Itamar Ben-Gvir ist Galionsfigur eines extremen, kompromisslosen und gewalttätigen Israels, das in der Weltgemeinschaft zunehmend seinen Platz verliert und in der endlosen Überhöhung seiner vermeintlichen Werte nur noch eines manifestiert: seine Entbehrlichkeit. Lediglich eine verkommene und auf reinen Machterhalt ausgerichtete Regierung wie die Binjamin Netanjahus kann solche Monster gewähren lassen.
Der kleine Itamar erblickt das Licht der Welt am 6. Mai 1976 als Kind eines gemäßigt religiösen Haushalts. Er ist der jüngere zweier Söhne. Die Eltern Shoshana (geborene Schengloff) und Tzadok Ben-Gvir sind Kinder von Einwanderern aus dem Irak, mütterlicherseits aus der kurdischen Region des Landes. Itamars Mutter wird im Alter von 14 Jahren im damals noch britischen Mandatsgebiet Palästina als Irgun-Aktivistin verhaftet. Obgleich auch im Hebräischen üblich, lässt der Vater seinen ursprünglich arabischen Familiennamen Hanan (gütig, gnädig) in das hebräische Gvir (גבֿיר) ändern, was aus dem Jiddischen entlehnt ist und „wohlhabend“ bedeutet.
Mein Vater und meine Mutter hatten nichts, als sie klein waren. Mein Vater ging auf den Markt arbeiten und ernährte seine Geschwister mit seinen zehn Fingern. Meine Mutter lebte im Kurdenviertel. Aber sie bauten sich ein Traumhaus in Mevaseret und gaben mir alles. Ich hatte die glücklichste Kindheit – ein offenes, traditionelles, sehr musikalisches Zuhause. Ich war damals ein großer Fan von Ofra Haza. Bei einem ihrer Auftritte schenkte ich ihr eine Topfpflanze, worüber sie sich sehr freute, und ich freute mich auch. Irgendwann begann ich auch, Fußball zu lieben.
Itamar Ben-Gvir am 11. August 2022 über seine Kindheit
Im Alter von 14 radikalisiert sich Itamar zunehmend und demonstriert unter anderem gegen die Friedensaktivistinnen der „Frauen in Schwarz“ (נשים בשחור). Zwei Jahre später tritt er von Noam Federman motiviert der Kach-Bewegung bei, wird deren Jugendkoordinator und bleibt Mitglied bis zum Verbot. Immer wieder verbreitet er antiarabische Flugblätter im Namen ehemaliger Kach-Mitglieder. Nach dem Gymnasium studiert er an der von Rabbi Meir Kahane gegründeten Betschule Yeshiva HaRai’on HaJehudi (ישיבת הרעיון היהודי). 2004 wird er erstmals aufgrund der Unterstützung einer terroristischen Organisation für schuldig befunden, 2007 erneut, darüberhinaus wegen Anstiftung zum Rassismus. Seinen Militärdienst muss er nicht leisten, er gilt als zu radikal. Nach dem Kach-Verbot 1994 tritt er der Nachfolgeorganisation Chazit HaRai’on bei, die ebenfalls verboten wird. In der Öffentlichkeit macht er sich einen Namen als rechter Krawallbruder, bewundert den radikalen amerikanisch-israelischen Siedler und Terroristen Baruch Goldstein, der 1994 in Hebron 29 Palästinenser beim Morgengebet ermordet. Er ist vehementer Gegner der Osloer Verträge, die 1993 vom PLO-Chef Jassir Arafat und dem israelischen Premierminister Jitzchak Rabin unterzeichnet wurden. Im Oktober 1995 stiehlt der noch nicht einmal Zwanzigjährige wenige Wochen vor dem tödlichen Anschlag auf Jitzchak Rabin das Emblem von dessen Cadillac-Limousine und präsentiert es anschließend stolz als Trophäe im Fernsehen unter den Worten:
Wir haben sein Auto gekriegt, und wir werden auch ihn drankriegen.
Itamar Ben-Gvir 1995 über seine Rabin-Trophäe
Nach einem Bombenanschlag in Jerusalem grölt Ben-Gvir „Tod den Arabern“ und trägt in der Öffentlichkeit Schilder mit den Aufschriften „Vertreibt den arabischen Feind“ sowie „Rabbi Kahane hatte Recht: Die arabischen Knesset-Abgeordneten sind eine fünfte Kolonne“. In einem Interview gibt er vor, 53 Mal angeklagt worden zu sein, 43 Verfahren wären jedoch eingestellt worden, was er als reife Leistung in einem Land mit einer über 90-prozentigen Verurteilungsquote erachtet. 2007 wird er in acht Anklagepunkten, darunter Anstiftung zum Rassismus und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung, verurteilt.
