Brüssel: Blick aufs Stadtzentrum mit dem Rathausturm der Stadtgemeinde Brüssel in der Mitte

Kein Talent, kein Thema

Über Brüssel wird erstaunlich oft Unsinn verbreitet. Wer in Brüssel wohnt, der weiß natürlich, dass es Probleme gibt, dass das dortige meteorologische Klima typisch für die Region ist und damit nicht der Rede wert. Aufgrund seiner politischen Bedeutsamkeit halten sich in der mittelgroßen europäischen Metropolregion jedoch viel zu viele Korrespondenten auf, denen offenkundig nichts anderes als Erfundenes oder Nebensächliches einfällt, die damit enden, irgendwann über das Wetter zu schreiben.

Es ist immer wieder ein Ärgernis, dass unweigerlich die Bericht erstattenden Hinz und Kunz aller Herren Länder früher oder später in dieser Stadt zu enden scheinen und anschließend über ein Brüssel Auskunft erteilen, das sie selbst niemals gekannt, erlebt oder verstanden haben. Aus der Unkenntnis dieser und wahrscheinlich aller anderen Städte auch, kann geschlossen werden, dass das Talent zwar nicht ausreicht, Themen zu finden und zu entwickeln, dennoch aber fast konsequent entstellt, banalisiert und herabgewürdigt wird.

Vom „Herz-Jesu-Fernsehen“, wie das ZDF einst genannt wurde, ist man niedrigste Standards gewöhnt, weshalb es auch nicht überraschend kam, als dessen Mitarbeiter Udo van Kampen eine Stadt Brüssel beschrieb, die es derart gar nicht gab. Bereits 1987 wurde van Kampen Korrespondent des heimeligen Senders vom Lerchenberg, von 1992 bis 1995 übernahm er zudem die Leitung des Auslandsstudios in der europäischen Kapitale. 2003 kehrte er dorthin zurück und leitete das Studio erneut bis zu seinem Ruhestand am 1. Januar 2015. Das sind rund 19 Jahre Aufenthalt in Brüssel, was einem Journalisten zumindest einen nachhaltigen Eindruck der Stadt vermitteln müsste. Leider war dies nicht der Fall.

In Brüssel gibt es 33.000 Straftaten pro 100.000 Einwohner. Das ist doppelt so viel wie in Frankfurt.

Die Ankündigung Theo Kolls im Heute-Journal vom 13. April 2012 zum Bericht Udo van Kampens

Am Freitag, dem 13. April 2012 ließ es van Kampen richtig krachen und stellte ein Brüssel dar, das Chicago zu Zeiten Al Capones ähneln sollte. Maximal reißerisch, so wie es der Mainzer Provinzsender eben hinbekommt, empörte sich van Kampen über die hohe Zahl der dortigen Verbrechen. Die Rede war von der „gefährlichsten Stadt Europas“, mehr oder weniger fortwährend käme es zu Diebstählen, Raubüberfällen und anderen Übergriffen. Doch die vom deutschen öffentlich-rechtlichen Sender veröffentlichten Zahlen waren um über 100% zu hoch gegriffen. Laut jährlicher Kriminalitätsstatistik der Polizei für das Jahr 2010 wurden in der Region Brüssel 155 Straftaten pro 1.000 Einwohner begangen, folglich also 15.500 je 100.000 Einwohner und nicht 33.000, wie behauptet. Der Ursprung von van Kampens Skandalposse rührte daher, dass er die Gemeinde Stadt Brüssel mit der Region Brüssel-Hauptstadt (insgesamt 19 Gemeinden) verwechselte, was für einen vermeintlich erfahrenen Korrespondenten schlichtweg unverzeihlich ist.

Der Grand-Place ist einer der schönsten Orte Europas, wird aber von der Polizei streng überwacht. Sobald man sich nur ein paar Straßen weiter entfernt, zeigt die Stadt ein ganz anderes Gesicht. Diebstähle, Gewalttaten und Einbrüche finden mitten im öffentlichen Raum statt. […] In Anderlecht und Molenbeek hat die Polizei die Kontrolle verloren.

