Heute vor fünfzig Jahren verstarb der Saxophonist Julian „Cannonball“ Adderley – eine der größten Tragödien für die Welt des Jazz. Er gehörte zu jenen auserlesenen Musikern, die den Einsatz ihres Instruments nicht nur wie Kinder ein Spielzeug im Sandkasten beherrschten, sondern ob ihres beispiellosen Perfektionsmus für ein ganzes Genre definierten und galt kaum verwunderlich als einzig würdiger Nachfolger von Charlie „Bird“ Parker.
Der kleine Julian erblickte am 15. September 1928 in Tampa, Florida als Sohn des Trompetenspielers und Sprachlehrers Julian Carlyle Adderley und der Grundschullehrerin Jessie Johnson das Licht der Welt. Seinen Spitznamen verdankte er jedoch nicht etwa seinen Eltern, sondern seinen späteren Klassenkameraden. Wie Grundschüler das so an sich haben, beherrschen sie nur selten Gepflogenheiten und Vokabular der Diplomatie und tauften ihren etwas verfressenen Kameraden daher „Cannibal“ (Kannibale) – ein kaum charmanter Begriff, der dann später in „Cannonball“ (Kanonenkugel) überging, was dem Selbstwertgefühl Adderleys gewiss zuträglicher war.
Nomen est omen, Kanonenkugeln schlagen ein und hinterlassen einen nachhaltigen Eindruck – ganz so, wie auch Julian Adderley dies tat. Nach einem berufsbedingten Umzug der Eltern nach Tallahassee erhielten sowohl Julian als auch sein Bruder Nathaniel schon als Kinder die Gelegenheit, mit Ray Charles ihre musikalischen ersten Schritte zu tun. Denn während ihr Vater die Musik zugunsten seiner Arbeit als Lehrer aufgegeben hatte, hatte er Julian und seinem jüngeren Bruder Nat schon früh ein Kornett geschenkt, damit beide vielleicht jene Karriere machen würden, auf die der Familienmensch hatte verzichten müssen. Nat Adderley blieb zeit seines Lebens seinem ersten Instrument treu (und war ab 1959 Mitglied des Quintetts seines Bruders), Cannonball hingegen wechselte zum Altsaxophon, später spielte er auch Tenor- und Sopransaxophon sowie Flöte.

Am Anfang seiner Laufbahn spielte er noch im schwarzen Viertel des strikt rassengetrennten Fort Lauderdale in florierenden Lokalen wie dem Clover, Down Beat, Elks Club, Two Spot sowie der Tino’s Bar und Windsor Hall. Sie allesamt befanden sich in einer Gegend angesagter Clubs, in die sich niemals Weiße verirrten. Im Verlauf seiner Jugend lernte man ihn als Bandleader an der Dillard High School in Fort Lauderdale kennen. Außerhalb von Südflorida oder Washington, wo er 1952 während seines Militärdienstes eine Combo geleitet hatte, war er jedoch völlig unbekannt.
Um näher am Puls der Zeit des Jazz zu sein, zog es den 26-jährigen dann im Juli 1955 von Florida nach New York. Obgleich Julian ursprünglich vorhatte, ein Aufbaustudium in Manhattan zu absolvieren, wurde der Altsaxophonist nach einem Auftritt mit Oscar Pettifords Band im Café Bohemia zur gefeierten musikalischen Sensation und galt für viele Musiker fortan als würdiger Nachfolger des gerade erst verstorbenen Charlie „Bird“ Parker.
Als Altsaxophonist wurde er vor allem durch das schnelle Spiel Parkers beeinflusst, während Benny Carter seine Interpretation in Balladen prägte. Und was er aus allem machte, war nur das Allerbeste. Adderley hinterließ bei jedem, dem er begegnete, den Eindruck eines Volltreffers. So liest sich auch die Schilderung des ersten Treffens 1955 mit Quincy Jones in dessen Kellerwohnung auf der West Side von New York City mit „Cannon“, wie er ihn nannte, und dessen Bruder Nat, die beide gerade aus Florida gekommen waren und nichts sehnlicher als einen Plattenvertrag wollten. Kein Geringerer als Oscar Peterson hatte Cannonball die Telefonnummer des berühmten Musikers gegeben.
Ich fragte ihn: „Hast du schon mal was aufgenommen?“ Er sagte: „Ja“ und gab mir diese Single, eine selbstgemachte Acetatplatte mit blauem Etikett. Auf der einen Seite war „Frankie & Johnny“ und auf der anderen, glaube ich, ein eigener Song oder sowas in der Art. Er tat so, als hätte er schon einmal etwas aufgenommen, aber da war nichts außer dieser einen Acetatplatte. Als ich mir die Aufnahme anhörte, hat sie mich umgehauen. Ich erinnere mich noch, dass ich dachte: „Verdammt, dieser Typ ist der nächste Bird.“ Ich hatte noch nie zuvor etwas Vergleichbares gehört. Er war bahnbrechend, genau wie Clifford Brown.
Quincy Jones im Sommer 2014 über seine erste Begegnung mit Julian „Cannonball“ Adderley
So führte eins zum anderen und (nicht nur) die Lobeshymnen von Quincy Jones fruchteten in einem Exklusivvertrag bei Emarcy Records. Cannonball sollte insgesamt 57 Alben veröffentlichen, wobei Mercy, Mercy, Mercy (komponiert vom Österreicher Joe Zawinul) im Jahre 1966 sein größter kommerzieller Erfolg war, versetzte er seinen strikt gepflegten Jazz doch glatt mit einer Prise Soul, sprach seiner damaligen Zielgruppe aber damit aus dem Herzen. Im Februar 1967 erklomm Mercy, Mercy, Mercy Platz zwei der Soul-Charts und Platz 11 der „Billboard Hot 100“-Charts.
