Port Said am Sueskanal

Die Disposition

Abdel Nasser war, noch nach dem von ihm unternommenen Staatsstreich, scheinbar ein völlig unbekannter Mann. In den Berichten ĂŒber den Sturz König Faruks fehlte sogar sein Name. Zum erstenmal genannt wurde er erst einen Monat nach dem Umsturz. Damals hieß es, man fĂ€nde ihn immer an der Seite General Nagibs. Anscheinend wußte niemand etwas ĂŒber seine Vergangenheit und ĂŒber seine politischen Ziele. Unklar war sogar sein Geburtsort. Stammte er, wie die Propaganda bald darauf vorgab, aus dem oberĂ€gyptischen Fellachendorf Beni Mor (»Söhne der Bitteren«) oder, was die Wahrheit war, aus Alexandria? Der »große Unbekannte« wurde ein knappes Jahr darauf Regierungsmitglied, und wiederum ein Jahr spĂ€ter war er unumschrĂ€nkter Diktator.

So rĂ€tselhaft es fĂŒr die Weltöffentlichkeit sein mochte, so wenig konnte man sich in zwei an seiner Zukunft interessierten HauptstĂ€dten – London und Moskau – ĂŒber ihn im unklaren sein. Doch das stellte sich leider viel zu spĂ€t heraus.

Obwohl die Vereinigten Staaten, wie auch die Sowjetunion, zu den Geburtshelfern des Staates Israel gehört und dadurch die inneren GegensĂ€tze der nahöstlichen Staatenwelt und ihr VerhĂ€ltnis zu den großen Machtblöcken zu komplizieren geholfen hatten, war dieses Gebiet auf der politischen Erdkarte des Washingtoner State Departments noch in den beginnenden fĂŒnfziger Jahren so etwas wie ein weißer Fleck. FĂŒr es gab es keine einheitlichen politischen Richtlinien. Die Regierung betrachtete es offiziell noch immer als britische EinflußsphĂ€re. Doch hinter den Kulissen tobten die RichtungskĂ€mpfe. Die Diplomatie war gespalten in »Araber« und »Juden«. Die einen sahen in der Israel zuteilgewordenen UnterstĂŒtzung einen Fehler und sympathisierten mit den arabischen Revisionsforderungen; die anderen betrachteten den jĂŒdischen Staat als einzigen verlĂ€ĂŸlichen regionalen Bundesgenossen der USA.

Die HÀnde, die den Kanal gruben sind dieselben HÀnde, die die GrÀber der Besatzer des Kanals ausheben werden.

Der ehemalige Arbeits- und Kriegsminister sowie VizeprĂ€sident Ägyptens Hussein esch-Schafei (1918-2005)

Der amerikanische Geheimdienst CIA zog daraus eigene SchlĂŒsse. Er sah schon frĂŒh voraus, wie rasch die britische Weltmacht zusammenbrechen wĂŒrde und trachtete danach, rechtzeitig Auffangpositionen zu errichten. Nirgendwo ging sie systematischer und weitsichtiger vor als im Nahen Osten. DafĂŒr besaß sie nicht nur die richtige Konzeption, sondern auch die geeigneten Leute. Einer von ihnen war ihr Agent Kermit Roosevelt, der bezeichnenderweise spĂ€ter VizeprĂ€sident der ĂŒber große regionale Wirtschaftsinteressen verfĂŒgenden Erdölgesellschaft »Gulf Oil« wurde.

Roosevelt ĂŒberzeugte sich spĂ€testens nach dem »Schwarzen Samstag«, im Januar 1952, von der Haltlosigkeit der Ă€gyptische Monarchie und der mit ihr verbundenen Wafd-Partei. Er intensivierte, im direkten Auftrag des spĂ€teren CIA-Chefs Allen Dulles, die schon vorher geknĂŒpften Kontakte zu den innerpolitischen Untergrundgruppen des Nillandes.

Der Wafd (»Delegation«) hatte sich durch die von ihm begĂŒnstigte Mißwirtschaft kompromittiert. Die Ichwan (»Bruderschaft«) schied aus wegen ihrer religiösen Intoleranz, die Kommunisten, die im ĂŒbrigen zu unbedeutend und untereinander zerstritten waren, wegen ihrer sozialrevolutionĂ€ren Ziele.

Es gab keine wirkliche demokratische bĂŒrgerliche Opposition; also blieb nur die Armee. HauptsĂ€chlich in ihr kristallisierte sich spĂ€testens seit 1948 der Widerstand gegen die Korruption des Hofes. Die angeblich nur durch diese verursachte militĂ€risch Niederlage im ersten PalĂ€stina-Feldzug fĂŒhrte viele bis dahin zögernde und nun enttĂ€uschte Soldaten zu den »freien Offizieren«.

Gamal Abdel Nasser, deren GrĂŒnder und unumstrittener WortfĂŒhrer, besaß legendĂ€ren Kriegsruhm. 1948 behauptete er, als einziger Ă€gyptischer TruppenfĂŒhrer, eine von ihm befehligte Festung gegen den israelischen Ansturm. Er verließ sie nach dem Waffenstillstand, ohne kapituliert zu haben. Seine Kameraden nannten ihn seitdem »Tiger von Faludscha«.

Nasser trĂ€umte zwar von der Revolution, die alles verĂ€ndern sollte, erwies sich aber als Zauderer. Selbst bei den damals gang und gĂ€ben Terroraktionen gegen die in der Suezkanalzone stationierten auslĂ€ndischen Garnisonen zeigte er kaum Entschlußkraft und wenig Mut. Ein MitkĂ€mpfer berichtete spĂ€ter, gewöhnlich habe er es anderen ĂŒberlassen, die ÜberfĂ€lle durchzufĂŒhren, und sei spurlos verschwunden, bis sie herum gewesen seien. So versĂ€umte er mehrere sichere Putschchancen, zuletzt am »Schwarzen Samstag«, an dem es nur noch einer Handbewegung bedurft hĂ€tte, Faruks Thron umzustĂŒrzen.

