Palais Empain Heliopolis

Gleiche Familie, ungleiche Häuser, Teil 1

Nahe der Al-Uruba-Straße (ehemals avenue des Palais) in Richtung Flughafen steht im edlen Stadtteil Heliopolis von Ägyptens Hauptstadt Kairo ein Gebäude, das unpassender kaum sein könnte. Und im nochmals edleren Botschaftsviertel in Brüssel steht ein Gebäude, das nicht unterschiedlicher zu jenem in Heliopolis sein könnte. Der Zusammenhang? Die jeweiligen Erbauer sind Vater und Sohn Empain. Der erste Teil beschreibt das Haus des Vaters in Kairo.

Der außergewöhnliche Palast indischen Stils im ägyptischen Heliopolis hatte schon vor hundert Jahren architektonisch rein gar nichts mit seinem nun nicht mehr ganz so glanzvollen Umfeld gemein. Er thront dort allerdings in einem Viertel, für dessen Entstehung und Vermarktung der Erbauer ebenfalls verantwortlich zeichnete und in welchem bis dahin gähnende Leere vorherrschte. Der 1852 in Belœil-en-Hainaut in der belgischen Provinz Hennegau geborene spätere Baron Édouard Louis Joseph Empain war eines von sieben Kindern des Sakristans und Organisten der örtlichen Pfarrkirche und hat als technischer Zeichner, Ingenieur und Unternehmer einige der beeindruckendsten Dinge geschaffen, an die man sich heute noch voller Bewunderung erinnert. So organisierte er nicht nur den Bau weiter Teile der Pariser Métro, sondern engagierte sich persönlich auch für die fabelhaften Eingänge und Bahnhöfe Hector Guimards im Jugendstil. Empains Unternehmen war noch bis 1945 mit dem Bau der berühmtesten Untergrundbahn Frankreichs befasst, und ironischerweise ist es nun sogar möglich, auch im Kairo der Neuzeit mit der U-Bahn der grünen Linie zum Palast Empains in Heliopolis zu fahren, da sich dieser unweit der Haltestelle Koleyet El Banat (مترو كلية البنات, Mädchenschule) befindet.

Heliopolis war sein Lieblingskind, […] der Erfolg, auf den er am meisten stolz war. Er liebte es mit der Liebe jener Schöpfer für das, was sie am meisten gekostet hat.

Der Journalist und Empain-Fan Fernand Neuray über seinen Lieblingsbaron

Empain war ein unangenehmer kapitalistischer Draufgänger, dessen Investitionen oftmals allerdings nicht die gewünschten Früchte trugen und dessen Spuren bis heute nicht verwischt sind. Bereits 1881 gründete er die Banque Empain zur Finanzierung seiner zahlreichen Projekte. Die Bank wurde später von der Société Belge de Banque übernommen und in Banque Industrielle Belge umbenannt, 1965 dann von der Générale de Banque übernommen, aus der 1999 zunächst die Fortis-Gruppe und dann die immer noch bestehende BNP Paribas Fortis wurde. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Empain verschiedene Unternehmen zur Stromerzeugung aufgebaut, um gleich mehrere Städte vollständig zu elektrifizieren. Im Kongo und in China, jedoch auch in Europa in den Städten Madrid, Neapel und Turin, baute und betrieb er verschiedene Eisenbahnstrecken. In Ägypten errichtete er 1894 die erste Straßenbahnlinie Kairos.

Eine weitere Villa aus der Heliopolis-Gründerzeit
Eine weitere Villa aus der Heliopolis-Gründerzeit

Etliche seiner Vorhaben gingen zwar schief, worunter Empain aber selten wirklich zu leiden hatte. So scheiterte er unter anderem mit seiner Reederei Egyptian Mail Steamship und deren viel zu luxuriösen Schiffen, die mit der deutlich billigeren Konkurrenz nicht mithalten konnte. Daran änderten auch werbewirksame Vergnügungsreisen mit dem Jet Set jener Tage nichts, an denen beispielsweise der Schriftsteller Maurice Barrès und der spätere Literaturnobelpreisträger Winston Churchill teilnahmen. Er verkaufte seine Schiffe schließlich mit einem ordentlichen Verlust.

