In einer deutschen Tageszeitung war im Januar zu vernehmen, man müsse die „Verblödungssendung“ Dschungelcamp anschauen, um besser zu verstehen, was in Deutschland wirklich los wäre. Diese Verblödungskultur kommt jedoch nicht von ungefähr, die Machwerke des historischen ZDF-Schlafmittels Herbert Reinecker lieferten die perfekte Grundlage.
Kurz nachdem in unseren Kinos vor Jahrzehnten erstmals die sogenannte Cannes-Rolle zu sehen war, bestehend aus prämierten internationalen Werbespots, folgte auch eine Zusammenstellung von Werbungen aus den Fünfzigern, die sich Rendezvous unter dem Nierentisch (1987) nannte. Der geneigte Zuschauer erhielt so erstmals die Gelegenheit, sich anhand von Reklamefilmen aus der deutschen Nachkriegszeit ein Urteil darüber zu bilden, wie die Menschen in den Wirtschaftswunderjahren wohl gewesen sein mögen und wovon sie so schwärmten.
Neben einigen amüsanten filmischen Lobpreisungen für ein fragwürdiges Produkt gegen weibliche Nervosität (Frauengold) oder für Musiktruhen von Loewe Opta, die ihre Besitzer mit „Plastikklang“ beglücken sollten, war auch Parteiwerbung der FDP zu sehen, von der man eher glauben konnte, es wäre welche für die Hitlerjugend gewesen. Immerhin war die FDP mutig genug, sie den Produzenten zur Verfügung zu stellen, wohingegen sich die CDU derart für ihre Nachkriegsschandtaten schämte, dass sie ihre damaligen Filmperlen unter Verschluss hielt.
Was Binjamin Netanjahu heute medial in Israel treibt, hatte schon in der CDU Tradition. Weder konnte Konrad Adenauer den WDR ertragen noch Helmut Kohl den gesamten Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk, abgesehen vom bayerischen vielleicht. So erhielt zunächst Adenauer das, was man später als „Herz-Jesu-Fernsehen“ bezeichnete und was den Zuschauer aus Wiesbaden und dann Mainz als ZDF heimsuchte, während später auch Kohl von seinem Duzfreund Leo Kirch einen festen Sendeplatz mit besonders dummen Fragen in SAT.1 beschert bekam, nachdem dieser dem Privatfernsehen Tür und Tor geöffnet hatte, wodurch sich vor allem das ZDF genötigt sah, sein ohnehin schon niedriges Traumschiff-Niveau nochmals mit der Schwarzwaldklinik zu senken.
Das ZDF hatte für konservative Dummerchen mit CDU-Tunnelblick bereits etliches parat, insbesondere die von 1969 bis 1976 ausgestrahlte Serie Der Kommissar hinterlässt bis heute einen bleibenden Eindruck. Während Inspektor Columbo in den USA ab dem 20. Februar 1968 und in Deutschland ab dem 11. Oktober 1969 (Pilotfolge Prescription: Murder/Mord nach Rezept) mit Charme und viel Witz ermittelte, verrichtete Kommissar Keller seinen Dienst herablassend autoritär.
Geduzt wurde von oben nach unten. Kommissar Keller duzte seine Mitarbeiter, seine Mitarbeiter jedoch Keller nicht. Im Deutschland der frühen Siebziger galt noch das eherne Prinzip paternaler Hierarchie. Diese Hierarchie wiederum etablierte eine Hackordnung, in der Arbeitslose oder Geringverdiener Parias oder Faulenzer waren. Daher lautete auch eine der Lieblingsfragen Kellers: „Was machen Sie?“, oftmals gefolgt von „Ich meine im Leben, beruflich.“. Und sobald dies festgestellt war, wurde getreten oder gekrochen. Das Maß an Höflichkeit richtete sich strikt nach den Einkommensverhältnissen. Es folgte die Kategorisierung in Staatssäulen und Tunichtgute, der Rest war sekundär. Das Leben war ausschließlich beruflich, Freizeit und Arbeitslosigkeit entsprachen eher dem Tod.
