Das kleine aber umtriebige Belgien hat längst verdrängt, Verursacher der so genannten Kongogräuel zu sein, die zu Opferzahlen zwischen anderthalb und 13 Millionen Menschen führten. Der heutige Staat ist für Belgien nur noch ein afrikanisches Land von vielen, eine besondere Beziehung zur Demokratischen Republik Kongo gibt es nicht, Sonderrechte ebensowenig, schon gar nicht in Form einer Staatsräson.
Von 1885 bis 1908 „besaß“ der belgische König Leopold II. ein kleines Stück Land in Afrika von bescheidenen 2.345.409 km² Größe. Was er damit oder darin tat, regte damals kaum jemanden auf, es war schließlich sein „Eigentum“. 1899 jedoch veröffentlichte der britische Exil-Pole Joseph Conrad (eigentlich Józef Teodor Konrad Korzeniowski) ein Buch, das Manche entsetzte und das Grauen des Leopold II. zumindest zum Teil öffentlich machte. Es folgten eine Kampagne des britisch-französischen Pazifisten Edmund Dene Morel (eigentlich Georges Edmond Pierre Achille Morel de Ville) und ein Bericht des britischen Konsuls Roger Casement, die beide eigentlich mit ihren eigenen Kolonien genug zu tun gehabt haben sollten. Schlussendlich ging der Besitz Leopolds II. 1908 in den Besitz des belgischen Staates über, den er dann unter dem Namen Belgisch-Kongo bis 1960 behielt.
Conrads Erzählung Im Herz der Finsternis liest sich nicht besonders, ist ein anstrengendes Durcheinander und eines von vielen überschätzten literarischen Werken. Dennoch wurde es mehrfach verfilmt, wobei die berühmteste Umsetzung nicht etwa im Kongo, sondern im Vietnam des brutalen völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der USA spielt. Nicht nur das, denn obgleich der Ort der Handlung verlegt wurde und aus mordenden Belgiern mordende US-Amerikaner wurden, verschwand der koloniale Charakter der Erzählung in der ersten Kinofassung fast vollständig. Erst Jahrzehnte später fanden einige zuvor dem Schnittpult zum Opfer gefallene Szenen von Apocalypse Now (1979) zurück in den Endschnitt des Films, die den französischen Anteil am asiatischen Desaster des Wertewestens darstellen. In jenen Filmminuten trifft der Held Captain Benjamin L. Willard inmitten schwerster Auseinandersetzungen auf eine Gruppe von Franzosen, die ihr Leben als Kolonialisten auf „ihren“ Ländereien genauso unbeschwert weiterführen, als hätte es nie einen französischen Indochinakrieg (1946-55) oder US-amerikanischen Vietnamkrieg (1955-75) gegeben.

Zurück nach Belgien. Dort konnte noch vor wenigen Jahren im Afrikamuseum eine heitere koloniale Sicht auf den einstigen Besitz des brutalen Königs genossen werden. Es galt als das letzte Kolonialmuseum überhaupt und wurde erst vor wenigen Jahren inhaltlich überarbeitet. Nicht vor 2018 entschloss man sich, einen „kritischen Blick“ auf die Inhalte des Museums zu werfen, was nicht nur die Darstellung von Menschen, sondern auch die billigst erworbenen oder gestohlenen Ausstellungsobjekte betreffen sollte. Aber es kamen nicht nur kongolesische Objekte nach Belgien, sondern auch Menschen. Im Alltag von Belgien sind Exil-Kongolesen schon geraume Zeit integriert, insbesondere in Brüssel. Das heißt zwar nicht, dass sie üblicher Bestandteil des abschöpfenden Teils der gesellschaftlichen Hierarchie wurden – als Briefträger, Paketboten oder Hilfskräfte im Gastronomiesektor sind die 250.000 Menschen afrikanischer Herkunft in Belgien jedoch längst gewohnter Anblick. Der Volksmund meint sie als unaufmerksame Autofahrer und in den entsprechenden Vierteln Brüssels als vielleicht etwas weltfremde Zeitgenossen zu kennen. Das erinnert befremdlich an die den Afroamerikanern der USA zugestandene Rolle und hat mit wirklicher Integration natürlich rein gar nichts zu tun.
Deutschland behandelt seinen Massenmord der Dreißiger und Vierziger völlig anders als Belgien den seinen vor dem Ersten Weltkrieg. Die deutsche Bundesrepublik hat schnell erkannt, dass sich aus einer Vergangenheit des Massenmords auch Kapital schlagen lässt und verteidigt seither ein europäisch-amerikanisches Kolonialprojekt namens Israel, da es davon ausgeht, dass es zu seinem Vorteil ist, wenn Araber in Schach gehalten werden, während man ihre Ländereien und Ressourcen stiehlt oder ihre Regierungen nach westlichen Präferenzen einsetzt. Natürlich fanden in den rund 1.000 Todeslagern Deutschlands unter Reichskanzler Hitler auch zigtausend andere Menschen wie Homosexuelle, Kommunisten, Pfarrer, Sinti, Roma, Sowjetsoldaten, Sozialisten, Systemkritiker aller Art, Zeugen Jehovas sowie so genannte Asoziale und geistig Behinderte ihren Tod, nur genoss keine dieser Opfergruppen jemals den besonderen Schutz einer wie auch immer gearteten Staatsräson. Das ist weiter kein Wunder, denn das wäre für das starr transatlantisch ausgerichtete Deutschland nicht von besonderem Vorteil.
