Wie lange hält sich Abdel Nasser noch an der Macht? Das – und nicht die arabisch-israelischen Friedensmöglichkeiten, die Aussichten des auf der Khartumer Gipfelkonferenz erzielten ägyptisch-saudischen Jemen-Abkommens oder die Zukunftschancen Transjordaniens – ist gegenwärtig die Schlüsselfrage nahöstlicher Politik.
Der Nildiktator fand paradoxerweise nach seiner größten Niederlage die stärksten Verbündeten: USA, Sowjetunion, arabische Nachbarn und Israel fürchten seit dem Juni-Krieg, in seltener Eintracht, nichts mehr als seinen Sturz. Amerika schätzt ihn als stabilisierenden Faktor und einzigen womöglich doch kompromißbereiten arabischen Fortschrittler. Seit ein paar Wochen ist der USA-Nahostexperte Bergus in Kairo, und dort glaubt man, er werde empfehlen, man solle die Lebensmittellieferungen wieder aufnehmen sowie durch Direktkredite zur wirtschaftlichen Gesundung Ägyptens beitragen. Die USA-Mineralölgesellschaften setzten auch nach dem diplomatischen Bruch Erdölsuche und -Ausbeutung in der Westlichen Wüste fort.
Die Sowjetunion verlöre beim Sturz Abdel Nassers wahrscheinlich ihren nahöstlichen Brückenkopf. Obwohl sie im Juni-Feldzug ihm zuliebe keinen dritten Weltkrieg riskieren mochte, verstärkte sie seither erheblich die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Hilfeleistungen. In den UN unterstützte sie die arabischen Forderungen, sie gab Kredite und Lebensmittel, ersetzte sofort rund 50 Prozent des verlorenen Waffenpotentials und entsandte etwa 2.400 Militärinstrukteure.
Die arabischen Staaten – vor allem Saudi-Arabien, Jordanien, Libyen und der Sudan – halten den geschwächten und, wie sich in Khartum herausstellte, nachgiebigeren Abdel Nasser für einen leichter erträglichen Nachbarn als einen unbekannten, jungen, unerfahrenen und unberechenbaren Nachfolger. Dies war auch ein Hauptgrund für die saudisch-kuweitische Finanzhilfe.
Einziger arabischer Verhandlungspartner für Israel?
In Israel hielt man das fortschrittliche Regime Abdel Nassers immer für aussichtsreicher als das konservative König Feisals. Ägypten gilt, obwohl israelische Truppen am Suezkanal stehen, weiter als gefährlichster Gegner; sein Präsident aber gleichzeitig als der einzige, der fähig und willens wäre zu einem Friedensschluß. Kein anderer könne Verhandlungen erwägen, argumentiert man in Israel, nur Abdel Nasser verfüge über genügend inneres und äußeres Prestige. Zudem kenne er als einziger arabischer Staatsmann Israel und einige seiner führenden Politiker, darunter Arbeitsminister Allon und Generalstabschef Rabin, beide seine Verhandlungspartner im Palästinakrieg, 1948.
Die Wirklichkeit steht, glaubt man der staatlich gelenkten Kairoer Zeitung „Al-Ahram“ („Die Pyramiden“), im Gegensatz zu den geschilderten Wunschvorstellungen. Das Blatt veröffentlichte jetzt Einzelheiten über einen angeblich von Feldmarschall Amer angezettelten Staatsstreichversuch. Der ehemalige Vizepräsident soll beabsichtigt haben, einen Revolutionsrat einzusetzen, eine neue Regierung zu bilden und die nach der Juni- Niederlage entlassenen Offiziere zu rehabilitieren. Die Verschwörer erwartet ein Verratsprozeß, obwohl es keine Beweise für ihre umstürzlerischen Absichten gibt. Die Affäre, die zeigt, wie tief die Zerfallserscheinungen im Regime schon gehen, reicht zurück bis zur gespielten Demission Abdel Nassers am 9. Juni.
Feldmarschall Amer hatte anscheinend nicht erwartet, daß sein Rücktrittsangebot akzeptiert würde. Er baute wohl auf Freundschaft, alte Kampfgenossenschaft und die seit einigen Jahren bestehende Verwandtschaft (ein Sohn Amers heiratete eine Tochter Abdel Nassers) mit dem Diktator. Doch dieser schickte ihn in die Wüste, um seine eigene Haut zu retten. Amer ging in sein Heimatdorf und unternahm einen Selbstmordversuch.
Vom Generalstab direkt ins KZ
Unterdessen wurde fast die gesamte erste Offiziersgarnitur entlassen, darunter der Befehlshaber der Landtruppen, General Mortaga. Die von der Sinai-Halbinsel zurückflutenden Soldaten kamen zur ideologischen Schulung in Quarantäne. Die Wüsten-Konzentrationslager beim Fajum-Tal und in der Oase el-Kharga, in denen schon bürgerliche Oppositionelle, Kommunisten und Moslembrüder inhaftiert sind, füllten sich mit abgehalferteten Offizieren. Die Geheimpolizei bestand ihre Bewährungsprobe; sie beseitigte rechtzeitig und vollständig alle unzufriedenen Elemente.
Der in seiner oberägyptischen Heimatprovinz el-Minia rekonvaleszierende Feldmarschall fürchtete offenbar um sein Leben. Er rekrutierte eine etwa 100köpfige bewaffnete Leibgarde und zog in sein Haus im Kairoer Villenvorort Dokki. Feststeht, daß ihn der Präsident mehrmals aufsuchte, und es soll dabei zu erregten Auseinandersetzungen gekommen sein. Amer erschien vielen bedrängten Offizieren als letzte Rettung. Sie berieten sich mit ihm, und manchen, die verhaftet werden sollten, scheint er Unterschlupf gewährt zu haben. Offensichtlich bat er den Diktator, allerdings vergeblich, seine früheren Untergebenen zu schonen. Das war sein einziges Verbrechen.
