Abbildung des Teufels

Der Teufel an der Wand lebt in Israel

Es ist seit Jahrzehnten unmöglich, sich als Mensch gebliebener Jude oder Nichtjude noch mit dem zu identifizieren, was aus diesem staatlichen Experiment europäischer Couleur wurde. Israel entwickelt sich politisch und gesellschaftlich konsequent in Richtung des Zerfalls nicht nur von Hoffnungen und Visionen, sondern auch Institutionen und Werten. Was wohl besser ist? Eine Zweistaatenlösung, Einstaatenlösung oder gar kein Staat? Über die Folgen einer Wahl in einem Land meist kriegstüchtiger Parteien.

Die israelische Bevölkerung hat sich infolge der intensiven Pflege ihrer Feindbilder als unbelehrbar erwiesen. Wer den Teufel derart leidenschaftlich und immer größer an die Wand malt, sodass irgendwann keine Alternative abseits ewiger Kriege mehr sichtbar scheint, wird irgendwann mit dem konfrontiert, wovor er dauernd warnt, dem eigenen Ende. Es sind die so genannten sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, die unsere Staaten immer mehr in die Ecke des Unausweichlichen manövrieren und sie unweigerlich an einen immer unvermeidlicheren Ort ohne Wiederkehr führen. Armeen können keine Sicherheit erzeugen, die von Extremisten definiert wird. Völkerwanderungen sind endgültig und können nicht storniert werden. Religiös verblendet stiehlt sich der Zionismus immer weiter durch und denunziert jede Reaktion darauf als Terror, jede Empörung infolgedessen als Antisemitismus. Ein Patentrezept ewigen Ärgers und absoluter Freudlosigkeit, gesellschaftliche Krankheit als Lebensprinzip, ein nicht enden wollendes Sterben von Komfort und Kultur.

Hochhausgroße Likud-Wahlwerbung mit Abbildungen des iranischen Revolutionsführers Modschtaba Chamenei, des Bürgermeisters von New York City Zohran Mamdani, des Präsidenten der Republik Türkei Recep Tayyip Erdoğan und des libanesischen Hisbullah-Generalsekretär Naim Kassim und dem Hinweis „Sie wollen, dass Netanjahu verliert; lasst sie nicht gewinnen.“
Hochhausgroße Likud-Wahlwerbung mit Abbildungen des iranischen Revolutionsführers Modschtaba Chamenei, des Bürgermeisters von New York City Zohran Mamdani, des Präsidenten der Republik Türkei Recep Tayyip Erdoğan und des libanesischen Hisbullah-Generalsekretär Naim Kassim und dem Hinweis „Sie wollen, dass Netanjahu verliert; lasst sie nicht gewinnen.“

Die einzige Bibikratie des Nahen Ostens ist einzigartig vor allem in ihrem Versagen: keine Sicherheit, kein Frieden, kein Ende der Korruption, keine regionale Integration, keine Stärkung der Säkularisierung, keine Verbesserung internationaler Beziehungen, keine Erhöhung des Ansehens – der Pariastaat ist in aller Welt verhasst, auch und gerade dort, wo unbeliebte Regierungen es gerne anders hätten. In Europa herrscht noch immer der Gedanke vor, man hätte die Araber nach ihrer Entlassung in die Unabhängigkeit einfach dazu zwingen müssen, die Installation der Juden in ihrer Mitte zu akzeptieren. Die zionistische Kolonialisierung ist jedoch noch schlimmer als die britische und französische, einen Sinn ergibt das in keinem Zusammenhang.

