Tales Of Mystery And Imagination (1976), Cover-Rückseite

Parsons trifft Poe

Es war die Blütezeit der Konzeptalben und das heute vor fünfzig Jahren veröffentlichte Tales Of Mystery and Imagination eines der besten seiner Art. Die Schauerromantik des US-Schriftstellers Edgar Allan Poe diente als erzählerischer Rahmen für dynamischen Rock und die entfesselte Wucht eines Sinfonieorchesters. In seinen Songs fasste das Album die Höhepunkte von Poes Schaffen in einer Form zusammen, die bis dahin unbekannt war.

Fünf Jahrzehnte vergehen im Flug, das ist in dieser weitgehend sinnlosen Welt nicht weiter überraschend. Selten gelingt es aber einem Künstler, ein derart einzigartiges Werk zu produzieren, dass es selbst nach einem halben Jahrhundert nichts von seiner Qualität eingebüßt hat, im Gegenteil sogar. Tales Of Mystery And Imagination ist ein Album, das man als LP bis zur totalen Abnutzung hören kann, als CD niemals weglegen und als Rip niemals abwählen wird. Selbst in Zeiten autonomer Streaming-Verblödung kommen bei entsprechender Präferenz daraus entnommene Einzeltitel immer und immer wieder vor, obgleich das Album natürlich als künstlerisches Gesamtwerk gedacht war und nur unter Schuldgefühlen oder standesgemäß von ungeduldigen Spießbürgern in seine Einzelteile zerlegt werden sollte.

Er [Edgar Allan Poe] war unglaublich belesen und verfügte über einen größeren Wortschatz als jeder andere amerikanische Schriftsteller. Er hat bei Eric [Woolfson] und mir irgendwie einen Nerv getroffen. Er hat den Horrorfilm erfunden, und ich glaube, Eric hat diese Idee aufgegriffen und gesagt: „Kein Film, der auf einer Geschichte von Edgar Allan Poe basiert, hat jemals Geld verloren“, also haben wir uns darauf eingelassen.

Alan Parsons Erklärung über den Ursprung des Albums
Edgar Allan Poe im Alter von 40 in seinem letzten Lebensjahr (1849)
Edgar Allan Poe im Alter von 40 in seinem letzten Lebensjahr (1849)

Das Debütalbum des Alan Parsons Project ist ein musikalischer Streifzug durch eine hübsche Auswahl phantastischer Geschichten von Poe. Die Verbindung zwischen den einzelnen literarischen Etappen ist musikalisch erlesen und das Ergebnis eine befremdliche Atmosphäre überall dort, wo man es gerade hört. Wer das Werk erwirbt, der sollte es im Dunkeln, bei schummrigen Kerzenlicht oder zumindest geringer Beleuchtung genießen. Wahrzunehmen ist dann ein sonst vielleicht schon viel zu vertrautes Umfeld in völlig neuer, fast unheimlicher Form. Das geht zwar auch mit einem Kopfhörer, aber noch viel besser über echte Lautsprecher. Unser Kopf genießt gern seine volle Bewegungsfreiheit, kann gerade dann seiner Phantasie im ausgeblendeten Umfeld freien Lauf lassen, während die fast im dynamischen Rausch vorgetragene Musik Elemente unterstreicht, die vielleicht allesamt eingebildet sind. Aber ja, das geht auch ohne entsprechende Zusatzstoffe – vielleicht aber nicht bei jedem.

Ich war schon immer davon überzeugt, dass musikalische Wiederholungen den Zuhörer in ihren Bann ziehen und die Musik hypnotisch wirken lassen. Eine weitere Sache, an die ich glaube, ist die Wiederholung.

Alan Parsons 2010 über seine Arbeitsphilosophie

Wer steckt aber hinter dem seltsamen Namen der Band dieses merkwürdigen Konzeptalbums? The Alan Parsons Project bestand keineswegs nur aus dem Namensgeber und ein paar gerade greifbaren, nach Bedarf zusammengewürfelten, Studiomusikern – die andere treibende Kraft neben Parsons war der Ende 2009 viel zu früh verstorbene Eric Woolfson. Parsons und Woolfson begegneten sich im Sommer 1974 in der Kantine der Abbey Road Studios und verstanden sich von Anfang an prächtig.

Alan Parsons hatte eine klassische Ausbildung an Klavier und Flöte absolviert, war Toningenieur und wirkte unter anderem bei den Beatles-Alben „Abbey Road“ (1969) und „Let It Be“ (1970) sowie Pink Floyds unvergesslichem Statement „The Dark Side of the Moon“ (1973) mit. Eric Woolfson, ein Songwriter und Komponist, arbeitete als Pianist auf Abruf und komponierte nebenbei Material für ein Konzeptalbum rund um Edgar Allan Poe. Eben dies wurde dann beider Erstlingswerk.

