Nein, verwünscht wirkt das Haus mit der Nummer 67 in der Avenue Franklin Roosevelt beileibe nicht, seltsam ist es aber trotzdem. Wie das Konstrukt des Vaters in Heliopolis ist auch die Villa des Sohnes in Brüssel mittlerweile ein Museum. Und wie auch in Heliopolis befindet es sich an einer exzellenten Adresse.
Wer in der Nähe wohnt, hat eine Menge Botschaften als Nachbarn. Nach derzeitigem Stand sind das Brunei, Dschibuti, Elfenbeinküste, Iran, Irak, Jordanien, Kanada, Katar, Kolumbien, Kongo, Kurdistan, Kuwait, Libanon, Marokko, Mexiko, Moldau, Oman, Niger, Saudi-Arabien, Singapur, Usbekistan und die Vereinigten Arabischen Emirate. Deutschland hingegen haust in einem abschreckendem Zweckbau im Europaviertel, während sich Israel und die USA in ihren festungsähnlichen Burgen vor der Öffentlichkeit verstecken. Die Botschaften in der Avenue Franklin Roosevelt sind von ganz anderem Kaliber. Hier gibt sich jeder Staat die Mühe, seine Gäste und die gastgebende Stadt zu beeindrucken.




Als sein Vater am 22. Juli 1929 im Alter von 76 Jahren starb, unterbrach der in Paris aufgewachsene Louis Empain sein Mathematikstudium an der Sorbonne und erwarb am 24. Dezember 1929 ein Grundstück in der Avenue des Nations, die später in Avenue Franklin Roosevelt umbenannt wurde. Wie Papa einst in Kairo wollte Empain junior die Gesellschaft Brüssels beeindrucken und benötigte dazu ein passendes Bauwerk. Mit dem Entwurf beauftragte er den Schweizer Architekten Michel Polak, der unter anderem für die Gestaltung des Résidence Palace (1927), der Hotels Albert Ier (1928), Atlanta (1928) und Le Plaza (1930), des Institut dentaire George Eastman sowie der Régie des Télégraphes et des Téléphones in Brüssel verantwortlich zeichnet. Louis galt als der vernünftigere wie enthaltsamere der beiden Söhne des Barons, man bezichtigte ihn gar sozialistischer Ansichten. Bruder Jean bevorzugte das süße Leben auf seiner Jacht Héliopolis, trug dort rauschende Feste aus und scherte sich abgesehen von den Einnahmen einen feuchten Kehricht um die väterlichen Unternehmungen.
Louis bewohnte das Gebäude in Brüssel kaum ein Jahr, was auf den Bildern der damaligen Zeit deutlich zu erkennen ist. Die Wahrung der Pflichten des väterlichen Unternehmens lag damals vor allem in Kanada und somit weit abseits von Brüssel. Schon am 22. September 1937 erhielt der belgische Staat die Villa als Schenkung, um sie in ein Museum für zeitgenössische dekorative Kunst umzuwandeln. Bis 1940 betrieb die Ecole de La Cambre dort mehrere Ausstellungen mit dem Ziel, das Bauwerk später als Museum für zeitgenössische dekorative Kunst zu nutzen.




Danach wurde die Villa für kurze Zeit vom Militärischen Kartografischen Institut Belgiens genutzt. Nach einer Besichtigung am 5. November 1943 riss sich der kriegstüchtige deutsche Besatzer das Gebäude am 9. November 1943 unter den Nagel und behielt es als Ortskommandantur bis zur Befreiung Brüssels am Abend des 3. Septembers 1944. Welche finsteren Aktivitäten in dieser Zeit konkret dort stattfanden, ist bis heute unbekannt. Nur eines ist sicher: für Deutschland sollte es der letzte Aufenthalt an der illustren Adresse sein.
Im unmittelbaren Anschluss an die deutsche Beschlagnahme vergab der ehemalige (1938-1939) und künftige (1946-1949) belgische Premierminister Paul-Henri Spaak als Außenminister der belgischen Exilregierung in London die Villa entgegen der Schenkungsklauseln der Industriellenfamilie als Botschaftsgebäude an die alliierte Siegermacht Sowjetunion, womit der sehr katholische Louis Empain trotz seiner vermeintlich sozialistischen Note nicht einverstanden sein konnte und alle Anstrengungen unternahm, um den Bau 1963 nach Ablauf der Pacht zurückzuerhalten. Nach dem Auszug der Sowjets aus dem Gebäude wurden gleich mehrere prestigeträchtige Ausstellungen kinetischer und optischer Kunst dort ausgerichtet, um dessen Ruf als Ort kultureller Veranstaltungen zu festigen.
Der folgende Inhaber war das belgische Unternehmen Tobesco, das noch heute im Bereich des Imports und der Verarbeitung von Tabakprodukten tätig ist. Harry Tcherkezian, US-Bürger armenischer Herkunft, hatte das Bauwerk 1973 im Namen der Tobesco erworben und dann an den Luxemburger Fernsehsender RTL vermietet, welcher dort seinen Brüsseler Hauptsitz einrichtete. Über diesen Vorgang erzürnte sich Louis Empain zumindest nicht öffentlich, er verstarb allerdings kaum drei Jahre später am 30. Mai 1976 im Alter von 68 Jahren. Im Verlauf von zwei Jahrzehnten wurden in der Villa zahlreiche TV-Formate in den zu Studios umgebauten Räumen produziert, bis der Platzbedarf mit dem Erfolg des Kommerzsenders immer größer wurde und das unglückliche Haus am 1. Mai 1993 erstmals unbewohnt war.
Trotz unserer Umbauten wurde die Villa Empain ihren Eigentümern in einem besseren Zustand zurückgegeben, als sie bei unserer Ankunft war. Mit Ausnahme eines Badezimmers im ersten Stock, das wir mit Zustimmung des Eigentümers geopfert hatten, wurde alles originalgetreu wiederhergestellt, bis hin zu jeder einzelnen Tür oder Glasleuchte, die während der Jahre unserer Nutzung demontiert und sorgfältig im Keller gelagert worden waren.
Ein Vertreter des TV-Senders RTL über den Auszug gegenüber dem für die Renovierung zuständigen Architekturbüro Metzger et Associés




