Jonathan Pollard (1985)

Der Wahlkampf des Verräters

Es klingt fast wie ein Witz, wenn ein ehemaliger Spitzel nun ebenfalls in den Wahlkampf gegen das wahnsinnige Bibi-Regime Israels einsteigen will, ist aber bitterer Ernst. Auch dieser Mann will noch radikaler als Netanjahu sein und plant nicht nur eine Überholung von rechts, sondern auch noch ganz offen die ethnische Säuberung Rest-Palästinas.

Der heute 71-jährige Ex-Geheimdienstanalyst der US-Marine Jonathan Pollard (Titelbild, aufgenommen 1985) war 2015 auf Bewährung aus dem US-Bundesgefängnis in Butner, North Carolina entlassen worden. Er ist die einzige Person, die jemals wegen Spionage zugunsten eines US-Verbündeten zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, weil er drei Jahrzehnte lang über eine Million Dokumente US-amerikanischer Militärgeheimnisse an Israel und zum Teil auch an den südafrikanischen Apartheidsstaat weitergegeben hatte. Die Übergabe erfolgte ein paar hundert Meter von der israelischen Botschaft entfernt in der Wohnung von Irit Erb, einer Mitarbeiterin der israelischen Botschaft, die nach Pollards Verhaftung aus den USA floh. Wer als überzeugter Kommunitarist nun glaubt, dass dieser Akt der Spionage die patriotische Pflicht des orthodoxen Sohns jüdischer Eltern wäre, irrt, denn Pollard tat dem Judenstaat den Gefallen keineswegs unentgeltlich und erhielt für seinen großartigen Verrat Koffer voller Geld und Schmuck.

Als Pollards Taten 1985 aufflogen, wurden er und seine Frau Anne Henderson verhaftet, am Tag nach Pollards Festnahme rief Israel seinen Wissenschaftsattaché Yosef Yagur bei der israelischen Vertretung in New York und dessen Stellvertreter Ilan Ravid bei der israelischen Botschaft in Washington zurück. 1986 bekannte sich Pollard in der Hoffnung auf eine niedrigere Strafe zwar für schuldig, was jedoch aufgrund der Schwere der Tat beim damaligen Bundesrichter nicht den gewünschten Erfolg hatte. Die Ermittlungsbehörden gingen davon aus, dass Pollard die Identität eines weiteren israelischen Spions in den höchsten Kreisen der US-Regierung kennen würde, der ihm zuvor die für Israel wichtigen Dokumente über Nuklearwaffen zum Diebstahl genauestens genannt hatte. Später sah man ihn zudem als eine Art Faustpfand, um Bibis Dauerfehde gegen den Iran irgendwie in Schach zu halten. Dieser seltene Akt US-amerikanischer Gnadenlosigkeit gegenüber Israel veranlasste Netanjahu 1996 dazu, sich persönlich dafür einzusetzen, dass der jahrzehntelange Verräter Pollard die israelische Staatsbürgerschaft erhielt.

Ausschnitt aus der israelischen Doku „Pollard“ (2022). Einige Dokumente und Fotos des ehemaligen Geheimdienstanalysten der US-Marine sind darauf zu sehen.
Ausschnitt aus der israelischen Doku Pollard (2022)

Dieser amerikanisch-jüdische Mitarbeiter eines sensiblen Geheimdienstes spionierte für Israel. Die Israelis betrachten ihn als Nationalhelden, als einen Juden, der seine Pflicht gegenüber seinem Volk erfüllt hat. Für die US-Geheimdienste hingegen ist er ein Verräter, der das Leben vieler amerikanischer Agenten gefährdet hat. Da man sich nicht mit einer üblichen Strafe zufrieden gab, veranlasste man das Gericht, eine lebenslange Haftstrafe zu verhängen. Seitdem haben alle amerikanischen Präsidenten die Bitten aufeinanderfolgender israelischer Regierungen um eine Strafmilderung abgelehnt. Kein Präsident wagte es, sich in dieser Angelegenheit seinen Geheimdienstchefs entgegenzustellen.

Uri Avnery über Pollard in The Doomsday Weapon vom 20. März 2010

Angeworben wurde Pollard in der New Yorker Wohnung des einstigen Hagana-Aktivisten Harold Katz, eines in Israel lebenden US-amerikanischen Anwalts und Rechtsberaters der BIRD Foundation (Binational Industrial Research and Development = Binationale industrielle Forschung und Entwicklung), der auch als Berater des israelischen Verteidigungsministeriums tätig war. Rafi Eitan, der berühmte israelische Geheimdienstagent, der für die Entführung Adolf Eichmanns verantwortlich zeichnete und diesen selbst bis zur Hinrichtung begleitete, war damals Leiter des „Büros für wissenschaftliche Beziehungen“ (הלשכה לקשרי מדע), kurz Lakam (לק״מ), zur Ausspähung von Waffensystemen befreundeter Staaten und musste aufgrund des 1985 aufgeflogenen Pollard schließlich zurücktreten. Der 1957 zum Schutz und zur Unterstützung des israelischen Nuklearprogramms gegründete Nachrichtendienst Lakam wurde kurz danach aufgelöst.

