Das Palästinahotel (schwarzweiß)

Das Palästinahotel

Alexandria hat viel zu bieten, manchmal derart viel, dass der Reisende kaum mehr in der Lage ist, Luft zu schnappen, was vor allem im Stadtzentrum auch an deren Qualität liegen mag. Eine der Sehenswürdigkeiten der Geburtsstadt von Youssef Chahine, Eli Cohen, Rudolf Heß, Georges Moustaki, Gamal Abdel Nasser und Demis Roussos ist ein Hotel mit großer Vergangenheit und mittlerweile fast tragischem Namen.

Alexandria ist die zweitgrößte Stadt Ägyptens und zweifelsfrei die mit der allergrößten Bibliothek, ausgestattet mit 2.000 Leseplätzen und Platz für acht Millionen Bücher, also eines für jeden Einwohner. An anderen Sehenswürdigkeiten mangelt es Alexandria nicht minder und sie sind auch nicht mit denen in Kairo oder Oberägypten zu vergleichen. Wer sich auf die Spuren der Pharaonen begeben möchte, wird in der nach Alexander dem Großen benannten Metropole des Buches weniger fündig, wer aber eine Alternative zu Kamelen und Pyramiden sehen will, ist in Alexandria genau richtig.

Für Männer ohne Nerven oder dementsprechende Frauen ist eine Reise nach Alexandria eine gute Idee, ein Aufenthalt in Ägypten insgesamt ebenso. Wer Ruhe sucht, findet diese sicherlich irgendwo an irgendwelchen Stränden im Land, in den großen Städten aber nur in Ausnahmefällen. Hier haben wir es mit etwas zu tun, was europäischer und erst recht deutscher Ordnung so gar nicht entspricht, sich aber für manche Globetrotter nach gewisser Eingewöhnung durchaus zu einer Begegnung mit spielerischem Reiz entwickeln mag. Man kann freilich sogar in Alexandria und Kairo Ruhepole finden, sofern man nur weiß wo. Einer dieser Ruhepole ist ein Grand Hotel, dessen Anlass zur Gründung sich heute kaum noch jemand vorstellen kann.

Palästinahotel im Ursprungszustand
Das Palästinahotel im Ursprungszustand in den späten Sechzigern

Das nun bedauerlicherweise zur dänischen Hotelkette Helnan gehörende Palästinahotel (فندق فلسطين) im Osten der Stadt wurde 1964 in nur sechs Monaten auf direkten Befehl von Präsident Gamal Abdel Nasser errichtet, um jene Staatsoberhäupter zu beherbergen, die am zweiten arabischen Gipfel in Alexandria teilnehmen sollten. Es wurde an nichts gespart, um ein Maximum an Luxus, Schönheit und Komfort zu bieten. Traurig ist die Übernahme durch den Helnan-Konzern deshalb, da sich das Unternehmen nicht nur darum zu bemühen scheint, den Namen „Palästina“ unter den Tisch fallen zu lassen und das Hotel penetrant und historisch verfälscht als „Helnan Royal“ vermarktet, sondern auch am Verlust des Shepheard Hotels in Kairo beteiligt war, das nach der Übernahme durch die Dänen mit großer Professionalität verkam. Wer im Palästinahotel absteigt und einen Taxifahrer irgendwo in der Stadt zur Fahrt dorthin beauftragt, kommt nach wie vor aber nur mit dem Hinweis auf den ursprünglichen Namen zum Ziel.

Palestine Hotel (1975)
Das Palästinahotel während des ersten Umbaus Mitte der Siebziger

Seine bewegte Geschichte kennt zahlreiche Anekdoten. Das historische Friedensabkommen zwischen Israel und Ägypten 1979 war Teil eines größeren Projektes, das auch Verhandlungen über die Autonomie der im Gasastreifen und Westjordanland lebenden Palästinenser vorsah, zu welchem der damalige israelische Premierminister Menachem Begin seinen Innenminister Josef Burg als Leiter der israelischen Delegation bestimmt hatte. Die Verhandlungen sollten auf Wunsch der Israelis nicht etwa in Kairo, sondern in Alexandria stattfinden, da Ägypten zuvor Jerusalem als Treffpunkt abgelehnt hatte, um den sowohl von Arabern wie auch Juden als Hauptstadt beanspruchten Ort von vorne herein als Störfaktor ausschließen zu können. Kaum waren die zahlreichen Vorverhandlungen abgeschlossen, tauchte das nächste Hindernis auf: die israelische Gesandtschaft weigerte sich, ein Hotel mit dem Namen „Palästina“ auch nur zu betreten.

