Ägypten tanzt auf einem Vulkan. Die Weltuntergangsstimmung, wie sie typisch war für die High Society der todgeweihten Dynastie König Faruks, ergriff jetzt auch die nasseristische Upper Class.
Beim Gastspiel des Londoner Covent Garden Ballet im Son et Lumière-Freilichttheater unterhalb der Pyramiden und der Sphinx von Gizeh entstiegen den chromblitzenden amerikanischen und deutschen Luxuslimousinen füllige Damen in großen Abendroben, angefertigt von hervorragenden Kairoer und Alexandriner Ateliers, doch nach dem Dernier Cri der Pariser Saison, behängt mit pfundschwerem Goldschmuck aus den Khan el-Kahlili-Werkstätten und erlesenen Perlen aus Bahrein. Die Herren trugen gutsitzende Smokings oder maßgeschneiderte Offiziersuniformen. Die wenigen Russen unter den Premierengästen sahen aus wie angewelkte Mauerblümchen.
Man stellt seinen Reichtum, den man früher sorgfältig verbarg, plötzlich öffentlich zur Schau. Im einst weltberühmten, heruntergekommenen, 100jährigen Mena House, im Gezira Sporting Club, im Shepheard’s und im Nile Hilton fließt strömeweise Whisky, und man kopiert die rauschenden Feste des oberhalb Assuans und des Sadd el-Aali in einem weißen Mausoleum beerdigten Aga Khan. Zuhause tröstet man sich mit bronzenen Hitlerbüsten aus den unerschöpflichen Lagerbeständen eines Bielefelder Trödlers über die Niederlage vom Juni 1967. Sie wurden zum Fetisch der gedemütigten Soldatenkaste. Eine Welt, genauer gesagt, drei Jahrfünfte, trennen die arrivierten Kleinbürger von der noch immer existierenden spartanischen griechischen Blue-Nile-Taverne an der Scharia Abdel Khalik Sarwat Pascha, in deren Nebenzimmer Gamal Abdel Nasser seinen Staatsstreich gegen die korrupte Monarchie plante.
Eineinhalb Autostunden weiter östlich, am unaufhaltsam versandenden Sueskanal, dessen Zentenarfeier bevorsteht, und einige hundert Kilometer südlich, an der Rotmeerküste, ist die Front. Die Ausfallstraßen sind, mit Ausnahme des neuen Highway nach Alexandria, der aber auch als Notrollbahn vorgesehen ist und an dem in Unterständen, die als Fellachenhütten getarnt sind, einsatzbereite Kampfflugzeuge bereitstehen, gesperrt für den zivilen Automobilverkehr. Oberägypten ist erreichbar nur mit D-Zug oder Flugzeug. Dort hält der Tod reiche Ernte, hier, im gerade 100jährigen Kairo, überschlagen sich Korruption und schrankenlose Vergnügungssucht.
Die gesellschaftliche Hektik spiegelt die hektische politische Entwicklung. Das Schicksal der Offiziersverschwörer, die sich in den Vierzigerjahren auf der Militärakademie Abbasia, in der Garnison Mankabad, die kürzlich Ziel eines israelischen Kommandounternehmens war, im Sudan und im ersten Palästinafeldzug zusammenfanden, um ihr Vaterland von der Tyrannei zu befreien, erinnert an den Kinderreim von den zehn kleinen Negerlein. Einer nach dem anderen verschwand aus dem Blickfeld. General Mohammed Nagib, der erste Präsident, steht seit 1954 unter Hausarrest. Salach Salem, der hochbegabte erste Propagandaminister, starb als einziger eines natürlichen Todes. Die Vizepräsidenten Abdel Latif el-Bagdadi, Kamal Eddin Hussein, Zakaria Mohieddin und Hassan Ibrahim traten zurück und sind praktisch Gefangene. Feldmarschall Mohammed Abdel Hakim Amir, engster Freund und angeheirateter Verwandter des Nildiktators, beging angeblich Selbstmord. In den Zuchthäusern und Konzentrationslagern sitzen nicht nur links- und rechtsgerichtete Regimegegner, sondern viele seiner ehemaligen prominenten Exponenten, darunter der frühere Kriegsminister Schams Eddin Badran und fast die gesamte Armeespitze des Sechstagekrieges.
Zwischen den „Negerlein“, die übrig blieben, tobt ein gnadenloser Bruderkrieg. Vor drei Monaten erzwang das Exekutivkomitee der Einheitspartei „Arabische Sozialistische Union“ unter Ali Sabri, nach dem auf Fahrlässigkeit zurückgeführten Absturz eines aus Mekka kommenden vollbesetzten Pilgerflugzeuges in Assuan, die Entlassung des gesamten Direktoriums der „United Arab Airlines“. Zufällig stieß man dabei auf weit gediehene Putschpläne der Luftwaffe. Vor drei Wochen putschte dann beinahe auch Ali Sabri.