Laut dem britischen Historiker Alex J. Kay gehörten zu den massenhaft Ermordeten jenes Deutschlands 300.000 Menschen mit Behinderung, bis zu 100.000 Angehörige der polnischen Elite, 200.000 Roma, mindestens zwei Millionen sowjetische Stadtbewohner als Opfer der deutschen Hungerpolitik, fast 3,3 Millionen sowjetische Kriegsgefangene, etwa eine Million Landbewohner während des Partisanenkriegs (ohne die eigentlichen Partisanen) sowie 185.000 polnische Zivilisten, die während und nach dem Warschauer Aufstand getötet wurden. Mit den ermordeten sechs Millionen europäischen Juden betrüge die Gesamtzahl der Todesopfer durch NS-deutsche Massenmorde mindestens 13 Millionen. Davon abgesehen führte die Politik des Dritten Reichs in den besetzten Ostgebieten zum Tod von Dutzenden Millionen Menschen, insbesondere während des Einmarsches der Wehrmacht in die Sowjetunion ab 1941, der eine Ostfront eröffnete, an der deutlich über ein Drittel aller Opfer des Zweiten Weltkriegs zu verzeichnen waren.
Aber ich werbe im Kreis der europäischen Staats- und Regierungschefs auch immer dafür, dass, äh, Deutschland hier in einer besonderen Verantwortung gegenüber dem Staat Israel steht und wir uns deswegen Sanktionsregimen gegen Israel im allgemeinen nicht anschließen können und wollen. Ähm, und dabei wird es auch äh, äh, jedenfalls, äh, äh, für die gegebene Zeit bleiben.
Bundeskanzler Friedrich Merz über den deutsch-israelischen Ablasshandel während eines Staatsbesuches in Irland am 28. Juli 2026
Es ist wenig verwunderlich, dass Belgien zur Demokratischen Republik Kongo keine besonders enge Beziehung pflegt, es militärisch nicht unterstützt und es niemals zum Bestandteil seiner Staatsräson erklärt hat, so es die überhaupt gibt. Nicht erst seit Egon Bahr wissen wir: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten.“ Und die Demokratische Republik Kongo ist von den Interessen des heutigen Belgiens weit entfernt, bietet neben ein paar noch vorhandenen Bodenschätzen kaum mehr strategische Vorteile. Gleiches gilt auch für andere Bestandteile des ehemaligen Kolonialreiches Belgiens, etwa Ruanda-Urundi, heute die Republiken Ruanda und Burundi. Jene Staaten wurden alles in allem bis zur absoluten Erschöpfung ausgebeutet, daher die sogenannten Kongogräuel, die im wesentlichen auf Zwangsarbeit oder deren Verweigerung beruhten. Ein nicht geringer Bestandteil vom Reichtum Belgiens kommt von jener Ausbeutung und die Vergangenheitsbewältigung in diesem besonders unschönen Bereich erinnert in nicht geringem Maße an die Vergangenheitsbewältigung deutscher Unternehmen wie etwa dem Automobilkonzern BMW und der dahinterstehenden schweigsamen Familie Quandt. Zum Glück ist der hervorragende Dokumentarfilm Eric Friedlers darüber auf YouTube frei verfügbar.
Die Demokratische Republik Kongo darf mit dem Segen Belgiens, der USA oder sonst einem Staat des Wertewestens ganz eindeutig nicht machen, was sie will. Deutschland und die USA halten dies im Falle der antiarabischen Ausbeutungskolonie Israel natürlich anders. Während selbst den aggressivsten und expansionistischsten zionistischen Extremisten Israels die allerhöchsten zivilisatorischen Tugenden zugestanden werden, ist es mit deren Opfern, den Arabern, genau umgekehrt. Sobald deren Intellektuelle auch nur den Hauch einer Kritik am Judenstaat oder dessen Sanktionierung wagen, sind sie im Westen bereits untendurch. Gleiches gilt selbst für Juden, die sich für die Interessen Palästinas stark machen, sodass jene besonders perfide Form der Heuchelei erst recht deutlich wird. Ein ähnliches Schema ist auch in der Ukraine zu beobachten, dessen extremistisch-korrupte politische und militärische Elite ausschließlich als der zu wahrende Kern Europas dargestellt wird, wohingegen sämtliche Russen systematisch als Untermenschen definiert werden und Wladimir Putin als der personifizierte Satan gilt. Der Zweite Weltkrieg war wie der Erste Weltkrieg von Deutschland ausgehend. Und beide betrafen die ganze Welt und nicht nur Menschen jüdischen Glaubens oder ukrainischer Wahnvorstellungen.
Wir befinden uns inmitten einer Welt geheuchelter Werte. Selbst der südafrikanische Oligarch Musk, seines Zeichens reichster Mann der Welt und Vater von mindestens vierzehn Kindern, fühlt sich von Fremden bedrängt, denen er vermutlich zu keinem Zeitpunkt mehr begegnet. Die Hauptstadt Belgiens, das sich einst mit der Ausbeutung des Kongo reich und mächtig mordete, sieht der große Tesla-Zampano durch die herbeigeredete arabische Überfremdung bereits als nicht mehr belgisch an. Deutschland wiederum ist Meister der Schuldumkehr und projiziert seine transatlantisch-neokonservative Außen- und Wirtschaftspolitik bequem nach Israel und die USA unter Vorgabe von gewissensbedingten Zwängen. Die Zahl der Flüchtlinge infolge der im Nahen Osten ausgetragenen Ressourcenkriege des Wertewestens steigt indessen weiter. Die rassistische Heuchelei der deutschen Israelpolitik ist und bleibt widerwärtig. Das Land der Richter und Henker hat, wie sich aus den derzeitigen Beziehungen zu Russland unschwer ablesen lässt, keinerlei Lehren aus seinen beiden Weltkriegen gezogen.
David Andel