Die »freien Offiziere« waren – fĂŒr die CIA – trotzdem die einzige akzeptable Oppositionsgruppe, und paradoxerweise ĂŒberzeugte gerade der »Schwarze Samstag« deren Agenten, daß etwas geschehen mĂŒsse. Der Nildiktator bestritt bis zu seinem Tod jeden Kontakt mit dem amerikanischen Geheimdienst, Kermit Roosevelt muß aber wohl als glaubwĂŒrdiger gelten. Letzterer beansprucht sogar die Urheberschaft fĂŒr die jahrelang aufrecht erhaltene amtliche Ă€gyptische Behauptung, die ersten Waffen aus dem Ostblock seien, 1955, von der CSSR geliefert worden, nicht von der Sowjetunion!

Der CIA-Agent behauptete spĂ€ter, sein Favorit fĂŒr die Nachfolge Faruks sei General Mohammed Nagib gewesen, und nicht der ihm erst spĂ€ter aufgefallene Gamal Abdel Nasser. Wenig glaubhaft ist jedoch, daß der mit den potentiellen Oppositionellen genau vertraute Amerikaner nicht gewußt haben will, wer der fĂŒhrende Kopf der »freien Offiziere« gewesen ist.

Abdel Nasser und Roosevelt kannten sich mindestens seit Anfang 1952. Schwerwiegendes Hindernis war das Fehlen eines bekannten und ĂŒber Beziehungen zu anderen Widerstandsgruppen verfĂŒgenden Mannes. Die CIA konnte ihn liefern. Wahrscheinlich ist, daß sie ihren SchĂŒtzling auf den General Nagib aufmerksam machte, der diesem seit dem PalĂ€stina-Feldzug persönlich bekannt war.

Der General war beliebt in der Armee, bekannt in der Bevölkerung, hatte Verbindungen zur Ichwan, und – was wichtig war fĂŒr die CIA – galt als Demokrat und verlĂ€ĂŸlicher Freund des Westens. Ihn erkor man also gemeinsam zum vorgeblichen AnfĂŒhrer des beabsichtigten Staatsstreiches. Dessen Planung ĂŒbernahmen offenbar bis ins einzelne die amerikanischen Agenten. Darauf deuteten zwei UmstĂ€nde.

Abdel Nasser fuhr, nachdem er am Abend des 22. Juli von dem Verkehrspolizisten aufgehalten worden war, zu General Nagib und unterrichtete ihn im Beisein des zufĂ€llig anwesenden Journalisten Mohammed Hassanein Heikal von dem bevorstehenden Putsch. Niemand erfuhr, wo er sich in den darauffolgenden kritischen Stunden aufhielt. Niemand weiß es bis heute. Einer seiner engsten Vertrauten, der spĂ€tere Parlamentssprecher Anwar es-Sadat, gab in seinem »Geheimtagebuch der Ă€gyptischen Revolution« zu, daß er am selben Abend seelenruhig im Kino saß. Als er sich nachts in die lĂ€ngst begonnene Aktion einschalten wollte, kannte er nicht einmal das Losungswort. Der Umsturz hatte offensichtlich andere – geheime – Regisseure. Sie hatten das Startzeichen gegeben, und sie blieben gegenwĂ€rtig auch in jeder weiteren Phase.

Die »freien Offiziere« hatten beschlossen, falls ihr Staatsstreich gelinge, rund dreißig politische und militĂ€rische Exponenten des alten Regimes, einschließlich des Königs, hinzurichten. Abdel Nasser mußte sie davon abbringen, vermutlich auf Weisung det CIA. Ihr zufolge und auf Rat des USA-Botschafters Jefferson Cafferey gelangte Faruk ins Exil. Die CIA hatte einen ihrer grĂ¶ĂŸten Erfolge, und sie war sich auch keineswegs unklar ĂŒber die kĂŒnftige Entwicklung.

Die Weltöffentlichkeit sah in PrĂ€sident Nagib den neuen »starken Mann«, doch die amerikanischen HintermĂ€nner des Putsches kannten das ihm zugedachte Schicksal. Zwei Jahre darauf trat ihr wirklicher Favorit aus den Kulissen: Gamal Abdel Nasser. FĂŒr die CIA war er eine bloße Marionette, und seine FĂ€den hielt ein Mann namens Miles Copeland. Roosevelt machte ihn zum engsten Berater des neuen Diktators, und er erhielt ein BĂŒro direkt neben dem Abdel Nassers im Hauptquartier des »RevolutionĂ€ren Kommandos« auf der Nilinsel Gezira.

Dieser Umstand blieb beinahe fĂŒnfzehn Jahre eines der bestgehĂŒteten Geheimnisse der Ă€gyptischen Politik und der CIA, und erst in der Sendung »24 Hours« der britischen BBC wĂ€hrend des Sechs-Tage-Krieges im Juni 1967 nannte man Copeland öffentlich »einen frĂŒheren amerikanischen Diplomaten im Nahen Osten und engeren Vertrauten PrĂ€sident Abdel Nassers«. Copeland tĂ€uschte sich nie ĂŒber seinen SchĂŒtzling. In einem Bericht ĂŒber ihn schrieb er damals nach Washington: »Seine Fehler sind Eitelkeit, Starrköpfigkeit, Mißtrauen und Machtgier. Seine StĂ€rke ist ein absolutes Selbstvertrauen, ungewöhnliche Spannkraft, Mut, Beherrschtheit und Bereitschaft, auch ein gefĂ€hrliches Risiko einzugehen, große taktische Geschicklichkeit und hartnĂ€ckiges Festhalten an einmal gefaßten PlĂ€nen. Jede Art von Verschwörung macht ihm geradezu kindisches VergnĂŒgen. Neigt dazu, sich selbst zu bemitleiden. Ist einerseits ein geduldiger und umsichtiger Organisator, kann aber auch den Kopf verlieren«. Es gibt kein kĂŒrzeres und gleichzeitig treffenderes PortrĂ€t Abdel Nassers.

