Unmittelbar nach der Befreiung des Nazi-Konzentrationslagers Buchenwald bestanden die US-Truppen darauf, dass die örtliche Bevölkerung persönlich sah, was sich in ihrer Nähe abgespielt hatte. So wurden die Bewohner Weimars dazu aufgefordert, sich vor Ort anzuschauen, wovon sie zuvor behaupteten, nichts gewusst zu haben. Israel hätte diese Tradition nun gerne fortgesetzt, wohlwissend um die Tatsache allerdings, Täter und nicht Opfer zu sein.
Das Netanjahu-Regime will an der 22-jährigen Greta Thunberg ein Exempel statuieren und sie nach ihrer Festnahme dazu zwingen, die Bilder des Überfalls der Hamas vom 7. Oktober 2023 anzuschauen, um sie zu der Erkenntnis zu bewegen, dass all das, was sie zu ihrer jüngsten Aktion in Sachen Freiheitsflotte veranlasst haben könnte, ein Fehler sein muss. Eine solch primitive Sicht der Dinge kann nur die derzeitige rechtsextreme Regierung Israels haben. Als ob durch die israelische Hasbara-Endlospropaganda nicht schon längst dafür Sorge getragen worden wäre, dass kaum mehr ein Artikel, kaum mehr eine Rede, kaum mehr eine politische Einschätzung oder Diskussion und kaum mehr eine Regierungsentscheidung im Wertewesten die im Vergleich zum extrem zerstörerischen Ausmaß des brutalen israelischen Angriffskrieges auf Gasa als geradezu lächerlich erscheinenden Angriffe des 7. Oktobers nicht überdimensional berücksichtigt hätten.
Die verbrecherische Netanjahu-Bande folgt zumindest dem Prinzip der ethnischen Säuberung, längst jedoch auch der völkermörderischen Absicht der Auslöschung aller Palästinenser. In beiden Vorhaben spielt die Befreiung der Geiseln überhaupt keine Rolle. Man stelle sich eine Polizeiaktion in irgendeinem zivilisiertem Land vor, bei der die infolge einer Entführung gefährdeten Geiseln sekundär, die prozesslose Exekution sämtlicher Entführer, deren Nachbarn wie Verwandten sowie die völlige Zerstörung deren Immobilien und die gesamten Ortschaften darum herum aber im Vordergrund stünden. Wenn solch allumfassende Mafiamethoden als zivilisatorische Grundlage herangezogen werden, dann kann es mit den restlichen Werten jener Gesellschaft kaum mehr weit her sein.
Wir müssen immer Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Schweigen ermutigt den Peiniger, niemals den Gepeinigten. Manchmal müssen wir uns einmischen. Wenn Menschenleben bedroht sind, wenn die Menschenwürde in Gefahr ist, werden nationale Grenzen und Befindlichkeiten irrelevant. Wo immer Männer oder Frauen aufgrund ihrer Ethnie, ihrer Religion oder ihrer politischen Ansichten verfolgt werden, muss dieser Ort – in diesem Moment – zum Zentrum des Universums werden.
Elie Wiesel am 10. Dezember 1986 anlässlich des ihm verliehenen Friedensnobelpreises
Heimtückischer kann ein Regime nicht sein, wenn es selbst weite Kreise der Bevölkerung dazu gebracht hat, die eigenen Taten nicht mehr anzuerkennen oder auch nur zu erkennen, sondern nur noch die Reaktionen auf all das, was es in vollem Bewusstsein und auf niederträchtige Weise tat, als Untaten brandmarkt. Es wäre genauso pervers, hätten die Nazis den Krieg gewonnen und würden nun die Soldaten der Alliierten dazu zwingen, sich die Schäden und Opfer der bombardierten Städte Deutschlands anzuschauen, ohne jemals aber auch nur die Millionen Toten Europas zu erwähnen, die es selbst auf dem Gewissen hat. Allerdings verfügt Palästina nicht über eine der stärksten Armeen der Welt und hat auch nicht die Städte Israels in Schutt und Asche gelegt.

Der alte hebräische Rechtssatz „so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.“ wird vom heutigen Israel dazu missbraucht, seine Großmachtfantasien umzusetzen – mit oder ohne palästinensisches Zutun. Und das mutmaßlich nur, um anschließend im Angerichteten zu versinken, da das Volk für all das Land und die Armee zu dessen Verteidigung nicht vorhanden sind. Es heißt keineswegs „Hundert Augen für Auge oder hundert Zähne für Zahn“ wie Israel dies fortwährend praktiziert. Es ist auch nicht zu rechtfertigen, weiterhin das Vorhaben zu pflegen, ein zum Großteil bereits vertriebenes und unterdrücktes Volk völlig beseitigen oder ermorden zu wollen. Das ist die eigentliche Lektion dessen, was uns die unfassbaren Taten Deutschlands vor 1945 gelehrt haben. Das war die Absicht jener, die Nachbarn der Todeslager zur Akzeptanz ihrer Untaten zu zwingen. Israel ist das Land, das nicht zu lernen in der Lage ist, dass jedes palästinensische Leben genauso wertvoll ist wie jedes Leben seines Landes. Die israelische Bevölkerung sollte dazu gezwungen werden, das Grauen von Gasa aus eigener Anschauung zu erleben.
David Andel
