Heute vor dreißig Jahren war die Premiere von Trainspotting. Wer den Film 1996 unvorbereitet sah, verließ das Kino in einem Zustand, der den Folgen einer mentalen Achterbahnfahrt gleichkam. Was war da gerade zu sehen gewesen? Ein verkleidetes Drama, eine brutale Tragikomödie, Gesellschaftskritik von Junkies oder zutiefst geschmackloser britischer Humor? So richtig klar ist das immer noch nicht.
Trainspotting ist ein Film über Junkies, die sich damit abgefunden haben, es regelrecht zelebrieren, die Parias der kapitalistischen Hierarchie zu sein, die es akzeptieren, nur noch dem einen Lebensinhalt nachzugehen, nämlich dem, einen kontinuierlichen Zugang zu Drogen aufrechtzuerhalten, sämtliche Konsequenzen dabei außer Acht lassend, den völligen Verlust des eigenen Ehrgefühls zualleroberst. Die kompromisslose Ehrlichkeit von Danny Boyles Werk, das auf einem Buch von Irvine Welsh basiert, bleibt frappierend. Lieber eine gescheiterte Existenz sein und jenen kläglichen Rest des Lebens genießen, als sich dem sinnlosen wie ermüdenden Konsumzwang unterzuordnen. Schon der Eröffnungsmonolog brachte zum Ausdruck, was so bisher niemand zu sagen gewagt hatte.
Entscheide dich für das Leben. Entscheide dich für einen Job. Entscheide dich für eine Karriere. Entscheide dich für eine Familie. Entscheide dich für einen verdammt großen Fernseher, für Waschmaschinen, Autos, CD-Player und elektrische Dosenöffner. Entscheide dich für gute Gesundheit, niedrigen Cholesterinspiegel und Zahnversicherung. Entscheide dich für Hypotheken mit festem Zinssatz. Entscheide dich für ein erstes Eigenheim. Entscheide dich für deine Freunde. Entscheide dich für Freizeitkleidung und passendes Reisegepäck. Entscheide dich für einen dreiteiligen Anzug auf Ratenzahlung in einer Auswahl verdammter Stoffe. Entscheide dich für Heimwerken und frag dich am Sonntagmorgen, wer zum Teufel du eigentlich bist. Entscheide dich dafür, auf der Couch zu sitzen und hirnverbrannte, geisttötende Spielshows anzuschauen, während du dir verdammtes Junkfood in den Mund stopfst. Entscheide dich dafür, am Ende zu verrotten, während sich dein letzter Seufzer in einem elenden Heim verpisst, nichts weiter als eine Peinlichkeit für die egoistischen, verkorksten Gören zu sein, die du gezeugt hast, um dich selbst zu ersetzen. Entscheide dich für deine Zukunft.
Entscheide dich für das Leben … Aber warum sollte ich so etwas tun wollen? Ich habe mich entschieden, mich nicht für das Leben zu entscheiden. Ich habe mich für etwas anderes entschieden. Und die Gründe? Es gibt keine Gründe. Wer braucht schon Gründe, wenn man Heroin hat?
Der berühmte Eröffnungsmonolog Rentons aus Trainspotting (1996)
Die Helden von Trainspotting wussten genau, worauf sie sich einließen. Zahlreiche Szenen im Film verdeutlichten dies fast bis zur Schmerzgrenze, wurden unvergesslich. Ob es der nächtliche Durchfall im fremden Bett und der darauffolgende, jedoch erfolglose, Kampf um die Beseitigung der Exkremente, das Vorstellungsgespräch unter Speed, der grausame Tod der Vernachlässigung eines Säuglings oder aber die unfreiwillig in der schlimmsten Toilette Schottlands verlorenen kostbaren Drogenzäpfchen waren – all das stand für bis dahin unbekanntes, brutales Kino, das aber gerade den einzigartigen Lebenswillen der trotzig Überlebenden in den Vordergrund stellte. Ihnen schien es allemal angenehmer zu sein, Bestandteil dieser vom Rest der Bevölkerung zutiefst verachteten Gruppe zu bleiben und zumindest von Zeit zu Zeit chemisch erzeugte Momente absoluten Glücks verspüren zu können.

Sie waren die extremsten Opfer und Täter zugleich und wussten es, taten das, was sie taten dennoch und stießen auf ihrer Reise durch die tiefsten Tiefen des Daseins immer wieder auf unerwartete Situationen, die ihnen zumindest für kurze Zeit verdeutlichten, was sie taten. Das fatalistisch-verzweifelte Pflegepersonal in den Krankenhäusern, die an der Wirklichkeit der Gesellschaft scheiternden Eltern der Junkies oder aber die Begegnung mit der großen Liebe, mit der alles plötzlich möglich sein könnte, nur nicht die Fortsetzung des Junkie-Lebens.
