Der grelle Sonnenschein traf plötzlich die Gesichter der bewusst im Schatten sitzenden Cafégäste. Wie konnte das sein, kam die Sonne doch von der anderen Seite? Was dann folgte, war ein schreckliches Zeugnis der Vergangenheit: der Lichtstrahl kam von einem Kopf, teilweise aus glänzenden Stahl bestehend. Er deckte jenen Teil des Schädels ab, der einem Soldaten aus dem ersten Weltkrieg weggesprengt worden war. So geschehen vor über vierzig Jahren in Paris.
Armeen sind keine liebenswerten patriotischen Schrebergärtnerkolonien, sondern Ausgeburten politischen Unvermögens, Bankrotterklärungen jeder Regierung. Die fantastischsten Illusionen über Krieg werden niemals überraschend von der bitteren Wirklichkeit Lügen gestraft, kein Krieg geht gut aus. Es gibt nichts, was eine Armee besser kann als Verhandlungsgeschick aus Diplomatie und Politik. Allein die Fähigkeit und der Wille fehlen, Zugeständnisse müssen ausgeschlossen, Exempel statuiert und Sonderrechte durchgesetzt werden. Die Folgen sind stets so grausam, dass die Menschheit sich nach jedem Krieg erneut vornimmt, alles anders zu machen. Bis zum nächsten Krieg.
Die britischen Fernsehserien Yes, Minister (1980) sowie Yes, Prime Minister (1986) sind reich an Ironie und wohltuend in einer Zeit fast besessen vorgetäuschter Gefahren. Wer für politisches Personal infolge des derzeit ekelhaft mit staatsräsonaler Bündnistreue gepaarten Säbelrasselns irgendwann nichts anderes mehr als Verachtung übrig hat, wird mit diesen Perlen des britischen Fernsehens aus den Achtzigern, ihrem charmanten Humor und der hervorragenden schauspielerischen Leistung zumindest teilentschädigt. Selbst die berüchtigte Margaret Thatcher war von Yes, Minister derart begeistert, dass sie anlässlich der Verleihung eines Fernsehpreises eine eigene Szene dafür schrieb. Auf frappierend schlüssige Weise erlauben die beiden Serien Einblicke in das politische Tagesgeschehen, obgleich Finessen dieses Kalibers in Berlin oder Brüssel kaum zu erwarten sind. Anders ausgedrückt: es überraschte weit weniger, wären heutige Politiker tatsächlich genauso dumm wie ihre Politik. Deutschland und EU sind weiterhin plemplem und fürchten unvermindert von einem Russland vergewaltigt zu werden, das sich nicht wie geplant von ihnen ruinieren lässt.
Sir Humphrey: Bernard, was ist der Zweck unserer Verteidigungspolitik?
Zitat aus Yes, Prime Minister, Episode 2 The Prime Ministerial Broadcast vom 16. Januar 1986
Bernard: Großbritannien zu verteidigen.
Sir Humphrey: Nein, Bernard. Es geht darum, die Menschen glauben zu machen, dass Großbritannien verteidigt wird.
Bernard: Die Russen?
Sir Humphrey: Nicht die Russen, die Briten! Die Russen wissen, dass das nicht stimmt.
In der Folge The Prime Ministerial Broadcast vom 16. Januar 1986 erhält der geneigte Zuschauer zahlreiche bemerkenswerte wie immer noch zutreffende Erklärungen über die Vorgehensweise zur Manipulation der Gesellschaft am konkreten Beispiel von Meinungsumfragen wie zum vor allem konservativen Dauerthema Wehrpflicht. Manipulationen, die jüngst wieder an der Tagesordnung sind, so wie auch die radikalste staatsbürgerliche Pflicht namens Wehrdienst wieder Lebensbestandteil des rundum geplagten deutschen Otto Normalverbrauchers werden soll:
Sir Humphrey: Sie wissen, wie das läuft: Eine junge Dame kommt auf Sie zu, und Sie möchten einen guten Eindruck hinterlassen.
