Wenn jemand von den Achsenmächten spricht, dann ist die Rede vom Zweiten Weltkrieg, in denen die drei Staaten Deutschland, Italien und Japan zumindest den einen oder anderen gemeinsamen Feind hatten, so unterschiedlich ansonsten die drei Länder auch in fast allen anderen Bereichen waren. Es gibt aber noch eine andere Achse, nämlich die des schlechten Essens.
Es ist schon ziemlich lange her, dass in der Gaststätte des Hauptbahnhofs von Wiesbaden absonderliche Speisen wie eine „Kraftbrühe mit Ei“ feilgeboten wurden und anstelle von Soßen dort „Tunken“ auf der Speisekarte standen. Der Ursprung solch begrifflicher Verrenkungen muss in der Vermeidung jeglicher Fremdwörter zu verorten sein und daher seinen Ursprung im Dritten Reich haben. In jenem kulinarischen Tempel Deutschlands also, den die meisten Reisenden überhaupt nur deswegen kannten, weil sich dort die besseren Toiletten fanden, gab es mehr oder weniger all das, was den gastronomischen Ruf Deutschlands jahrzehntelang grundlegend ruinierte und nichts, wovon sich auch nur im Entferntesten schwärmen ließe, noch nicht einmal ein unschuldiges Frühstücksei.
Bereits wer das Bahnhofsrestaurant betrat, hatte nicht selten Lust, gleich wieder umzukehren. Auf den Tischen lagen grobgewobene orangene Tischdecken mit Brandlöchern von Zigaretten, denn Rauchen war noch lange nicht verboten und disziplinierte Raucher unbekannt. Die Bestuhlung war wie die Wandvertäfelung aus deprimierend gefärbten Schmutzholz und die in unförmig geschnittenem Schwarz gekleidete Bedienung in orthopädischer Beschuhung bestenfalls nonchalant und schlimmstenfalls weg. Die Speisekarte enthielt all das, was prinzipiell niemand würde essen wollen, der bereits kannte, was schlecht war. Und so hielt man sich dort nur auf, wenn es unabänderlich war, meistens, um irgendwen kurz beruflich zu treffen, da sich so schnell sonst niemand in das hessische Landeshauptdorf verirrte, zwischen dessen schwer erträglicher provinzieller Realität und seinem mondänem Ruf vergangener Tage eine besonders groß Lücke klafft.
Deutschland ist fester Bestandteil der Achse des schlechten Essens, zu der auch die britische Insel und Israel gehören – gleich und gleich gesellt sich gern. Auf der britischen Insel hatte man es sich traditionell zur Aufgabe gemacht, sämtliche Nahrungsmittel grausam zu ersäufen, denn alles, was auf den Tisch kam, unterlag zuvor einem fein säuberlich ausgeklügeltem Küchenhinterhalt, dessen hauptsächliche Funktion es war, alles, aber auch wirklich alles, was zu einem guten Gericht hätte werden können, auf eine unvergesslich-ekelhafte Weise vernichtend zuzubereiten. Es sollte nichts vom ursprünglichen Geschmack übrig bleiben, nur fad und fett musste es sein. Was dann meist in ovalen Tellern auf den Tisch kam, war ein eher kleiner von vielen britischen Seen, aus denen gemüseähnliche und fleischartige Inseln herausragten und der über Generationen hinweg als britische Pub-Tradition missverstanden wurde.
Britische Pubs gibt es heutzutage zunehmend weniger, streng genommen sind kaum noch welche übrig. Das könnte angesichts des Fraßes, der dort verbreitet wurde, als durchaus glückliche Entwicklung wahrgenommen werden, nur ist dem alles andere als so. In London beispielsweise teilen sich nun zwei Arten von gastwirtschaftlichen Betrieben den Markt: zahlreiche Einrichtungen, in denen eine vage Simulation italienischen Essens in Loft-ähnlicher Atmosphäre serviert wird und immer noch etliche Pubs, die jedoch längst in die gierigen Hände von Großkonzernen übergegangen sind, meist solche, die Bier herstellen. In jenen Pubs gibt es wie in den endlos vielen italienischen Scheinrestaurants vorgetäuscht besseres Essen, nur ist dies nichts anderes als massenhaft hergestellte Tiefkühlkost, die man am besten widerspruchslos inmitten von überforderten Familien mit lärmenden Kindern oder frustriertem Büropersonal nach erzwungenem Teambuilding zu verzehren hat. Die Küchen solcher Etablissements sind klein bis nicht vorhanden und werden meist mehrfach in der Woche von Fertiggericht-Großproduzenten beliefert.