Da war das deutsche Drogendrama Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo fünfzehn Jahre zuvor von ganz anderem Kaliber, so wie die ganze Kultur im Land um es herum deutlich deprimierender. Humor muss in Deutschland entweder Klamauk oder von pädagogischem Wert sein. Und über das Drogenmilieu zu lachen geht gar nicht. Christianes Leben war derart gescheitert, dass darin noch nicht einmal mehr gelächelt werden konnte und auch die kurze Hochphase des Heroinsglücks freudlos blieb. Ob Christiane Felscherinow Trainspotting je gesehen hat, ist unbekannt, sie zog sich vor über zehn Jahren weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Nichts war dem auf ihrem Leben basierenden Film ferner als das Leben Heroinabhängiger als Alternative zum kapitalistischen Untod in der Vorstadt darzustellen. Und eine Alternative zu irgendetwas war es sowieso nicht. Noch vor zehn Jahren war Felscherinow obdachlos und ihr soziales Umfeld alles andere als stimulierend. Mit Drogen zu altern ist letztlich grausam.
Das macht Trainspotting so einzigartig, denn mit dem Entsetzen wird Scherz getrieben. Tabus werden gebrochen, etwas, wozu unsere Gesellschaft mit ihrem Weltanschauungsfetisch überhaupt nicht mehr imstande ist. Seit Stanley Kubricks A Clockwork Orange (1971) war Trainspotting damit der erste breitenwirksame Film über eine Subkultur seit 25 Jahren. Und siehe da, in einer Szene, die in einer Diskothek spielt, sind die gleichen Schriftzüge zu sehen wie in der Korowa-Milchbar aus Kubricks Meisterwerk, das auf einem Roman von Anthony Burgess basierte. Trainspotting sollte der Film eines ganzen Jahrzehnts und durchaus auch einer ganzen gescheiterten Generation von Opfern der Politik Margaret Thatchers werden.
Es ist offenkundig, dass Trainspotting niemals ein Werk für spießbürgerliche Trottel war, deren gedanklicher Horizont nur selten über den Maschendrahtzaun des Eigenheims hinausgeht und allenfalls bis zur unvorschriftsmäßig aufgestellten Mülltonne des Nachbarn reicht. Am Ende des Films kommt Filmheld Renton dennoch zu der überraschenden Erkenntnis, dass dem schleichenden Tod am Abgrund ein Leben in der kapitalistischen Monotonie letztlich vorzuziehen ist. Und so entschließt er sich herablassend, als Immobilienmakler in der Großstadt verkommene Objekte an eben jene Leute zu veräußern, die genau so sind, wie er nie sein mochte. Interessant ist auch das Wiedersehen der Filmjunkies zwanzig Jahre später – die Darsteller Ewan McGregor, Ewen Bremner, Robert Carlyle, Jonny Lee Miller und Kelly Macdonald wurden durch den Film allesamt berühmt. T2 Trainspotting (2017) schildert das desillusionierte Leben von Renton, Sick Boy, Spud und vor allem des immer noch aggressiven, nun aber impotenten Begbie. Die Luft ist raus, das Leben ist eines der schwersten. Nur Spud hat das Zeug zum Schriftsteller und geht damit den Filmweg des Autoren Irvine Welsh, der Kreis schließt sich.


Der Soundtrack der schottischen Filmabsurdität ist unvergesslich und wirkt wie ein traumhafter Ausflug in die nicht ganz klar definierte Zeit, in der diese spielt. Zusammen mit dem einzigartigen Schnitt Masahiro Hirakubos gesellt sich die Musik zur Bilderflut und schafft ein fast ruheloses multimediales Meisterwerk – auch nach mehrmaligem Sehen scheint Langweile ausgeschlossen. Trainspotting ist beileibe kein Actionfilm, doch voller Aktion. Eine Aktion jedoch, die zahlreiche Noten nicht nur des Humors, sondern auch der Infragestellung unseres Wertesystems enthält – von der Freundschaft bis zum Sinn des Lebens, vom Exzess bis zum Drang zurück ins elterliche Nest.
Wer sich fragt, weshalb dieser Film überhaupt Trainspotting heißt, ist keinesfalls allein. Eine erklärende Szene im Film wurde entfernt, die Leser des Buchs sind hier im Vorteil. Das sehr britische wie sinnlose Hobby „Trainspotting“ beschreibt die fast schon besessene Beobachtung von Eisenbahnen. Als die Romanhelden Begbie und Renton in einem verlassenen Bahnhof einem Obdachlosen begegnen, fragt dieser sarkastisch, ob die beiden Junkies womöglich zum Beobachten von Zügen gekommen wären? Leider fielen bei der deutschen Übersetzung des Buchs zahlreiche sprachliche Finessen des Originals unter den Tisch. So entwickelte Welsh analog zu Burgess in A Clockwork Orange in der Originalversion eine eigenständige Transkription des verwendeten Slangs und gestand jedem der Kontrahenten eine individuelle Sprachvariante samt Ausdrucksvermögen zu.
In der zweiteiligen BBC-Doku The Girl In The River (2025) konnte sich das britische Publikum derweil ein Bild davon machen, wie der Alltag Heroinabhängiger in der damaligen Wirklichkeit aussah. Es war weit weniger amüsant, deutlich grausamer und hoffnungsloser als Trainspotting es je darzustellen wünschte. Ein junges Mädchen war 1996 von einer Gruppe Junkies ermordet worden, von denen 29 Jahre später nur mehr verkommene Abziehbilder übrig geblieben sind, so sie überhaupt überlebt haben. Und der Zufall wollte es, dass sich das Ganze in einer schottischen Ortschaft namens Renton zutrug …
David Andel

