Gamal Abdel Nasser

Nassers Sommer

Nach der Absetzung General Nagibs wollte Gamal Abdel Nasser heute vor siebzig Jahren seinen Machtanspruch mit einem Doppelreferendum besiegeln. Am 23. Juni 1956 waren die Ägypter dazu aufgerufen, über die Kandidatur von Nasser für das Präsidentenamt und eine neue Verfassung abzustimmen. Nasser sah sich als Ägyptens Verfechter der Demokratie, das Ergebnis jedoch war diktatorisch eindeutig: 99,9 % der Wahlberechtigten stimmten für Nassers Kandidatur, 99,8 % für die Verfassung.

Die Korruption der Monarchie Faruks erfüllte die westliche Anspruchshaltung perfekt, der fette König hatte sich mit den Briten arrangiert und führte sein dekadent-opulentes Leben auf Kosten der Ägypter, die seiner Willkürherrschaft Folge leisten mussten. Das endete am 23. Juli 1952 mit der Revolution der freien Offiziere, die nur den Auftakt zahlreicher weiterer Veränderungen im Land der Pharaonen darstellte. Ägypten gab sich fortan nicht mehr dem schönen Schein westlich sanktionierter Ordnung hin, sondern wollte eine Erhöhung des Lebensstandards für alle seine Bürger, was nicht zuletzt Freiheit und Unabhängigkeit von eben jenem Westen bedeutete.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste Auseinandersetzung mit der Obrigkeit. Das war im Jahr 1933; damals war ich Schüler in Alexandria und noch nicht einmal fünfzehn Jahre alt. Ich überquerte gerade den Mansheya-Platz in Alexandria, als ich auf eine Auseinandersetzung zwischen einer Studentendemonstration und der Polizei stieß. Ich zögerte keinen Moment, auf welcher Seite ich stand. Ich schloss mich sofort den Demonstranten an, ohne die geringste Ahnung zu haben, wofür sie demonstrierten.

Gamal Abdel Nasser in einem Interview mit der Sunday Times vom 18. Juni 1962

Gamal Abdel Nasser wurde am 15. Januar 1918 in Alexandria geboren und stammte aus kleinen Verhältnissen. Er war der älteste Sohn des Postangestellten Abdel Nasser Hussein Khalil Sultan, der etwa zwanzig Pfund im Monat verdiente – für die sechsköpfige Familie reichte das kaum. 1925 zog Gamal für drei Jahre in einen Vorort von Kairo zu seinem Onkel Khalil, der während des Ersten Weltkriegs als politischer Aufwiegler im Gefängnis saß. 1926 verstarb seine über alles geliebte Mutter und keiner wagte es, dem Bub die schreckliche Nachricht zu überbingen. Als er es irgendwann doch herausfindet, erleidet er einen schweren Schock.

Ich kehrte sofort nach Kairo zurück, wo ich mich noch intensiver als zuvor meinen politischen Aktivitäten zuwandte. Die Zeit milderte das Trauma, doch hielt ich mehrere Jahre lang Abstand zur Familie. Der Verlust meiner Mutter war an sich schon eine sehr traurige Erfahrung; sie so zu verlieren war traumatisch und hinterließ eine Narbe, die die Zeit nicht heilen konnte. Mein persönlicher Schmerz und meine Trauer machten es mir in den folgenden Jahren sehr zuwider, anderen Schmerz und Trauer zuzufügen.