Der Name Alan Parsons Project ist ein Produkt des Zufalls, denn Parsons und Woolfson wollten ihr erstes Album eigentlich unter dem Etikett verschiedener Künstler vermarkten, was in der kommerziellen Welt jedoch außer Frage stand. Und da im Arbeitsumfeld stets vom „Projekt“ Alan Parsons die Rede war, wurde das der Name jener nicht wirklich vorhandenen Band. So entstand aus der Identität eines Vorhabens die Identität einer Vermarktung. Fragt man Parsons, der auf seinen Alben weder jemals gesungen noch musiziert hat, konkret nach seiner Rolle im Projekt, erhält man folgende Antwort:

Das ist für mich eines der großen Rätsel meiner Karriere. Ich verstehe nicht, was ich meinen Platten mitgebe, dass sie so nach mir klingen. Ich kann buchstäblich fünf oder sechs Songs durchgehen, ohne auch nur eine einzige Note selbst zu spielen, und mich zunächst einfach auf eine regieähnliche Rolle im Hintergrund beschränken. Aber die Leute kommen trotzdem zu mir und sagen: „Das bist unverkennbar du.“ Für mich ist das wohl eines der großen Rätsel des Lebens. Ich weiß nicht, was es ist, das ich da einbringe. Das müssen andere entscheiden, nicht ich.

Alan Parsons über seine kreative Tätigkeit

Wie immer gilt: Konsum macht das Leben unnötig schwer. Aus der Vielzahl der heute erhältlichen Varianten des Albums sollte unverändert die Erstveröffentlichung auf dem bevorzugten Medium gewählt werden. Die 1987 erfolgte Überarbeitung mit zusätzlichen Keyboard- und Gitarrenpassagen, einer Einleitung von Orson Welles und starken Halleffekten trägt wenig zur Qualität der Originalaufnahme bei und stört sogar eher, was aber jeder für sich entscheiden kann. Zwar ist es schön, dass in der ersten CD-Fassung die beiden ursprünglich getrennten LP-Seiten vereint wurden, der Rest war aber Effekthascherei. Das Vorhaben mit der Stimme des Großmeisters der Leinwand bestand allerdings von Anfang an. Nur sind sich Welles, Parsons und Woolfson nie persönlich begegnet und erhielten die Tonbandaufnahme mit seiner Einleitung erst kurz nach der Produktion. Der Meister war wohl indisponiert.

Eric [Woolfson] hat neunzig Prozent der Songs des Alan Parsons Project selbst geschrieben und hundert Prozent der Texte, aber wir haben bei der Komposition gelegentlich zusammengearbeitet – „Breakdown“, „Can’t Take It With You“ und „Days Are Numbers“ sind definitiv echte Gemeinschaftswerke. Umgekehrt habe ich neunzig Prozent der Instrumentalstücke ganz allein geschrieben.

Alan Parsons 2010 über die Arbeitsaufteilung mit Eric Woolfson

The Dark Side Of The Moon und Tales Of Mystery And Imagination scheinen durch das Bindeglied Alan Parsons irgendwie miteinander verwandt, ein Eindruck, der sich im Folgealbum I, Robot des Alan Parsons Project nochmals verstärkt. Pink Floyd war zwar eine Band und das Alan Parsons Project eine Arbeitsgemeinschaft, die von zwei Projektleitern betrieben wurde, letztlich aber heuern auch gestandene Bands zuweilen externe Musiker oder eben Toningenieure an, was dann besagten Effekt hat. Alles in allem wirkt die Arbeit von Parsons und Woolfson manchmal wie ein Ableger der Projekte Pink Floyds. Mag sein, dass das gewissen pharmazeutischen Einflüssen unterlag, wahrscheinlicher allerdings ist derlei Musik einfach ein Kind ihrer Zeit. Und unsere Zeit ist nunmal … wie sie ist.

LSD ist, soweit ich weiß, keine angesagte Droge mehr, daher ist „halluzinogen“ heute wohl der passendere Begriff. Ich glaube nicht, dass das irgendwie auf mich zutrifft.

Alan Parsons direkte Antwort auf eine nicht ganz so direkte Frage
Im Prinzip lohnt sich nur die Originalversion von Tales Of Mystery And Imagination (1976)
Im Prinzip lohnt sich nur die Originalversion von Tales Of Mystery And Imagination (1976)

Parsons und Woolfson ergänzten sich prächtig und hatten genügend Kontakte zu den besten Musikern ihrer Zeit, um gleich mit ihrem ersten Album einen beeindruckenden Erfolg zu erzielen. Neben den beiden kreativen Köpfen waren dies bei Tales Of Mystery And Imagination die Sänger Arthur Brown (Titel The Tell Tale Heart), John Miles (Titel The Cask of Amontillado und (The System of) Dr. Tarr and Professor Fether) sowie Terry Sylvester (Titel To One in Paradise). Hinzu kamen Darbietungen von sämtlichen Mitgliedern der US-Band Ambrosia (bekannt vor allem für Holdin’ On to Yesterday) sowie den Schotten von Pilot (bekannt vor allem für January), deren jeweilige Erstlingswerke Parsons ebenfalls produziert hatte. Auch der Keyboarder Francis Monkman (später Sky) war mit von der Partie.

