Seine Biografie weist ihn zunächst als perfekten Kader der palästinensischen politischen Klasse aus, ändert sich dann aber in Richtung eines kaum durchschaubaren Intriganten und Opportunisten, der es irgendwie immer schafft, kein Opfer, sondern Vorteilsnehmer jener zahlreichen heiklen Situationen zu sein, in die er endlos verwickelt zu sein scheint.
Mit seinen kaum 5.000 Bürgern ist Hamama seit dem dreizehnten Jahrhundert durchgehend bewohnt. Am 22. Januar 1948 wird eine Gruppe von Arbeitern, die auf den angrenzenden Feldern arbeiten, von jüdischen Einwohnern aus Nitzanim angegriffen, zwei Tage später schießt eine weitere Einheit aus Nitzanim auf Einwohner von Hamama und am 17. Februar wird eine Gruppe von Arbeitern beschossen, die auf der Straße zwischen Isdud und Hamama auf einen Bus warten. Insgesamt 17 Dorfbewohner werden verletzt und einer getötet. Am 28. Oktober wird das Dorf im Verlauf der so genannten Operation Yoav von den jüdischen Terroristen eingenommen. Die Bewohner flüchten zusammen mit den bis dahin in Hamama stationierten ägyptischen Truppen. Heute erinnert nichts mehr an den uralten Ort – er war wie viele andere von jenen Einwanderern nach Palästina, die sich seit dem 14. Mai 1948 Israelis nennen, ausgelöscht worden. Der am 8. März im Alter von hundert Jahren verstorbene palästinensische Historiker Walid Khalidi beschreibt das Schicksal von Hamama wie folgt:
Es sind keine Spuren von Dorfhäusern oder Orientierungspunkten mehr vorhanden. Das Gelände ist mit wilder Vegetation überwuchert, darunter hohes Gras, Unkraut und Sträucher. Es gibt dort auch Kakteen. Das umliegende Land wird nicht genutzt.
Aus All That Remains: The Palestinian Villages Occupied and Depopulated by Israel in 1948 (Was übrig geblieben ist: Die palästinensischen Dörfer, die 1948 von Israel besetzt und entvölkert wurden), Seite 100
Muhammad Jussuf Shaker Dahlan wird als jüngstes von sechs Kindern am 29. September 1961 im palästinensischen Flüchtlingslager von Chan Junis geboren. Seine Eltern sind Vertriebene aus der Ortschaft Hamama, die der jüdische Gegner 1948 im Verlauf des Arabisch-Israelischen Krieges entvölkerte. Auch Dahlans im Jahre 1387 gegründeter Geburtsort Chan Junis ist heute kaum mehr als ein Trümmerhaufen. Die zweitgrößte Stadt des Gasastreifens wurde von der nun als Armee bezeichneten ehemaligen Terrortruppe Israels dem Erdboden gleichgemacht. Für den Gasastreifen gilt das Gleiche wie für alles, was von Palästina noch bleibt: eines Tages soll nichts mehr von dem zu sehen sein soll, was dem Judenstaat lästig sein könnte. Natürlich hoffen die Eltern des kleinen Muhammad, nach Hamama zurückkehren zu können, doch bleibt dies ein Traum.
Als Zwanzigjähriger engagiert sich Dahlan für die palästinensische Fatah und hilft im Gasastreifen bei der Errichtung von deren Jugendorganisation al-Shabiba (die Falken). Zwischen 1981 und 1986 wird er insgesamt elf Mal von den Israelis verhaftet, im Gefängnis lernt er fließend Hebräisch. Im Januar 1987 wird er zunächst nach Jordanien ausgewiesen und schließt sich später in Tunis Jassir Arafat und der PLO-Exilführung an. Er ist an den Verhandlungen zu den Osloer Verträgen beteiligt, kehrt 1994 in die besetzten palästinensischen Gebiete zurück, wird zum Leiter der Präventiven Sicherheitskräfte im Gasastreifen und soll dort dabei helfen, die Popularität der PLO zu erhöhen.