Gamal Abdel Nasser in einem Interview mit der Sunday Times vom 18. Juni 1962
Vater Abdel Nasser Hussein Khalil Sultan und Sohn Gamal (Alexandria 1964): man beachte den Fes (die Kopfbedeckung) des Vaters, der seit dem Sturz Faruks 1952 verpönt war
Vater Abdel Nasser Hussein Khalil Sultan und Sohn Gamal (Alexandria 1964): man beachte den Fes (die Kopfbedeckung) des Vaters, der seit dem Sturz Faruks 1952 verpönt war

Abdel Nasser Hussein Khalil Sultan heiratete 1931 erneut, aus der Ehe gingen weitere sechs Kinder hervor. Aufgrund der schwierigen Vergangenheit seines Bruders Khalil sorgte sich der Vater um die frühen politischen Aktivitäten seines ältesten Sohnes. Dieser trat zunächst der Misr-Al-Fatah-Partei bei, verweilte dort aber nicht lange, da er den Eindruck gewann, dass auf deren Worte keine Taten folgten. Als die Kommunisten ihn anwerben wollten, schien dies mit seinem Glauben unvereinbar zu sein. Auch sah der nach Freiheit für sein Volk strebende Gamal Abdel Nasser sich nicht in der Lage dem absoluten Machtanspruch einer Partei unterzuordnen.

Nicht viel anders verliefen seine Kontakte zur Muslimbruderschaft unter Hassan al-Banna, deren Handlungen er für religiösen Fanatismus hielt. Er war überzeugt, dass religiöse Toleranz eine der wesentlichen Säulen der Gesellschaft sein sollte. Mit der Unterzeichnung des anglo-ägyptischen Vertrags von 1936 und einem darauffolgenden Dekret der Wafd-Regierung, das die Gründung einer Militärhochschule für Jungen unabhängig von ihrem Vermögen oder ihrer sozialen Herkunft vorsah, zeichnete sich für Gamal Abdel Nasser ein klarer Weg ab. Er gehörte zu den Ersten, die diese Gelegenheit nutzten und trat nach einem Studium an der juristischen Fakultät in die Armee ein.

1938 beendete er erfolgreich die Militärakademie Abasseya als Leutnant, im selben Jahr begegnete er Zakaria Mohy El-Din und Anwar es-Sadat. Es sollte der Aufstieg einer neuen Generation von Offizieren sein, die ihre Zukunft in der Armee als Teil eines größeren Kampfes für die Befreiung ihres Volkes betrachtete. Schnell jedoch stieß er auf das unüberwindlich erscheinende Hindernis der Korruption. 1939 zog er nach Alexandria und lernte Abd al-Hakim Amer kennen, der seinen Wunsch nach Wandel teilte. Kurz nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde er zu einem britischen Bataillon versetzt, das hinter den Frontlinien in der Nähe von El-Alamein stationiert war. Es war das erste Mal, dass er Kontakt zu britischen Soldaten hatte.

1942 nahm die Idee einer Revolution Kontur an, es bedurfte nur einer ausreichend großen Zahl junger und gleichgesinnter Offiziere. Großbritannien stand mit dem Rücken zur Wand und benötigte zur Unterstützung gegen die deutschen Truppen eine folgsame ägyptische Regierung. Miles Lampson, der britische Botschafter in Ägypten, traf sich am 4. Februar 1942 mit Faruk im Abdin-Palast in Kairo, der zuvor von britischen Panzern umzingelt worden war, und stellte dem König ein Ultimatum: entweder würde Mustafa an-Nahhas zum Premierminister ernannt und ein Kabinett bilden, das mit Großbritannien zusammenarbeitete, oder aber er würde entthront. Natürlich willigte der fette Monarch ein.

Was sollen wir nach diesem tragischen Ereignis tun, mit dem wir uns unterwürfig und dienstbar abgefunden haben? Die Wahrheit ist, dass die Kolonialherren nur einen Weg haben, uns zu terrorisieren. Aber an dem Tag, an dem sie erkennen, dass das ägyptische Volk bereit ist, sich selbst zu opfern, werden sich die Kolonialherren wie feige Tyrannen zurückziehen.