Copeland wurde, wenigstens in seinen eigenen Augen, dennoch zum Versager. Der noch unerfahrene Diktator hörte lange auf ihn, entzog sich aber dann doch unerwartet plötzlich seinem Einfluß. Schuld daran waren zwei Probleme, die Ă€gyptische Rolle in der »dritten Welt« und der arabisch-israelische Konflikt. Im FrĂŒhjahr 1955 flog Abdel Nasser zur ersten blockfreien Gipfelkonferenz nach Bandung. Es war die Zeit, in der die farbigen Völker sich auf gewaltige weltpolitische KrĂ€ftereserven stĂŒtzen zu können glaubten, und der Gestalter der scheinbar beispielgebenden Ă€gyptischen Neuordnung erlebte unter ihnen unerwartete Ovationen. Jugoslawiens PrĂ€sident Josip Broz-Tito fand Gefallen an dem leichtbeeinflußbaren jungen Mann und ĂŒberzeugte ihn davon, seine große Chance lĂ€ge in der NeutralitĂ€t von West und Ost. Mit gestĂ€rktem Selbstbewußtsein und als anerkannter panarabischer FĂŒhrer kam er zurĂŒck nach Kairo.

Die arabische FĂŒhrerrolle mußte er aber erst noch, wie er klar erkannte, gegen die widerstreitenden Interessen der Nachbarstaaten durchsetzen. Einziges Mittel dazu war die Lösung des PalĂ€stina-Problems. Dazu brauchte er Waffen. Copeland und die »Araber« im State Department empfahlen amerikanische Hilfe. PrĂ€sident Eisenhower lehnte ab und gab damit unwillentlich das Signal zur Schaukelpolitik Abdel Nassers. Dieser wandte sich, mit Erfolg, an die Sowjetunion. Die CIA gab sich allerdings noch nicht geschlagen. Sie nĂ€hrte in Washington weiterhin die Fiktion, der Nildiktator sei ein Freund des Westens. Kermit Roosevelt enthĂŒllte spĂ€ter, in einem Interview mit der britischen Zeitung »Sunday Telegraph«, wie die westliche Öffentlichkeit ĂŒber die Herkunft der ersten sowjetischen Waffen getĂ€uscht worden sei:

»Nein, ein GeschĂ€ft mit den Tschechen war das nie. Das habe ich selbst erfunden. Sehen Sie, eines Morgens saß ich in Abdel Nassers BĂŒro. Eine Ordonnanz kam und sagte, Sir Humphrey Trevelyan, der britische Botschafter und nachmalige Hochkommisar in Aden, stehe unten und wolle den PrĂ€sidenten sprechen. Abdel Nasser fragte mich, was Sir Humphrey meiner Ansicht nach wohl wolle. Ich sagte, es handle sich gewiß um die inzwischen aufgekommenen GerĂŒchte im Zusammenhang mit dem â€șRussengeschĂ€ftâ€č. â€șWas soll ich ihm sagen?â€č fragte mich der PrĂ€sident. â€șAch, sagen Sie ihm, es habe sich um ein GeschĂ€ft mit den Tschechen und nicht mit den Russen gehandeltâ€č. Tschechen schien mir nicht so schlimm zu klingen.«

Die CIA stand vor den TrĂŒmmern ihrer raffiniert eingefĂ€delten Politik, als USA-Außenminister John Foster Dulles, wieder entgegen ihrem Rat, den geplanten Assuanstaudamm nicht finanzieren wollte. Das war die logische Konsequenz der antiwestlichen Haltung Abdel Nassers, welche die CIA so lange nicht hatte wahrhaben wollen.

Roosevelt und Copeland blieben noch jahrelang dabei, zu glauben, die USA hĂ€tten Abdel Nasser getĂ€uscht und nicht Abdel Nasser die USA. Ihr SchĂŒtzling blieb fĂŒr sie ein Antikommunist, den erst die westliche Politik ins kommunistische Lager getrieben hatte. Sie glaubten seine Behauptung: »Die Kommunisten versuchten, mich zum Eintritt in ihre Partei zu bewegen; doch ich lehnte ab und erklĂ€rte, ich könne keine Befehle aus dem Unbekannten entgegennehmen!«

Erst 1965 enthĂŒllte der pensionierte britische SIS-Major A. W. Sansom, Abdel Nasser sei, in den dreißiger Jahren, eingeschriebenes Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen: »Seine Mitgliedskarte trug die Nummer 117 und sein Deckname war â€șMauriceâ€č«.

Der CIA war das verborgen geblieben, was nur bewies, wie oberflĂ€chlich sie sich ĂŒber das Vorleben ihres SchĂŒtzlings informiert hatte.

Moskau aber konnte das nicht unbekannt geblieben sein, und man mußte dort schon seit dem Staatsstreich wissen, woran man mit dem Ă€gyptischen Diktator war. Auf diesem Hintergrund gewannen sowohl die Politik Abdel Nassers als auch die sowjetische Haltung gegenĂŒber Ägypten eine beĂ€ngstigende Folgerichtigkeit, und ihre Einzelheiten fĂŒgen sich so nahtlos zusammen wie bei einem Puzzlespiel.