Arthur Brown war eine unglaubliche Persönlichkeit. Ihr kennt ihn aus „The Crazy World Of Arthur Brown“ (falls ihr alt genug seid!). Er war unglaublich professionell und aufgeschlossen gegenüber dem Song „The Tell-Tale Heart“ auf „Tales Of Mystery And Imagination“, während er ihn einstudierte, und wir hatten Sorge, dass er ihn zu „nüchtern“ singen würde. Doch in dem Moment, als er das Studio betrat und vor dem Mikrofon stand, schien er fast wie von Sinnen zu sein und fing an, mit den Armen und seinem ganzen Körper herumzufuchteln und zu brüllen und zu schreien, wie man es auf der Platte hören kann. Ein großartiger Moment.

Alan Parsons 2010 über die Arbeit an „The Tell-Tale Heart“ auf „Tales Of Mystery And Imagination“
Plattenspieler jugendlicher Träume: Prospekt des Technics SL-1710, hergestellt von 1976-1978
Plattenspieler jugendlicher Träume: der Technics SL-1710, hergestellt von 1976-1978

Für den Verfasser dieser Zeilen war Tales Of Mystery And Imagination ein wesentlicher Rettungsanker während des furchterregenden Sturms der Pubertät. Das Album war ein unersetzlicher Ort der Zuflucht inmitten des hormonalen Unwetters, das weder zu ertragen noch zu verstehen war. Sobald sich die Scheibe aber auf dem einladenden Teller des unverwüstlichen Technics SL-1710 drehte, wurde es bis auf leichte Schauergefühle auf geheimnisvolle Weise wieder angenehm. Ja, so ganz im Dunkeln und mit solch mitreißender Musik war das Leben auszuhalten, da ergaben sich Möglichkeiten, da kamen neue, unbekannte Gedanken. Das Album überstand sämtliche Umzüge und andere Katastrophen – es war einfach immer und überall mit dabei und für einen da. Das ging wohl vielen so. Allein in den deutschen Charts verblieb das musikalische Gruselgemälde wenig verwunderlich ab dem 15. April 1977 ganze 189 Wochen lang.

Als festangestellter Toningenieur bei Abbey Road erhielt ich für die Aufnahmen zu „The Dark Side Of The Moon“ die fürstliche Summe von 35 Pfund pro Woche. Keine Tantiemen. Ich bat um Anteile am nächsten Album, das wurde jedoch abgelehnt, und das ist einer der Gründe, warum wir nicht mehr zusammengearbeitet haben. Bin ich verbittert? Nein – es hat mir den Weg für meine gesamte Zukunft geebnet.

Alan Parsons 2010 über die Arbeit an Pink Floyds „The Dark Side Of The Moon“
(The System Of) Doctor Tarr And Professor Fether (live in Brüssel am 2. Mai 2019)

Obgleich er aufgrund seiner Größe unter schweren Rückenschmerzen leidet, tingelt der 77-jährige Parsons mit seinem Alan Parsons Live Project immer noch durch die Konzertsäle der Welt. Und seine Auftritte lohnen sich, könnte man doch fast meinen, es wären die Originalmusiker der jeweiligen Erstaufnahmen. Dem ist natürlich nicht so, aber eine der Fähigkeiten eines talentierten Produzenten wie Parsons ist es halt, die Musik auch live genau so klingen lassen zu können, wie er sich das vorstellt. Der hünenhafte Musiker steht auf der Bühne übrigens im Hintergrund standesgemäß auf einem Podest (siehe Video). Von solchen Gigs mal abgesehen erteilt er Nachwuchstalenten noch Lektionen oder stellt die Dienste seines Studios auch anderen zur Verfügung.

Ich bin mir des Alterungsprozesses im Zusammenhang mit dem Hörverlust sehr bewusst. Es ist interessant, wie wir damit umgehen und ihn kompensieren. In meiner Jugend konnte ich einen 19-kHz-Ton noch deutlich hören, heute nehme ich gerade noch 12 kHz wahr. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich in meinen frühen Jahren das Hören trainiert habe. Ich wurde gebeten, einen Pegelunterschied von 2 dB in einem Musikstück zu erkennen, wobei die beiden Beispiele im Abstand von zehn Minuten abgespielt wurden und ich nicht wusste, ob der Pegel gestiegen, gesunken oder gleich geblieben war.

Alan Parsons 2010 über sein Hörvermögen

Es ist tragisch, dass der Zahn der Zeit auch Talent einschränkt, was im Ergebnis dann zu der Frage führen muss, was das aus jenen macht, die nie welches hatten? Parsons und Woolfson hatten ganz sicher welches und dabei auch noch zahlreiche andere verstärkt. Zum Glück wurde das, was beide vollbrachten, rechtzeitig festgehalten, zum Glück können wir uns jene perfekten Momente immer noch anhören – zur Not mit dem Alter auch immer lauter.

David Andel