Londons Generalkonsul habe dem Khediven versichert, dass „englisches Kapital“ für seine Privatzwecke in beliebiger Höhe und jederzeit verfügbar wäre und er sich dieserhalb mitnichten der Deutschen Orientbank zuzuwenden brauche.

„Gold, Bankiers und Diplomaten“ (2002), W. G. Schwanitz, Seite 166
Panoramabild des Anglo-American Hospital in Kairo
Panoramabild des Anglo-American Hospital in Kairo

Als das Krankenhaus entstand, hatten die Briten als selbstverstandene Wahrer der westlichen Zivilisation das Sagen im Land und wurden daher vom Großteil der Bevölkerung von ganzem Herzen verachtet, was die meisten der heutigen Besucher Ägyptens aus dem Vereinigten Königreich natürlich längst vergessen haben. Ägypten war der britischen Monarchie untergeordnet, der dortige König (Khedive) nur Vizekönig. Die bei weitem aufgeblasensten Monarchisten Europas herrschten gnadenlos und führten sich auch so auf, knüppelten in aller Öffentlichkeit auf wehrlose Ägypter ein, so sie nicht grüßten, besetzten die schönsten Grundstücke, wohnten in den luxuriösesten Villen und führten ein Leben ganz wie zu Hause mit Cricket und Polo, Tanzabenden und Fünf-Uhr-Tee. Wer sich heute wundert, dass die Ägypter es eher vorzogen, mit den herannahenden Truppen des Feldmarschalls Rommel zu kollabieren, als die stete Schmach der arroganten und mit dem korrupten ägyptischen Königshaus gemeinsame Sache machenden Briten zu ertragen, der muss sich nur in den ägyptischen Alltag vor der Revolution der freien Offiziere um Gamal Abdel Nasser vor Augen führen. Ägypter außerhalb des Königshauses und seiner Günstlinge hatten damals kaum einen Wert – es war eine elende, hoffnungslose Zeit.

Obwohl englischen und amerikanischen Patienten der Vorzug gegeben wird, gibt es keine Einschränkungen hinsichtlich der Aufnahme von Personen aus anderen Ländern. Das Krankenhaus soll sich selbst tragen; geplant ist, Menschen in unterschiedlichen Lebensumständen aufzunehmen. Zu diesem Zweck wurden die Stationen in Spezial-, Privat- und Allgemeinstationen unterteilt, und die Kosten variieren zwischen einer Guinee pro Woche und einer Guinee pro Tag. Es gibt jedoch eine Klausel in der Geschäftsordnung, wonach mittellose Patienten zu Sonderkonditionen aufgenommen werden können, wenn sie von den britischen oder amerikanischen Konsuln überwiesen werden. Außerdem wird derzeit eine Vereinbarung mit den Militärbehörden geprüft, durch die die Ehefrauen und Kinder englischer Soldaten, die in Kairo stationiert sind, aufgenommen werden können. Die Ziele, die das Krankenhaus verfolgt, sind daher sehr weitreichend und lassen uns daran zweifeln, ob es groß genug ist, um der Belastung standzuhalten, der es früher oder später sicherlich ausgesetzt sein wird.

Die offizielle Beschreibung des Anglo-American Hospitals vom 30. April 1904

Noch bevor Major Horace Pinching (*19. Mai 1857 in Gravesend, †28. März 1935 in Kairo) im Jahre 1902 die Leitung der Abteilung für öffentliche Gesundheit in Ägypten übernahm, entstand das Projekt eines Krankenhauses für die Behandlung vor allem der britischen Zivilbevölkerung in der Nilmetropole. Schon damals hatte es sich die britische Hautevolee in Kairo zum Ziel gesetzt, Spenden für ein entsprechendes Vorhaben zu sammeln, das südlich der Rennbahn des Khedivial Clubs, dem späteren Gesira Sporting Club, erbaut werden sollte. Die Beiträge zu den Baukosten wurden von britischen und US-amerikanischen Einwohnern Ägyptens geleistet, wobei Ernest Cassel jeden Beitrag und jede Spende mit einer Zuwendung in gleicher Höhe verdoppelte. Die Einrichtung stand unter der Schirmherrschaft des Königs und der Königin von England sowie des Präsidenten der Vereinigten Staaten, während Lord Evelyn Baring Cromer Vorsitzender des Gesamtvorstands und der Generalkonsul der Vereinigten Staaten dessen stellvertretender Vorsitzender war. Im Januar 1903 war das Budget zur Errichtung schließlich erreicht, aus entsprechendem Anlass fand im Grand Continental Hotel am Midan Ibrahim Pascha (Al Opera) eine große Feier statt.