Zu sehen gab es bei den Staatssäulen merkwürdige Architektur und verkorkste Inneneinrichtungen. Fast jeder, der Geld hatte, schien eine Art Villa zu bewohnen, deren Äußeres spanisch vorkam und innen davon zeugte, dass sich eine frustrierte Gattin darin ausgetobt hatte. Frustrierten Gattinnen standen noch keine Boutiquen oder Blumenläden als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zur Verfügung. Tunichtgute waren die in Deutschland verhassten „Gammler“ und verweigerten sich jeglicher Lohnarbeit. Ansonsten gab man sich nicht weiter mit Details ab und Griechen, die Spanier spielten, waren fürs Drehbuch ebenso irrelevant wie der Unterschied zwischen harten und weichen Drogen. Die Ignoranz von Reefer Madness (1936) ließ grüßen, das alkoholgetränkte Land mochte keine konkurrierenden Rauschmittel. Kommissar Keller (Erik Ode) trank gern Bier, auch während der Dienstzeit. Darsteller Ode rauchte zudem wie ein Schlot, vermutlich der Ursprung seines darstellerischen Könnens, das wesentlich auf seiner rauen Stimme fußte. Erik Ode mal etwas anderes – vor allem überzeugend – als sich selbst spielen zu sehen, war schon angesichts seiner äußeren Erscheinung selten. Der von ihm gegebene Keller war Stereotyp des kleinwüchsigen Blockwarts, der mit Zigarette im Mundwinkel lesen, sprechen und herrschen gelernt hatte.
Das Weltbild der Deutschen musste vor allem geschützt werden, was es gerade nicht ausstehen konnte – und das wurde immer mehr. Damals gern Drogenabhängige und arbeitsscheues Gesindel. Sozialkritik gab es stellenweise auch bei Reinecker, nur wirkten die mordlüsternen Rentner und tennisspielenden Verächter Obdachloser kaum glaubwürdiger als deren Pendants aus der Unterwelt und waren letztlich wiederum arbeitsscheu. Reinecker verstand nicht, wovon er schrieb, hatte damit aber beim „Herz-Jesu-Fernsehen“ dauerhaften Erfolg – viel Auswahl gab es nicht.
Schulkinder wurden talentfrei von Mittzwanzigern mit großen Rehaugen dargestellt, aggressive Niedertracht wiederum trat wortreich nichtssagend auf. Dann und wann ließ sich gar ein großer Name dazu herab, mitzuspielen – Geld stinkt nicht. Die spielende Zunft erkannte in solchen Serien ihre Chance auf eine Frührente, manche taten kaum noch etwas anderes, auf der vom Fernsehen degradierten Leinwand sah man sie zumindest nicht mehr. Nur einer aus dem Umfeld des Kommissars konnte eine internationale Karriere (Staatssäule!) vorweisen, nämlich Fritz Wepper mit seinem Auftritt in Cabaret (1972). Auch dieser jedoch zog die Sicherheit des ZDF einer Laufbahn in Hollywood vor. Harry hatte als Einziger keinen militärischen Haarschnitt und war damit bei Keller für alle Dinge zuständig, die junge Leute, die er duzte, so taten. Insgesamt 66 Mal gab Wepper den Harry Klein im Kommissar, 281 Mal war er in der gleichen Rolle dann der Folgeserie Derrick (1974-98) zu sehen. Wie er das wohl gegenüber Kommissar Keller auf dessen Frage „Was machen Sie?“ gerechtfertigt hätte?
In der Kommissar-Folge „Rudek“ vom 12. Januar 1973 geht das öffentlich-rechtliche Personenkarussell so weit, dass der spätere Hauptdarsteller der ZDF-Serie „Der Alte“ (Siegfried Lowitz) in den Mord eines Opfers namens „Derrick“ verwickelt ist, der von der Filmfrau (Edda Seippel) des späteren ARD-„Tatort“-Kommissars Finke (Klaus Schwarzkopf) verübt wurde. Die Namensfindung muss Reinecker arg überfordert haben, das auf die immer gleichen Namen fixierte Casting tat dann sein Übriges.