Mitte der Neunziger befehligt Dahlan eine Truppe von etwa 20.000 Mann, was ihm besonders enge Beziehungen zu israelischen, US-amerikanischen und weiteren Geheimdiensten der Region ermöglicht. In Israel entsteht der Begriff „Dahlanistan“ für den von Dahlan strikt kontrollierten Gasastreifen. Seine Rechnung geht auf, durch israelische Fürsprache wird er zum bevorzugten Ansprechpartner von George W. Bush sowie dessen Wunschkandidat zur Führung des Sicherheitsdienstes der Palästinensischen Autonomiebehörde. Aufgrund seiner rabiaten Vorgehensweise gegen die Hamas jedoch werden ihm schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen. Am 18. November 1994 kommt es zu willkürlichen Verhaftungen, der Folter und Tötung von Demonstranten.
Während der Zweiten Intifada ist Dahlan enger Partner des israelischen Sicherheitsapparats. Er kritisiert zunehmend Jassir Arafat und fordert 2001 eine Reform der Palästinensischen Autonomiebehörde. Kurze Zeit später tritt er aus Protest gegen die vorgeblich korrupte Herrschaft Arafats von seinem Posten als Sicherheitschef zurück. 2003 wird er unter Ministerpräsident Mahmud Abbas vorübergehend Minister für Staats- und Sicherheitsangelegenheiten. Nach Arafats Tod im November 2004 wird er bis zu den Wahlen zum Palästinensischen Legislativrat Anfang 2006 Minister für zivile Angelegenheiten, direkt verantwortlich für die Koordination mit Israel. Anschließend wählt man ihn zum Abgeordneten für Khan Junis.
Jassir Arafat lebte und starb in materieller Armut. Arafat war ein Patriot und der ehrenhafteste und patriotischste palästinensische Politiker, den das palästinensische Volk je hatte.
Muhammad Dahlan am 4. Januar 2024 über die Jassir Arafat
Zwischen 2006 und 2007 leitet er im Rahmen seiner Tätigkeit für den Nationalen Sicherheitsrat die Vorbereitungen für eine von den USA unterstützte Militäroperation der Fatah-Sicherheitskräfte, mit der die Hamas-Regierung im Gasastreifen gestürzt werden soll. Dies wird jedoch im Juni 2007 durch einen Putsch der Hamas vereitelt, woraufhin die islamistische Bewegung nach blutigen Zusammenstößen die vollständige Kontrolle über den Gasastreifen übernimmt. Dahlan flieht zunächst ins Westjordanland, überwirft sich dann aber mit Abbas und weiteren Fatah-Führern, die ihn für die Geschehnisse persönlich verantwortlich machen. Er gründet einen von der Fatah losgelösten Demokratischen Reformblock und wird so auch zum Gegner von Mahmud Abbas. 2009 wird er in das Zentralkomitee der Fatah gewählt, doch aufgrund der Querelen mit Abbas schon 2011 wieder ausgeschlossen.
2016 entzieht ihm Abbas die parlamentarische Immunität. Das Gericht für Korruptionsdelikte der Palästinensischen Autonomiebehörde befindet ihn der Unterschlagung von 16 Millionen US-Dollar für schuldig. Er wird in Abwesenheit zu drei Jahren Haft verurteilt. Im November 2019 setzt überraschend auch die Türkei eine Belohnung von 10 Millionen Lira (1,75 Millionen US-Dollar) für Hinweise aus, die zu seiner Festnahme führen. Man nennt ihn einen „Söldner der Vereinigten Arabischen Emirate“ und bezichtigt ihn, am Putschversuch in der Türkei im Jahr 2016 beteiligt gewesen zu sein und die verfassungsmäßige Ordnung mit Gewalt ändern zu wollen.
Der Demokratische Reformblock der Fatah-Bewegung betrachtet die Entscheidung der Türkei als bezahlte Anstiftung zur … Ermordung des palästinensischen Führers Mohammed Dahlan und kündigt an, das Regime Erdogans innerhalb und außerhalb der Türkei strafrechtlich zu verfolgen.