Udo van Kampen am 13. April 2012 über eine Stadt, die er damals seit rund 17 Jahren kannte

Der zum Skandalreporter gewordene ZDF-Mann interviewte eine deutsche Eurokratin, die Opfer eines Handtaschenraubs geworden und „aus Angst dazu gezwungen war, näher an die Kommission zu ziehen“, den Betreiber eines Restaurants in der Rue de Flandre, der von Brüssel meinte, es wäre „voller Illegaler und von Spannungen zwischen den Gemeinschaften geprägt“ und ergänzte, es gäbe eine mangelnde Polizeipräsenz. Über die Polizei meinte der Gastronom: „Ich weiß nicht, wo sie sind. Wahrscheinlich in ihrem Auto. Oder im Büro. Und wenn man ihnen begegnet, sind sie nachlässig“. Im Anschluss daran kam ein Streifenpolizist zu Wort: „Die Leute wechseln die Straßenseite, um uns zu folgen: Dann fühlen sie sich sicherer.“ Schließlich kam noch ein Juwelier aus dem Stadtteil Uccle zu Wort, der in seinem Geschäft überfallen wurde und erzählte, wie er sich mit einer Pistole an der Schläfe wiederfand. Van Kampen stammt aus dem rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach, einer 54.000-Seelen-Gemeinde, die vor allem Wein herstellt. Wie so oft mag es der Effekt einer Großstadt auf einen Kleinstädter oder Dorfbewohner gewesen sein, der damals zum Tragen kam, was jedoch seltsam ist, da van Kampen zwischen seinen beiden Tätigkeiten in Brüssel fürs Herz-Jesu-Fernsehen auch aus New York City berichtete, was ihm zu einer gewissen Gelassenheit verholfen haben müsste. Aber dem war wohl nicht so.

Van Kampen ist längst keine besonders schlecht informierte Ausnahmeerscheinung. Er ist nur Mitglied im immer größer werdenden Club ortsunkundiger Auslandskorrespondenten. Auch die österreichische Tageszeitung „Der Standard“ leistete sich am 23. November 2015 einen hübschen Schnitzer. Deren Autor Thomas Mayer schrieb damals von den drastischen Auswirkungen der Terroranschläge am 13. November 2015 in Paris auf die Stadt Brüssel.

Am Wochenende vor Adventbeginn startet das Weihnachtsgeschäft in Brüssel traditionell durch. So sollte das auch am Samstag sein, trotz Schneegrieselns. Die Kaufhäuser im Zentrum der Hauptstadt haben in den Wochen vor Weihnachten auch an Sonntagen geöffnet. In den Fußgängerzonen rund um den berühmten Grand Place vor dem Rathaus, wo sich Shopper und Touristen normalerweise zu einem dichten Strom von Menschen bündeln, standen die Verkaufshütten bereit. So etwa auch bei der nahen Börse, an der vorbei der Verkehr normalerweise vierspurig über den Boulevard Anspach rollt.

Thomas Mayer am 22. November 2015 über die „Geisterstadt Brüssel

Es war nicht weiter verwunderlich, dass der Verkehr an jenem Tage nicht mehr „vierspurig über den Boulevard Anspach“ rollte, da er seit Ende Juni 2015, also bereits fünf Monate zuvor, zur Fußgängerzone umfunktioniert worden war. Wäre das Verkehrsaufkommen auf dem Boulevard Anspach an jenem Tag immer noch genauso groß gewesen, wie ein halbes Jahr zuvor, dann hätte es gewiss noch viel mehr Tote gegeben als während der darauffolgenden Terroranschläge in Brüssel am 22. März 2016.

Schon 1913 hieß es im Baedeker-Reiseführer: „Brüssel ist eine schmutzige Stadt, in der ständig Bauarbeiten stattfinden.“ Das hat sich in der Tat kaum jemals geändert, Brüssel scheint sich endlos immer neu erfinden zu wollen und scheitert dabei nicht selten. Jean Quatremer, der französische EU-Korrespondent der Tageszeitung Libération biss sich genau hundert Jahre später erneut an den ewigen Bauarbeiten fest, was bemerkenswerte Ausbrüche zur Folge hatte und selbst manchen Pariser erboste.

Ich gehöre zu jenen Franzosen, die Paris verlassen haben, die „schönste Stadt der Welt“, an der es doch einiges auszusetzen gibt, da das ehemalige Lutetia wie eine ästhetische Fata Morgana wirkt, umgeben vom städtebaulichen und visuellen Grauen ihrer Vororte, die in den 1960er- und 1970er-Jahren errichtet wurden. In Brüssel sind die Straßen zwar nicht vorbildlich und es wird ständig gebaut, doch das ist auch das Bild einer Stadt, die in Bewegung ist, sich nicht in ihren Gewissheiten einigelt und lebt. Sie hat übrigens nie einen Anspruch auf irgendetwas erhoben. Das lässt nur wunderbare Überraschungen erwarten. Sie hat sich nie von Hochhäusern überfluten lassen. Eine Stadt muss leben, und dazu gehören auch Abriss, Bau und Wiederaufbau. Wie ein Phönix.