Bernard: Man möchte sich ja nicht lächerlich machen. Nein.
Sir Humphrey: Sie stellt Ihnen ein paar Fragen. „Mr. Woolley, sind Sie besorgt über die Zahl der jungen Menschen, die keine Arbeit haben?“
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: „Sind Sie besorgt über die Kriminalität unter Jugendlichen?“
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: „Über die schlechte Disziplin an unseren Gesamtschulen?“
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: „Begrüßen junge Menschen Autorität und Führung in ihrem Leben?“
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: „Reagieren sie auf Herausforderungen?“
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: „Wären Sie für die Wiedereinführung der Wehrpflicht?“
Bernard: Ich denke schon.
Sir Humphrey: Ja oder nein?
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: Natürlich. Nach allem, was Sie gesagt haben, können Sie unmöglich nein sagen!
Zitat aus Yes, Prime Minister, Episode 2 The Prime Ministerial Broadcast vom 16. Januar 1986

Sir Humphrey: Die junge Dame KANN das gegenteilige Ergebnis erzielen.
Bernard: Wie?
Sir Humphrey: „Mr. Woolley, sind Sie besorgt über die Gefahr eines Krieges?“
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: „Über die Aufrüstung?“
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: „Ist es gefährlich, jungen Menschen das Töten beizubringen?“
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: „Ist es falsch, Menschen zu zwingen, zu den Waffen zu greifen?“
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: „Sind Sie gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht?“
Bernard: Ja.
Sir Humphrey: Da haben Sie es, sehen Sie, die perfekt ausgewogene Stichprobe!
Zitat aus Yes, Prime Minister, Episode 2 The Prime Ministerial Broadcast vom 16. Januar 1986
Das sorgsam gepflegte Märchen des Bürgers in Uniform endet spätestens mit der Tatsache, dass dieser in genau jenem Einheitsgewand als Befehlsempfänger als Erstes seine Freiheit einbüßt und Handlungen von ihm erwartet werden, zu denen er als wirklich freier Bürger niemals bereit wäre. Eingeredet wird ihm, dass es Bestandteil des je nach politischem Gusto definierten staatsbürgerlichen Pflichtenheftes ist, das Mutter- oder Vaterland gegebenenfalls auch mit der Waffe gegen den politisch ersonnenen Feind des Tages verteidigen zu müssen. Das Land, die willkürlich definierte Fläche, auf der Bürger sich willkürlich definierten Werten unterzuordnen haben. Werte, die einem steten Wandel unterliegen, wie sich bereits an den beiden vergangenen Weltkriegen Deutschlands ablesen lässt. Auch für die gab es haufenweise Rechtfertigungen.
Wir setzen dabei auf die richtige Mischung aus Freiwilligkeit und Verpflichtung. Und wir beschließen einen verbindlichen Pfad, was das Thema Zeit und Ziele angeht. Uns gelingt es mit diesem Gesetz, die Bundeswehr endlich wieder mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken: Weil es zukünftig so sein wird, dass wieder an den Küchentischen über die Bundeswehr, ihre Qualität, ihre Leistungsfähigkeit diskutiert wird. Söhne werden mit ihren Vätern oder Großvätern über ihre Erfahrungen bei der Bundeswehr sprechen. Das ist ein unschätzbarer Wert.
Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitze Alexander Hoffmann am 13. November 2025
Solche Zitate sind Perlen unfreiwilliger Komik. Die gesamte Äußerung reflektiert nicht nur die besondere Engstirnigkeit Hoffmanns, sondern auch die Unmöglichkeit seines Anliegens. Die Wortwahl „die richtige Mischung aus Freiwilligkeit und Verpflichtung“ klingt so unsinnig wie „die richtige Mischung aus Leben und Tod“. Auch das vermeintlich erstrebenswerte Ziel, eine Armee endlich wieder „mehr in die Mitte der Gesellschaft zu rücken“ ist erschreckend, denn gerade eine funktionierende Gesellschaft sollte davon Abstand nehmen, zu töten, was jedoch Hauptaufgabe einer Armee ist. Destruktive Armeen und konstruktive Gesellschaften sind zwei grundsätzlich verschiedene Dinge, auch wenn immer wieder so getan wird, als wäre das anders.