Entwurfszeichnung: Größenwahn des Unternehmers
Entwurfszeichnung: Größenwahn des Unternehmers

Auch mit seiner Straßenbahn in Kairo, die erst 2014 stilgelegt wurde und von der bis heute ein Wagen auf dem Grundstück jener seltsamen Villa steht, hatte er oftmals Ärger. Die Mitarbeiter streikten und forderten Lohnerhöhungen, eine Verkürzung der Arbeitszeit, einen Jahresurlaub von einem Monat und die fristlose Entlassung einiger besonders unangenehmer Vorgesetzter. Empain weigerte sich, auch nur in einem der Streitpunkte nachzugeben, woraufhin die Arbeiter nicht nur die Depots blockierten, sondern sich auch auf die Gleise legten, um den Weiterbetrieb zu verunmöglichen. Infolgedessen wies der gnadenlose Baron die lokalen Ordnungskräfte an, entweder Gewalt anzuwenden oder seine Angestellten auf den Gleisen verrotten zu lassen. Zwei Tage später entließ er das gesamte Personal, bot den Entlassenen aber direkt danach eine erneute Anstellung zu deutlich schlechteren Konditionen an.

Bild vom Bau des Gebäudes unter Nutzung modernster Techniken
Bild aus der Zeit der Errichtung

Warum ausgerechnet ein indischer Palast in Kairo? Die Gerüchte um den ungewöhnlichen baulichen Fremdkörper in der Nilmetropole sind ebenso zahlreich wie wirr. So wird unter anderem behauptet, das Gebäude wäre ein Geschenk an eine indische Geliebte Empains gewesen, was allerdings nicht stimmt. Auch die Theorie, der Turm solle wie eine Panoramaplattform um 360° oder gar der ganze Palast der Sonne folgend drehbar sein, was ein indischer Architekt mittels Magie bewerkstelligt habe, der daher von Empain beseitigt und im Garten beigesetzt worden wäre, enthält kaum überraschend nicht das mindeste Körnchen Wahrheit. Selbst einen kilometerlangen Tunnel soll es geben, der den Komplex direkt mit der Basilika verbindet, in welcher Empain beigesetzt ist – alles an den Haaren herbeigezogen. Dass es fast zwangsläufig im Haus spukt, entspricht natürlich wie alle Gespenstergeschichten der vollen Wahrheit, allerdings nur, wenn man nicht hinschaut oder gerade nicht dort ist, denn so schüchtern sind Gespenster nunmal. Nein, Spaß beiseite, alles dummes Zeug.

Historische Aufnahme aus der Bauphase: zu sehen sind einzelne Besucher vor dem Palast, der völlig freistehend ist.
Aufnahme aus der Bauphase: man beachte das noch gähnend leere Umfeld der Trabantenstadt

Aber es geht noch weiter: Mariam, eine Tochter des Barons, habe seit ihrer Geburt an Lähmungen gelitten und im Laufe der Zeit psychische Probleme entwickelt. Sie wäre angeblich tot an jenem Lastenaufzug gefunden worden, der die Küche mit dem Dachgeschoss verband. In einem so genannten Blutzimmer habe Empains andere Tochter Helena außerdem Versammlungen zur Verehrung von Dämonen abgehalten, selbst Tiere wären geopfert worden. Alles falsch, denn der Belgier hatte überhaupt keine Töchter. Empains Gattin soll von der Wendeltreppe und seine Schwester vom Balkon gefallen sein, was zu deren beider Tod führte. All das und noch viel mehr ist reine Phantasie mit Schneegestöber, wozu auch der rosa Raum gehört, zu dem niemand außer dem Baron Zutritt gehabt habe.

An der Kreuzung zweier Hauptverkehrsachsen gelegen, auf einem teilweise künstlich angelegten Felsvorsprung, überragt es [das Gebäude] weitläufige Gärten und prägt die Anordnung durch aufeinanderfolgende Terrassen, Rampen und monumentale Treppen, die den Zugang zu Pferd oder mit der Kutsche bis zum Haupteingang ermöglichen.

Aus der französischen Ausgabe des Bildbandes Héliopolis von Marie-Cécile Bruwier & Anne Van Loo, Seite 135, veröffentlicht vom Fonds Mercator in Brüssel, Belgien
Die großzügige Einfahrt ermöglicht die standesgemäße Ankunft
Großzügige Einfahrt