Miles Copeland verwand nie, daß er unwissentlich zum Handlanger einer großangelegten kommunistischen Verschwörung geworden war. SpĂ€ter saß er manchmal trĂŒbselig an der Bar des Beiruter Hotels Saint-Georges, unfĂ€hig, sich von der Gegend zu trennen, die ihm zum Schicksal wurde, lebendiger Zeuge seines eigenen Versagens. Wie wenig er trotz aller bitteren Erfahrungen zu begreifen imstande war, was im Nahen Osten vorging, bewies noch einmal in einer BBC-Sendung nach dem Sechs-TageKrieg. Noch wĂ€hrend er behauptete, der gespielte RĂŒcktritt Abdel Nassers habe ihn nicht ĂŒberrascht, reichte man ihm einen Zettel. Auf ihm stand, daß der RĂŒcktritt widerrufen worden sei! Nasser hatte viele Feinde, nicht nur den israelischen Mossad. Geheimdienste in Ost und in West sahen den Ägypter lieber tot als lebend. Sie alle unterwanderten die Moslembruderschaft, die ĂŒber eine Terrorgruppe verfĂŒgte, die sich »Djulla« nannte und der in ihrer BlĂŒtezeit um 1952 etwa 5 000 MĂ€nner angehört haben sollen. Dieser Gruppe sind wohl die meisten AnschlĂ€ge zuzuschreiben, die auf öffentliches Eigentum und das Leben fĂŒhrender Persönlichkeiten des Regimes unternommen wurden. Aus spĂ€rlichen amtlichen Verlautbarungen, vertraulichen Mitteilungen von Ägyptern im In- und Ausland, Berichten arabischer Diplomaten und Zeitungen und Nachrichten, die der gewöhnlich gut unterrichtete israelische Geheimdienst Mossad an die Öffentlichkeit gelangen ließ, ergibt sich eine lange Liste staatsfeindlicher Maßnahmen, die auf einen Sturz Gamal Abdel Nassers hinzielten. Innerhalb weniger Monate spielten sich folgende Aktionen ab: Am 26. Juli 1964, dem 12. Jahrestag der Emigration König Faruks, wollte der Rais im Alexandriner Offiziersclub zu alten Kameraden sprechen. Die Rede fiel aus, der PrĂ€sident ließ sein Flugzeug auf halber Strecke wenden und kehrte zurĂŒck nach Kairo. Sicherheitsbeamte sollen im letzten Augenblick bei einer Routinekontrolle eine ZeitzĂŒnderbombe entdeckt haben. Wenig spĂ€ter sickerte durch, ein Admiral und 20 Offiziere seien verhaftet und hingerichtet worden.

Im November 1964 hielt der PrÀsident die Eröffnungsrede im Parlament. Der Redebeginn verzögerte sich, weil man angeblich eine Sprengladung im Plenarsaal entdeckt hatte.

In der Nacht zum 29. Juni 1965 beschossen Terroristen die Ferienvilla des PrĂ€sidenten in Alexandria. Der Schußwechsel war meilenweit zu hören, und am nĂ€chsten Tag konnten sich die Passanten von den Ausbesserungsarbeiten ĂŒberzeugen.

Am 16. Juli 1965 planten oppositionelle Offiziere, die Ferienvilla zu bombardieren, den PrĂ€sidenten zu töten und die Macht an sich zu reißen.

Am 23. Juli 1965 sollte der PrÀsident wÀhrend der alljÀhrlichen Revolutionsparade auf der Nil-Corniche mit Pistolen und Handgranaten getötet werden. Eine Woche vorher wurde die AttentÀtergruppe verhaftet, die polizeilicher Verlautbarung zufolge hauptsÀchlich aus Mitgliedern einer einzigen Familie bestand!

Am 26. Juli 1965 sollte der Sonderzug des PrĂ€sidenten zwischen Kairo und Alexandria in die Luft gesprengt werden. Zwei Tage zuvor wurde das Sprengkommando gefaßt, und die Strecke wurde durch den Einsatz eines Vorzuges abgesichert.

Am gleichen Tag sprach der PrĂ€sident in Alexandria, zum Erstaunen seiner Zuhörer, statt der angekĂŒndigten zwei Stunden nur gute zehn Minuten. Wenige Augenblicke vor seinem Eintreffen hatten Geheimpolizisten einen Sprengstoffanschlag auf die RednertribĂŒne aufgedeckt. Beide Attentatsversuche sickerten wenig spĂ€ter aus amtlichen Quellen durch.

Am 21. August 1965 entging der PrÀsident offenbar nur durch eine kurzfristige ProgrammÀnderung einem weiteren Anschlag. Zwischen Alexandria und Kairo sollte erneut versucht werden, seinen Sonderzug in die Luft zu sprengen. Einer der TÀter konnte verhaftet werden.

Die Polizei behauptete, der frĂŒhere Oberst und Leibwachenangehörige Ismail el-Fayumi, der aus dem GefĂ€ngnis entfliehen konnte, habe geplant, den PrĂ€sidenten bei dessen RĂŒckkehr von seinen GesprĂ€chen mit König Feisal von Saudi-Arabien zu erschießen. Ismail war ein ScharfschĂŒtze, und er soll die geplante Tut wĂ€hrend seiner ersten Vernehmung gestanden haben.

