Luftaufnahme des GEM (Grand Egyptian Museum)

Der Neubau der Pharaonen

Das 1902 eröffnete bisherige ägyptische Museum direkt neben dem Nile Ritz-Carlton hat seit langer Zeit seine besten Tage hinter sich. Seine Ausstellungsfläche und Lagerräume waren völlig überfüllt und die starke Luftverschmutzung um den Tahrir-Platz herum verunmöglichten adäquates Ausstellen für ein zunehmend größeres Publikum. Nun folgen dem alten Museums-Haudegen neuzeitliche Superlative.

Das heutige Ägypten macht keine halben Sachen mehr. Wie bereits die noch unter Mubarak 2002 eröffnete neue Bibliotheca Alexandrina verdeutlichte, sieht sich das einstige Land der Pharaonen heute auf dem Weg in einen Staat der Moderne, samt zahlreicher Bildungsmöglichkeiten, neuer Technologien und einer umfassenden Verkehrsinfrastruktur. Niemals zuvor entstanden in Ägypten so viele Brücken, Straßen, Trabantenstädte und staatliche Neubauten wie in den letzten beiden Jahrzehnten. Herausragendes Sahnehäubchen ist das soeben eröffnete ägyptische Museum namens GEM (Grand Egyptian Museum = Großes Ägyptisches Museum), eine doppeldeutige Abkürzung, da gem im Englischen auch das Wort für Juwel ist.

Die aufgrund der genozidalen israelischen Angriffe auf Gasa mehrfach verschobene Feier zur offiziellen Einweihung des GEM am 1. November 2025 war ein internationales Großereignis. Belgien sandte sowohl seinen Premier als auch seinen Monarchen, Deutschland hingegen trat bescheiden auf und schickte nur seinen Bundespräsidenten, der noch nicht einmal die von Ägypten sehnlichst erwartete Nofretete im Gepäck hatte. Die gut einstündige Eröffnungszeremonie mit eindeutiger Friedensbotschaft und dem wohltuenden Ruf nach Völkerverständigung war in jeder Hinsicht eindrucksvoll und steht Neugierigen weiterhin als offizielle Aufzeichnung zur Verfügung. Angesichts des darin ungehemmt zelebrierten ägyptischen Nationalstolzes wurden bereits Vergleiche zu Mohammad Reza Pahlavis bombastischen Persepolis-Event der 2500-Jahr-Feier der Iranischen Monarchie vom 12. bis zum 16. Oktober 1971 gezogen, nur konnte die Bevölkerung des Iran aus der Selbstbeweihräucherung des Möchtegern-Kaisers nie einen Nutzen ziehen, wohingegen der Prachtbau des GEM fortan nicht nur allen Ägyptern, sondern auch den Besuchern aus aller Welt zur Verfügung steht.

Für Staatsgäste gab es ein Modell des Museums, das ein separates Stück mit deren Landesflagge enthielt
Geschenk für Staatsgäste

Stolz sind die Ägypter wahrhaftig auf ihren Museumsneubau, der nun 33 Jahre nach Mubaraks erster Willensbekundung zum Großprojekt zugänglich ist. So stolz, dass sich der staatliche französische Kommunikationsanbieter Orange Télécom dazu entschloss, sein mobiles Netzwerk in Ägypten bis auf weiteres in „Egyptian & Proud“ umzubenennen. Noch Wochen nach der Eröffnung läuft die Aufzeichnung der Eröffnungsfeier in einer Art Dauerschleife im Fernsehen, denn die Wartezeit auf das im Volksmund auch als „vierte Pyramide“ bezeichnete Haus der Pharaonen war nicht nur ausgesprochen lang, die Eröffnung wurde auch immer wieder um ein weiteres Jahr verschoben. Seit 2022 sind zwar schon hochpreisige private Besichtigungen möglich, doch der Zutritt für alle ließ weiter auf sich warten.

Die Säulen im Eingangsbereich sind mit mehrsprachigen Bezeichnungen Ägyptens versehen
Die Säulen im Eingangsbereich sind mit mehrsprachigen Bezeichnungen Ägyptens versehen

Schon in den frühen Neunzigern äußerte sich der ägyptische Kulturminister Faruk Hosni über den desolaten Zustand des 1902 eröffneten Altbaus am Tahrir-Platz, dessen schlechter Dauerzustand wie kaum überzeugende Renovierung ihn in einen depressiven Zustand versetzten. Zwar hält das Gebäude direkt neben dem Nile Ritz-Carlton keinem Vergleich zur internationalen Unsitte kolossaler Museumsneubauten stand, doch verfügt es unverändert über einen unvergleichlichen Charme, dem ihm so schnell kein anderes Museum streitig machen wird. Der staubige Palast des Altertums ist selbst Ende 2025 noch einen mehrstündigen Besuch wert, auch wenn Teile des Hauses mittlerweile dringend notwendigen Renovierungsmaßnahmen unterworfen sind oder etwas themenfremd vorübergehend als Platz für Ausstellungen junger ägyptischer Künstler zur Verfügung stehen.

