Laurel & Hardy in „Call Of The Cuckoo“ (1927): zu sehen ist Stan Laurel, der gerade dabei ist, Oliver Hardy einen Apfel auf den Kopf zu legen.

Kein Land der Welt will Israel als Nachbarn

Die Heuchelei um den vom Westen ausreichend weit entfernten Staat Israel kennt keine Grenzen. Jene Juden, die für Europa am besten stets woanders oder tot zu sein hatten, sollten zumindest von den Arabern mit offenen Armen empfangen werden. Zum Dank dafür gab es wiederum Enteignung, Tod und Verderben. Das schlechte Gewissen der Europäer, europäische Juden jahrhundertelang wie Untermenschen behandelt zu haben, führt dabei zu immer neuen psychologischen Abenteuern.

In rechtskonservativen Postillen wie der Schweizer NZZ (Neue Zürcher Zeitung) wird inmitten gefühlt endloser Beiträge über heimatliche Befindlichkeiten, leidende Investoren, wirtschaftliche Egoisten, hirnlosen Konsum, gefährliche Russen, berechnende Chinesen, mordlustige Araber und heilige Ukrainer auch immer wieder gern über die Gemütsverfassung des ewig missverstandenen Israels spekuliert, so wie unlängst mit der Behauptung, es gäbe eine „verquere Idee, dass Juden Opfer bleiben müssen“. Das konnte Benedict Neff, Ex-Referent des Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner und heutiger Leiter des Auslandsressorts der NZZ (Neue Zürcher Zeitung), einfach nicht sein lassen, ließ seinen Gedanken freien Lauf und wurde so ein weiteres Mal zum ungekrönten Zeilenschinderkönig.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Mord an sechs Millionen Juden wurde Deutschland ein quasipazifistisches Land. Die Deutschen hatten sich mit ihrem Nationalismus und Militarismus so in den Abgrund gestürzt, dass sie nun mit Krieg und Waffen fast gar nichts mehr zu tun haben wollten.

Benedict Neff, Ex-Referent des Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner und heutiger Leiter des Auslandsressorts der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) über das missverstandene Israel

Erneut finden alle anderen Opfer Deutschlands keine Erwähnung, sonst wäre der Beitrag schnell verpufft. Deutschland ist als NATO-Mitglied seit 1955 auch kein „quasipazifistisches“ (was immer das sein soll) Land und an fünfter Stelle der weltgrößten Rüstungsexportstaaten. Neff wurschtelt sich eine Anschauung zurecht, wie sie verquerer nicht sein könnte und damit einen demagogischen Ansatz darstellt, der den ehemaligen antijüdischen Propagandisten und späteren Philosemiten Axel Cäsar Springer zu Tränen gerührt hätte. Kaum verwunderlich, denn der NZZ-Chefredakteur (oder, wie man in der Schweiz sagt: Chefredaktor) Eric Gujer holte besagten Neff 2021 von einem Ausflug in eben jene Springer-Hirnwaschanlage in das Land der Kuckucksuhren zurück.

Gujer war auch an der Integration des Plagiatoren Dominik Feusi in die NZZ beteiligt, dessen journalistisches Talent, einen Artikel des später durch Springer im Blindflug übernommenen britischen Telegraph weitgehend abzuschreiben (hier der direkte Vergleich), bereits bei dessen Anstellung bekannt war. Gujer sollte die seit 1780 bestehende NZZ Anfang 2015 auf Vordermann bringen, versetzte die Redaktion in der Zürcher Falkenstraße aber in Angst und Schrecken und tritt nun selbst angeschlagen nach zwölf Jahren zum 1. Februar noch vor seinem 65. zurück. Und das ist keine Sekunde zu früh, war Gujer in der Vergangenheit doch vor allem für einen inhaltlichen politischen Rechtsruck bekannt.