Am 24. August 1965 kam es beim BegrĂ€bnis des im Alter von 89 Jahren verstorbenen ehemaligen Wafd-FĂŒhrers und mehrfachen königlichen MinisterprĂ€sidenten Mustafa en-Nahas zu einer Straßenschlacht zwischen den TrauergĂ€sten und Polizisten. Als die sterblichen Überreste des Staatsmannes im Leichenwagen in den Heimatort Samanud gebracht werden sollten, bemĂ€chtigte sich eine aufgebrachte Menge des Sarges. Die offenbar gesteuerte Demonstration zog mit ihm zur El-Hussein-Moschee, wo eine Trauerfeier abgehalten wurde, an der sich nach Augenzeugenberichten etwa 30 000 Menschen beteiligten. Erst als die Demonstranten den Sarg an der Seite des Wafd-GrĂŒnders Saad Zaghlul beisetzen wollten, konnten Polizisten ihn wieder an sich bringen und abtransportieren. Nahas Pascha hatte völlig zurĂŒckgezogen in seiner Villa in Heliopolis gelebt und war systematisch totgeschwiegen worden. Sogar auslĂ€ndische Experten waren zuweilen in Zweifel, ob er noch lebe. Die AnhĂ€nglichkeitskundgebung fĂŒr ihn muß auch fĂŒr das Regime eine böse Überraschung gewesen sein.

Das Nasser-Regime versuchte spĂ€ter, außenpolitischen Ballast abzuwerfen und sich innerpolitisch zu festigen. Die außenpolitische Beruhigung wurde durch ein ZurĂŒckweichen an allen Fronten erkauft. In Dschidda kam dann endlich ein saudi-Ă€gyptischer Waffenstillstand fĂŒr den Jemen zustande. In Casablanca drang vor allem Ägypten auf das Zustandekommen eines »arabischen SolidaritĂ€tspaktes«, der unter anderem die Einstellung der gegenseitigen regierungsfeindlichen Propaganda vorsah. Im Inneren wurde die Exekutivgewalt dem Polizeifachmann und ĂŒberzeugten NasseranhĂ€nger Zakaria Mohieddin anvertraut. Eine Massenverhaftungswelle großen Ausmaßes war die Folge, und plötzlich waren jahrelange Bekannte, die man nie mit der Opposition in Verbindung gebracht hĂ€tte, verschwunden.

Der Sechs-Tage-Krieg brachte einen Wendepunkt im Ă€gyptisch-sowjetischen VerhĂ€ltnis. Das war bis dahin, trotz zunehmender Moskauer MilitĂ€r-, Wirtschafts- und Finanzhilfe, erstaunlich kĂŒhl geblieben. Die Bevölkerung mißtraute instinktiv den Russen. Notgedrungen nahm man die Sowjethilfe an, verbat sich aber jede innenpolitische Einmischung. Die Kommunisten blieben im Untergrund, und man entwickelte einen hausgemachten und sowjetischerseits belĂ€chelten »arabischen Sozialismus«. Außer den am Assuanstaudamm und im Heluanstahlwerk BeschĂ€ftigten und den rund zweihundert Botschaftsbeamten duldete man keine Sowjet-Experten.

Der Ausgang des Sechs-Tage-Krieges vergrĂ¶ĂŸerte noch das Mißtrauen. Die Russen hatten tatenlos zugesehen, wie die Araber geschlagen wurden. Nun bezahlten sie dafĂŒr mit einem unabschĂ€tzbar scheinenden Prestigeverlust. Der RĂŒcktritt Abdel Nassers am 9. Juni 1967 und die Nachfolge seines als prowestlich geltenden frĂŒheren Polizei- und Geheimdienstministers signalisierten scheinbar – allerdings nur fĂŒr ein paar Stunden – einen außenpolitischen Kurswechsel Ägyptens.

Der Nildiktator blieb jedoch an der Macht, und der Kreml stÀrkte ihn sofort durch nahezu unbeschrÀnkte Waffenhilfe.

Diesmal lieferte er nicht mehr nur die veralteten RestbestĂ€nde seiner Produktion aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern seine modernsten OffensivgerĂ€te. Ägypten erhielt 36-Tonnen-Panzer T-54, Nachtkampfpanzer T-55 mit 100-Millimeter-Kanone, Infraroteinrichtung und Atomschutz, von Kettenfahrzeugen geschleppte Mörser, Panzerabwehrgeschosse und Infanterieradar fĂŒr das Heer, AllwetterjĂ€ger MIG-21 und Suchoi Su-7, Bodenraketen Luna-3 mit 90-Kilometer-Reichweite, Fla-Lenkwaffen M-2 und Raketenwerfer fĂŒr die Luftwaffe, dazu die mit Styx-Raketen bestĂŒckten Raketenboote Komar und Osa fĂŒr die Marine.

Binnen weniger Monate erreichte das Ă€gyptische Waffenpotential wieder ĂŒber achtzig Prozent der VorkriegsstĂ€rke. VerknĂŒpft damit waren jedoch zum erstenmal klare Bedingungen. Moskau wollte weder die arabischerseits erhoffte vierte (Revanche-) Schlacht, noch, falls sie doch ausbrĂ€che, erneute Waffenverluste im 2,2-Milliarden-Wert. Deshalb bestand es auf der Entsendung von Instrukteuren. Sie sollten eigenmĂ€chtige Ă€gyptische MilitĂ€rabenteuer verhindern, die Kampfkraft der Ă€gyptischen Soldaten stĂ€rken und die innerpolitische Entwicklung des Nilstaates so unwiderruflich ins kommunistische Fahrwasser lenken, daß auch ein Sturz des nasseristischen Regimes keinen außenpolitischen Kurswechsel mehr herbeifĂŒhren könnte. GeheimdienstzĂ€hlungen ergaben, Ende 1968, daß genau 3 250 Instrukteure in Ägypten arbeiteten. Sie begnĂŒgten sich allerdings nicht mit der Reorganisation der Armee; vielmehr beschĂ€ftigten sie sich auch mit den Geheimdiensten.

