Bild von Noël Godin in einem Interview des staatlichen belgischen Fernsehsenders RTBF am 28. Januar 1987.

Der verwirrte Tortenwerfer

Noël Godin, der am 23. August im Alter von 80 Jahren verstarb, ist vor allem dafür bekannt, vorübergehend bekannte Persönlichkeiten mit Torten beworfen zu haben. Von vielen verschrien, bekundete er seine kulturellen Vorlieben mithilfe oft missverstandener „konditorialer“ Attentate und war Beispiel eines Gelehrten, der den unmittelbaren Genuss jeglicher Art predigte und sich so gut es ging mit einem „abgestumpften, langweiligen und eintönigen“ Umfeld im Königreich Belgien arrangierte.

Noël Godin ist ein reines Produkt seiner Zeit und seines Umfelds. 1945 in Lüttich in einer bürgerlichen Familie geboren, besuchte er zunächst die katholische Grundschule Saint-Maur und anschließend das Institut Don Bosco der Salesianer; außerdem war er Stammgast im Kinosaal des Jesuitenkollegs Saint-Servais. Es ist nur logisch, dass er zutiefst antiklerikal wurde – was man in Belgien einen „Anti-Calotin“ nennt, in Anlehnung an die charakteristische Kappe der in Vereinen organisierten Studenten katholischer Universitäten.

Er liest und geht ins Kino. Außerdem vertritt er eine rebellische wie subversive Lebensphilosophie und Verhaltensweise, unter der das Lehrpersonal zu leiden hat. Anschließend arbeitet er als Journalist, zunächst bei der belgischen Zeitschrift „Amis du film et de la télévision“ (von der nur zwei spätere Ausgaben in der Königlichen Bibliothek von Belgien einsehbar sind). Dort veröffentlicht er zahlreiche unbemerkt gebliebene und kraft Unkenntnis gern zitierte Fälschungen. Er erfindet nicht nur Filme, sondern auch Filmemacher und Interviews.

Es kommt immer noch vor, dass aufgeklärte Programmgestalter von Filmclubs in den Ardennen verzweifelt nach einer Kopie von „Légumes de bonne volonté“ von Jean Clabau (1970) suchen, in dem Marcello Mastroianni einen Riesenlauch verkörpert, Monica Vitti eine Rote Bete, Bernardo Bertolucci eine Bohne, Claudia Cardinale einen Chicorée und Roberto Rossellini eine Artischocke.

Noël Godin über einen Film, den er sich komplett ausgedacht hat, in „Crème et châtiment! Mémoires d’un Entarteur“, Albin Michel, S. 29

Der französische Journalist und Schriftsteller Jean-Pierre Bouyxou, großer Liebhaber der „neunten Kunst“ (Comics) und Historiker des Genrefilms, war mit Falschmeldungen nicht weniger großzügig als sein Kollege jenseits der Grenze. Ihm verdanken wir die Erfindung von Georges Le Gloupier.

Zwischen 1960 und 1969 erfährt man einiges über die unzähligen Talente seiner Figur. Man erfährt, dass er als Filmemacher den Film „Moi, rien que moi, toujours moi“ (Ich, nur ich allein und immer ich) gedreht hat, einen packenden Film ohne Film, bei dem sich der Regisseur vom leer laufenden Projektor beleuchtet bei jeder Vorführung vor die Leinwand stellte und vollständig entkleidete, während „L’école est finie“ (Die Schule ist aus) von Sheila aus den Lautsprechern grölte.

Noël Godin über einen Regisseur und einen Film, die Jean-Pierre Bouyxou aus dem Nichts erfunden hat, in „Crème et châtiment! Mémoires d’un Entarteur“, S. 37

Chemisch gesehen waren alle Voraussetzungen gegeben. Als Antiklerikaler, Liebhaber von Filmen und Schwindeleien, begierig nach Abenteuern, die ihn aus dem allgegenwärtigen Grau herausführen sollten, Ergebnis des Schmelztiegels aus Kultur, Gegenkultur und all deren Irrwege, macht sich Noël Godin seinerseits die Figur von Georges Le Gloupier zu eigen.