Meine erste Demo war auf dem France Square in Jerusalem vor „Frauen in Schwarz“. Ich war allein, ein 14-jähriger Junge. Bei den Demos lernte ich Leute aus dem rechten Lager kennen, und so kam ich zu „Noar Moledet“ und dann zu „Noar Sach“. Anfangs dachte ich, sie seien mir zu extrem, aber irgendwann wurde mir klar, dass es nicht das ist, was in den Medien erzählt wird. Als ich mit Noam Federman und Baruch Marzel sprach, stellte ich fest, dass es nicht Menschen sind, die mit funkelnden Augen „Tod den Arabern“ rufen. Nein, das sind Menschen, die das Beste für den Staat Israel wollen. Zu dieser Zeit passte mir auch die Idee, dass man alle Araber vertreiben und hier einen vollständig jüdischen Staat errichten sollte.
Itamar Ben-Gvir am 11. August 2022 über seine politischen Anfänge

Er studiert Jura am Ono Academic College, erhält aufgrund seiner kriminellen Vergangenheit aber keine Zulassung zum Referendariat. 2012 gelingt es ihm schließlich nach mehreren Berufungsverfahren die Prüfungen der Anwaltskammer zu bestehen, woraufhin er als Rechtsanwalt zugelassen wird. Im Verlauf seiner Karriere als Anwalt vertritt er wiederholt ihm politisch-religiös nahestehende Personen und begegnet dabei mehrfach seinem Alter Ego Bezalel Smotrich. Nach dem Brandanschlag von radikalen Siedlern in der palästinensischen Ortschaft Duma am 31. Juli 2015 vertritt er einen der Verdächtigen des Anschlags und behauptet, die Ermittler des Sicherheitsdienstes hätten seinen Mandanten durch Folter zu einem Geständnis gezwungen. Der Oberste Gerichtshof verurteilt Amiram Ben-Uliel wegen Mordes an Saad und Riham Dawabshe und ihrem Säugling Ali, doch die Führer der „Jüdischen Kraft“ (Otzma Jehudit, עוצמה יהודית) und der „Partei des religiösen Zionismus“ (Mafdal – HaTzionut HaDatit, מפד״ל – הציונות הדתית) zeigen sich davon unbeeindruckt. Ben Gvir, der Ben-Uliel als Anwalt vertreten hatte, spricht von „schreiender Ungerechtigkeit“ und Smotrich von „grünem Licht für Folter“. Im Dezember 2015 nimmt er an einer so genannten „Hasshochzeit” teil, während der rechtsradikale Juden die Tötung eines palästinensischen Babys infolge eines Brandanschlags feiern. Im Anschluss vertritt er einige der Teilnehmer der Veranstaltung, gegen die Anklage erhoben wird. Zwei Jahre später verteidigt er einen religiösen Spinner der Bewegung „Zurück zum Berg“, der versucht hat, sich mit einer Ziege auf den Haram Asch-Scharif (Tempelberg) zu schleichen, um diese dort anschließend zu opfern.
Wenn man sich nach 2.000 Jahren im Exil fragt, was man hier eigentlich macht, entdeckt man, dass dies unser Land ist. Es ist nicht nur eine Frage der Sicherheit, ich lebe nicht nur aus Sicherheitsgründen in Hebron. Ich bin dort, weil es uns gehört, weil meine Vorfahren dort waren. Wer mein Recht, in Hebron zu leben, nicht versteht, verliert sein Recht, in Scheich Munis zu leben.
Itamar Ben-Gvir am 11. August 2022 über seine Lebensphilosophie
In der Regierung von Benjamin Netanjahu hat Ben-Gvir mit Ausnahme einer Unterbrechung von zwei Monaten Anfang 2025 das wichtige Amt des Ministers für Nationale Sicherheit inne. Er ist Vorsitzender der Partei „Jüdische Kraft“ (Otzma Jehudit, עוצמה יהודית), die insgesamt drei Minister in die derzeitige Regierung entsandt hat. Die religiös-rechtsradikale Partei errang bei den vorgezogenen Wahlen im November 2022 sechs der 120 Sitze im israelischen Parlament. Der fettleibige Politiker gilt als besonders klagefreudig und verfügt dennoch über eine hohe Beliebtheit beim einfachen Volk. Er sieht sich als einende Kraft des klassischen religiösen Zionismus, möchte seine Bewegung für alle Bürger des Landes attraktiv machen. Er geht davon aus, dass viele Menschen das Leben im heutigen Israel als gefährlich empfinden und Angst haben, ihre nationale Würde wird mit Füßen getreten. Seine politischen Widersacher Naftali Bennett („Die neue Rechte“, HaJamin HeChadasch, הימין החדש) und Jair Lapid („Es gibt eine Zukunft“, Jesch Atid, יש עתיד) verlören ihre Zeit im Plenarsaal mit Computerspielen, während Bibi zu jeder Gelegenheit ein Buch läse.
