Titelbild (Marisa Monte live)

Palästina, Shangri-La

Wer das Konzert von Marisa Monte am heutigen Abend in Brüssel erlebte, vergaß beim Verlassen des Cirque Royal sowohl Regen als auch Dunkelheit, denn Rhythmus und Wärme des Repertoires einer der erfolgreichsten Sängerinnen Brasiliens ließ die Herzen sämtlicher Zuschauer noch für eine ganze Weile weiter im Takt schlagen, blendete alle Ängste und Sorgen für zwei Stunden vollständig aus. Es war ein unvergesslicher Abend.

Der Verfasser dieser Zeilen kannte Marisa Monte zwar aus Jerry Deans unvergesslichen Jazz-Sendungen, später auch aus ihren über die Jahre immer besser werdenden Veröffentlichungen, hatte sie jedoch niemals live erlebt. Die Überraschung war entsprechend groß, ihre Stimme drang wie die Wucht eines unerwarteten und vor allem heftigen Sturms in sämtliche Zuschauerränge des doch recht großen Konzertsaals, kroch dann regelrecht unter die Haut der Zuhörer und sorgte für anhaltende Gänsehaut – damit war nicht zu rechnen, ein solch sirenenhafter Gesang war zuvor auf keinem ihrer Alben zu hören gewesen. Selten ist die reale Stimme eines Interpreten derart deutlich besser als auf sorgfältig abgemischten Studioalben, bei Marisa Monte jedoch schien die sanfte Wucht ihres Livegesangs um so vieles facettenreicher und lebendiger als anhand sämtlicher bekannten Aufzeichnungen hätte vermutet werden können.

Natürlich spielte das anwesende Publikum eine tragende Rolle. Brüssel ist neben der Influencer-Absteige Dubai die multikulturellste Stadt der Welt, was an diesem Abend deutlicher wurde als je zuvor. Der ganze Saal war ein Sammelsurium unterschiedlichster Menschen, die meisten davon alles andere als „blanc bleu belge“, so wie die Rinderrasse, nach welcher sich Ur-Belgier zuweilen selbst bezeichnen. Die Atmosphäre im Saal übertrug sich bis zur Bühne und der Auftritt Montes geriet dadurch alles andere als steril, so wie etwa bei manchen ihrer Darbietungen in Deutschland der Fall. In Brüssel wurde mitgesungen und getanzt, so wie nur recht selten zu beobachten, etwa beim 2024 verstorbenen brasilianischen Superstar Sérgio Mendes, der am 11. Juli 2015 im Saal der Ancienne Belgique ein letztes Mal in Brüssel auftrat und selbst bei älteren Damen immer noch ein Feuer der Leidenschaft entzünden konnte.

Marisa Monte am 10. November 2024 in Brüssel: zu sehen ist die Sängerin im Vordergrund mit einer umgehängten Gitarre, hinter ihr spielt ein weiterer Gitarrist
Marisa Monte am 10. November 2024 in Brüssel

Spätestens mit ihrem Titel Vilarejo, der in seinem Videoclip das ganze Leid der Menschheit darzustellen scheint, im Gesang aber von unglaublicher, fast zerbrechlicher, Anmut ist, hat sie die spätherbstliche Hauptstadt Europas fest in ihrer Hand. Niemand kann sich ihr mehr entziehen, ein seltsamer Hauch von Fado, gepaart mit einer diskreten Note brasilianischer Lebensfreude, zieht durch die Reihen und erfüllt allesamt mit wohliger Wärme. Laut Monte handelt das Lied von einer Utopie, einem imaginären Ort, der in den Träumen weilt, in jedem von uns. Jeder habe eine Erinnerung an einen solchen Ort, der dieses Gefühl, diesen Trost, diese Freude und dieses Vergnügen vermitteln würde, in diesem Dorf zu sein, das jedoch in uns selbst liege. Die Sängerin nimmt uns mit zu diesem magischen Ort, an dem wir alle verweilen wollen, aus dem wir als Menschheit, als Liebende, als Ruhesuchende aber doch immer wieder verdrängt werden.