Das Palästinahotel
Das Palästinahotel heute

Als Treffpunkt vorgesehen war das am Meer gelegene luxuriöse Fünfsterne-Hotel in Alexandria deshalb, weil es schon mehrfach Austragungsort ähnlicher Ereignisse mit Politikern wie Journalisten war. Seit seiner Gründung ist das Palästinahotel Herberge der Wahl für Staatsoberhäupter und deren Entourage, kulturelle Persönlichkeiten und zahlreiche andere bekanntere und weniger bekannte Reisende, die Alexandria besuchen und auf der Suche nach komfortablem Luxus, schlichter Eleganz und Gastfreundschaft sind. So beherbergte das Hotel auch im Oktober 2002 zur historischen Einweihung der Bibliotheca Alexandria eine Reihe von Staatsoberhäuptern und weiteren offiziellen Gästen aus aller Welt – nicht jedoch dem zionistischen Staat.

Ausblick vom Balkon
Ausblick vom Balkon des Palästinahotels

Das Gebäude folgt der architektonischen Sprache internationaler Moderne, ergänzt diese jedoch wie oftmals im Nahen Osten (außer Israel) üblich mit einer Auswahl opulenter Materialien und dezenter dekorativer Elemente. Auch ist es den Vorgaben der Bucht folgend halbrund, sodass sämtliche Flure ebenfalls einem Teilkreis entsprechen – das Ganze spiegelt sich dann zur anderen Seite ein weiteres Mal, je nach gewünschter Lage. Zwischenzeitlich hat sich die Zahl der Stockwerke zwar verdoppelt, den speziellen Charme eines Hotels aus den Sechzigern konnte es zum Glück aber teilweise zumindest bewahren. Es war nämlich die Zeit, in welcher Hotels noch Orte des Vergnügens mit Balkons für geselliges Beisammensein waren und in denen man keinen Augenblick damit verbrachte, sich körperlich zu ertüchtigen oder aber der schnöden Karriereleiter Sprossen hinzuzufügen. Das gab es alles mal und die Zeichen mehren sich, dass es das bald nicht mehr gibt. Im Palästinahotel kann man sich aber auch heute noch im einen oder anderen Gedanken verlieren und vielleicht auch darauf hoffen, dass Palästina nicht nur überleben, sondern zu einem der schönsten Orte der Welt wird.

Luxus, wohin das Auge blickt
Luxus, wohin das Auge blickt

Das Palästinahotel befindet sich am Ende der endlos langen und nicht zuletzt aufgrund des extremen Verkehrsaufkommens zur Hauptverkehrszeit kaum in Gänze zu begehenden Corniche von Alexandria im Muntaza Park, einem sozialen Zentrum der Stadt, in dem sich ehemals junge Liebespaare zu einem romantischen Spaziergang zusammenfanden und dann am Strand den Sonnenuntergang zu erleben. Leider entschloss sich die Stadt nach ausbleibenden Einnahmen privater Strandkabinen zu allerlei Rechtsstreitigkeiten und größeren Umbauarbeiten, sodass sich die Fahrt zum Hotel noch bis Ende des vorvergangenen Jahres wie ein Ritt auf einem schlecht gelaunten Kamel gestaltete. Theoretisch zumindest ist das Hotel von 350 Hektar großen üppigen Gärten umgeben und liegt gegenüber dem Königspalast von Montazah, der einst der Sommerpalast der dekadenten ägyptischen Königsfamilie war.

Noch hält der Originalname
Noch hält der Originalname

Das Palästinahotel gehört heute zur Kollektion der „Historic Hotels Of Egypt“ und verfügt über 217 Zimmer und Suiten, die alle einen Blick auf das Mittelmeer und die königlichen Gärten bieten. Der sehr diskrete und für den Gast daher kaum sichtbare Service ist ausgezeichneter Qualität und verfügt sogar über angemessenen Humor – die zunächst verzweifelte Suche nach einer verloren geglaubten Sonnenbrille gestaltete sich so recht heiter. Der grelle Sonnenschein am morgendlichen Meer war mit bloßen Augen kaum auszuhalten, weshalb die Überraschung umso größer war, besagten Augenschutz auf einer kunstvoll angerichteten Handtuchskulptur wiederzufinden und im unmittelbaren Anschluss daran kaum mehr mit dem Lachen aufhören zu können.