Es beginnt mit einem Sammelsurium von Falschmeldungen. Godin schreibt in der Novemberausgabe 1969 von „Amis du film et de la télévision“ (Freunde des Films und Fernsehens), dass sich Georges Le Gloupier aufgrund von Meinungsverschiedenheiten – vor allem in Bezug auf die Farbgebung – vor Robert Bressons Privatwohnung eingefunden und ihm dann eine Sahnetorte mitten ins Gesicht geworfen habe. In der folgenden Ausgabe derselben Zeitschrift beschreibt Godin, dass „Marguerite Duras, die Robert Bresson sehr bewundert, den Sahneangriff auf den Filmemacher nicht ertragen konnte“, was sie ihrerseits persönlich dazu veranlasste, Le Gloupier in einem großen Restaurant in Saint-Germain-des-Prés mit einer Sahnetorte zu bewerfen. Die Tinte ist noch nicht trocken, da verbreitet sich bereits die Nachricht, dass Marguerite Duras im belgischen Löwen erwartet wird. Die Gelegenheit macht den Schurken, und der erste echte Tortenwurf findet am 12. November 1969 statt. Duras’ Reaktion, wie Godin sie beschreibt: ein lauter, ohrenbetäubender Furz.

Die „Tortenanschläge“ werden wie Filme inszeniert. Nur dass ihre Hauptdarsteller nicht wissen, dass sie darin mitspielen.

Godin erläutert den Ablauf eines Tortenanschlags

Godins Ziele sind in erster Linie jene, die die selbstproklamierte „Intelligenzija“ begeistern. Denn der Gelehrte offenbart sich und zielt nicht auf die „leichte Beute“ ab, wie sie das altmodische Kino, das Boulevardtheater oder andere populäre Kulturproduktionen darstellen würden. Als begeisterter Leser und großer Filmfan leugnet er nicht etwa das Recht auf Träume, sondern vor allem die verlogene Pedanterie und Heuchelei. Sein zwar umstrittener Geschmack führt dabei seinen Kreuzzug an. So bewarf er Godard, der ihn enttäuscht hatte, mit einer Torte. Wenn man ihm zuhört, wie er dieses Epos erzählt, spürt man deutlich, dass es sich fast um einen Akt der Liebe handelt. Bei den meisten anderen „Tortenopfern“ hingegen hat das Ganze nichts mit Liebeskummer zu tun. So rechtfertigt Godin 1994 seine Wahl des Rekordhalters in Sachen Tortenwürfe:

Weil er der Schlimmste ist. Weil man in diesem Jahrzehnt keine widerlichere Verkörperung des arrogant-gerissenen Denkens finden kann, in dem alles nur aus Tricks und Geschacher, aus Marotten und Tinnef besteht. Seine Augen stinken. Die Augen von Bernard-Henri Lévy stinken nach Mist. Deshalb fallen bei deren Anblick nur Abortfliegen in Ohnmacht.

„Crème et châtiment! Memoiren eines Entarteurs“, Seite 7

Im Laufe der Jahre hat Godin und im weiteren Sinne Georges Le Gloupier eine ebenso bunte wie beeindruckende Beuteliste aufgestellt: Bruno Beausir (Doc Gynéco), Maurice Béjart, Georges-Louis Bouchez, Benjamin Castaldi, Jean Charest, Jean-Pierre Chevènement, Daniel Cohn-Bendit, Jean Delannoy, Philippe Douste-Blazy, Jean-Pierre Elkabbach, Marco Ferreri, Bill Gates, Jean Gol, Henri Guillemin, Bernard Landry, André-Joseph Léonard, Jerry O’Dell, Michael O’Leary, Patrick Poivre d’Arvor stellvertretend (Alain Beverini), Edouard Poullet, Jean-Pierre Raffarin, der Guru Prem Rawat am Steuer seines Rolls-Royce, Hélène Rollès, Ségolène Royal, Nicolas Sarkozy, Pascal Sevran, Daniel Toscan du Plantier, Vladimir Volkoff, Melchior Wathelet, Éric Zemmour und das Publikum des Musikwettbewerbs „Reine Élisabeth“. Manche verdanken es allein diesem Tortenwurf, dass sie nicht völlig in Vergessenheit geraten sind. Andere hofften auf den Tortenwurf (wie Jean Amadou) oder fürchteten ihn (wie Gérard Depardieu).