In einem Beitrag wie jenem von Neff findet sich denn auch die gesamte rechtspopulistisch-kapitalistische Sicht der Dinge wieder, die es seitens der alten und neuen so genannten aber nie tatsächlichen Konservativen fortwährend zu verteidigen gilt. Sie wollen keine Nazis mehr sein, sympathisieren aber mit deren politischen Erben. Sie sind zwar gegen die Annexion Russlands von Teilen der Ukraine, befürworten aber sämtliche Annexionen Israels oder der USA. Der Einmarsch der Sowjetunion nach Afghanistan war schlecht, der Einmarsch der USA nach Afghanistan war gut. Die Diktatoren des Westens sind notwendig, alle anderen sind zu bekämpfen, usw. usf.

Mögen die Russen, Nordkoreaner, Syrer und Iraner Menschenrechte verletzen, wie sie wollen, in der Uno spricht man am liebsten über Israel. Am 10. November 1975 verabschiedete die Uno die berühmte Resolution 3379 und stellte fest, «dass der Zionismus eine Form des Rassismus und der rassistischen Diskriminierung ist».

Benedict Neff, Ex-Referent des Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner und heutiger Leiter des Auslandsressorts der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) über das missverstandene Israel

Es ist ermüdend, auch Journalisten der NZZ immer wieder erklären zu müssen, dass weder Russen, Nordkoreaner, Syrer noch Iraner ein ganzes Volk enteignet und vertrieben haben, um anschließend auf dessen Grund und Boden einen neuen nationalreligiösen Staat zu gründen. Israel jedoch hat dies getan und expandiert immer noch vor den Augen der Welt, nur nicht jenen der NZZ-Redaktion. Dass dies den Vereinten Nationen, nicht aber der NZZ, unangenehm aufstößt, liegt womöglich am abgeschotteten und abgelegenen Charakter der Schweiz, der NZZ-Autoren oder beidem, ist aber eher ein Makel der NZZ denn der Vereinten Nationen. Die speziellen Schweizer Beziehungen zu den von Deutschland verfolgten Juden lassen sich vielerorts nachlesen. Eine 1996 eingesetzte Expertenkommission in nur einem Fall von vielen kam zu folgendem Schluss:

In der Nachkriegszeit lässt sich eine Tendenz zur Verdrängung der Vergangenheit feststellen. Wie auch in anderen Bereichen, beispielsweise dem Goldhandel oder dem Markt mit geraubten Kunstwerken, hatte in der Schweiz niemand Interesse, diese Geschäfte aufzudecken und strafrechtlich zu verfolgen. Im Hinblick auf den «Menschenhandel» trifft dies um so mehr zu, als sowohl die Motive als auch die einzelnen Tätigkeiten nur schwer überprüfbar waren und heute immer noch sind. Das Nachlassen des äusseren Drucks nach den Washingtoner Verhandlungen verstärkte zudem die schweizerische Haltung, Vergangenes ruhen zu lassen.

Die Schweiz und die deutschen Lösegelderpressungen in den besetzten Niederlanden

Wieso also diese viel zu späte Für- und Seelsorge für ein Israel, das angeblich der Heimathafen aller Juden dieser Welt sein soll? Die Schweiz war alles andere als ein Land besonderer Hilfsbereitschaft gegenüber den verfolgten Juden im deutschen „Dritten Reich“, weshalb Neffs Hinweis auf den behaupteten Judenhass im Nahen Osten als „konstitutives Element der arabischen Kultur“ besonders erstaunt. Neff bleibt sämtliche Beweise schuldig und erklärt auch nicht, ob der von ihm konstatierte Judenhass der arabischen Kultur bereits vor oder erst nach der Staatsgründung Israels der Fall war. Die vorgeblich neutrale Schweiz würde Israel als direkten Nachbarn oder Eroberer seiner Ländereien mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wie die Pest hassen, überhaupt jeder Staat auf dieser Welt würde es verabscheuen, verleugnete man sein Land und sein Volk einfach und gründete dann dort einen expansionistischen und mittlerweile auch sehr radikalen und religiösen Staat.