Die Vorbereitungen für den Ball, die unter der persönlichen Aufsicht von Herrn George Nungovich (dem Hotelmanager) durchgeführt wurden, waren perfekt. Der gesamte rechte Flügel des Erdgeschosses des Hotels war den Tänzern zur Verfügung gestellt worden, und die beiden Räume, aus denen das Restaurant bestand, wurden zusammengefasst und bildeten einen äußerst geräumigen und hervorragenden Ballsaal, der, obwohl zeitweise wohl 150 Paare darin getanzt haben müssen, niemals überfüllt wirkte. Die Terrasse des Hotels war mit einem arabischen Zelt überdacht, mit weichen Teppichen ausgelegt und mit unzähligen Lichtern prächtig beleuchtet, was sie zu einem herrlichen Ort zum Verweilen im Freien machte. Der Ballsaal selbst war geschmackvoll dekoriert, wobei die Verflechtung der britischen und amerikanischen Flaggen ein besonderes und erfreuliches Merkmal der Dekoration darstellte. Die Kapelle der Rifle Brigade war zu diesem Anlass engagiert worden, und weder an der Musik noch am Tanzboden gab es etwas auszusetzen. Unter diesen Umständen muss wohl kaum erwähnt werden, dass der gestrige Ball die glanzvollste Veranstaltung dieser oder jeder vergangenen Saison war, und wir gehen davon aus, dass er, sollte er zu einer festen Institution werden, als Höhepunkt der Kairoer Saison gelten wird. Es wäre weitaus einfacher zu sagen, wer abwesend war, als wer anwesend war. Wir bedauerten die Abwesenheit von Lord Cromer, der, wie wir hörten, leicht unpässlich war. Er wurde jedoch würdig durch Lady Cromer vertreten. Es wurde mit größter Begeisterung getanzt, bis sich die Gesellschaft heute Morgen um zwei Uhr früh auflöste.

Die Egyptian Gazette über den Kairoer Ball des Jahres 1903

Das lediglich aus drei Flügeln bestehende Gebäude, dem eigentlichen Krankenhaus mit 22 Betten, der Küchen- und Wäschereiabteilung sowie der Anlage zur Stromversorgung und einer separaten Leichenhalle wurde auf Anraten von Natali Prosperi, dem italienischen Bauunternehmer des Krankenhauses, von Lady Cromer erst im Herbst 1903 eröffnet, da das Gebäude zuvor noch nicht vollständig getrocknet war. Etwa zur gleichen Zeit trafen bereits die ersten Patienten ein, da im Nildelta eine Malariaepidemie ausbrach, während aus Palästina und Sues ein grassierender Choleraausbruch gemeldet wurde.

Für den täglichen Aufenthalt wurden 100 Piaster berechnet, wobei es auch einen Sozialtarif von 15-30 Piaster gab. Den Spendern Hugh Houston Smiley und Leigh Hunt war es zu verdanken, dass es zudem zwei Betten für Mittellose gab, wobei in den ersten 50 Jahren des Bestehens bevorzugt britische und amerikanische Staatsangehörige behandelt wurden. Die Leitung des Hauses lag bei einem Exekutivrat, der aus einem 24-köpfigen Gesamtkomitee gewählt wurde. Die Gesandten Großbritanniens und der Vereinigten Staaten waren von Amts wegen Vorsitzender bzw. stellvertretender Vorsitzender. Der letzte britische Verwalter des Krankenhauses war der Schwager von Feldmarschall Montgomery und wohnte auf einem Hausboot auf dem Nil.

