Catherine Ringer live in Brüssel am 4. Juni 2011: zu sehen ist ein Bild der Sängerin in dramatischer Position allein auf der Bühne stehend

Es ist der Tod, der Dich ermordet hat

Das avantgardistische Pop-Duo Les Rita Mitsouko aus Frankreich wurde mit seiner frenetischen Hymne über eine krebskranke Tänzerin namens Marcia Baïla (1984) auch international bekannt. Der grausame Refrain über den Tod, der die schöne Marcia ermordete, verließ einen nicht und hallte nicht nur am 27. November 2007 wider, als zunächst der Gitarrist der Band Fred Chichin an Krebs verstarb, sondern nun erneut zum gestrigen Krebstod von Catherine Ringer, der Sängerin.

Als sie am 18. Oktober 1957 in der östlich von Paris gelegenen Vorstadt Suresnes das Licht der Welt erblickt, hätten sich die Eltern der kleinen Catherine kaum jemals vorstellen können, was alles auf ihre Tochter zukommen sollte. Sie stammt aus keinem gewöhnlichen Elternhaus, ihre Mutter Jeannine Ettlinger war Architektin, ihr Vater der Maler Samuel Ringer, ein Jude aus dem südpolnischen Städtchen Tarnów, in dem auch die propalästinensische Rechtsanwältin Felicia Langer und der Schauspieler Charles Denner geboren wurden.

In der Nähe von Auschwitz
wuchs mein Vater auf.
Er war ein polnischer Jude.
An der Kunstakademie in Krakau träumte er von Paris.
Doch dann überraschte ihn der Krieg.
Mit 19 Jahren wurde er verschleppt.
In diesen fünf Jahren durchlief er
neun verschiedene Lager

Catherine Ringer in ihrem Lied C’était un homme (Es war ein Mann) auf dem Album Cool Frénésie (Cooler Rausch, 2000) über ihren Vater
Coverbild des Albums „Cool Frénésie“ (2000)
Cool Frénésie (2000)

Entgegen aller deutscher Anstrengungen lebt Samuel Ringer noch bis zum 8. Oktober 1986 weiter. Im gleichen Jahr kann es das alte schleimige und um Aufmerksamkeit heischende Ferkel Serge Gainsbourg, eine von vielen in Frankreich zu Unrecht zu lang und sehr vergötterte zweifelhafte Existenz, jedoch nicht lassen und ergötzt sich in der Sendung Mon Zénith à moi daran, die noch am Anfang ihrer musikalischen Karriere stehende Ringer vor laufenden Kameras als Hure zu bezeichnen. Der Tatbestand war eine lang anhaltende und zurückliegende Jugendsünde der späteren Sängerin. Es tauchten pornografische Filmaufnahmen von Catherine Ringer auf, die die Produzenten allzu emsig unter dem nun bekannt gewordenen Begriff Mitsouko erneut vermarkteten. Schockiert über den Ausfall des am Ende seiner Karriere stehenden Sängers gegenüber der Newcomerin äußert sich der Autor Pierre Desproges über Gainsbourg und meint: „Ich mochte ihn zu Lebzeiten sehr.“

Im Alter von 13½ bis 20 Jahren war ich Opfer eines narzisstischen Perversen, der mich in die Welt der Pornografie und der Vergewaltigung hineingezogen hat. Ich war ein kleines Mädchen, das von Eltern im Stich gelassen wurde, die davon keine Ahnung hatten. Man muss dazu sagen, dass wir in den 1970er Jahren in einer Zeit lebten – ich bin nicht die Einzige, die das erlebt hat –, in der man sagte: „Wir werden uns befreien“, „Es lebe die freie Liebe“. Also los, du bist 15, lies doch „Emmanuelle“. Wir machen es wie in „Emmanuelle“, du wirst die Sklavin eines 45-jährigen Mannes, ich übergebe dich ihm, usw. Ich habe mich darauf eingelassen und sehr darunter gelitten. Ich habe viel geweint. Ich hatte viele Nachwirkungen. Nun ja, mittlerweile komme ich auch damit zurecht. Auch er war als Kind in katholischen Schulen mehr oder weniger missbraucht worden. Es ist auch ihm zu verdanken, dass ich angefangen habe, als professionelle Sängerin zu arbeiten. Also, ich werde ihn jedenfalls nicht anzeigen. Außerdem ist die Sache bereits verjährt.