Schlussendlich fanden dort noch vereinzelt Filmaufnahmen oder Feierlichkeiten privater Unternehmen und kleinere Messeveranstaltungen statt. Als der windige Geschäftsmann Stéphan Jourdain das Gebäude im Frühjahr 2000 erwarb, erlitt es zahlreiche wie vorsätzliche Beschädigungen und wurde infolgedessen am 12. Juli 2001 von der Königlichen Kommission für Denkmäler und Stätten unter Beschlag genommen, woraufhin es wie sein Pendant in Heliopolis trotz alledem zunächst dem Verfall preisgegeben wurde.




Die beiden Empain-Villen in Heliopolis und Brüssel unterscheidet vor allem eines: das Gebäude in Heliopolis ist ein wie aus der Zeit gefallener Tempel des Kitsches, wohingegen der Bau in Brüssel eine einzigartige Perle des modernistisch inspirierten Art déco ist. Der Aufwand, die Villa nach den zahlreichen Zweckentfremdungen und insbesondere dem Vandalismus nach dem Auszug von RTL wieder in ihren ursprünglichen Glanz zurückzuversetzen, war gewaltig, zum Teil leider auch nur noch annäherungsweise möglich. Und diese beträchtliche Anstrengung ist der Fondation Boghossian zu verdanken, die das Haus 2006 erwarb und dessen Renovierung im Sommer 2008 vollendete, nachdem es besser spät als nie am 29. März 2007 von der Region Brüssel-Hauptstadt unter Denkmalschutz gestellt wurde.




Der Wert jener einzigartigen Stiftung, die sich der Förderung des Dialogs zwischen den Kulturen des Ostens und des Westens verschrieben hat, kann gar nicht genug betont werden. Entstanden ist ein mehr denn je notwendiger, ja unabdingbarer, Ort der Begegnung und des Friedens, ein aufs Neue glänzendes Juwel der Architektur des Art déco, das heute als interdisziplinäres Zentrum verschiedenster Aktivitäten zur Verfügung steht, sei es in Form von Ausstellungen, Musik, bildender Kunst, Theater, Tanz, Debatten, Literatur oder Kino. Hinter der Stiftung, die in Ägypten, Armenien, Belgien, in der Schweiz und Syrien aktiv ist, stecken die beiden armenischen Brüder Albert und Jean Boghossian, die bis dahin ihren Lebensmittelpunkt im Bürgerkriegs-geplagten Libanon hatten, einem Libanon, der nicht zuletzt ähnlich der Villa Empain nach vielen Jahren der Verwüstung wieder zu sich selbst finden musste.
Wie hinlänglich bekannt sein dürfte, führt Reichtum nicht zu gutem Geschmack, sondern eher seinem Gegenteil. Und was sich Vater Empain in Heliopolis geleistet hat, kann heute nur noch als betonierte Komödie gesehen werden, was zumindest zu guter Laune führen könnte. Einen Sinn ergab das Gebäude schon nach seiner Errichtung nicht, es war niemals schön, niemals stimulierend, niemals funktional und bleibt bis zum heutigen Tage weitgehend überflüssig – auch konzeptionell ein Geisterhaus. Der Bauherr hätte die einmalige Chance nutzen können, in Heliopolis ein Denkmal der Fusion westlicher Technologie mit ägyptischer Ästhetik zu verbinden, das die Bewohner Kairos bis heute hätte verführen und zum Träumen veranlassen können. Stattdessen baute er sich einen Tempel des Absurden, der dort nichts, aber auch rein gar nichts zu suchen hat.
Die nicht nur architektonisch bezaubernde Villa Empain in Brüssel indessen ist heute idealer kultureller Treffpunkt samt Bar, Swimming Pool und herrlichem Garten. Sie ist damit genau die richtige Adresse für themenorientierte Ausstellungen – weder zu klein und beengend noch zu groß und unpersönlich. Man kann in ihr seinen Gedanken freien Lauf lassen, staunen oder fachsimpeln, lernen und lehren. So die Zeit für einen Besuch nicht zur Verfügung steht, kann der aktuelle Zustand der Villa Empain auch in einem recht verträumt wirkenden Kurzfilm der Wiener Filmemacherin Katharina Kastner bewundert werden.
David Andel





