Leila Shahid (2015)

Die Last des Lebens im Widerstand

Sie war die Stimme Palästinas in der frankophonen Welt und stand nicht für Konfrontation, sondern Kooperation. Sie suchte so lange nach Einigung, bis sie keine Kraft mehr hatte. Ob der Genozid in Gasa Israels Gewinn und der Hass damit siegen wird, kann nur die Zeit weisen. Nachruf auf eine großartige Frau, die Frieden wollte und diesen nur noch im Tod fand.

Die kleine Leila Munib Jalal Shahid (Titelbild) erblickt das Licht der Welt in der libanesischen Hauptstadt Beirut am 13. Juli 1949, 14 Monate nach der Unabhängigkeitserklärung Israels, dem Beginn des Nakba genannten palästinensischen Exodus. Obschon wohlhabend, wurde ihre Familie von den britischen Mandatsbehörden aus ihrer Heimat vertrieben. Leila ist eine von drei Töchtern und ihr Vater, Dr. Munib Shahid, Professor für Medizin an der Amerikanischen Universität in Beirut und Urenkel von Bahāʾullāh, dem Gründer-Propheten des Bahaitums. Ihre Mutter ist die Schriftstellerin Sirin Jamal Al-Hussaini, die von der bedeutenden Familie Hussaini des Großmuftis von Jerusalem, Hadsch Amin al-Hussaini, abstammt, ironischerweise eines entschiedenen Gegners des Bahaitums. Ihr Großvater, Jamal al-Hussaini, war einer der Anführer des Arabischen Aufstands von 1936. Der Grundstein für ein Leben als Mittlerin zwischen unvereinbaren Welten ist damit gelegt.

Die Palästinenser leiden unter den Folgen zweier historischer Ereignisse, die sich auf dem europäischen Kontinent zugetragen haben: Antisemitismus und der Völkermord am jüdischen Volk sowie anti-arabischer Rassismus und Kolonialisierung.

Leila Shahid am 5. Februar 2005 in der französischen Fernsehsendung Tout le monde en parle

1965 trifft sie im Internat in London erstmals auf Israelis. Es sind zwei Mädchen, von denen eines endlos die israelische Nationalhymne haTikwa spielt, während die andere ihre beste Freundin wird. Noch bis 1967 fährt sie ohne Schwierigkeiten mit ihrer Mutter von Beirut über den Allenby-Grenzübergang zu Verwandtenbesuchen in Ostjerusalem und Jericho.

Als ich ein Kind war, weinte meine Mutter ständig. Ich wuchs mit dem Gefühl auf, meiner Eltern Geschichte beraubt zu sein, während ich gleichzeitig ihre Sehnsucht verinnerlichte und fest davon überzeugt war, dass wir eines Tages nach Palästina zurückkehren würden.

Leila Shahid im Jahre 2005 über ihre Jugend in Beirut

Als sie am 5. Juni 1967 ihr Abitur in Beirut macht, bricht der Sechstage- oder Junikrieg aus. Erschüttert von der Niederlage der Araber und der Besetzung Ostjerusalems schließt sie sich der Fatah an und engagiert sich 1976 nach ihrem Bachelor-Abschluss in Anthropologie an der Amerikanischen Universität von Beirut für die palästinensischen Vertriebenen. Um ihr Studium fortzuführen, zieht sie nach Frankreich und wird zur Präsidentin der Palästinensischen Studentenvereinigung in Frankreich gewählt. Ihre Doktorarbeit in Soziologie befasst sich mit Kultur und Organisation in palästinensischen Flüchtlingslagern. Sie arbeitet mit dem 1978 ermordeten PLO-Vertreter Ezzedine Kalak zusammen und lernt Jassir Arafat kennen, der sie zur Gesandten ernennt. 1982 reist sie mit ihrem lebenslangen Freund Jean Genet zur Zeit der Massaker an palästinensischen Flüchtlingen nach Sabra und Schatila.

Wenn man die Ermordung palästinensischer Frauen und Kinder [bei massiven Bombardements] ebenso verurteilt, werde auch ich die palästinensischen Morde verurteilen. Aber man darf nicht mit zweierlei Maß messen. Es gibt nur ein Maß für alle.