Wahrscheinlich waren die abenteuerliche Erscheinung und der langjährige Verfall des Hindu-Palastes in Heliopolis in nicht geringem Maße mitverantwortlich für die zahlreichen Schauergeschichten. So wurde aus dem Vorzeigehaus eine unansehnliche Ruine und idealer Ausgangspunkt für allerlei Erfindungen. Ägypten hatte mit den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges, der Machtübernahme Gamal Abdel Nassers und den zahlreichen Auseinandersetzungen mit seinem überaus reizenden zionistischen Nachbarn aber zu viele andere Dinge am Hals, um eine Leidenschaft zur sorgfältigen Renovierung des kitschigen Palasts eines belgischen Unternehmers zu entwickeln. Folglich verkam sein exotisches Haus unaufhaltsam und wurde zum Wohnort von Fledermäusen und den in Kairo üblichen streunenden Hunden. Nicht allzu schwer ist da die Vorstellung, was des Nachts angesichts gespenstisch heulender Hunde und geisterhaft herumschwirrender Fledermäuse so alles die Vorstellungskraft der Ägypter angeregt haben mag.

Der vorgebliche Freimaurer habe in seinem Palast magische Rituale abgehalten und wäre schließlich selbst auf geheimnisvolle Weise ums Leben gekommen, ganz so, als habe der Fluch der Pharaonen auch auf ihm gelegen. Zunächst sei der mutmaßliche Epileptiker an Fieber erkrankt, dann nach Europa zurückgekehrt, hätte zwei Jahre zur Erholung gebraucht und wäre dann unerwartet am 22. Juli 1929 im Brüsseler Stadtteil Woluwé-Saint-Pierre verstorben. Empain war jedoch Katholik und in Belgien damit garantiert kein Freimaurer. Der passionierte Hypochonder Empain verbrachte zudem einen Gutteil seines Lebens mit überflüssigen Arztbesuchen, weshalb eine vermeintliche Epilepsie kaum unbemerkt geblieben wäre.

Angesichts des ungleichmäßigen Erscheinungsbilds der Fassaden lässt sich die Besorgnis des Barons erahnen. Sie veranlasst den Architekten, Hennebique nach der Möglichkeit zu fragen, das gesamte Gebäude mit einem Farbton „aus rotem Schwarzwald-Sandstein, wie bei den Kathedralen von Basel und Freiburg“ zu verkleiden – einem pflaumenfarbenen Ton, der sich stark von der Farbe des Zements unterscheidet! (21.11.1909). Diese Idee rettet zweifellos das Erscheinungsbild des Bauwerks, indem sie ihm eine echte „Leichtigkeit“, eine Art Schwingung verleiht.

Aus der französischen Ausgabe des Bildbandes Héliopolis von Marie-Cécile Bruwier & Anne Van Loo, Seite 144, veröffentlicht vom Fonds Mercator in Brüssel, Belgien

Erst 2005 und anlässlich des hundertjährigen Jubiläums von Heliopolis wurde das indische Spukhaus von der ägyptischen Regierung erworben und im März 2007 vom Obersten Rat für ägyptische Altertümer als historisches Denkmal eingestuft. 2012 vereinbarten Ägypten und Belgien das Gebäude gemeinsam zu restaurieren und in ein internationales Kunst- und Kulturzentrum umzuwandeln. Ende November 2016 begannen die Arbeiten, am 29. Juni 2020 wurde es feierlich von Präsident Abdel Fattah as-Sisi wiedereröffnet. Die Renovierung kostete das nordafrikanische Land fast 100 Millionen ägyptische Pfund, was zu jenem Zeitpunkt etwa fünfeinhalb Millionen Euro entsprach.

Was stimmt denn aber nun und ist nicht erfunden? Nun, das von den Tempeln von Angkor Wat in Kambodscha und von weiteren hinduistischen Konstruktionen inspirierte Gebäude wurde 1911 in wenig romantischem Beton fertiggestellt, da Empain jeder neuen Technologie schon aufgrund ihres wirtschaftlichen Potenzials hinterherrannte. Der Bau ist ein recht ungewöhnliches Beispiel für das System Hennebique von François Hennebique, jenem besonders von bewehrtem Beton begeisterten französischen Bauingenieur, der bereits für das Fundament des 1902 eröffneten Museums für Ägyptische Altertümer (Ägyptisches Museum, المتحف المصري) neben dem heutigen Nile Ritz-Carlton am Tahrir-Platz verantwortlich zeichnete. Die Betonelemente des Palasts in Heliopolis waren in Frankreich nach den Entwürfen des französischen Architekten Alexandre Marcel gegossen worden und wurden dann vor Ort montiert. Begonnen wurde das Vorzeigeprojekt für Heliopolis 1907, als Kairo gerade mit einem Börsencrash zu kämpfen hatte und aufgrund fehlender Aufträge solventer Bauherrn zahlreiche Bauunternehmer Konkurs anmelden mussten. Da das Design seines Prunkbaus so gar nicht dem entsprach, was man von einem Steve Jobs des frühen 20. Jahrhunderts erwartet hätte, wurde unweigerlich die Saat für allerlei Geschichten aus Tausendundeiner Nacht gelegt.