Gamal Abdel Nasser in einem Interview mit der Sunday Times vom 18. Juni 1962

Im Mai 1948 beendete Großbritannien sein Mandat über Palästina. Nasser traf sich mit dem Mufti von Jerusalem, Hadsch Amin al-Hussaini, der als Flüchtling in Misr El Gedida lebte, und bot ihm seine Dienste an, um Freiwillige auszubilden und an deren Seite zu kämpfen. Dieser lehnte jedoch ab. Die arabischen Armeen waren nicht aufeinander abgestimmt, eine operative Führung auf höchster Ebene fehlte und die verfügbare Ausrüstung war eine Katastrophe. Auf dem Höhepunkt der Schlacht erhielten die Soldaten zudem den Befehl, für Faruk in Gasa einen weiteren Landsitz zur Erholung zu errichten.

Schlussendlich wurde Nasser dazu abkommandiert, eine Einheit des sechsten Infanteriebataillons nach Iraq Suwaydan zu führen, das unter israelischem Angriff stand. Ahmad Abdel Aziz, der Oberbefehlshaber der Freiwilligen, wurde in seinem Auto auf dem Weg zu einem Treffen in Jerusalem angegriffen und starb. Nasser wurde zweimal verwundet, eine Kugel verfehlte sein Herz nur um fünf Zentimeter. Gleichzeitig häuften ägyptische Politiker Geld aus den Gewinnen an, die sie durch den Kauf von minderwertigen Waffen zu Billigpreisen und deren Weiterverkauf an die Armee erzielten. So konnte es nicht weitergehen. Das Ziel der Revolution war nun die Entmachtung der Muhammad-Ali-Dynastie und somit König Faruk.

1952: Gamal Abdel Nasser (sitzend in der ersten Reihe links) mit den revolutionären freien Offizieren. Zu sehen ist ein Gruppenbild von zwölf uniformierten Offizieren
1952: Gamal Abdel Nasser (sitzend in der ersten Reihe links) mit den revolutionären freien Offizieren

Geplant war, einen Guerillakrieg gegen britische Einrichtungen zu führen und die Oberhäupter des alten Systems zu beseitigen. Die Situation geriet jedoch schnell außer Kontrolle und gewalttätige Demonstration fundamentalistischer Gruppen folgten, später von der wütenden Bevölkerung übernommen, sodass Kairo am 26. Januar 1952 in Flammen stand. Der von den Briten eingesetzte Premier Mustafa an-Nahhas verblieb währenddessen in seinem Haus und der fette König im Abdin-Palast. Erst am Nachmittag, nachdem das Feuer bereits vierhundert Gebäude zerstört hatte und 12.000 Menschen obdachlos waren, wurde der Armee der Befehl zum Eingreifen erteilt. Die entstandenen Schäden beliefen sich auf 22 Millionen Pfund.

Nach längeren Auseinandersetzungen wurde am 23. Juli 1952 um sieben Uhr morgens in einer Rundfunkbotschaft verkündet, dass das Ministerkabinett abgesetzt worden wäre. Die Armee hatte die Macht ergriffen und der König sollte so schnell wie möglich ins Exil geschickt werden. Nachdem er seine Abdankungsurkunde gelesen hatte, unterzeichnete er sie ein erstes Mal, doch seine Hand zitterte derart stark, dass er sie erneut unterzeichnen musste. Unter der Bedingung, sich vor sechs Uhr abends an Deck der königlichen Jacht im Hafen von Alexandria einzufinden, wurde ihm erlaubt, alles mitzunehmen, was er wollte. Trotz seines fast hysterischen Zustandes gelang ihm die Zusammenstellung von 273 Säcken und Kisten.

Nasser spricht am 22. Februar 1958 vom Balkon des Gebäudes der Nationalen Union auf dem Platz der Republik in Kairo zu seinem Volk
Nasser spricht am 22. Februar 1958 vom Balkon des Gebäudes der Nationalen Union auf dem Platz der Republik in Kairo zu seinem Volk

Der Staat Israel wünscht sich ein freies, unabhängiges und fortschrittliches Ägypten. Wir hegen keinerlei Feindseligkeit gegenüber Ägypten wegen dem, was es unseren Vorfahren in den Tagen der Pharaonen angetan hat, und auch nicht dem, was es uns vor vier Jahren angetan hat. Wir haben unseren guten Willen gegenüber Ägypten unter Beweis gestellt – trotz des törichten Verhaltens der Faruk-Regierung uns gegenüber während der Monate, in denen Ägypten in einen schweren Konflikt mit einer großen Weltmacht verwickelt war. Es ist uns nie in den Sinn gekommen, die Notlage Ägyptens auszunutzen, um das Land anzugreifen oder Rache an ihm zu nehmen, wie es Ägypten uns gegenüber getan hat, als unser Staat gegründet wurde.