Nach der Sueskrise von 1956 wurde das Krankenhaus beschlagnahmt und stand der exklusiven Nutzung durch die ägyptische Luftwaffe zur Verfügung. Erst 1961 wurden eine neue Verwaltung einberufen und neue Satzungen eingeführt. „Leider rutschten die Bilanzen des Krankenhauses tief in die roten Zahlen, da die traditionellen Einnahmequellen über Nacht versiegten.“, so Dr. Halim K. Grace, langjähriger Leiter des Hauses. Einhergehend mit dem Verlust seiner Macht, hatte der Westen auch das Interesse am Anglo-American Hospital verloren. In den frühen Sechzigern wurde das Anglo-American Hospital teilweise als staatliches Verhörzentrum genutzt, was die Patienten in Angst und Schrecken versetzt und in der nahegelegenen Entbindungsstation vorzeitige Wehen ausgelöst haben soll.

Das ehemalige Krankenhaus für britisch-amerikanische Zivilisten trägt seinen kolonialen Namen nur noch zum Schein. Zwei Weltkriege und eine ägyptische Revolution später hat es sich längst demokratisiert und gleichzeitig seinen Ruf als bestes Spital der Stadt weitgehend eingebüßt. „Jetzt ist es billig und ein Wohltätigkeitsprodukt, vorher war es billig und hervorragend. Und jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, ob es noch hervorragend ist.“, so ein Patient. Heute besitzt das Haus zwar nichts mehr von seinem mondänen Ruf vergangener Tage, dennoch weiß es immer noch einen schwer definierbaren Charme vorzuweisen. Vor allem von außen wirkt es mit seinen gepflegten Gärten wie ein Refugium aus der Zeit eines Abenteuerfilms mit Humphrey Bogart, von innen hingegen wünschte sich der Patient eine eher gründliche Überarbeitung, zu sehr wirkt der Bau mittlerweile müde und abgenutzt. Das Anglo-American Hospital hat seine Tage als das beste Krankenhaus der Stadt leider eindeutig hinter sich, was nicht heißt, dass in seinen Mauern keine talentierten Ärzte oder einfühlsamen Krankenschwestern und Pfleger arbeiten. Nein, es hat einfach den Zug in die Moderne verpasst und muss nun wie viele andere Gebäude der Stadt auch mit ansehen, wie sich das Interesse Ägyptens in die zahlreichen neuen Trabantenstädte verlagert.

Zurück zum Ursprung: der Verfasser dieser Zeilen vor seiner Geburtsstätte
Zurück zum Ursprung: der Verfasser dieser Zeilen vor seiner Geburtsstätte

Noch immer schmücken zwei Tafeln den Eingangsbereich des Spitals: ein Porträt des italienischen Bankiers Umberto (Humbert) Ebano, der zusammen mit dem Franzosen Alfred Vulliet-Durand in Ägypten am 29. Mai 1905 die Bank von Abessinien gründete und dessen Familie dem Anglo-American Hospital 1923 die stolze Summe von £4.000 hinterließ sowie ein Porträt des langjährigen Leiters des Hauses, dem Chirurgen Dr. Halim K. Grace, dessen 1951 geborener Sohn dort später ebenfalls als Chirurg tätig war. Der Verfasser dieser Zeilen lässt keinen Aufenthalt in der Stadt aus, um nicht zumindest während eines Spaziergangs am Ort seiner Geburt vorbeizuschauen. Damals erblickte er das Licht der Welt als einziger Junge auf der Entbindungsstation, die beiden Mädchen ein Zimmer weiter waren Töchter der Liaison eines Sternreporters und einer ägyptischen Prinzessin des längst nicht mehr existierenden ägyptischen Königreichs. Seither ist viel Wasser den Nil heruntergeflossen und das postkoloniale Kairo jener Tage unendlich weit entfernt. Welches Schicksal mag wohl das kleine, müde, aber immer noch hilfsbereite Haus eines Tages erwarten?

David Andel