Catherine Ringer am 6. November 2017 über die dunkle Seite ihre Jugend

Die wenig hübschen Komplimente Gainsbourgs können der Karriere Ringers jedoch nichts anhaben. Zusammen mit Fred Chichin schafft sie einige unvergessliche Alben, von denen vor allem das 1986 veröffentlichte The No Comprendo besonders heraussticht und bis heute als absolutes Ausnahmebeispiel französischer Popmusik gelten muss. So etwas hatte man in Frankreich noch nicht gehört, so etwas gab es nie zuvor! Auch die beiden bekanntermaßen europhilen Brüder Ron und Russell Mael (Sparks) aus Los Angeles bekommen Wind von diesem Pariser Sturm musikalischer Kreativität und lassen es sich nicht nehmen, mit Chichin und Ringer in Kontakt zu treten. 1988 folgt das Album Marc & Robert unter aktiver Beteiligung der beiden berühmten US-Musiker.

Wir waren gerade auf einer kleinen US-Tournee. Wir waren in Los Angeles und sie kamen in unsere Garderoben. Das sind Künstler, die sich für europäische Musik begeistern und sich stark davon inspirieren lassen. Wir bewunderten sie sehr, wir waren total begeistert. Ach wirklich, ihr kennt uns? Als sie zu uns sagten: „Wir mögen, was ihr macht, wir sollten mal etwas zusammen machen“, waren Fred und ich völlig aus dem Häuschen. Wir haben drei Songs zusammen aufgenommen: „Singing In The Shower“, „Live in Las Vegas“ und „Hip Kit“ auf dem Album „Marc et Robert“. Das Video zu „Singing In The Shower“ haben wir mit dem Musikvideoregisseur von The Cure, Tim Pope, gedreht. Es war ein schönes Abenteuer, großartige Momente. In den Diskotheken in Europa kam das gut an. Wir haben auch gemeinsam mit ihnen in den französischen Provinzen Werbung gemacht und waren in den Sendungen von FR3 Régions zu Gast. Sie haben das mit viel Herzblut gemacht. Es herrschte eine große Verbundenheit zwischen uns, wir haben viel gelacht. Wir treffen uns immer wieder gerne. Sie waren zum 30-jährigen Jubiläum von „Les Rita“ in der Cigale zu Gast. Sie sind mir sehr am Herzen liegende Freunde.

Catherine Ringer am 25. Mai 2020 über ihr Zusammentreffen mit den Mael-Brüdern

Der Tod ihres musikalischen wie privaten Partners Fred Chichin beeinträchtigt ihre Karriere nur kurz, schon nach wenigen Jahren ist sie auch solo erfolgreich, obgleich vielleicht eine erlaubte Prise weniger experimentell. Die Bewunderin der ebenso unvergessenen wie einmaligen ägyptischen Sängerin Umm Kulthum (أم كلثوم) und des griechischen Superstars der Oper Maria Callas ist kultiviert genug, um es mit der oftmals provinziellen und beliebigen französischen Popmusik jederzeit aufzunehmen. Den Platz Chichins als Gitarrist übernimmt der gemeinsame Sohn Raoul, das Repertoire wird französischer, für manche Fans vielleicht auch bodenständiger, nicht jedoch banaler. Die Fans bleiben ihr treu und begleiten ihre Karriere weiter, sie tritt auf Festivals neben Musikgrößen wie den Stranglers oder Iggy Pop auf. Zwischen 2013 und 2015 ist sie Bestandteil des Trios Plaza Francia, zwischen 2016 und 2018 folgen erneute Auftritte und das neue Album Chroniques et Fantaisies, zwischen 2019 und 2021 tritt sie zu einer vierzigjährigen Jubiläumstournee der Rita Mitsouko an, erkrankt im Juli 2021 an Covid-19 und erleidet am 25. November 2021 während eines Auftritts in Lüttich einen Schwächeanfall. Daraufhin wird es deutlich stiller um sie.

Gegenüber dem Radiosender France Inter äußert Catherine Ringer Anfang 2024, dass sie an jedem Jahrestag des Todes ihres Lebensgefährten „einen völligen Energiemangel, als hätte man mir alles ausgesaugt“ verspüre. „Da muss ich dann einfach eine kleine Pause einlegen“, ergänzt sie. Nun ist das Unfassbare passiert und die Pause wird unendlich. Mit dem Tode der 68-jährigen Catherine Ringer am gestrigen Tage, der auf den Tod des 53-jährigen Fred Chichin vor knapp 19 Jahren folgt, erleidet Frankreich, ja ganz Europa, einen kaum zu ersetzenden kulturellen Verlust. Der Krebstod ermordete beide.

David Andel