Das Wort „Skandal“ ist von der Bedeutung her ursprünglich die Bezeichnung einer Falle, in der Bibel findet es auch Verwendung im Sinne einer teuflischen Versuchung, in der Konformpresse jedoch bezeichnet es mehr oder weniger alles, was das Establishment empören könnte – und damit eine ganze Menge.
Alleine was für ein mediales Drama um die Tatsache aufgeführt wurde, dass die transatlantischen Polit-Zampanos zum NATO-Gipfel in Ankara vom Gastgeberland Türkei eine Schusswaffe mit namentlicher Prägung, einer Runde Kugeln und einer Exportgenehmigung erhielten, zeigt, wie unendlich weit sich die Politikszene von ihren Handlungen entfernt hat. Sie entscheidet von irgendwoher aus in der Ferne über Dinge, die sie selbst niemals betrifft, die sie meist gar nicht erst versteht.
De Wevers Sicherheitsteam kümmerte sich auch um die Revolver, die den in Brüssel ansässigen EU-Spitzenpolitikern Ursula von der Leyen und António Costa überreicht wurden, einschließlich aller sicherheits- und protokolltechnischen Herausforderungen, die ein solches Unterfangen mit sich bringt.
Der britische Guardian am 9. Juli 2026 über einen Sturm im Wasserglas zu Zeiten heißer Kriege im Nahen Osten und der Ukraine

Recep Tayyip Erdoğan tat das einzig Richtige: er sah die NATO als Waffenbruderschaft und die Vertreter der NATO-Mitgliedsstaaten als Genossen des Kampfes, denen er nur folgerichtig und mit entsprechendem Stolz einsatzbereite Waffen aus nationaler Fertigung zur Verfügung stellte. Was die dann aber damit taten, war üblich erbärmlich. Sie konnten mit ihrem Präsent nichts anfangen, reagierten mit Befremdnis. Kann es wirklich sein, dass die gesammelte wertewestliche Bande verbalaggressiver Sofakrieger in Wirklichkeit nur mimosenhafte Gewächse sind? Ja, genau, so ist es! Wie immer wussten sie nicht, wovon sie sprachen, versahen andere mit Waffen, schickten andere in den Krieg und erschraken selbst schon beim Anblick eines Revolvers.
Wir müssen mehr produzieren. Wenn man heute etwas kaufen will, muss man acht bis zehn Jahre warten – das ist viel zu langsam. Vor fünf Jahren war es noch so: Wenn man ein Rüstungsunternehmen gründen wollte und bei der Bank 200.000 Euro beantragte, hieß es „auf keinen Fall“, weil das unethisch war. Das war so, als würde man in Pornos investieren.
Der belgische Verteidigungsminister Theo Francken am 4. Juli 2026 über seinen Waffenfetisch
Erst die Erfahrung am eigenen Leib kann zu einem Bewusstseinswandel führen. Erst die direkte und ungeschützte Konfrontation mit der Wirklichkeit Wahrheit für kurze Zeit sichtbar machen. Als der demokratische US-Kongressabgeordnete Ro Khanna unlängst das von Israel besetzte Westjordanland besuchte, konnte er nicht glauben, was ihm geschah. Nur ein einziges Mal erlebte er, was Palästinenser tagtäglich in Konfrontation mit zionistischer Gewalt erfahren. Er traf auf aggressive Siedler, die sich nach keinem Gesetz richten, von niemandem gebremst werden und auch bereit sind, über Leichen zu gehen, da ihre Taten meist vom israelischen Militär gedeckt und verschleiert werden.
Ich sah die Arroganz in den Augen dieser Siedler, 21- und 22-Jährige mit Waffen, die darüber lachten, dass sie uns festgehalten hatten; die Arroganz dieser jungen IDF-Soldaten, die mit meinen Steuergeldern finanziert werden – ohne jeglichen Respekt dafür, dass sie Amerikaner festhielten, ohne jeglichen Respekt dafür, dass sich ein amerikanischer Kongressabgeordneter in diesem Bus befand, und lachend, als unser Übersetzer ihnen sagte, dass Amerikaner dabei seien und die amerikanische Botschaft besorgt sei.
Der US-Kongressabgeordnete Ro Khanna am 9. Juli 2026 über seine Erfahrung
Khanna hatte ein Dorf besucht, das israelische Siedler samt Schulgebäude vollständig zerstört hatten. Siedler, die von der Besatzungsmacht Israel nichts zu befürchten hatten. Siedler, die mit M4-Gewehren aus den USA bewaffnet sind und von einer Armee beschützt werden, die von US-Militärhilfe subventioniert wird. Das geschieht tagtäglich unter den Augen der Welt, das wird tagtäglich von den Medien des Westens der Werte ignoriert.
Als der französische Präsident Jacques Chirac am 22. Oktober 1996 während eines umstrittenen Staatsbesuchs in Israel auch einen Ausflug in die Altstadt von Jerusalem machte, waren die israelischen Sicherheitskräfte in ihrem üblichen paranoiden Verhalten darum bemüht, ihn von jeglichem Kontakt zu Palästinensern abzuschirmen. Sobald die arabischen Händler und Passanten vor Ort Chirac begrüßen und ebenfalls anwesende französische Journalisten ihn befragen wollten, wurden sie in rabiater Weise davon abgehalten, was den Staatspräsidenten schließlich zu lautstarkem Unmut veranlasste:
Was wollen Sie? Dass ich zu meinem Flugzeug gehe und zurück nach Frankreich fliege? Wollen Sie das? Dann lassen Sie sie gehen, lassen Sie sie machen! Nein, es gibt kein Problem! Das ist nicht die Methode! Das ist eine Provokation! Das muss aufhören!
Wütender Aufschrei von Jacques Chirac am 22 Oktober 1996 in Konfrontation mit israelischen Sicherheitskräften
So fuhr Chirac die israelischen Leibwächter an, die ihn flankierten, als er durch die Menschenmassen in der überwiegend von Palästinensern dominierten Altstadt schritt. Es war ein Wutausbruch, den sich kein normaler Bürger und erst recht kein Araber in diesem vor Waffen strotzenden Land jemals erlauben könnte. Dem Vernehmen nach landete Jacques Chirac nicht für Jahrzehnte im Hochsicherheitstrakt eines israelischen Gefängnisses, wurde nicht gefoltert und auch nicht vom fetten Itamar Ben-Gvir öffentlichkeitswirksam gedemütigt.
Die Vorstellung ist nicht schwer, weltfremde Zeitgenossen wie Friedrich Merz oder Roderich Kiesewetter auch nur einen Monat lang incognito in Gasa oder dem Westjordanland verweilen lassen zu müssen, um einen fundamentalen Gesinnungswandel zu erreichen. Sie wissen nicht, was sie tun, sind hoffnungslos lernunwillig und erhalten für ihre Unkenntnis der Welt dennoch ein Mandat vom Wähler. Die Kur ist bekannt, mehrwöchige direkte Erfahrungen an irgendeiner Kriegsfront wären zur Erzielung eines nachhaltigen Umdenkens angemessen, unmittelbarer und anonymer Kampfeinsatz ohne die Anwesenheit von Fotografen oder einem PR-Team könnte dazu führen, dass sich unser aller Leben fundamental verändert. Demgegenüber ist die Erfahrung mit dem Waffengeschenk aus der Türkei natürlich eine Bagatelle. Eine Bagatelle allerdings, die in der Welt unserer zartbesaiteten Politiker bereits für einen internationalen „Skandal“ sorgte.
David Andel