Kleine Überraschung
Eine kleine Überraschung vom Personal – mit verloren geglaubter Sonnenbrille

Nach Beendigung der endlos erscheinenden Bauarbeiten im Park ist immer noch nicht alles perfekt, was jedoch weniger an der Umgebung, sondern am Hotel selbst liegt. Helnan scheint nicht nur ein Problem mit der Namensgebung, sondern auch kein allzu geschicktes Händchen für seine kulinarischen Angebote im Haus zu haben. Das sehr temporär wirkende Etablissement Izumi Sushi & Teppanyaki im Erdgeschoss war entweder leer oder geschlossen und ergab in einer Stadt mit reichhaltigem Angebot erlesener Speisen und Getränke auch keinen rechten Sinn. Und während das ebenfalls im Erdgeschoss befindliche Alexandrina Restaurant internationaler Prägung zwar über eine gute Küche und adäquate Auswahl an (sehr trinkbaren!) regionalen wie internationalen Weinen verfügte, führte die Antwort des Verfassers auf die Frage nach der passenden Begleitung eines „filet de bœuf“ (Rinderfilet) doch zu einiger Überraschung: offenkundig kannte der Koch den Klassiker der „sauce au poivre vert“ (Soße mit grünem Pfeffer) nicht, schaffte es dann aber doch, eine solche zuzubereiten – das erinnerte irgendwie an Hercule Poirot. Wirklich ärgerlich war die unerklärliche Abwesenheit einer echten Bar, was in internationalen Hotels (auch im Nahen Osten) grundsätzlich nicht der Fall sein sollte und meist auch nicht ist. Ein Grand Hotel ohne Bar ist wie ein Schiff ohne Liegestühle – ein absolutes Versäumnis. Die verfügbare Zodiac Lounge & Bar wirkte eher wie eine Wartehalle und die Auswahl an Getränken war ausgesprochen spärlich. Zwar bietet das nahegelegene El Salamlek Palace Hotel And Casino eine traditionelle Bar, nur ist diese aufgrund des schwer erträglichen Kitsches der gesamten Konstruktion nicht unbedingt mit hochprozentigen Getränken und großer Hitze kompatibel und vermutlich eher für leicht zu beeindruckende Rentner aus den USA gedacht.

Empfangshalle zur Weihnachtszeit
Die Empfangshalle des Hotels zur Weihnachtszeit

Bedauerlicherweise kann das Palästinahotel insgesamt nicht mit dem Angebot eines Nile Ritz Carlton (ehemals Nile Hilton) oder Mena House in Kairo mithalten, zu sehr liegt es wohl im Abseits einer Stadt, die selbst nur die zweite Geige des Landes spielt. Zwar ist die Lage ausgesprochen schön und ruhig, so gerade keine Bauarbeiten stattfinden, doch ist das Angebot des Hotels selbst dürftig und lässt unweigerlich Fragen hinsichtlich der Investitionsbereitschaft des Betreibers aufkommen. Das alternative Hilton an zentralerer Stelle der Corniche ist zwar an einem Ort mit fürchterlich hohem Verkehrsaufkommen gelegen, verfügt aber über das bessere Restaurantangebot. Empfehlenswert ist dort das Santorini mit gehobener griechischer Küche, deren Qualität (abgesehen vielleicht von den im Anschluss angebotenen Cocktails) jedenfalls überzeugt.

Gemälde mit Sehenswürdigkeiten
Ein Gemälde mit den Sehenswürdigkeiten der Stadt erwartet den Besucher am Eingang des Hotels

Das Fazit des mehrtägigen Aufenthalts in diesem besonderen und dann und wann auch vergessen wirkenden Hotel war trotz manch sichtbarer Abnutzungen positiv. Traditionellen Reisenden mit Sehnsucht nach abendlichen Cocktails ist eher das Mitbringen entsprechender Getränke und deren Genuss auf dem sehr angenehmen und ruhigen Balkon anzuempfehlen, da der Betreiber seine diesbezüglichen Pflichten sträflich vernachlässigt. Mag durchaus sein, dass ein jüngeres Publikum koffeinhaltige Zuckerwässer und noch dazu einen Dauerlauf im angrenzenden Park bevorzugt. Angesichts der sehr banalen Hotelbauten in Tel Aviv zu jener Zeit geschieht es der schmollenden israelischen Delegation von 1979 ganz recht, dieses Hotel nicht betreten zu haben. Bleibt zu hoffen, dass der verschlafene dänische Besitzer (der Gründer des Unternehmens war immerhin Ägypter) sich künftig etwas mehr Mühe damit gibt, nicht nur das historische Erbe des Gebäudes deutlicher hervorzuheben, sondern auch die Angebote des Hauses auf Vordermann zu bringen.

David Andel