Leila Shahid gegenüber dem ehemaligen israelischen Botschafter Élie Barnavi in einer Radiosendung vom 9. Oktober 2023 (ab 9:35)
Leila Shahid mit Muhammad Baradah in Casablanca (1978)
Leila Shahid mit Muhammad Baradah in Casablanca (1978)

Am 26. Juli 1977 heiratet sie den marokkanischen Romanautor, Literaturkritiker und Übersetzer Muhammad Baradah, lässt sich daraufhin in Marokko nieder und verweilt zehn Jahre im Land. 1989 wird sie zur offiziellen Vertreterin der PLO zunächst in Irland, dann Dänemark, ab 1993 in den Niederlanden, ab 2005 in Frankreich und schließlich bei der Europäischen Union, in Belgien und Luxemburg bis 2015, dem Jahr ihres Ruhestands. Ihre Arbeit hat großen Erfolg, so überzeugt sie Mitte der Neunziger auch den französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac, Fürsprecher des palästinensischen Strebens nach einer nationalen Heimat zu werden.

[Die] Anerkennung [Palästinas] ist notwendig, ja sogar dringend notwendig, aber sie reicht nicht aus. Die Palästina-Frage hängt seit einem Jahrhundert von dieser Anerkennung ab, aus dem einfachen Grund, dass man der Welt weismachen wollte, Palästina sei ein Land ohne Volk – doch das ist falsch! Diese Anerkennung führt uns zurück zum Kern des Problems, nämlich der Anerkennung des Volkes und seines Landes.

Leila Shahid zur Anerkennung Palästinas durch Frankreich am 25. Juli 2025

Spätestens seit ihrer Ernennung zur Gesandten der Palästinensischen Autonomiebehörde in Frankreich im Jahr 1993 ist Leila Shahid das Gesicht und die Stimme Palästinas im frankophonen Europa. „Die Erwähnung ihres Namens verzauberte jeden, angefangen bei meiner Großmutter“, schreibt der französisch-palästinensische Autor Karim Kattan über sie. „Es wurde still im Wohnzimmer, wenn sie auf Französisch sprach, und sie drückte unsere Gefühle besser aus, als wir es konnten.“

Jitzchak Rabin war in meinen Augen der ehrlichste aller israelischen Politiker, auch angesichts seiner anfänglichen Schwierigkeiten, auf Arafat zuzugehen. Er war der Mann, der sich entschlossen hatte, den Weg des Friedens bis zum Ende zu gehen, und dafür mit seinem Leben bezahlt hat.

Leila Shahid 2009 in einer Radiosendung

Ihr Großvater Jamal al-Hussaini lehnte 1947 als Leiter der arabischen Delegation den Teilungsplan Palästinas ab, was Leila Shahid als Missverständnis erachtet. Es wäre keine Weigerung gewesen, neben Juden zu leben, sondern die Weigerung, die Gründung eines Staates auf religiöser Grundlage zu akzeptieren: „Man muss verstehen, dass die Araber die Notwendigkeit eines rein jüdischen Nationalstaates nicht verstanden haben, weil sie nicht Teil dieser Tradition waren – weder der Tradition des osteuropäischen Nationalismus, aus der der Zionismus hervorging, noch der Erfahrung des Holocaust, denn in der muslimischen Welt gab es keinen Holocaust. […] Von diesem Moment an verloren die Palästinenser den Einfluss auf ihr eigenes Schicksal, und die Vereinten Nationen traten auf den Plan.“

Ich habe keine Kinder. Alle Kinder Palästinas sind meine Kinder.

Leila Shahid über ihren Kampf in der französischen Zeitung Libération

2009 meint sie in einem Rundfunkbeitrag: „Es ist tragisch, dass wir vor hundert Jahren alle zusammenleben konnten – ohne die Staaten, ohne Jordanien, den Libanon oder Israel – unter dem Osmanischen Reich. Ich frage mich, ob es nicht besser gewesen wäre, zu diesem Moment zurückzukehren.“ Seit vielen Jahren leidet sie unter Depressionen, die sich nach dem 7. Oktober noch verschlimmern. „Vincent mon chéri, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie es mir gerade geht.“, sagt sie in einer Sprachnachricht an ihren Freund, den Historiker Vincent Lemire. „Ich bin am Boden zerstört, völlig ausgelaugt, am Ende, und ich weine bei jedem Gefühl, selbst wenn ich Musik höre.“ – am 18. Februar 2026 nimmt sich Leila Shahid in ihrem Haus in Lussan, Südfrankreich das Leben.

David Andel