Diese Staatsschutzorgane waren durch das allmĂ€hliche Verschwinden ihrer »braunen« FĂŒhrungsclique und die auf den verlorenen Juni-Krieg 1967 folgende SĂ€uberung von der Spitze bis zur Basis in heillosem Durcheinander. Nun pfropfte man ihnen auf das englische und das deutsche auch noch ein sowjetisches Organisationsschema.

Der Ă€gyptische Geheimdienst ist in drei Hauptzweige gegliedert. Der Mochabarat (»Nachrichtendienst«) ist der wichtigste und untersteht direkt dem PrĂ€sidenten. Er befaßt sich sowohl mit der politischen, militĂ€rischen und wirtschaftlichen Nachrichtensammlung und -auswertung als auch mit Spionageabwehr und Gegenspionage. Seine Macht ist innenpolitisch praktisch unbeschrĂ€nkt.

Dieser Zweig entdeckte die Lavongruppe wie den Amateurspion HĂŒttenmeister und das Ehepaar Lotz. Im kritischen zwölften Jahr der nasseristischen Herrschaft, zwischen Juli 1964 und September 1965, verhinderte er fast ein Dutzend Attentate auf den Diktator. Er entlarvte rechtzeitig jede Widerstandsgruppe und durchsetzte alle Geheimorganisationen nasserfeindlicher AuslandsĂ€gypter mit Spitzeln. Im arabischen Ausland obliegt ihm neben Propagandaverbreitung und Nachrichtenbeschaffung auch die subversive Vorbereitung politischer Aktionen.

Emblem des Àgyptischen Geheimdienstes Mochabarat
Emblem des Àgyptischen Geheimdienstes Mochabarat

Mochabarat-Agenten schĂŒrten erst die Damaszener Wirren, die der GrĂŒndung der »Vereinigten Arabischen Republik« zwischen Ägypten und Syrien vorausgingen (1958); dann ĂŒberzeugten sie, zusammen mit dem syrischen Geheimdienstchef Abdel Hamid Sarradsch, den PrĂ€sidenten Schukri el-Kuwatli so sehr von einer gar nicht existierenden kommunistischen Umsturzgefahr, daß dieser völlig kopflos in Kairo eine sofortige Union anbot.

Mochabarat-Agenten, keineswegs der spĂ€tere Feldmarschall und PrĂ€sident Abdullah es-Sallal, inszenierten die jemenitische Revolution (1962) und waren schuld an dem jahrelangen BĂŒrgerkrieg; Abdel Wachad, der damalige Ă€gyptische GeschĂ€ftstrĂ€ger in Sana’a, zwang den von ihm bezahlten jemenitischen Mulasim Aual (»Leutnant«) el-Mughni loszuschlagen, indem er die Verschwörung an den Imam Mohammed el-Badr verriet. Dieser konnte sie zwar nicht mehr verhindern, aber er war gewarnt, und ihm gelang deshalb in der Putschnacht die Flucht.

Mochabarat-Agenten hatten so ziemlich bei allen regierungsfeindlichen Aktionen in den arabischen und vielen afrikanischen LÀndern die HÀnde im Spiel. Ende 1960 verlor die gesamte Kairoer Vertretung in der Kongohauptstadt Kinshasa »wegen Einmischung in die inneren Angelegenheiten« ihren diplomatischen Status. Ende 1962 passierte dasselbe mit der Kulturabteilung der Àgyptischen Botschaft in Ghana, Anfang 1963 mit derjenigen in Guinea. Manche mit DiplomatenpÀssen versehene Mochabarat-Agenten sammelten Ausweisungsbefehle wie andere Leute UniversitÀtsdiplome. Ali-Abu el-Fadi Chaschaba beispielsweise wurde unter anderem in Saudi-Arabien (1957) und im Sudan (1958), Anuar Farid es-Said gleichfalls im Sudan (1958) und in Liberia (1961), der Botschafter Ibrahim Abdel Fattach Chalifa wiederum im Sudan (1960) »persona non grata«.

HĂ€ufig blieb es nicht bei subversiven Aktionen, sondern die Agenten erhielten auch direkte Mordbefehle.

Mocharabat-Agenten ermordeten den irakischen König Feisal und seinen MinisterprÀsidenten Nuri es-Said (1958); Mochabarat-Agenten liquidierten den jordanischen MinisterprÀsidenten Hassan Madschali (1960); Mochabarat-Agenten unternahmen zehn fehlgeschlagene MordanschlÀge auf Malik (»König») Hussein von Jordanien, sechs gegen PrÀsident Habib Bourguiba von Tunesien und mindestens einen gegen König Idris I. es-Senussi von Libyen; Mochabarat-Agenten erschossen den anti-nasseristisch gesinnten Beiruter Zeitungsverleger Kamel Murruwe (1966).

Geringere »Erfolge« hatten sie jedoch in Israel und in der ĂŒbrigen Welt. Bezeichnend dafĂŒr war die versuchte EntfĂŒhrung eines israelischen StaatsbĂŒrgers, der fĂŒr Ägypten gearbeitet hatte und sich dann absetzen wollte, als »DiplomatengepĂ€ck« in einem Schrankkoffer von Rom nach Kairo. Sie scheiterte an der Wachsamkeit des Mossad.

Dieser Ă€gyptische Geheimdienstzweig – er war lange der Mitarbeiterzahl nach einer der grĂ¶ĂŸten und stand nach der amerikanischen CIA, dem sowjetischen KGB, dem britischen SIS und dem französischen SDECE an fĂŒnfter Stelle – unterhielt ein engmaschiges StĂŒtzpunktnetz auch in Europa. Seine Agenten waren und sind vielfach Botschaftspersonal und genießen diplomatischen Schutz. Sie waren aber auch getarnt als Lehrer oder Angestellte der staatlichen Export-Importgesellschaft El-Nasr (»Der Sieg«) in den arabischen LĂ€ndern sowie der Fluggesellschaft United Arab Airlines (UAA) und der amtlichen Middle East News Agency (MEN) in der ĂŒbrigen Welt. Noch Mitte der Sechzigerjahre unterhielt MEN ein vierköpfiges Bonner BĂŒro!