Im Spätsommer 1942 erhielt die Asylpolitik der Schweiz eine drastische Wendung. Per Präsidialverfügung beschloss der Bundesrat, «künftig […] in vermehrtem Masse Rückweisungen von ausländischen Zivilflüchtlingen» zu veranlassen, «auch wenn den davon betroffenen Ausländern daraus ernsthafte Nachteile (Gefahren für Leib und Leben) erwachsen könnten» (dodis.ch/47408). Bundesrat Eduard von Steiger, Vorsteher des EJPD, verteidigte die Verschärfungen vor dem Nationalrat (dodis.ch/47431). In einer Rede verglich er das Land mit einem «stark besetzte[n] kleine[n] Rettungsboot mit beschränktem Fassungsvermögen» (dodis.ch/14256), eine Methapher, die unter der Formel «das Boot ist voll» berühmt werden sollte.

Die Schweizerische Forschungsstelle Dodis über «Das Boot ist voll» und die geringe Judenliebe der Schweiz genau in jenem Moment, als jede Hilfe gerade in Europa vonnöten war

In Deutschland, der Heimat jenes Tätervolkes, das sich heute als geläutert sieht, da es sich die rassistische wie geopolitisch menschenverachtende Staatsräson einer Laisser-faire-Strategie für Israel verinnerlicht hat, geht die Heuchelei allerdings noch deutlich weiter als in der Schweiz. Dort erinnert man sich einerseits sehr genau und wiederholt an die Scham verlorenen und dann besetzten Bodens. Den Verlust der so genannten Ostgebiete des Deutschen Reiches hat man bis heute nicht verwunden, den der DDR nach dem Ende des bereits zweiten gescheiterten Weltkrieges erst recht nicht.

Die Territorien östlich der Oder-Neiße-Linie, also die 36.966 km² der Provinz Ostpreußen, die 34.529 km² der Provinz Ober- und Niederschlesien, die 31.301 km² der Provinz Pommern und auch die 29.140 km² des Sudetenlandes wollte Deutschland stets zurück. Das Drama um die ehemalige DDR war ungleich größer. Die Zerstörung des nicht ohne Ironie als Deutsche Demokratische Republik bezeichneten „anderen“ deutschen Staats schien eines der Hauptanliegen konservativer deutscher Politik zu sein. Auf das Gebiet der DDR verzichten? Niemals! Man wollte sich jenes Land, das kriegsbedingt fortan sozialistischen Vorgaben zu folgen hatte, unter allen Umständen wieder einverleiben. Auch das war Teil der Staatsräson.

Die Grenzen zwischen Ost und West waren stets sehr klar. Dort gab es keine ostdeutschen Siedler, die sich unter schützender Beteiligung der NVA (Nationale Volksarmee) westdeutsches Land unter den Nagel rissen. Auch terrorisierten die DDR-Militärs nicht die Enklave Berlin, so wie das Israel mit Gasa tut. Als dies mit der Blockade Berlins mal versucht wurde, stand sofort die US-Luftwaffe Gewehr bei Fuß und organisierte so genannte Rosinenbomber. Berlin ging es während seiner Umzingelung immer gut, auch das Drama des Mauerbaus konnte ihm nichts anhaben. Das ist in Gasa andererseits völlig anders, einen Aufschrei des Westens dazu gab es jedoch nicht zu vernehmen. Wieso also Länder wie die Schweiz oder Deutschland meinen, sie könnten Palästina, den Palästinensern und den arabischen und anderen Bewohnern der Nachbarstaaten Israels Lehren erteilen, bleibt schleierhaft. Deutschland hat aus seiner Geschichte keinerlei Lehren gezogen und die ansonsten behäbige Schweiz alles schnell vergessen. Auf welch hohem Ross sitzen diese im Speck des Nachkriegswohlstands auf Kosten anderer immer noch festgefressenen westlichen Staaten?