Wie in Deutschland entstanden seit den Achtzigern auf der britischen Insel und sonst wo immer mehr gastwirtschaftliche Örtlichkeiten, die prinzipiell nichts anderes als optisch ansprechendes Convenience Food anbieten, das an die Bordverpflegung von Flugzeugen erinnert – mit dem Unterschied allerdings, dass man nie anderswo ankommt, wenn man wieder hinausgeht. Was bei den Briten an Qualität bleibt, das sind die Teesalons, von denen es allerdings kaum mehr welche gibt – man denke alleine an den Verlust des Café Royal im Dezember 2008. Was die Deutschen wiederum immer noch zu bieten haben, das ist ihr hervorragendes Schwarzbrot aus Sauerteig, was nicht minder schwer zu finden ist. Längst haben Großbäckereien das Zepter übernommen und befriedigen den Massengeschmack in ihren massenhaften Franchise-Niederlassungen mit ihrer Massenware.
Das Essen in Israel war über Jahrzehnte hinweg das scheußlichste der Welt. Israelis brachten es fertig, die unterirdische kulinarische Qualität ihrer engsten britischen und deutschen Verbündeten bei weitem zu übertreffen. Sie konnten einfach nicht kochen und mengten alles Unmögliche zu einer Art Brei zusammen, dessen Namen sich kein Mensch je merken wollte – war es vielleicht Kloug oder etwa Doubitchou? Bis die ersten Juden aus dem arabischen Sprachraum dem mehr oder weniger fortwährenden zionistischen Druck zur Ausreise aus ihren angestammten Ländern unterlagen und ins gelobte Land umgesiedelt wurden vergingen gefühlt Jahrzehnte gastronomischer Leiden und mancher „gefilte Fish“, der nach alten Socken schmeckte und diese mutmaßlich auch enthielt, über den leidgeprüften Esstisch. Was dann erstmals Geschmack hatte, das war arabisches Essen, für dessen Erhalt man jedoch in den ersten Imbissen auch Schlange zu stehen hatte.
Das Fusionsküchenmischmasch von Yotam Ottolenghi und Konsorten hingegen ist wie das Land Israel selbst nichts weiter als zusammengeklaute Kultur und hat kaum etwas mit jüdischer Tradition zu tun. Gute jüdische Küche gibt es bis heute vor allem in Rom, etwa die berühmten Carciofi alla Giudia (frittierte Artischockenblätter) oder die Süßspeisen der Pasticceria Boccione. Israel derweil folgte über Jahrzehnte hinweg allzu willig US-amerikanischer Schnellimbiss-Unkultur und ergänzte seine nukleare geschickt mit kulinarischer Abschreckung. Wer in Israel gut essen wollte, fand sich am besten außerhalb des Zionismus im Restaurant Arabesque des American Colony Hotels in al-Quds/Jerusalem ein, das auf die Qualität seiner mediterranen Küche bis heute großen Wert legt und auf die Prädikate der jüdischen Speisegesetze dankend verzichtet.
Als Bibi Netanjahu die israelische Bevölkerung am 15. September 2025 darauf einstimmte, sich auf eine spartanisch-isolationistische Zukunft einzurichten, dachte er weniger an den gastwirtschaftlichen als den wirtschaftlichen Sektor insgesamt. Für ihn sind alle Araber Feinde, die auf seine Schreckensherrschaft nicht mit Unterwürfigkeit reagieren. Jene Araber jedoch sind selbst in den allerschlimmsten Verhältnissen immer noch dazu imstande, schmackhaftes Essen zu produzieren. Etwas, wozu ein durchschnittlicher Brite, Deutscher oder Israeli niemals in der Lage wäre. Es sind eben nicht die Wehrtüchtigkeit und der Wille zur Gewaltanwendung, die Menschen zu Menschen machen, sondern deren einzigartige Fähigkeit, aus den reichhaltigen Ressourcen dieser Welt ein lebenswertes Leben zu gestalten. Etwas, was die Achse des schlechten Essens bis heute nicht beherrscht.
David Andel