Ben-Gurions am 18. August 1952 an Nagib gerichtete Erklärung in der Knesset

Tatsächlich jedoch sahen die zionistischen Nachbarn Ägyptens Gamal Abdel Nasser als den „Hitler vom Nil“, wohingegen die meisten Araber ihn als Vorkämpfer eines säkularen, panarabischen Nationalismus erachteten. In seiner verlogenen Knesset-Rede richtete sich der engstirnige Ben-Gurion am 18. August 1952 noch an General Muhammad Nagib. Als ihm später jedoch klar wurde, dass der eigentliche Anführer Ägyptens Gamal Abdel Nasser war, erklärte ihm Ben-Gurion kurzerhand den Krieg. Der 1886 geborene Gründervater Israels war vom Charisma und der Energie des über dreißig Jahre jüngeren Nassers eingeschüchtert und fürchtete sich davor, dieser wäre dazu imstande, die arabische Welt derart zu einen, dass daraus ein unbezwingbarer Feind des auf Landdiebstahl von Arabern fußenden Judenstaates entstünde.

Zu Beginn konzentrierten wir alle unsere Ressourcen auf den Wiederaufbau unseres Landes, und es gab keine Pläne, die Armee mit weiteren Waffen auszustatten. Ich erhielt Zusicherungen von der amerikanischen und der britischen Regierung, dass unsere Sicherheit gewährleistet sei und es keine Aggression Israels gegen uns geben würde. Ich konnte die Armee davon überzeugen. Doch plötzlich kam es 1955 zu Angriffen auf den Gasastreifen. Viele unserer Soldaten wurden getötet. Das war der Beginn der Auseinandersetzungen mit den Israelis nach der Revolution. Natürlich entstand nach diesen Angriffen der Bedarf an Waffen. Sie kennen die Geschichte. Großbritannien lehnte ab, Amerika lehnte ab, und schließlich erhielten wir Waffen von der Sowjetunion.

Gamal Abdel Nasser in einem Interview mit der New York Times vom 15. Februar 1970

Zwei Tage nach dem Referendum am 23. Juni 1956 wurde Gamal Abdel Nasser offiziell zum Präsidenten erklärt. Während der 18 Jahre seiner Herrschaft gingen von ihm immer wieder Versuche aus, sich mit Israel zu arrangieren. Ben-Gurion aber bevorzugte militärische Dominanz und somit einen Krieg, auf den er sich im Einvernehmen mit Frankreich und Großbritannien systematisch vorbereitete. Wie bei Mossadegh im Iran sah man auch im jungen Nasser ausschließlich eine Bedrohung der eigenen Interessen. Die Ziele der beiden ehemaligen räuberischen Kolonialmächte waren deckungsgleich mit jenen der künftigen vom Zionismus vertretenen. Das Bild Israels als Fremdkörper und Brückenkopf des feindlichen Westens in der Region war entstanden.

Was ich eigentlich sagen will, ist, dass es einen Staat geben wird, in dem Juden, Muslime und Christen leben, denn wer wurde aus Israel vertrieben? Die Christen und die Muslime. Wenn die Flüchtlinge zurückkehren, wird es wirklich kein fanatischer Staat [Israel] mehr sein, wie er es derzeit ist – denn hier ist die Rede vom Judentum und vom Staat des Judentums. Wir sprechen nicht vom Staat des Islam.