Dort gibt es ein kleines Dorf
Wo ein angenehmer Wind weht
Wer auf der Veranda ruht
Sieht, wie der Horizont sich auf den Boden legt
Um das Herz zu beruhigen
Dort hat die Welt ihren Sinn
Land der Helden, Heimat der Mütter
Das Paradies ist dorthin gezogen
Über den Häusern Kalk
Früchte in jedem Garten
Volle Brüste, starke Kinder
Ein Traum, der die reale Welt sät
Alle Menschen finden dort Platz
Palästina, Shangri-La

Komm, geh und flieg
Komm, geh und flieg
Komm, geh und flieg

Teilübersetzung von Vilarejo (2006)

Ein Gutteil der Anwesenden stammt aus einfachen Verhältnissen, kleine Leute mit großen Problemen und Sorgen vielleicht. Dennoch siegt die festliche Stimmung über finstere Gedanken. Marisa Montes große Beliebtheit zieht sich durch alle Reihen der Gesellschaft. Die 1967 als Tochter eines Ingenieurs in Rio de Janeiro geborene brasilianischen Sängerin erreicht jeden, von klein bis groß, von arm bis reich, von ungebildet bis intellektuell. 1985, im Alter von 18 Jahren nahm Monte ihren ersten Studiosong für den Film Tropclip (1985) auf. Das an diesem Abend nicht aufgeführte Lied Sábado à Noite, geschrieben von Sérgio Sá, markierte ihr Debüt in der Musikszene. Seitdem kann sie sechzehn Alben, 15 Millionen verkaufte Tonträger und zahlreiche Auszeichnungen vorweisen, darunter fünf Latin Grammys, sieben Video Music Brasil, neun Multishow Brazilian Music Awards, fünf APCA und sechs TIM Music Awards. Kaum überraschend erhielt Monte 2014 den Orden der Kulturdienste Brasiliens in der Klasse einer Kommandantin und im Dezember 2023 von der Universität São Paulo die Ehrendoktorwürde in Anerkennung ihres Beitrags zu Kunst, Demokratie und Bildung.

Meine Karriere war eng mit dem Publikum verbunden. Ich sehe mich als Bühnenkünstlerin und habe Live-Auftritte schon immer zur Grundlage meiner Beziehung zu den Fans gemacht. Ich bin mit meinem ersten Album auf Tour gegangen, und schon damals hatte es ein ganz eigenes visuelles Konzept. Wenn ich an ein Album denke, mache ich mir oft schon während der Aufnahmen Gedanken über den Klang, den ich später live umsetzen werde. Das schafft eine Einheit zwischen dem Album und dem Konzert, die ich interessant finde.

Marisa Monte am 19. Mai 2022 über ihrem Bezug zum Publikum

Die abseits des Showbusiness-Glamours eher zurückgezogen lebende Marisa de Azevedo Monte, die zwischen 2002 und 2007 mit dem 16 Jahre jüngeren Musiker Pedro Bernardes verheiratet war und in dieser Zeit Mutter eines Sohnes wurde, ist sowohl Sängerin als auch Autorin ihrer Texte und Musikproduzentin, spielt neben Klavier und Gitarre auch Ukulele und Schlagzeug. Ihr Genre ist die „Música popular brasileira“ (MPB) mit deutlichem Samba-Touch, deren weltweit bekanntester Vertreter Chico Buarque ist, der wiederum durch Antônio Carlos (Tom) Jobim und João Gilberto zur Musik fand. Die Begegnung an diesem Abend mit ihrer Stimme war intensiv, 23 Songs voller Gefühl und Rhythmus sorgten für oftmaliges Lächeln, manche Träne und zahlreiche Momente des Glücks. In den Herzen aller Anwesenden hält sich nun ein genaues Bild von jenem geheimnisvollen Vilarejo, das so schnell nicht in Vergessenheit gerät: Marisa Monte ist kein Erlebnis nur für ein paar Stunden, Marisa Monte ist für immer!

David Andel