Den Gipfel der Absurdität erreicht Hoffmann mit seiner Behauptung, dass künftig wieder (im Vergleich zu wann?) generationsübergreifend an Küchentischen über die Bundeswehr diskutiert würde. Nur an den Stammtischen der CSU und nach etlichen Runden Weißbier würde wohl gemutmaßt, dass derlei an Küchentischen besprochen wird. Sollten solche Gespräche jemals in der Küche stattgefunden haben, war für die betroffenen Söhne die Zeit gekommen, das Elternhaus zu verlassen. Am besten ins Ausland, denn das erspart den ganzen uniformierten Mummenschanz gleich vollständig. Die Wirklichkeit war anders, etwa dann, wenn Opa nicht mehr zwischen früher und jetzt unterscheiden konnte. So sah sich ein kriegsdienstverpflichteter Bekannter des Verfassers dieser Zeilen nach seiner Rückkehr vom „Bund“ regelmäßig mit der Frage seines Großvaters konfrontiert, wie es denn in der Wehrmacht gewesen wäre. Es blieb aussichtslos, dem Ewiggestrigen zu erklären, dass das Tausendjährige Reich schon nach zwölf Jahren sein Ende gefunden hatte.
Wir sind stolz auf unsere Soldatinnen und Soldaten und sagen ausdrücklich: Danke für ihren Einsatz! Vergelt’s Gott an alle, die in Uniform Verantwortung tragen!
Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitze Alexander Hoffmann am 13. November 2025

Es fällt generations- wie länderübergreifend schwer, jemals irgendwem zu begegnen, der seine Zeit beim Militär besonders geschätzt hätte. Keiner von denen, die dem verzweifelten staatlichen Ruf nach Landesverteidigung folgten, wusste anschließend von tiefgründigen Erkenntnissen zu berichten, auch die Zahl und Qualität erheiternder Anekdoten ist eher bescheiden. Am interessantesten waren da noch jene Zeitgenossen, die sich strategisch geschickt an irgendeine Stelle einer Zwangsarmee versetzen ließen, wo sie wenigstens irgendeinen Vorteil aus all dem Schattenboxen erzielen konnten, meistens einen illegalen. Der Rest des Unterfangens war eher tragisch verkorkst. Sehr viel totgeschlagene (kostbare!) Zeit in den besten Lebensjahren und die fortwährend mögliche Konfrontation mit irgendeinem gewalttätigen oder gewaltverherrlichenden Spinner, der schon als Schulkind Angst und Schrecken zu verbreiten wusste und im Kommiss schließlich seine Erfüllung fand. Alles in allem sind die zwangsrekrutierten Monate eine Gefängnisstrafe, über die man am besten nie mehr spricht.

Angesichts der von der bundesdeutschen Merz-Regierung ausgehenden sozialen Kälte fällt die Vorstellung nicht allzu schwer, was dann im Fall des Falles mit Kriegsopfern passiert, die nur noch geistig oder körperlich versehrt vom Fronteinsatz zurückkehren. Ist anstelle der russischen die deutsche Wirtschaft erst richtig ruiniert, wird das Geld selbst dort knapp, wo zuvor noch schleimend geworben wurde. Dann endet auch der Traum heimeliger Gespräche, denn Sohnemann muss in der Reha erst wieder lernen, wie man mit den verbliebenen Gliedmaßen in der Gesellschaft noch unterkommt. Wer sich also „am Küchentisch“ (so er überhaupt einen hat) über das Vokabular des Krieges, seien es Deserteure, Frontschweine, Helden, Invaliden, Kriegsgefangene, Leichen, Märtyrer oder sonst etwas unterhält, spinnt. Ob das Ganze als Witz verstanden werden sollte?
David Andel