Eines der drei fĂŒr Westeuropa zustĂ€ndige Ă€gyptische Spionagehauptquartier befand sich in Frankfurt, weitere Operationsbasen in Genf und Rom. Die Bundesrepublik ist wegen ihrer unzureichenden gesetzlichen EinschrĂ€nkungen ein Dorado fĂŒr fremde Nachrichtendienste.

Der Mochabarat arbeitete hier unter dem Deckmantel der Fluggesellschaft UAA. Sein FĂŒhrungsoffizier war frĂŒher deren Frankfurter Direktor Said, der auch die Kontakte zu den Angehörigen deutscher RĂŒstungstechniker unterhielt. Sein Nachfolger wurde A. M. J. Attallah, der fĂŒr die Bundesrepublik und die Beneluxstaaten zustĂ€ndig war. Er dirigierte einen weitverzweigten Agentenstab aus Personal der Ă€gyptischen Botschaften und, unter Mißachtung diplomatischer Gepflogenheiten, der Delegationen der Arabischen Liga, Angestellten seiner Fluggesellschaft und Korrespondenten der MEN sowie arabischen Studenten und Praktikanten.

Ein anderer namentlich bekannter Mochabarat-Agent, der öfter auf deutschem Boden agitierte, hieß Ibrahim Ezzat. Im Hauptberuf war er Redakteur des Kairoer Wochenblattes »Rose el-Jussuf«, bezog aber nach eigenen Angaben – »ein zweites Gehalt« vom Geheimdienst. Dieser unterhielt rege Verbindungen zu nationalsozialistischen und neonazistischen Kreisen. Dr. Gerhard Frey, der Chef der MĂŒnchner »Deutschen National-Zeitung« verfĂŒgte, nach Aussagen des Kairoer Informationsdirektors Mounier Ismail, ĂŒber einen direkten Zugang zu PrĂ€sident Abdel Nasser und war hĂ€ufiger Ehrengast auf offiziellen arabischen Veranstaltungen. Sowohl die Frankfurter UAA-Niederlassung als auch die Bonner Ligadelegation beschĂ€ftigen ehemalige Nationalsozialisten.

Ende Februar 1967 trafen sich in einem verschwiegenen MĂŒnchner Hotel die arabischen Politiker Mohammed Asmi, Ali el Mufti und Ismail el-Tantaui aus Ägypten, Faek Sammarai und Saddik Schenschal aus dem Irak sowie Mohammed el-Badr und Ali el-Isa aus Jordanien – alles bekannte Faschisten – mit Adolf von Thadden und der NPD-FĂŒhrungsspitze zu einer dreitĂ€gigea Geheimkonferenz.

Bemerkenswerte Erfolge erzielte die (vorwiegend antiisraelische) Àgyptische Spionage in den USA.

Anfang 1965 erhielt sie, vermutlich von einem hohen pro-arabischen Beamten des Washingtoner State Departments, zuverlĂ€ssige Nachrichten ĂŒber die Lieferung deutscher Panzerfahrzeuge nach Israel. Ein Jahr darauf berichtete das offiziöse Kairoer Blatt »El-Achram« (»Die Pyramiden«) detailliert und genau ĂŒber diejenige von 200 amerikanischen Panzern Patton M-48 an dieselben EmpfĂ€nger. Der Mochabarat erfuhr aus der gleichen Quelle ĂŒber solche von französischen Raketenlieferungen wie amerikanischen Inspektionen des Atomreaktors im israelischen Dimona: Es gab aber auch ebenso peinliche wie folgenschwere Pannen. Eine bis heute nicht aufgeklĂ€rte AffĂ€re ist die des Anfang 1967 aus dem Safe des Gemeinsamen Arabischen Oberkommandos des Generals Ali Ali Amer in Kairo verschwundenen streng geheimen Kriegsplanes der arabischen Staaten. Sie wurde bekannt durch die fĂŒr Uneingeweihte ganz unmotivierte Behauptung des »El-Achram«-Chefredakteurs und PrĂ€sidentenintimus Mohammed Hassanein Heikal, der Ă€gyptische Geheimdienst habe herausgefunden, ein solcher Plan sei aus dem BĂŒro des damaligen jordanischen MinisterprĂ€sidenten Wasfi et-Tell verschwunden. Dieser besaß aber keine Kopie davon, und die britische Wochenzeitschrift »Jewish Observer« (»JĂŒdischer Beobachter«) berichtete darĂŒber prompt aus israelischen Geheimdienstquellen, es habe nur drei Exemplare gegeben. Zwei seien im Sekretariat der Araberliga und eines im Hauptquartier General Amers aufbewahrt, und just dieses sei gestohlen worden. Das Blatt, das sich zeitweilig enger Nachrichtenverbindungen zum israelischen Mossad erfreute, fragte höhnisch: »Gibt es einen â€șCiceroâ€č im arabischen Hauptquartier?« Falls es ihn gab, wurde er jedenfalls nie gefunden.