Das opportunistische Konzept eines Staates, dessen Bürger sich mal als Mitglieder einer Religion und mal eines Volkes, zumeist aber als Opfer sehen, untermauert bereits seine Absurdität. Die Tatsache jedoch, dass arabische Parteien inmitten jener demokratischen Illusion von jeglicher Koalition ausgeschlossen werden sollen, bestätigt vor allem sein rassistisches Fundament. Ein Land schließlich, in das zum Judentum konvertierte Hinz und Kunz als eingewanderte Siedler mehr Rechte als dort geborene Araber haben, kann nur zu einem völkischen Absurdistan werden. Die politische Landschaft Israels ist bestenfalls verwirrend, der Wahlausgang untermauert dies in jeder Hinsicht. Zahlreiche Israelis, die ihren Lebensmittelpunkt längst außerhalb des zwar gelobten aber anstrengenden Landes sehen, fanden sich zur Wahl am 27. Oktober in Israel ein, meist um eine weitere Runde Netanjahu zu verhindern. Sollte König Bibi also mit dem Wahlausgang nicht zufrieden sein oder keine ihm genehme Koalition mehr bilden können, müsste er nur auf die Karte der Neuwahlen setzen, denn eine Wiederholung des Wahltourismus scheint unwahrscheinlich.

So wie in Frankreich Macrons einziger Vorteil war, nicht Le Pen zu sein oder wie in den USA Biden keinen Trump geben konnte oder wollte, beide Politiker darüberhinaus aber für sonst kaum etwas standen, besteht Israels politische Szene zunehmend aus bereits bibifizierten oder noch nicht bibifizierten Parteien, die aber garantiert keinen politischen Wandel mehr versprechen. Noch ist Netanjahu der Schlauch, durch den die westlichen Interessen fließen. Sein Ende naht aber so oder so: alters- und krankheitsbedingt oder als politischer Versager, der mehr verspricht als hält, vor allem im Bereich der Wirtschaft und des Wohlstandes. Die Alternative wäre, und das ist der Fluch einer Demokratie, die Israel nicht ist, dass noch nicht bibifizierte Parteien wie Eizenkots Jaschar mit jenen Kräften koalieren müssten, die sie am liebsten loswürden, nämlich den Arabern, die gleichzeitig die einzig legitimen Bewohner Palästinas sind, wie Israel vor dem völkischen Neustart von 1948 noch hieß.

Die Sitzverteilung in der Knesset (Einkammerparlament Israels) nach den Wahlen vom 27. Oktober 2027
Die Sitzverteilung in der Knesset (Einkammerparlament Israels) nach den Wahlen vom 27. Oktober 2026

Die Koalition mit den verhassten Arabern schließen die fast ausnahmslos rechten Parteien allesamt aus, zur Gründung einer Alternative sind die Mehrheiten unzureichend, zur großen Koalition zwischen Eizenkots Jaschar und Netanjahus Likud fehlt die Bereitschaft ebenso wie zur Rotation beziehungsweise schichtweisen Aufteilung der Legislaturperiode zwischen dem entschlossen-unerfahrenen Eizenkot einerseits und dem abgenutzt-verkommenen Netanjahu andererseits. Verfehlt Bibi seinen Posten, erwarten ihn innerhalb wie außerhalb des Landes rechtliche Konsequenzen. Regiert er weiter, wird er immer neue und immer brutalere Kriege führen, die selbst dann, wenn er irgendwann einmal das Zeitliche segnet, kaum mehr zu beenden wären. Nur eine Koalition der Vernunft kann Israel noch aus dieser Spirale herausführen, eine Koalition mit jenen also, die als Feinde gesehen werden.

Es wäre das Ende allerdings des zionistischen feuchten Traums, die ganze Region wie einst zur Blütezeit des Kolonialismus die ganze Welt beherrschen zu wollen. Nur unterwerfen sich zunehmend weniger Menschen so leidenschaftlich gern wie die Deutschen unter die Herrschaft der USA. Dennoch ist dieser Traum noch längst nicht ausgeträumt und wird die Menschheit unter stets neuen Vorzeichen immer wieder heimsuchen, da Konservative Neokonservative gebären, nicht lernfähig sind und bis in den Tod vorwiegend anderer an ihren ewig gestrigen Prinzipien festzuhalten gewillt sind. Sie gehen dabei willentlich über Leichen und zerstören soziale Errungenschaften unter Vorgabe der Wiederherstellung einer besseren Welt, die, und soviel ist derweil sicher, ohnehin kein vernünftiger Mensch jemals haben wollte.

David Andel