Gamal Abdel Nasser in einem Interview mit der New York Times vom 15. Februar 1970
Der charismatische Präsident: gegenüber Gamal Abdel Nasser wirkte David Ben-Gurion wie ein Giftzwerg
Der charismatische Präsident: gegenüber Gamal Abdel Nasser wirkte David Ben-Gurion wie ein Giftzwerg

Ben-Gurion war erklärter Feind der panarabischen Idee und tat alles in seiner Macht Stehende, um deren Verwirklichung zu verhindern. Selbst die Mehrheit der Palästinenser verehrte Nasser wie einen Propheten und war bereit, die palästinensische Identität im Panarabismus aufgehen zu lassen. Erst nach der von Israel verursachten Niederlage einer länderübergreifenden arabischen Einheit rückte die palästinensische Identität wieder in den Mittelpunkt. Die Chance einer friedlichen Koexistenz zwischen Christen, Moslems und Juden in der Levante war vertan, woran auch die frostigen Abkommen Israels mit Ägypten (26. März 1979), Jordanien (26. Oktober 1994) oder im Rahmen des von Trumps USA durchgepeitschten Abraham-Abkommens nichts ändern würden.

Ich könnte nicht akzeptieren, Israel auch nur einen Zoll arabischen Territoriums zu überlassen. Ich betrachte die Frage als ein ganz einfaches Problem. Wenn wirklich alle Frieden wollen – auch wir wollen Frieden. Aber was bedeutet Frieden für uns? Frieden bedeutet die vollständige Räumung der besetzten Gebiete, einschließlich Jerusalems, und danach die Anerkennung Israels, das Existenzrecht Israels sowie die Freiheit der Schifffahrt im Sueskanal.

Dann wird es Frieden geben. Es werden keine Polizeikräfte mehr benötigt, keine entmilitarisierten Zonen, denn wenn wir das Flüchtlingsproblem lösen und Israel Grenzen ohne territoriale Ausdehnung akzeptiert, wird es eine Lösung geben. Dieses Problem dauert nun schon 20 Jahre an, weil es keine Lösung für das Flüchtlingsproblem gab, und wenn es keine Lösung gibt, wird es weitere 20 Jahre andauern. Ich hoffe, Sie verstehen mich.

Gamal Abdel Nasser in einem Interview mit der New York Times vom 15. Februar 1970
Nasser war Präsident einer einzigartig revolutionären Zeit: im September 1960 trafen sich Gamal Abdel Nasser, Jawaharlal Nehru, Kwame Nkrumah, Sukarno und Josip Tito in Jugoslawien
Präsident einer einzigartig revolutionären Zeit: im September 1960 trafen sich Gamal Abdel Nasser, Jawaharlal Nehru, Kwame Nkrumah, Sukarno und Josip Tito in Jugoslawien

Die aus Ägypten vertriebenen Briten wollten Gamal Abdel Nasser ähnlich wie Mohammed Mossadegh stürzen, um ihre gewohnten Methoden der Ausbeutung fremder Völker fortzusetzen. Nasser besaß nicht nur die Frechheit, das Eigentum der britischen Aktionäre der Sueskanal-Gesellschaft nicht anzuerkennen, für die Franzosen war Nasser zudem treibende Kraft, wenn nicht sogar Ursprung, des algerischen Befreiungskriegs. Ebenso wie Israel schon von der reinen Existenz des unterdrückten Palästinas angewidert war konnte Frankreich es nicht akzeptieren, dass Algerien nach Unabhängigkeit strebte und sah in Nasser einen Aufwiegler. So machten die beiden europäischen Mittelmächte mit einem David Ben-Gurion gemeinsame Sache, der die neu erstarkten ägyptischen Streitkräfte von Anfang an vernichten wollte.