Die Pyramiden sind in steter Sichtweite
Die Pyramiden sind in steter Sichtweite

Am 7. Januar 2002 wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, der zur Einreichung von beeindruckenden 1.557 Entwürfen aus 82 Ländern führte, wodurch es der bislang zweitgrößte überhaupt war. Nachdem von 20 Teilnehmern zusätzliche Informationen zu deren Entwürfen angefordert wurden, folgte am 2. Juni 2003 die Auswertung. Gewinner waren die Architekten Róisín Heneghan und Shi-Fu Peng (Heneghan Peng Architects) aus Irland, der ausgeschriebene Preis belief sich auf 250.000 US-Dollar. Heneghan Peng, Buro Happold, Arup und ACE Consulting Engineers (Moharram und Bakhoum) arbeiteten gemeinsam an der Gestaltung des Gebäudes, wohingegen der Landschafts- und Standortplan von West 8 und das Ausstellungsdesign wie die Museologie vom Atelier Brückner stammten.

Eine Schulklasse lässt sich vor dem Museum fotografieren
Eine Schulklasse lässt sich vor dem Museum fotografieren

Herausragend bei der Finanzierung des pharaonischen Großprojekts war die Rolle Japans. Zur Finanzierung des Prachtbaus gewährte das Land der aufgehenden Sonne Ägypten über die Japan International Cooperation Agency (JICA) zwei große Darlehen: eines über 300 Millionen US-Dollar im Jahr 2006 und eines über 450 Millionen US-Dollar zehn Jahre später, sodass Japan nicht nur der größte ausländische Geldgeber des GEM-Projekts ist, sondern darüber hinaus über das Japan International Cooperation Center (JICE) Schulungen für ägyptische Konservatoren und Ingenieure koordiniert. Japanische Unternehmen und Experten waren zudem an der Konservierung, Restaurierung, Museografie sowie der Sicherung des Gebäudes vor Erdbeben beteiligt. Auch Veranstaltungen zur Förderung des GEM wurden im fernen Spenderland organisiert, beispielsweise die Ausstellung Tutanchamun in Tokio im Jahr 2022, deren Erlöse teilweise zur Finanzierung des Museums verwendet wurden.

Der Neubau der Pharaonen ist nicht nur konzeptueller Neuanfang, sondern entstand zudem ganz woanders als das ursprüngliche Museum. Sinnvollerweise im Stadtteil Gisa, in unmittelbarer Nähe zu den Pyramiden, dem einzig erhaltenen antiken Weltwunder. Als Standort wurde das erste Wüstenplateau zwischen den Pyramiden und Kairo mit einem Höhenunterschied von 50 Metern gewählt, der dadurch entstand, dass sich der Nil seinen Weg durch die Wüste zum Mittelmeer bahnte. Der Ort ist nicht nur komplementär zur Ausrichtung der Pyramiden, sondern auch direkt mit dem Touristenmagnet verbunden, was mit den bisherigen Gewohnheiten endgültig bricht. Das Museum ist durch die Sichtachsen zu den Pyramiden in fünf Bereiche gegliedert, wobei die Treppenfläche den chronologischen Verlauf darstellt. Die Galerien sind auf einer Etage angeordnet, während die fünf Bereiche durch die strukturellen Dachfalten und schweren Versorgungswände räumlich gegliedert sind. Das natürliche Licht wird durch die Dachfalten moduliert und gesteuert.

Über eine sanfte Steigung gelangt der Besucher zum groß angelegten Eingang, einer schattigen Außenfläche, die den Übergang zum Museum und Konferenzzentrum bildet. Das Museum steht auf einem 470.000 Quadratmetern großen Gelände nur anderthalb Kilometer von den Pyramiden entfernt und verfügt über ein Grundfläche von 81.000 Quadratmetern, von denen 24.000 Quadratmeter der permanenten Ausstellung gewidmet sind, was fast vier Fußballfeldern entspricht. Von den rund 100.000 Exponaten sind 20.000 für die Öffentlichkeit zum ersten Mal zu sehen, was aus dem Gebäude im Bereich der Archäologie das weltweit größte seiner Art macht. Dennoch kann es je nach Bedarf schon in wenigen Stunden bequem erschlossen werden, da es derart konzipiert ist, dass der Besucher durch eine Abfolge von Räumen von der Gegenwart in die Vergangenheit geführt wird.