Der 49jährige ehemalige Berufsoffizier ist ein Apparatschik ohne das Charisma Abdel Nassers. Er war lange fast unbekannt und ist sehr unbeliebt. Doch saß er immer mit am Schalthebel der Macht. 1952 beteiligt am Staatsstreich, wurde er privater Berater des Präsidenten, 1957 Minister für Präsidentschaftsangelegenheiten, 1962 Chef des Exekutivrates, 1964 Ministerpräsident, 1965 Vizestaatschef. Er stammt aus einer türkischen Familie und gilt als Millionär. Trotzdem verbarg er nie seine Sympathien für Moskau. Dorthin flog er kürzlich angeblich zur Kur. Nach der Rückkehr wurde er kaltgestellt, und man verhaftete seine Gesinnungsfreunde Khalid Mohieddin, den ehemaligen Pressezar des Regimes, Lutfi el-Kholi, den marxistischen Theoretiker des Regierungsblattes „El-Achram“ („Die Pyramiden“) und Herausgeber der theoretischen Zeitschrift „El-Talia“ („Die Avantgarde“), sowie den Chef der Präsidialkanzlei, Abdel Medschid Farid, und Sabris Berater Mustafa Nagy. In Kairo dementierte man zwar die Putschmeldungen des Beiruter Blattes „El-Dscharida“, des „Luxemburger Wort“ und des Londoner „Sunday Telegraph“, bestätigte aber die Entmachtung Ali Sabris. Sein Fluggepäck, das er aus Moskau mitgebracht habe, sei zu schwer gewesen, hieß es mysteriös in der staatlich gelenkten Presse. Er verlor den Vorsitz im ASU-Exekutivkomitee und steht unter Hausarrest. Das Regime verlor dadurch einen seiner letzten „starken Männer“.
Abdel Nasser treu geblieben sind nur drei „kleine Negeriein“: Der Speaker der Nationalversammlung, Anwar es-Sadat, der farblose Vizepräsident Hussein esch-Schafei und „El-Achram“-Chefredakteur Mohammed Hassanein Heikal, der Goebbels Ägyptens. Heer und Marine erhielten die dritten Befehlshaber seit der Juni-Niederlage 1967.
Das Regime hört gern die Behauptung, das Offizierskorps verlange militärische Revanche, der Präsident könne es nur mühsam zurückhalten, und die Schußwechsel am Sueskanal seien häufig Eigenmächtigkeiten allzu schneidiger Abschnittskommandeure. Daran ist kein wahres Wort. Die Armee fühlte sich immer als Elite des Nasserismus. Ihre Offiziere wollen Privilegien, keine Kriege. 1962 warnten viele von ihnen den Diktator vor der Intervention im Jemen. Er hörte nicht auf sie und schickte 70.000 Mann auf den Bürgerkriegsschauplatz. Nach fünf Jahren mußte er sich geschlagen geben. 1967 warnte sogar Amir vor dem Aufmarsch auf der Sinai-Halbinsel. Die Armee war gegen beide Kriege. Sie ist auch gegen die Provokationen an der Suesfront. Der Präsident hingegen beharrt auf ihnen. Er braucht die Kriegspsychose als Instrument gegen seine innerpolitischen Gegner.
In Kairo lebt man allerdings trotz allem besser als vor dem Sechstagekrieg. Man lockerte Devisenkontrollen und Einfuhrbestimmungen, duldet den Geldschwarzmarkt und erleichterte die Ausreisevorschriften. Dadurch entledigte man sich aufsässiger Elemente, vergrößerte das ausländische Warenangebot von der Toilettenseife bis zu den Automobilen und erreichte sogar ein verhältnismäßig stabiles Preisniveau. Die Wirtschaftskatastrophe, die der militärischen folgte, konnte man bis heute verschleiern.
Die Flugzeug- und Raketenproduktion in Heluan ist, nach Milliardenverlusten, eingestellt worden. Die Erdölraffinerien und eine Kunstdüngerfabrik in Sues sind, fast total zerbombt. Am Sadd el-Aali zeigten sich mehrere schwere Fehler. Der Hochstaudamm ist durchlässiger als man erwartete. Außerdem gefährdet ihn der Mahlstrom des sandigen Wassers. Im Stausee versickert mehr, als vorausberechnet wurde, und durch den hohen Druck verändert sich die Bodenstruktur. Dadurch verringerte sich die Stromerzeugung, und die Industrialisierung geriet ins Stocken. Das Ausbleiben des Nilschlammes, der sich im Staubecken ablagert, beschleunigte den Flußlauf, der stellenweise sein Bett veränderte, Kulturland wegspülte und in Kairo die Brückenpfeiler gefährdet. Den Fellachen fehlt der früher als Dünger benutzte „rote Schlamm“, und das Kima- Werk in Assuan produziert nicht genügend Kunstdünger. Folglich verspätete sich jetzt die Dattel- und Mangoreife, und viele Früchte verdarben an den Bäumen. Der Tourismus liegt in der Agonie. Neckermann etwa, bislang noch bester europäischer Kunde, strich für diesen Winter sämtliche Ägyptenreisen.
Die Bevölkerung weiß darüber, trotz verlogener Propaganda, gut Bescheid. Doch die Geheimpolizei sorgt für Remedur. In diesem Land ist sie das einzige, was hervorragend funktioniert. Als die Studenten letzten Winter forderten, man solle wirklich Krieg führen oder, wenn man das nicht könne, Frieden schließen, verhaftete sie die Rädelsführer und überschüttete die Universitäten mit einem Schwarm als Studierende getarnte Spitzel.
Seitdem herrscht Ruhe, auch unter den Konkurrenten und Gegnern des Diktators. Abdel Nasser ist möglicherweise kränker, als offiziell zugegeben wird. Kairoer Ärztekreise diagnostizieren fortgeschrittenen Prostatakrebs. Diese Krankheit erspart uns vielleicht, so argumentiert der Widerstand, die Gewalt. Diese Krankheit kostet uns vielleicht, so fürchten die Nasseristen, morgen Macht und Reichtum. Also tanzen die einen und warten die anderen am Rand des Vulkans. Niemand bezweifelt, daß er ausbrechen wird, strittig ist nur der Zeitpunkt.
Horst J. Andel