Die britische Insel, Frankreich und Israel planten dazu eine militärische Provokation Ägyptens. Israelische Fallschirmjäger sollten in der Nähe des Sueskanals abgesetzt werden und der daraus resultierende Konflikt mit den ägyptischen Streitkräften den Franzosen und Briten als Vorwand dienen, das Kanalgebiet zu besetzen, um die Wasserstraße zu „sichern“. Der Plan wurde umgesetzt, scheiterte jedoch nicht nur aufgrund des Einspruchs der UdSSR, sondern auch der überraschend scharfen Reaktion der USA. Das in großer Geheimhaltung vorangetriebene Vorhaben wurde weltweit als letztes weltpolitisches Aufbäumen zweier Kolonialstaaten im Niedergang wahrgenommen.

Die Einnahmen des verstaatlichten Sueskanals versetzten Nasser später in die Lage, nicht nur das Großprojekt des Assuan-Staudamms umzusetzen, sondern auch zahlreiche kleinere Bauprojekte im ganzen Land. Er setzte zudem eine Reihe herausragender Reformen durch, wie etwa die Einführung des Frauenwahlrechts, eine kostenlose medizinische Versorgung für die Bevölkerung und die unentgeltliche Ausbildung der ägyptischen Jugend. Auch gelang ihm im Gegensatz zur „weißen Revolution“ des verkommenen Schahregimes in Persien nach Nagibs Bodenreform eine erfolgreiche Enteignung von Großgrundbesitzern und die Aufteilung und Weitergabe deren Ländereien an Kleinbauern, die vom ägyptischen Politikwissenschaftler und panarabischen Marxisten Anwar Abdel-Malek zutreffend als „ausgebeutete Masse, die von Hunger, Krankheit und Tod umgeben ist“ bezeichnet worden waren. Vor der Absetzung des Königs waren mehr als 65% des Landes in den Händen von nur sechs Prozent der Bevölkerung und weniger als ein halbes Prozent der Ägypter verfügte über mehr als ein Drittel der gesamten fruchtbaren Fläche.

Gamal Abdel Nasser prägte Ägypten wie kein zweiter Staatschef. Mehrere Jahre lang war er das Idol der arabischen Welt, Symbol einer bis dahin unbekannten Einheit, die ihren Höhepunkt in der Gründung der ägyptisch-syrischen Vereinigten Arabischen Republik erlebte, die von 1958 bis 1961 bestand. Doch Israel konnte sich mit derlei arabischem Übermut nicht abfinden, nutzte eine sich bietende strategische Gelegenheit und besiegte Ägypten im Juni- oder Sechstagekrieg von 1967, eine Schmach, die Nasser zum gebrochenen Mann machte. Er verstarb kurz nach dem Abschluss des Gipfels der Arabischen Liga am 28. September 1970 an einem Herzinfarkt. Schon kurz nach seinem Tod wurde behauptet, er wäre im Januar 1970 von Sadat vergiftet worden, wofür es jedoch bis heute keine Belege gibt. Auch ohne Giftmord ging die Rechnung Israels aber auf und der panarabische Gedanke erstarb.

Nach dem Juni- oder Sechstagekrieg von 1967 war Gamal Abdel Nasser ein gebrochener Mann
Nach dem Juni- oder Sechstagekrieg von 1967 war Gamal Abdel Nasser ein gebrochener Mann

Nassers Nachfolger Anwar es-Sadat besaß nicht annähernd das Charisma seines Vorgängers. Der gute Mann mit der Gebetsrosine war kein Visionär, ließ auch keine nationalen Großprojekte errichten, hatte dem Westen gegenüber jedoch den Vorteil einer charmanten Gattin, mit der sich geneigte Journalisten und Politiker gepflegt unterhalten konnten. Die religiösen Ägypter wusste Sadat unter anderem mit großen Freiheiten für die Muslimbruderschaft zu überzeugen, die seit einem Attentat auf Nasser 1954 verboten waren. Sadat arrangierte sich letztlich irgendwann mit allen Fundamentalisten im Land. Ihm war es auch zu verdanken, dass der Schleier in das Alltagsbild des Landes zurückfand. Obgleich Gamal Abdel Nasser ebenfalls ein gläubiger Muslim war, vertrat er vor allem säkulare Werte.