Spätestens seit dem Sechstagekrieg von 1967 sind die Vereinten Nationen ein Forum für Israelhass. Kein anderes Land wird in unzähligen Resolutionen so häufig kritisiert.

Benedict Neff, Ex-Referent des Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner und heutiger Leiter des Auslandsressorts der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) über das missverstandene Israel

Neff zieht hier erneut den Schluss des strategischen Geisterfahrers, dem nicht nur einer, sondern alle entgegenfahren. Nicht Israel, sondern die Vereinten Nationen irren. Nicht Israel wird immer radikaler, sondern die Feinde Israels. Nicht die bislang offiziell 72.835 getöteten Einwohner Gasas oder 1.193 getöteten Einwohner des Westjordanlandes zählen, sondern die 1.195 von Hamas-Kämpfern am 7. Oktober 2023 getöteten Opfer auf israelischem Territorium, von denen zumindest 14 zudem Opfer des israelischen Militärs waren. Nicht die Rechtsradikalen in der israelischen Regierung zählen, sondern das, was vermeintlich Linksextreme daraus machen …

Die Rechtsextremisten Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir stehen geradezu symbolhaft für das hässliche Gesicht des Staates. […] Wenn Linksextreme von einem rassistischen Apartheidstaat phantasieren, finden sie in Smotrich und Ben-Gvir ihre Erfüllungsgehilfen.

Benedict Neff, Ex-Referent des Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner und heutiger Leiter des Auslandsressorts der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) über die israelischen Regierungsmitglieder Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir

Und so hält Neff es auch mit den Opfern auf palästinensischer Seite, die für ihn natürlich unumgänglich sind, da er einfach unterstellt, dass Israel alles in seiner Macht stehende zur Vermeidung ziviler Opfer „in einer verrohten Ecke der Welt“ täte. Seine Wortwahl ist dabei einzigartig, seine Ignoranz fast unschlagbar. In der Wirklichkeit fernab der Schweiz indessen ist die Zahl der Todesopfer Gasas unter Frauen und Mädchen beispiellos. So sind alleine in den ersten zwei Jahren des israelischen Massenmordes in Gasa 33.000 Frauen und Kinder brutal ums Leben gekommen.

Viel überzeugender ist die Demonstration einer – soweit möglich – disziplinierten militärischen Schlagkraft in einer verrohten Ecke der Welt. Israel unternimmt einen grossen Aufwand, um zivile palästinensische Opfer zu vermeiden. Die israelische Armee informiert die Gegenseite vor einem Angriff und zeigt der Zivilbevölkerung Fluchtwege auf – und gefährdet sich damit selbst.

Benedict Neff, Ex-Referent des Springer-Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner und heutiger Leiter des Auslandsressorts der NZZ (Neue Zürcher Zeitung) über das missverstandene Israel

Insbesondere die konservative Nomenklatura hat sich in Westeuropa eine zweite Realität, ein Paralleluniversum der Werte konstruiert, was jedoch in keinem Bereich einem historischen Vergleich standhält. Die Staatsräson Deutschlands beinhaltet eine koloniale Komponente, die sie als plumpe Ausrede entwaffnet. Ob „Von der Etsch bis an den Belt“ oder „From the river to the sea“ ist nichts weiter als eine Frage des geostrategischen Standpunkts und nicht etwa des ethischen. Die Gefährdung eines staatsrechtlich nicht vorhandenen Existenzrechtes Israels ist letztlich die Gefährdung einer brutalen Besatzungsmacht. Das Recht der Selbstverteidigung haben dabei vor allem jene, die als Erste überfallen wurden. Nicht die Palästinenser kamen ins gelobte Land und nahmen es den Juden weg, sondern umgekehrt. Und jene Juden kamen, weil die Europäer und nicht die Palästinenser sie zuvor vertrieben hatten.

David Andel