Ich denke, es liegt daran, dass es einfach und verständlich ist. Es ist einfach Musik, und die Leute scheinen Musik zu mögen, die leicht zugänglich ist, wissen Sie.
Julian „Cannonball“ Adderley am 4. März 1967 über seinen Hit Mercy, Mercy, Mercy in der Teenie-Fernsehendung American Bandstand




Die Cover vieler seiner Alben waren den Vorlieben der damaligen Zeit entsprechend die reinsten Kunstwerke der Nachkriegsmoderne, die Titel geprägt von Witz und Schlagfertigkeit. Wer würde Cannonball nicht mit auf eine Reise in das „Land Of Hi-Fi“ begleiten wollen? Wer nickte nicht zustimmend, stellte er die Frage „Know What I Mean?“ (Titelbild). Das sind zum Glück aufmunternde Begegnungen, die man immer noch mit ihm haben kann, wenn einem gerade danach sein sollte, während man vielleicht in alten Ausgaben von Arts & Architecture herumstöbert und sich dazu einen kleinen Manhattan und eine Handvoll iranischer Pistazien gönnt.
Im Oktober 1957 ergänzte Cannonball das Miles Davis Sextet, zu dieser Zeit mit keinem minderen als John Coltrane am Tenorsaxophon und dem nicht weniger herausragenden Bill Evans am Klavier. Davis ist auch auf Adderleys Soloalbum Somethin‘ Else zu hören (mit Art Blakey und Hank Jones), das kurz nach dem Zusammentreffen der beiden Musiker aufgenommen wurde. Adderley spielte anschließend auf den unvergesslichen Davis-Aufnahmen Milestones und Kind of Blue. Weniger wäre wohl kaum von ihm zu erwarten gewesen.
Ich mag eine enge Beziehung zu meinem Publikum und die mögen es auch. Das ergibt eine engere Verbindung zu dem, was man musikalisch zu sagen hat. Das ist gesund. Manche Leute verstecken sich hinter ihren Hörnern. Ich tue alles, außer mich hinter meinen zu verstecken … Ich ziehe Nachtclubs Konzertveranstaltungen vor, weil ich auf das Lachen, das Gemurmel der Menschenmenge und die Registrierkasse stehe – das Klingeln einer Kasse hat etwas Freudsches an sich. Ich muss irgendwie moralisch-unverbesserlich sein, denn ich habe das Gefühl, dass ich den Leuten etwas schuldig bin, wenn sie für Musik bezahlen. Und selbst wenn sie nicht zahlen, habe ich das Gefühl, dass ich es mir selbst schuldig bin, so gut wie möglich zu spielen.
Cannonball-Zitat aus seinem Nachruf in der New York Times
Ende der Sechziger verlässt Adderley den traditionellen Jazz vorübergehend und wird in seinen Alben Accent on Africa (1968) afrikanisch-rhythmischer oder The Price You Got to Pay to Be Free (1970) elektrisch-funkiger, erneut dank Joe Zawinul. Als er am 19. September 1970 auf dem Monterey Jazz Festival in Kalifornien auftritt, findet eine kurze Szene mit ihm in Clint Eastwoods wenig sehenswertes Machwerk Play Misty for Me. 1975 sah man ihn gar völlig unerwartet als Darsteller (!) neben José Feliciano (das ist tatsächlich der mit Feliz Navidad) und David Carradine ausgerechnet in der heute völlig merkwürdig erscheinenden Fernsehserie Kung Fu (Episode Battle Hymn in der letzten Staffel). Das Video davon ist sehenswert, das glaubt einem sonst keiner so schnell …
Charlie Parker wurde mit 360 Noten pro Minute gemessen, während der Durchschnitt oder alle anderen angeblich bei 170 lagen. Das machte den Bebop besonders bedeutend, weil er der Vorreiter war und man mich als Ersatz für den kürzlich verstorbenen Charlie Parker vorgesehen hatte.
Julian „Cannonball“ Adderley am 1975 während einer Jazz-Kreuzfahrt zu Ehren von Charlie Parker
Im Jahr vor seinem Tod wurde Julian „Cannonball“ Adderley zum Patenonkel von Kidada, einer der beiden Töchter von Quincy Jones und Peggy Lipton. Er schenkte ihr seine goldene Flöte, die später zusammen mit Dizzy Gillespies Trompete an der Wand hinter der Bar von Quincy Jones hing. In seinen letzten Lebensjahren trug Cannonball Bart und Afro-Frisur, eine nicht ganz glückliche Ergänzung zu seinem steten Übergewicht, was in öffentlichen Auftritten zuweilen deutlich wurde. Knapp vier Wochen nachdem er einen Schlaganfall erlitten hatte, der ihn lähmte und der Fähigkeit des Sprechens beraubte, starb Julian „Cannonball“ Adderley im Alter von nur 46 Jahren am 8. August 1975 im St. Mary Methodist Hospital in Gary, Indiana. Seine letzte Ruhe fand er in Tallahassee, Leon County (Florida). Seine Witwe, die Schauspielerin Olga James, verstarb am 25. Januar dieses Jahres im Alter von 95 Jahren.
David Andel