Der französische Politikwissenschaftler, Exilpariser und Wahlbrüsseler Sébastien Boussois in einer Replik auf Quatremer am 15. Mai 2013

2015 ließ sich der selbst recht ungepflegt wirkende Quatremer über die geringe Frequenz der Müllabfuhr aus und forderte, Brüssel solle seinen Abfall gefälligst wie Paris täglich und nicht nur wöchentlich leeren. Das wäre gewiss nicht verkehrt, nur hat jede Stadt ihre Eigenheiten, Stärken und Schwächen. In Belgien einigt man sich schon prinzipiell auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, damit nicht einer alles, sondern alle etwas erhalten. Und im Gegensatz zu Frankreich ist Belgien noch weit mehr als die Schweiz ein kleines Land mehrerer Sprachen und sehr unterschiedlicher Mentalitäten. Auch die Schweizer Hauptstadt Bern muss übrigens ebenso wie Zürich auf den Pariser Luxus der täglichen Müllabfuhr verzichten.

Kommen Sie nach Brüssel, die Stadt des Mülls, wo die Menschen mit ihrem Müll leben, wo man seine Müllsäcke so sehr liebt, dass man sie auf dem Balkon stapelt, sodass Menschen, die nur eine kleine 60 m²-Wohnung haben, einen Teil ihrer Wohnung dafür opfern müssen, die Müllsäcke zu stapeln.

Jean Quatremer am 7. März 2015 in RTL

In Wohnungen von Müllsäcken terrorisierte Menschen oder überbordende Müllbalkons waren in Brüssel bis dahin eher unbekannt. Aber Quatremer wusste besser zu ermitteln und fand stets das, was sonst niemand fand. Wenn einem Journalisten irgendwann nichts anderes mehr einfällt, als Kritik an der Abfallbeseitigung, muss wie im Smalltalk unweigerlich das Wetter herhalten. So enthielt ein aktueller Beitrag im britischen Guardian über das überteuerte und daher zusammengestrichene Konzept der Neugestaltung des Square Robert Schuman eine bemerkenswerte Feststellung.

Man hoffte, dass Touristen in Scharen zu diesem Wahrzeichen strömen und Selfies in seinem Spiegelbild machen würden. Das begrünte Dach würde einen erfrischenden Kontrast zu den umliegenden EU-Gebäuden aus Glas und Stahl bilden und Schutz vor der Sonne bieten – ein Bedürfnis, das durch die rekordverdächtige Hitzewelle, die Belgien im Juni heimgesucht hatte, noch unterstrichen wurde. Außerdem würde es die Menschen vor dem eher typischen Brüsseler Wetter schützen – es regnet dort etwa 200 Tage im Jahr.

Die britische Brüssel-Korrespondentin des Guardian Jennifer Rankin über das gescheiterte Projekt der Umgestaltung des Square Robert Schuman

Abgesehen von der Tatsache, dass das fundamental uninteressante wie langweilige Europaviertel Brüssels als Hochburg vor allem überbezahlter Beamter garantiert niemals Scharen von Touristen angezogen hat und es in seiner Künstlichkeit und Gentrifizierung auch auf die Einwohner der Stadt weitgehend abstoßend wirkt, muss schlussendlich das Wetter der Stadt dazu dienlich sein, den unnötigen Bau am völlig falschen Ort zumindest irgendwie rechtfertigen zu helfen. Nur regnet es in Brüssel auch nicht mehr oder weniger als etwa in Bordeaux, Florenz, Istanbul, Luxemburg oder Palermo – im Jahr 2025 waren es offiziellen Daten zufolge 145 Tage.

Aber sei’s drum. Angesichts der sich wiederholenden Ärgernisse und Vorfälle forderte Libération zunächst im November 2025, dass der ewige Querulant Quatremer nicht mehr als Journalist besagter Zeitung vorgestellt wird. Zahlreiche Kontroversen hatten zu Disziplinargesprächen und einer Verwarnung gegen ihn geführt. Der 1957 in der 103.000-Seelen-Gemeinde Nanzig geborene Quatremer verließ dann vor wenigen Tagen schmollend jene Zeitung, für die er über 41 Jahre lang seine Schmähschriften verfasste. Quatremers hauptsächliche Begründung: ausufernder Antisemitismus.

David Andel