Noël Godin selbst als „Opfer“ eines „konditorialen Attentats“ in einer Sendung des staatlichen belgischen Fernsehsenders RTBF vom 28. Januar 1987.
Noël Godin selbst als „Opfer“ eines „konditorialen Attentats“ in einer RTBF-Sendung vom 28. Januar 1987

Die Zeit gab dem „Gloupier“ oft Recht. Obwohl er damals von einem sehr heterogenen Publikum kritisiert, sogar häufiger als nötig verachtet wurde, gewann er auch viele Menschen für sich, die unverzüglich die Spreu vom Weizen trennten. Denn gerade in der Reaktion auf eine Beleidigung zeigt sich der Mensch, im Guten wie oft auch im Schlechten. Godin weiß zu berichten, dass die Medien 1993 in ihrer Manier die Seiten füllten, um die äußerst unprofessionelle Reaktion von Patrick Bruel zu kommentieren, der mit einem „Schmeißt das raus!“ eine ganze Reihe von Interviews mit Journalisten wegen eines unerwarteten Tortenschlags abgesagt hatte. Verblüffte Fans distanzierten sich schließlich von Bruel und meinten: „Ein Star muss damit umgehen können.“

Godin war weit mehr als nur Georges Le Gloupier. Seine „Anthologie de la subversion carabinée“ (Anthologie der radikalen Subversion) ist ein echter Wälzer. Andere, leichter verdauliche Werke konzentrieren sich stärker auf den Tortenanschlag, der im Vergleich zu seinem Gesamtwerk nur die Sahnehaube auf dem Tortenkorpus ist. Er versäumte es nicht, das Werk von Charles Fourier zu empfehlen – ebenfalls Sohn eines angesehenen Bürgers, der eine katholische Erziehung genossen hatte und vor allem für seine Theorie der Phalanstères (Gemeinschaftslebensräume) bekannt ist. Auch Fourier ist ein Kind seiner Zeit und vertritt die Ansicht: „Das Land der harmonischen Gesellschaft wird in drei Millionen Phalanstères aufgeteilt sein, von denen jedes 1.500 Menschen beider Geschlechter beherbergt“, wobei Minderjährige das dritte, „neutrale oder vorpubertäre“ Geschlecht bilden.

Die Zeit für Scherze ist wahrlich vorbei. In Frankreich gilt das „konditoriale Attentat“ nun als verwerfliche Gewalttat, und die Sahnetorte als Waffe. Als ob die Schläge, die oft als Vergeltung ausgeteilt und häufig gefilmt wurden, noch nicht genug wären. Auf seine Weise, indem er sich für direkte Aktionen entschied, die sich in konditorialen Attentaten mit symbolischer Gewalt gegen diejenigen äußerten, die er als „aufgeblasene Schnösel“ bezeichnete, versuchte Godin, ein „débrouillard“ zu sein, also ein gewitzter Mensch, der sich im Nebel des Alltags zurechtfindet. Mit der „Internationale pâtissière“ (konditorialen Internationale) hinterlässt er ein inspirierendes Werkzeug, dessen Zukunft vielversprechend bleibt. Denn genau wie es manche in Bezug auf die KI behaupten, deren allgegenwärtige Halluzinationen allerdings niemals anecken, ist Georges Le Gloupier nunmehr gemeinfrei.

Laurence Geyduschek (übersetzt von David Andel)