Die unfassbar primitiven Dialoge stellten alle anderen Unzulänglichkeiten der Arbeit des Drehbuchautoren Reinecker noch in den Schatten. Wo außer in brasilianischen Telenovelas würde wohl jemand auf die Frage „Warum sehen Sie mich so an?“ die Antwort „Ich versuche, Ihre Gefühle zu erkennen.“ geben? Richtig, in Der Kommissar. Gefühle sehen zu können war kaum eines der vielen Talente Reineckers, dummes Zeug zu schreiben dafür aber sicher, seine Arbeit für die Edgar-Wallace-Reihe ließ grüßen. Die meisten Dialoge wirken wie Zeilenschinder, um auf die erforderliche Länge von ungefähr einer Stunde zu kommen. Fragen werden daher nicht nur fast grundsätzlich wiederholt, sondern oftmals auch noch vom Fragesteller bestätigt:
Kommissar Keller (KK): Wie lange ist sie hier geblieben?
Zeugin (Z): Geblieben? Den ganzen Nachmittag. Hier im Zimmer. Sie lag auf dem Bett. Wir haben Platten gehört.
KK: Wie lange ist sie dageblieben?
Z: Wie lange?
KK: Ja, wie lange?
Z: Es war schon dunkel.
KK: Wie spät war es?
Z: Weiß ich nicht. Sie stand jedenfalls plötzlich auf.
KK: Hat sie nicht gesagt, wohin sie geht?
Z: Nein, sie hat nichts gesagt.
KK: Das glaub’ ich nicht. Warum sagen Sie nicht die Wahrheit?
Z: Die Wahrheit?
KK: Was hat sie gesagt, wohin sie geht?
Z: Sie sagt, sie geht zu Dr. Gebhardt.
KK: Zu Dr. Gebhardt? Was wollte sie dort?
Z: Ich weiß es nicht. Ich hab’ sie ja gefragt, sie hat es nicht gesagt.
KK: Wie spät war es, als sie sagte, sie geht zu Dr. Gebhardt?
Z: Acht Uhr, acht Uhr abends.
usw. usf.
Dialog aus der Folge Tod eines Schulmädchens (21. April 1972) von Der Kommissar
Und nein, „Harry, fahr schon mal den Wagen vor!“ ist kein originalgetreues Zitat der Reinecker-Routine, sondern einer von vielen Parodien jener unsäglichen Dialoge zu verdanken. Reineckers Zeit als Mitglied der Hitlerjugend, Chefredakteur der Zeitschrift Unsere Fahne, Mitarbeiter im Presse- und Propagandaamt der Reichsjugendführung und Kriegsberichterstatter einer Propagandakompanie der Waffen-SS fand in Der Kommissar keinen Platz, obwohl das ganze Land noch voll von alten Nazis war, so wie auch der Hauptdarsteller der Folgeserie Derrick, Horst Tappert, für sich verbuchen konnte, einst Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Das veranlasste das „Herz-Jesu-Fernsehen“ zu der unfassbar guten Tat, die Serie nicht mehr zu wiederholen. Vermutlich waren sämtliche Zuschauer bereits verstorben.

Unmittelbar nach Kriegsende traute sich der 1914 geborene SS-Propagandist Reinecker noch nicht, unter seinem echten Namen aufzutreten und nannte sich unter anderem Herbert Dührkopp oder Alex Berg. Wäre er 2007 nicht verstorben, würde Reinecker heute gewiss begeistert dabei helfen, Russland zu ruinieren. Als damals 28-jähriger Verfasser des Schauspiels über Das Dorf bei Odessa (1942), das „mit deutschstämmiger Bevölkerung zum Schauplatz einer apokalyptischen Nacht vor der erlösenden Ankunft der deutschen Soldaten“ wird, hätte er für propagandistische Tränen in den Augen der Banderisten aus Ost und West gesorgt – das Machwerk über einen „Volksdeutschen“ in der jetzigen Ukraine wurde in rund achtzig Theatern bis zu deren Schließung im September 1944 aufgeführt. So wäre die Kontinuität von alten Kameraden bis ins kriegstüchtige Deutschland hinein gesichert. Der Schriftsteller und Journalist Herbert Reinecker, der zwar viel schrieb, es aber kaum konnte, passt eben perfekt zu einem Land, das viel will, aber außer Säbelrasseln kaum mehr etwas zustande bringt.
David Andel