Der nicht sonderlich große Palast mit nur zwei Stockwerken und sieben Zimmern war jedoch nichts anderes als eine architektonische Laune damaliger Oligarchen, plumpe Neidreaktion auf die Verherrlichung exotischer Konstruktionen der Pariser Weltausstellung von 1900 und Ausdruck des Wunsches nach wirtschaftlicher Weltherrschaft im Sinne einer frühen Globalisierung, schon damals auch in Richtung Asien. Die bei weitem übertriebenen technischen Fähigkeiten des Palastes im Hindu/Khmer-Stil fußen auf der für damalige Verhältnisse noch ungewöhnlichen vollständigen Elektrifizierung der Konstruktion. Er dreht sich zwar nicht, die Sonne tritt im Verlauf des Tages aber in sämtliche Räume. Der erste Stock beherbergt eine große Halle für allerlei Anlässe, darüber befinden sich drei Zimmer, zwei davon für Gäste. Das dritte wurde vom belgischen Baron zum Billardspielen genutzt. Das Obergeschoss besteht aus vier Schlafzimmern, jeweils mit Zutritt auf das gleiche Badezimmer. Der Bodenbelag des gesamten Palastes besteht aus Marmor und Parkettholz. Das Kellergeschoss enthält die Küchen, Garagen und Zimmer für das Personal.

Vom gemeinsamen Badezimmer der Schlafgemächer im Obergeschoss blieb nur die opulente Badewanne: zu sehen ist eine gekachelte Wanne in eher schlechtem Zustand
Vom gemeinsamen Badezimmer der Schlafgemächer im Obergeschoss blieb nur die opulente Badewanne

Etwa 10.000 Deutsche lebten zu Beginn des Ersten Weltkriegs noch in Kairo, viele davon Juden, die sich den Briten gegenüber ausgesprochen feindselig verhielten und die wesentliche Konkurrenz für die Investitonsvorhaben der Deutschen darstellten. Seine größten wirtschaftlichen Erfolge in Ägypten hatte Empain daher als die Deutschen nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 verschwanden – ein Schelm vielleicht, wer Parallelen zur heutigen Entwicklung Deutschlands feststellt. Der deutschfreundliche Khedive Abbas Hilmi Pascha wurde entmachtet und Ägypten britisches Protektorat. Der erste Sultan von Ägypten und Herrscher über den Anglo-Ägyptischen Sudan war Prinz Hussein Kamil, der sich mit Empain jedoch sehr gut verstand, da Boghos Nubar Pascha, der Sohn des ersten ägyptischen Premierministers Nubar Pascha, ihn 1906 zum Präsidenten der Eisenbahnen von Unterägypten ernannt hatte und dieser ihm im Gegenzug einen prächtigen Palast in Heliopolis errichten ließ. Boghos Nubar Pacha soll ein sanftmütiger Mann mit sehr schwachen Nerven gewesen sein – die ideale Gesellschaft für den lebenslangen Hypochonder Empain.

Panoramablick vom Dach
Panoramablick vom Dach

Die vielfältigen Gerüchte um das falsche indische Haus wären allesamt perfekte Zutaten für einen klassischen Horrorfilm, für die der Ägypter Marwan Hamed ohne jede Frage der ideale Regisseur wäre. Auch die ägyptische Netflix-Gruselserie Paranormal fände in diesem Gebäude ausreichend Stoff und ein perfektes Ambiente für eine weitere Saison, obgleich es dafür an Material nicht wirklich mangelte, da der Autor, auf dessen Romanen die Serie basierte, der 2018 viel zu früh verstorbene Ahmad Khaled Towfik war, der Zeit seines Lebens über 200 Bücher schrieb, die meisten davon Schauergeschichten. Alle Geschichten um den Palast des Barons wären jedenfalls um Klassen besser, als der einfallslose Drehbuchunrat aus Hollywood. Das in der kommenden Woche im zweiten Teil dieses Beitrags beschriebene und nicht weniger beeindruckende Gebäude in Brüssel, das von Louis Empain, dem Sohn Édouard Louis Joseph Empains, erbaut wurde, wirkt gegen sein ägyptisches Pendant jedenfalls weit weniger bedrohlich.

David Andel