Publikumsmagnet GEM (Video)

Eine große Treppe führt vom Eingangsbereich zu den Dauerausstellungsräumen im obersten Stockwerk und erlaubt Abstecher zu Sonder- und Wechselausstellungen wie dem archäologischen Hauptlager. Der Aufstieg folgt dabei der chronologischen Abfolge der Exponate und belohnt den Besucher am Ende mit einem einzigartigen Blick auf die Pyramiden. Die Architektur und die Objekte in ihr stehlen sich zu keinem Zeitpunkt die Schau und ergänzen sich auf natürlich Weise. Der Neubau schüchtert weit weniger ein als das dominant-schwermütige alte Gebäude, in dem das Husten um akribische Katalogisierung bemühter bärtiger Professoren auch Jahrzehnte nach deren Ableben noch widerzuhallen scheint. Wer über gutes Schuhwerk verfügt und während seines Kairoaufenthaltes beide Gebäude besucht, kann sich ein hervorragendes Urteil darüber bilden, wie stark sich der Kriterienkatalog eines traditionellen Museums von einem solchen wie dem des GEM unterscheidet. Was einst vor allem der Bildung diente ist nun eher Bestandteil eines multimedialen Konzeptes für alle, auch virtuell gewordene Existenzen, die nur noch als Smartphone-Erweiterung fortleben. In nur wenigen Städten dürfte eine derartige Gegenüberstellung überhaupt möglich sein.

Die absurden Statistiken, wonach lediglich eine Minute Verweildauer vor jedem Ausstellungsobjekt bereits eine Besuchszeit von über 200 Tagen erforderten, haben mit der Wirklichkeit nichts zu tun, es sei denn, der geneigte Besucher interessiert sich wirklich für jedes Detail. Nicht nur, dass eine volle Minute vor sämtlichen Objekten – von der Sandale bis zum kleinen Holzfisch – absolut übertrieben wäre, so darf zudem davon ausgegangen werden, dass die Aufmerksamkeit keines Menschen eine derart hohe Zahl von Einzelheiten selbst nach wochenlangen Besuchen so verarbeiten könnte, um noch einen Nutzen daraus ziehen zu können. Es ist daher absolut ausreichend, in aller Ruhe durch das Museum zu spazieren und nur dann stehen zu bleiben, wenn im Auge des Betrachters Interesse entsteht.

Kleineren unbetreuten Gruppen sei anempfohlen, die einzelnen Hallen systematisch abzuarbeiten und in jedem Teilbereich zudem einen neuen Treffpunkt zu vereinbaren, beispielsweise unter der jeweiligen Hallennummer. Natürlich ist nicht jedes Themenfeld für jeden Besucher gleichermaßen interessant, was im Einzelfall vor Ort besprochen werden sollte, damit jeder zumindest das sieht, was er sehen will. Ob es sich bei all dem Andrang immer noch lohnt, gerade dort Schlange zu stehen, wo es bereits alle tun, sei dem individuellen Urteil des Besuchers überlassen. Nur soviel: während manch wunderschöne Exponenten von der großen Masse völlig ignoriert werden und ein Dasein in unverdienter Einsamkeit führen, scheint ein kleiner Moment vor der Totenmaske des Tutanchamun endlose Wartezeiten zu rechtfertigen, obgleich vom Objekt der Begierde bereits absurd viele Fotografien vorliegen und die bittere Lebenswirklichkeit des eher hässlichen Kindes inzestuöser Eltern kaum zum Träumen anregen dürfte.

Das während der ägyptischen Revolution kurzzeitig vorherrschende Machtvakuum vor knapp 15 Jahren bot Abenteurern letztmalig die Gelegenheit, die Pyramiden selbst zu erklimmen und führte nicht zuletzt zu manch schweren Unfällen. Das vorherrschende Konzept sieht derlei Freiheiten nicht mehr vor, seit Jahren bereits ist zur Besichtigung der Pyramiden Eintritt zu entrichten und seit kurzem wird der Besuch zudem gruppiert. Individualreisende wird dies nicht erfreuen, nächtliche Besuche und Fotos, wie vor Jahrzehnten noch problemlos möglich, gehören damit der Vergangenheit an.

Hassan Allam, Vorstandsvorsitzender der Hassan Allam Holding, die das Museum verwaltet, geht von 15-20.000 Besuchern am Tag aus, was trotz der schieren Größe im Inneren denn auch zu sehen ist. Wer etwa plant, einzelne Objekte von Besuchern losgelöst zu fotografieren, stelle sich auf ein zeitintensives wie zermürbendes Geduldsspiel ein. Mit mehr als nur einer Träne im Auge ist der Verlust jeglicher Individualität zu sehen, das gesamte Areal ist fortan wie ein Flughafen oder Vergnügungspark vollständig durchkommerzialisiert – vom gruppierten Herumrasen per Quad statt dem gemächlichen Kamelausritt, dem militärisch durchexerzierten Durchlaufen leerer muffiger Grabstätten, dem isolierten Herankarren im Bus direkt zur Sehenswürdigkeit bis hin zum Museumsshop gigantischen Ausmaßes. Angesichts der Touristenmassen und der damit verbundenen Einnahmen ist eine andere Herangehensweise leider kaum mehr vorstellbar.

David Andel