[…] in ihren Erklärungen haben der Ministerpräsident, der stellvertretende Ministerpräsident und der Verteidigungsminister [Israels] gesagt, dass sie ein größeres, ausgedehnteres Israel wollen. Sie haben beschlossen, Jerusalem einzugliedern. Sie sprachen davon, weitere Gebiete aus Syrien, Jordanien und Ägypten einzugliedern. Deshalb betrachten wir die Israelis mit Misstrauen und noch mehr als das. Wir sind sicher, dass sie eine Expansion anstreben. Wissen Sie, sie sind ein Land ohne Grenzen. Sie sagten, sie hätten keine Grenzen und wollten über unsere Grenzen verhandeln. Was bedeutet das? Das bedeutet Expansion. Das bedeutet, dass sie Gebiete anderer Länder ihrem Land einverleiben wollen. Sie sprechen davon, dass die nächste Generation die tatsächlichen Grenzen Israels festlegen werde.

Gamal Abdel Nasser in einem Interview mit der New York Times vom 15. Februar 1970

Das nach über fünf Jahren sorgfältigster Renovierungsarbeiten am 28. September 2016 eröffnete Nasser-Museum in Kairo sei dem politisch interessierten Reisenden besonders anempfohlen. Es befindet sich im ehemaligen Privathaus der Familie und enthält alle nur denkbaren Erinnerungsstücke eines Präsidenten, der die Zukunft sämtlicher Ägypter nachhaltig veränderte. Auf einem 13.400m² großen Grundstück und einer 1.300m² großen Ausstellungsfläche kann dank großzügiger Familiengaben vom Schlafanzug über die legendären Brillen, die Bibliothek bis hin zum Badezimmer und Schlafgemach alles zum Thema Nasser in Augenschein genommen werden. Ergänzt werden die privaten Objekte von einer Vielzahl von Dokumenten und multimedialen Inhalten. Und selbst wer sich nicht für den Mann oder dessen Wirken interessiert, der kann zumindest einen außergewöhnlichen Ausflug in eine der historisch bedeutsamsten Epochen des 20. Jahrhunderts unternehmen. Ägyptens heutiger Staatschef al-Sissi ist ein Bewunderer des charismatischen Präsidenten, sodass Nassers Andenken sicher aufrecht erhalten werden wird.

Nun, wissen Sie, unter den Israelis gibt es einige Meinungsverschiedenheiten. Einige von ihnen wollen ein bestimmtes Stück Land, andere wollen ein größeres Stück Land, manche wollen alle besetzten Gebiete an Israel angliedern. Und ich glaube, viele Israelis und viele Juden wollen alle besetzten Gebiete angliedern, das heißt, das gesamte alte Palästina, einen Teil Ägyptens und einen Teil Syriens zu besitzen. Das ist eigentlich der Grund, warum es solche Meinungsverschiedenheiten gab. Und glauben Sie nicht, dass es damit vorbei wäre, wenn sie all diese Gebiete annektieren würden. Innerhalb der nächsten zehn Jahre werden sie weitere Gebiete dazubekommen, denn ihre Pläne sind bekannt.

Gamal Abdel Nasser in einem Interview mit der New York Times vom 15. Februar 1970

Geschichte wiederholt sich in vielfältiger und nicht selten hinterhältig erscheinender Weise, Biografien wie jene Nassers sind daher als Anregung von besonders hohem Wert. Was in Teheran 1953 mit einem Coup der Briten und US-Amerikaner und in Kairo mit dem Tod Nassers endete, führte zwar in keinem der beiden Fälle zu einem Happy End, doch konnte Ägypten zumindest bis zum heutigen Tag seine Unabhängigkeit und weitgehende Unversehrtheit bewahren, was angesichts des extremistischen Nachbarlandes fast schon ein Wunder ist.

David Andel