Muhammad Dahlan Ende 2019 auf die Vorwürfe aus der Türkei
Heute beschränkt sich Dahlans politische Basis im Gasastreifen auf die kläglichen Reste seiner Heimatstadt Chan Junis sowie Gruppen, die Hilfe von ihm oder das von seiner Frau Jalila geleitete Palästinensische Zentrum für menschliche Beharrlichkeit (FATA) erhalten, die 2015 für die Veranstaltung einer Massenhochzeit bekannt wurde. Gerüchten zufolge verfügt er außerdem über die Unterstützung von bewaffneten Gruppen in den Flüchtlingslagern Balata und Jenin im Westjordanland. 2012 erwirbt er die Staatsbürgerschaft von Montenegro und lebt heute mit seinen vier Kindern in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo er als sicherheitspolitischer Berater für Abu Dhabis Scheich Muhammad bin Zayid Al Nahyan arbeitet.
Dahlan steht dem ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah as-Sissi nahe und soll eine ägyptische diplomatische Verhandlungsdelegation über ein Staudammprojekt mit Äthiopien und dem Sudan geleitet haben. Auch war er unbestätigten Meldungen zufolge Mittelsmann für Waffenlieferungen an militärische Einheiten in Libyen, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten unterstützt wurden. Er hat weiterhin enge Verbindungen zum zionistischen Regime, das in Dahlan die bevorzugte Marionette sieht, um sich den deutlich populäreren Marwan Barghuthi vom Hals zu halten, der seit dem 15. April 2002 von Israel inhaftiert ist. Ein Dreierabkommen Israels mit der ägyptischen Regierung und der Hamas soll ihm eine politische Rückkehr in den Gasastreifen ermöglichen. In Interviews gibt Dahlan derweil an, dass er keine Macht anstrebe, nicht darauf hinarbeite, er jedoch weiterhin helfen und Palästina nicht im Stich lassen werde. Es ist wenig verwunderlich, dass sein Name nun erneut im Zusammenhang mit Trumps dubiosem Friedensrat auftaucht.
[Es war eine] professionelle Militäraktion, die Israel überrascht und seine Wachsamkeit, militärischen Fähigkeiten sowie den gesamten Militärapparat lahmgelegt hat. Der Eindruck, den Israel im Laufe der Jahre hinterlassen hatte, brach am 7. Oktober innerhalb von 20 Minuten zusammen, und die gesamte Militärmacht, auf die die Vereinigten Staaten von Amerika so stolz waren, war sechs Stunden lang machtlos, die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen; und wenn Israel daraus eine Lehre ziehen wollte, musste es den Weg des Friedens einschlagen, nicht den der Rache. Die Ereignisse vom 7. Oktober stellen Israel vor eine Entscheidung. Entweder wird dieses Ereignis Hoffnung zwischen den beiden Völkern wecken, oder es wird zum Tor zu einer neuen Hölle und einer Spirale aus Gewalt und gegenseitiger Rache zwischen Palästina und Israel.
Muhammad Dahlan am 4. Januar 2024 über die Operation al-Aqsa-Flut der Hamas
Für viele Palästinenser ist der zwielichtige Muhammad Dahlan unverändert der Hauptverdächtige, der Arafat Ende 2004 das tödliche Polonium verabreicht haben soll. Dahlan wird von den USA samt Mitläufern gerne als Führer eines technokratischen Palästinas gesehen, getreu der Devise, in jedem Land eine Marionette am Kordel zu haben. Ähnlich wie Iraks Ahmad al-Dschalabi ist Dahlan nicht weniger undenkbar, das, was von Palästina noch übrig ist, in eine verheißungsvolle Zukunft führen zu können, denn als US-Marionette wird auch er nur israelische Forderungen weitergeben. Der beim Volk, das zu vertreten er von den USA und der EU vorgesehen ist, unbeliebte Dahlan ist weiterhin viel zu schwach, um sich des Rufes als Auftragsmörder Arafats zu entledigen.
David Andel
(dieser Beitrag wird fortwährend aktualisiert)