Mitte Oktober gibt der vorgeblich geläuterte Ben-Gvir erneut den theatralischen Falken und äußert sich über den nun auch von den Vereinten Nationen unter Enthaltung der Stimmen Chinas und Russlands sanktionierten und ausgesprochen Israel-freundlichen 20-Punkte-Plans Trump derart, als ginge es um die Existenz des Judenstaates. Besagter Plan enthalte einen Weg zur Staatsgründung Palästinas. Ben-Gvir verlautbart, dass im Falle einer Verabschiedung der Resolution „gezielte Tötungen hochrangiger Beamter der Palästinensischen Autonomiebehörde, die in jeder Hinsicht Terroristen sind, angeordnet werden sollten“ und fordert Netanjahu auf, den zwei Tage zuvor 90 Jahre alt gewordenen Präsidenten der Palästinensischen Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, festzunehmen, woraufhin er sich dann in Israels Gefängnissen „um ihn kümmern“ würde. Abbas und seine Terroristenfreunde sollten wissen, dass sie über keine Immunität verfügten, so Ben-Gvir weiter.
Ich glaube, dass wir die Abschreckung für den Staat Israel wiederherstellen können.
Itamar Ben-Gvir am 11. August 2022 über seine Sicherheitsstrategie
Am 28. Januar 2024 nehmen er, vierzehn weitere Minister und elf Knesset-Abgeordnete der Regierungskoalition an einer Konferenz mit vielen Tausend Teilnehmern für die ethnische Säuberung und jüdisch-israelische Wiederbesiedlung des Gasastreifens teil. In einer flammenden Knesset-Rede erzürnt sich der rechtsradikale Politiker des auserwählten Volkes gegen die drohende Etablierung eines konkurrierenden Staates auf dem von seinen Landsleuten erfolgreich gestohlenen Boden und erhält dabei erwartungsgemäß Unterstützung von Bezalel Smotrich, der ergänzt, dass der geplante Weg zu einem palästinensischen Staat nicht Wirklichkeit würde.
Wir erleben derzeit eine Rückkehr der Debatte um die Gründung eines palästinensischen Staates. Heute könnte diese Debatte im UN-Sicherheitsrat neuen Auftrieb erhalten. Das erfundene Volk der Palästienser darf keinen Staat haben.
Itamar Ben-Gvir am 17. November 2025 als politische Planierraupe
Ben-Gvir verstärkt seine Provokationen gegenüber den Palästinensern unaufhörlich, das gesamte Netz ist voll von Videos, in denen er sich in Szene setzt, etwa bewaffnet neben israelischen Polizisten auftritt und dazu aufruft, auf Palästinenser zu schießen oder den palästinensischen Politiker Marwan Barghuthi im Gefängnis bedroht, der seit 2002 wegen der Organisation mehrerer Anschläge während der zweiten Intifada inhaftiert ist. Natürlich erklärt auch Ben-Gvir, dass „Palästinenser nicht existieren“ und „dass es keine Palästinenser gibt“. Als Regierungsmitglied wird der allein vom Allmächtigen gesteuerte Ben-Gvir 79 Mal für Verkehrsübertretungen verurteilt und befiehlt seinen Fahrern selbst nach zahlreichen verursachten Unfällen, die Verkehrsregeln zu missachten. Auf dem Haram Asch-Scharif (Tempelberg) betet er wiederholt laut singend inmitten hunderter Gleichgesinnter für den Wiederaufbau des jüdischen Tempels. Währenddessen setzen er und seine Partei Otzma Jehudit (עוצמה יהודית, Jüdische Stärke) sich intensiv für die Einführung der Todesstrafe für angebliche palästinensische Terroristen ein.
Ben-Gvir bleibt der ewige Halbstarke des völkischen Israels, mit dem keinerlei friedliche Zukunft in der Region vorstellbar ist. Er mag sich in Interviews vor allem kurz vor Wahlen geläutert geben, ist es aber zu keinem Zeitpunkt. Im Gegenteil, er nutzt nur den einst als Feind gesehenen Staatsapparat nun gänzlich zu seinem Vorteil und setzt sich dabei wie andere Eiferer seines Kalibers über alle Regeln hinweg. Der offiziell vom Bock zum Gärtner sanktionierte radikale Unruhestifter und einst vom Inlandsgeheimdienst Überwachte ist heute einer der meistbedrohten Politiker des gelobten Landes und daher stets umgeben von Sicherheitspersonal.
David Andel
(dieser Beitrag wird fortwährend aktualisiert)