Danach aß Bush mit israelischen Kabinettsministern zu Abend. Er schüttelte Minister Rafael Eitan, dem ehemaligen Geheimdienstchef, der den israelischen Spion in Washington, Jonathan Pollard, kontrollierte – den Bush nicht begnadigen will –, herzlich die Hand. (Eitan würde verhaftet werden, sobald er amerikanischen Boden betritt.) Er unterhielt sich herzlich mit dem rechtsextremen Minister Avigdor Liberman und drängte ihn, Olmert zu unterstützen. Während des gesamten Abendessens redete er ununterbrochen, bis Condi ihm eine diskrete Notiz schickte, in der sie ihm nahelegte, den Mund zu halten. Bush, in bester Laune, las die Notiz laut vor.

Uri Avnery in The Hands of Esau vom 12. January 2008

Mit einem leidenschaftlichen Israel-Pudel wie Donald Trump wäre das natürlich anders gekommen, vor ihm hätte Pollard nie etwas zu befürchten gehabt, seine Karrieremöglichkeiten in den heutigen USA wären grenzenlos. Nun aber ist Pollard einer von vielen älteren Langbärten in Israel und wie schon im Fall von Zusammen (ביחד) tritt auch er in seinem Wahlkampf als Teil eines Duos auf. Die kaum bessere Hälfte Pollards ist der verbittert-rachsüchtige Nissim Louk, dessen 22-jährige Tochter einer deutschen Mutter Shani bei den Angriffen der Hamas vom 7. Oktober 2023 ums Leben kam. Über den Tod der 22-jährigen Tätowiererin behauptete der israelische Präsident Isaac Herzog damals, sie wäre enthauptet worden, was später zwar kleinlaut korrigiert wurde, sich aber bereits in den Köpfen rachsüchtiger Israelis und Redaktionen zahlreicher Medien auch in Deutschland fest eingeprägt hatte.

Natürlich wäre jenes Duo mit seinem US-amerikanischen, deutschen und leidensgeschichtlichen Wurzeln ein gefundenes Fressen für die aufgesetzte deutsche Solidaritätskultur mit Israel. Ein weiteres Mal stellt sich aber die Frage nach dem politischen Sinn einer solchen Konfiguration, ein weiteres Mal kann die Antwort nur sein, dass die Bibifizierung Israels für zahlreiche Bürger des Landes noch bei weitem nicht ausreichend ist, um sich auch des allerletzten Arabers zu entledigen. Während Europa sich irrational vor der Machtübernahme durch Einwanderer fürchtet, ist dies in Arabien durch Israel bereits ganz real vollendete Tatsache.

Seit zwei Jahren führt der Staat Israel in Gaza eine genozidale Kampagne durch, die in keinem Verhältnis zu der mörderischen Provokation vom 7. Oktober 2023 steht. Diese von der IDF durchgeführte Kampagne scheint von der überwiegenden Mehrheit der israelischen Bevölkerung begeistert unterstützt worden zu sein. Aus diesem Grund ist es keinem nennenswerten Teil der israelischen Gesellschaft, einschließlich der Intellektuellen und der Kunstszene, möglich zu behaupten, dass er keine Mitschuld an den Gräueltaten in Gaza trage.

Der südafrikanische Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger JM Coetzee am 6. Mai 2026 über das heutige Israel

Nicht nur in Israel überleben derlei Parteien oder parteiähnliche Gebilde selten, verschwinden schon kurz nach der Wahl oder benennen sich weitere Male um, um dann irgendwann vollends vergessen zu werden. Das ist die schöne neue Welt politischer Extreme, deren Auslöser regelmäßig in Stasis verharrende selbsternannte Volksparteien sind. Gelegenheiten zur Versöhnung und Wiedergutmachung gab es in Israel mehr als genug, wirklich gewollt waren diese aber nie. Die vorliegende Situation ist damit aussichtslos. Die im israelischen Wahlkampf kaum mehr überraschende Bibi-Konkurrenz von rechts dürfte der auserwählten Armee mit angeschlossenem Volk zu keiner allzu rosigen Politik verhelfen und zum neuerlichen Rechtsruck nach dem Rechtsruck nach dem Rechtsruck usw. usf. führen, sodass für jedwede Illusion einer Integration Israels in das selbstgewählte feindliche Umfeld kaum mehr Anlass gegeben ist.

Gegenüber Netanjahu zeigt Pollard, den Eitan einst als einen Mann „mit hoher Intelligenz, einem phänomenalen Gedächtnis und einer umfassenden Bildung, aber auch mit einer extremen und labilen Persönlichkeit, die ihn bereits als Teenager dazu veranlasste, zu erklären, er arbeite für den Mossad“ bezeichnete, heute maximale Undankbarkeit. Obgleich er über viele Jahre hinweg die maximale Unterstützung Bibis erfuhr, ist der ehemalige Verräter nun zu einem scharfen Kritiker des korrupten Ministerpräsidenten geworden und tat im Fernsehen kund, Israel verliere den seit 2023 geführten Krieg, weshalb er eine neue Führung mit einer klareren und entschlosseneren Politik fordere. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.

David Andel