Die Khartumer Gipfelkonferenz kam heran, und Beobachter der ägyptischen Szene erwarteten, Abdel Nasser werde, falls er persönlich daran teilnehme, ein ähnliches Schicksal erleben wie sein Diktatorenkollege Nkrumah. Dieser war bekanntlich während einer Auslandsreise gestürzt worden und wagte sich danach nicht mehr nach Ghana. Kaiser Haile Selassie konnte einige Jahre früher eine Palastrevolution nur niederschlagen, weil er, obwohl er abgesetzt worden war, furchtlos nach Äthiopien zurückflog. Der Rais wollte sich die Wahl zwischen beiden Beispielen ersparen und traf seine Vorsichtsmaßnahmen.
Verhaftung nach dem Abendessen
Er lud Feldmarschall Amer zum Dinner in sein Haus in Manchiet el-Bakri. Bei arabischen Gerichten eröffnete er seinem Gast, er stehe fortan unter Hausarrest. Unterdessen hatten Polizisten die Leibwache Amers entwaffnet und umstellten sein Haus. Bei einer Durchsuchung fand man angeblich Waffen und regimefeindliche Flugblätter.
Gleichzeitig bekamen der ehemalige Verteidigungsminister Badran, der ehemalige Chef der Kommandoeinheiten, Haridi, der ehemalige Rüstungsdirektor Khalil und der ehemalige Chef der Militärgefängnisse, el-Bassiuni, Hausarrest. Khalil war ein verspätetes Opfer des österreichischen Rüstungsexperten Golling, der ihn schon vor knapp drei Jahren der Unfähigkeit und Korruption bezichtigt hatte. Golling erlebte nicht mehr seine Genugtuung; er starb vor wenigen Wochen. Bassiuni geriet früher schon einmal in Ungnade und wurde auf einen Industrieposten abgeschoben. Er galt auch deshalb als unzuverlässig, weil einer seiner Neffen mit einer Deutschen verheiratet ist. Verhaftet wurde auch Amers Bürochef Schafik, der mehrmals Korruptionsanklagen ohnehin nur durch die Protektion seines Chefs entgangen war. Die Verhaftungsliste enthielt etwa 50 Namen. Inzwischen erfaßte die Säuberung sogar den bisher als verhältnismäßig sicher geltenden ägyptischen Personalstab der Araberliga, von dem ein Drittel entfernt wurde.
Doch der Rais versicherte sich nicht nur der Armee. Diesmal zerschlug er auch den so lange unentbehrlichen Geheimdienst („Mohabarrat“). Dessen Chef, Salah Nasri, und sein Stellvertreter kamen in Haft, und die Polizei („Mahabess“) erhielt Schießerlaubnis gegen die Geheimagenten. Der Mohabarrat galt seit längerem als unzuverlässig, wohl, weil er der einzige gewesen sein dürfte, der Volksstimmung und Überlebenschancen des Regimes genauestens kannte und richtig einschätzte und sich womöglich schon auf die Zeit nach Abdel Nässer einstellte. Nachdem die in und um Kairo konzentrierten Truppen striktes Ausgangsverbot erhalten, Milizionäre die strategischen Punkte besetzt und den Schutz öffentlicher Einrichtungen übernommen hatten, die Polizei pausenlos durch die Straßen patrouillierte, die Zensur außergewöhnlich verschärft und vorbeugende Maßnahmen gegen alle bekannten Regimegegner ergriffen worden waren, konnte der Präsident verhältnismäßig gefahrlos das Land verlassen.
Die Armee war gegen den Krieg
Zwei der bisher als unentbehrlich geltenden Regimestützen sind jetzt zerschlagen. Die Armee ist gedemütigt; sie wurde ihres Führungskorps und der technischen Kader beraubt und ist nur noch ein Torso. Wahrer Grund für das Zerwürfnis zwischen ihr und dem aus ihr hervorgegangenen Machhaber ist, daß ihre Offiziere sowohl den Krieg im Jemen als auch die Kriegsvorbereitungen gegen Israel verurteilten. Feldmarschall Amer verlangte mehrfach, man solle die Jemen-Intervention beenden, und General Mortaga sprach sich gegenüber dem britischen Feldmarschall Montgomery noch vor ein paar Wochen gegen einen neuen Palästina-Krieg aus. Diktatoren vertragen keinen Widerspruch.
Auch der Geheimdienst ist weitgehend ausgeschaltet. Geblieben sind nur die verhältnismäßig schwache und schlecht bewaffnete Polizei und Miliz und der von der ASU befehligte Pöbel. Die eine hängt noch immer an dem ehemaligen Innenminister Moheiddin und der andere hört auf den früheren Vizepräsidenten Sabri. Beide bekleiden gegenwärtig die höchsten Schlüsselpositionen nach Abdel Nasser. Moheiddin erhielt sogar zeitweilig den bisher nicht existierenden Titel eines „amtierenden Präsidenten“. Das zeigt, wie sehr der früher umumschränkt Regierende heute auf andere hören muß. Auch Kenner der Verhältnisse wissen nicht genau, ob er noch Herr seiner Entschlüsse oder nur Gallionsfigur für die Konkurrenten im Hintergrund ist. Sicher scheint, daß seine politisch, Zukunft von der Einigkeit dieser beiden Männer abhängt. Sobald einer von ihnen seine Stunde für gekommen hält, könnte entweder Polizei oder Parteifußvolk gegen den Rivalen und gegen den Rais mobilisiert werden. Das wäre das Ende des Nasserrismus! (Es folgen weitere Berichte.)
Horst J. Andel