Der Plan gelangte nach Israel. Und mit ihm begann eigentlich die arabische Schlappe im Sechs-Tage-Krieg. Er enthielt nĂ€mlich genaue Angaben ĂŒber die defensive und offensive arabische Strategie und Taktik bei einem Konflikt mit Israel, eine AufzĂ€hlung der dem gemeinsamen Hauptquartier zur VerfĂŒgung stehenden Luft- und MarinestĂŒtzpunkte, der ihm unterstehenden StreitkrĂ€fte und Waffen sowie Anleitungen fĂŒr Angriffe auf Jerusalem, Haifa und den Zentralflughafen Lod und ein beabsichtigtes Ă€gyptisch-saudisches Umfassungsmanöver gegen das Negevgebiet. Den Arabern blieb von da an, was sie freilich nicht ahnten, nur noch knapp ein halbes Jahr fĂŒr eine neue Planung. Trotzdem vermittelte die alte der israelischen Armee unersetzliche Hinweise auf die feindlichen Absichten.

Im Juni-Krieg 1967 zeigte sich dann das völlige Versagen des auf subversivem und konspirativem Sektor so erfolgreich operierenden Mochabarat bei seiner eigentlichen nachrichtendienstlichen Aufgabe, der FeindaufklÀrung.

In Kairo wußte man so gut wie nichts ĂŒber die gegnerischen Verteidigungs- und Angriffsvorbereitungen und ĂŒber die mögliche feindliche Strategie und Taktik. Man tĂ€uschte sich völlig ĂŒber die gegenseitigen KrĂ€fteverhĂ€ltnisse und fiel zudem auf den sowjetischen Nachrichtendienst KGB herein, der wissen wollte, Israel konzentriere unterhalb der syrischen Grenze Offensivtruppen. Diese Falschmeldung zwang Ägypten zur Mobilisierung sĂŒdlich des Negev (»Der SĂŒden«), und das wiederum war die entscheidende Kriegsvorbereitung.

Nach der Niederlage, an der der Mochabarat zweifellos mitschuldig geworden war, kam es zu einer MassensÀuberung an Haupt und Gliedern.

Geheimdienstgeneral Salach Nasr bekam einen schnöden Lohn. Er, der so lange »Staatsfeinde« wie abgefallene Freunde Abdel Nassers gequĂ€lt und zu Tode gejagt hatte, kam jetzt selbst auf die Anklagebank. Der Prozeß war das Signal zur Reorganisation seiner Behörde nach sowjetischem Muster.

Dem Mochabarat nebengeordnet ist die Harbia’a (»MilitĂ€rische Abwehr«), vergleichbar mit dem bundesdeutschen MAD. Sie beschrĂ€nkt sich ausschließlich auf militĂ€rische Operationen, also auf die VerhĂŒtung von Armeespionage und die AufklĂ€rung feindlicher StreitkrĂ€fte. Sie untersteht dem Kriegsministerium. Auch sie versagte im Sechs-Tage-Krieg.

Der Mabahes (»Suchdienst«) untersteht dem Innenministerium und ist die eigentliche Geheimpolizei, Ă€hnlich dem Bundesamt fĂŒr Verfassungsschutz. Seine Aufgabe ist die Überwachung innerer Gegner, die Observation von Widerstandsgruppen und die Kontrolle öffentlicher AmtstrĂ€ger. Sie dient ferner der KorruptionsbekĂ€mpfung, ĂŒbt die Polizeiaufsicht ĂŒber mißbeliebige Personen aus. Außerdem bewacht sie die PrĂ€sidentenfamilie.

Wie jede Diktatur sicherte sich auch die nasseristische die lĂŒckenlose Herrschaft ĂŒber dieses Machtinstrument. Sie betrachtete es weniger als Informationsmittel denn als Machtbasis. Das bewies sie schon kurz nach ihrem Staatsstreich vom 23. Juli 1952. Akid (»Oberst«) Gamal Abdel Nasser, der Kopf der Verschwörer, begnĂŒgte sich mit dem verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig glanzlosen Innenministerposten. Auf ihm schuf er sich erst einmal, ohne daß seine Konkurrenten etwas davon ahnten oder dagegen unternehmen konnten, seine unantastbare Machtstellung.

Als er dann 1954 den PrĂ€sidentenstuhl erklomm, ĂŒberließ er die Geheimdienstkontrolle seinem engsten MitkĂ€mpfer Hakim Amer. Dieser verlor sie erst Ende 1966, als beider Freundschaft abzukĂŒhlen begann. Letzteres war wohl vor allem eine Folge des verlorenen Jemenfeldzuges. Die Verantwortung fĂŒr dessen Beginn trug freilich Abdel Nasser, fĂŒr sein unrĂŒhmliches Ende nach dessen Ansicht aber Hakim Amer. Die Kontrollfunktion fiel daraufhin an den Kriegsminister Schams Eddin Badran. Dieser konnte jedoch auch nicht mehr den katastrophalen Verlauf des Sechs-Tage-Feldzuges verhindern, und er plante kurz danach sogar den gewaltsamen Sturz des PrĂ€sidenten. Als er scheiterte, floh er nach Libyen. VizeprĂ€sident Hussein esch-Schafei erreichte jedoch seine Auslieferung, und zwar im Tausch gegen eine lĂŒckenlose Liste Ă€gyptischer Agenten in dem Nachbarland. Das Regime opferte also, um einen einzigen FlĂŒchtling wieder einzufangen, eines der prosperierendsten Auslandsnetze seines Geheimdienstes.

Schon Ende 1966 schuf sich der PrĂ€sident wieder eine direkte Überwachungsinstanz fĂŒr die Geheimdienste. Er berief Mokkadem (»Oberstleutnant«) Sami Scharraf zu deren Chefkoordinator. Dessen Stellvertreter wurde einer der bekanntesten und berĂŒchtigsten Vertreter der Ă€gyptischen Auslandsspionage. Dieser war damals Botschafter in Beirut und blieb es danach. Einer der beiden Ă€gyptischen Geheimdienstchefs residierte also, und das war ein absolutes Novum in diesem Metier, im Ausland.

Horst J. Andel