Die Hamas müsste von Israel erfunden werden, gäbe es sie nicht bereits. Sie ist idealer Feind und damit Prügelknabe Israels gleichzeitig. So Israel jedoch jemals etwas anderes hätte haben wollen, drohte daraus nur ein unliebsam konkurrierender Staat Palästina zu werden und würde seinem Nachbarn womöglich die Schau stehlen. Dies ist die tragische Basis der Lebensgeschichte von Marwan Barghuthi, dem palästinensischen Nelson Mandela.
Der kleine Marwan erblickt das Licht der Welt am 6. Juni 1959 in einem Dorf namens Kubar, zehn Kilometer nördlich von Ramallah. 1976 erschießen israelische Soldaten seinen geliebten Hund, die Besatzung wird damit für den 15-Jährigen zur persönlichen Angelegenheit. Er tritt der Fatah bei und gibt später an, „seit 1976 immer wieder harte, bittere, demütigende und brutale Verhöre erlebt“ zu haben. Im Alter von 18 wird er während seiner israelischen Haft zum Gefangenenvertreter gewählt. 1978 wird der 19-Jährige erneut wegen Mitgliedschaft in einer illegalen Organisation verhaftet, im Gefängnis schließt er die Oberstufe ab und lernt Hebräisch. 1983 wird er freigelassen, immatrikuliert sich an der Universität Bir Zait und wird zu einem bekannten Studentenführer. Vor der ersten Intifada 1987 inhaftiert Israel ihn abermals aufgrund des Tatbestandes der „Aufwiegelung”. Man will ihn nach Jordanien abschieben, das kleine Königreich nimmt zu dieser Zeit allerdings keine Deportierten auf. Die Israelis wollen ihn unter allen Umständen loswerden, transportieren ihn in einem Hubschrauber in die jordanische Wüste und setzen ihn dort aus.
Obgleich er im jordanischen Exil weiterhin politisch aktiv bleibt, ist sein Einfluss im Westjordanland eingeschränkt. Dennoch gelingt es ihm während der ersten Intifada, seine Landsleute über die Schabiha-Miliz (شبّيحة) mit Nachrichten und Taktiken zu versorgen. Nach Unterzeichnung der Osloer Verträge 1993 kann Barghuthi nach Palästina zurückkehren und wird 1994 zum Führer der Fatah im Westjordanland ernannt. 1996 wählt man ihn in den Palästinensischen Legislativrat, wo er sich sowohl für ein dauerhaftes Friedensabkommen mit Israel als auch einen unabhängigen palästinensischen Staat einsetzt. Er kämpft gegen die Korruption in der palästinensischen Politik und macht sich damit Feinde im Westjordanland und im Gasastreifen. Er erhält zwar nie ein öffentliches Amt, ist beim Volk aber beliebt und kann große Wahlerfolge für sich verbuchen. Angesichts der fortgesetzten illegalen Maßnahmen Israels zur Erweiterung bestehender Siedlungen und dem Bau neuer Siedlungen im Westjordanland wird Barghuthi zum Anführer eines kollektiven palästinensischen Widerstands gegen die anhaltende Besatzung und tritt für das Recht der Palästinenser ein, sich mit allen verfügbaren Mitteln gegen die israelische Besatzung zu wehren.

Laut seinem Freund Kadoura Fares, ab 2011 Präsident der Palästinensischen Gefangenenvereinigung und ehemaliges Mitglied des Palästinensischen Legislativrates, basiert Barghuthis pragmatischer Ansatz für den Frieden im wesentlichen auf dem Wunsch, die israelische Besatzung um jeden Preis zu beenden. Nach einem Treffen mit israelischen Beamten 1996 in Jerusalem ist Fares wegen der negativen Reaktion vieler Palästinenser auf das Treffen mit den Israelis sehr besorgt. Barghuthi beruhigt ihn und meint, dass jetzt die Zeit für Frieden ist und dieser trotz des öffentlichen Drucks angestrebt werden muss. Es gebe eine Zeit für Frieden und eine Zeit für Widerstand. Nun wäre die Zeit für Frieden.
Die Aussicht auf Frieden indes ist trüb, das Oslo-Abkommen scheitert. Es folgt die zweite Intifada und damit die Rückkehr zum bewaffneten Kampf. Barghuthi gründet die Fatah Tanzim-Miliz (التنظيم) und gerät erneut ins Visier Israels. Die Fatah Tanzim will die israelische Vorgehensweise mit gleicher Münze zurückzahlen, unterstützt auch willkürliche Schüsse auf israelische Zivilisten. Die Miliz bekennt sich zur Zerstörung der heiligen Stätte von Josefs Grab, der Ermordung der zehn Monate alten Shalhevet Pass durch einen Scharfschützen, der Erschießung des griechisch-orthodoxen Mönchs Gur Pzipokatsatakis sowie der Ermordung von Yehuda Edri und Aharon Abidian.
Scharon rechtfertigt solche barbarischen und illegalen Maßnahmen im Namen der „Sicherheit“. Aber als jemand, der selbst oft als Kandidat für ein Attentat Israels angesehen wird, kann ich dem israelischen Volk versichern, dass weder meine Ermordung noch eines der anderen 82 Attentate der letzten 15 Monate sie der Sicherheit näher bringen wird, die sie suchen und verdienen.
Marwan Barghuthi am 16. Januar 2002 über den fortwährenden staatlichen Terror Israels in der Washington Post
Im August 2001 überlebt Barghuthi ein Attentat der Israelis. Am 23. September 2001, nachdem ein Jerusalemer Amtsgericht einen Haftbefehl gegen ihn wegen Beihilfe zum Mord und versuchten Mordes erlassen hatte, verlangt Israel die Auslieferung Marwan Barghuthis von der Palästinensischen Autonomiebehörde. Das gemäß dem Oslo-Abkommen gestellte Gesuch wird wie alle anderen Auslieferungsersuchen Israels ignoriert. In einem Gastbeitrag in der Washington Post am 16. Januar 2002 geht Barghuthi davon aus, dass er von Israel früher oder später ermordet würde. Als Israel im März 2002 die Operation „Defensive Shield” (Operation Schutzschild) beginnt, taucht Barghuthi unter. Während die israelischen Streitkräfte in Ramallah einmarschieren und die Muqataa (dem Sitz des Präsidenten der palästinensischen Autonomiebehörde) belagern, finden sie auch das Haus, in dem sich Barghuthi aufhält und umzingeln es. Zur Vermeidung weiterer Tragödien stellt er sich am 15. April 2002 den israelischen Behörden. Am 14. August 2002 wird Anklage gegen ihn erhoben.
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Palästinenser Israel auf 78 Prozent des historischen Palästinas anerkannt haben. Es ist Israel, das sich weigert, das Existenzrecht Palästinas auf den verbleibenden 22 Prozent des 1967 besetzten Landes anzuerkennen. Und dennoch sind es die Palästinenser, denen vorgeworfen wird, keine Kompromisse einzugehen und Chancen zu verpassen. Ehrlich gesagt sind wir es leid, immer die Schuld für die Unnachgiebigkeit Israels zu bekommen, obwohl wir doch nur die Umsetzung des Völkerrechts fordern.
Marwan Barghuthi am 16. Januar 2002 über die Ansprüche Israels zulasten der Palästinenser in der Washington Post
Während des langwierigen Verfahrens hält er leidenschaftliche Plädoyers und argumentiert, dass das Gericht und die Praktiken des israelischen Militärs im Westjordanland nach internationalem Recht illegal seien. Seine Inhaftierung basiere auf willkürlichen Vorhaltungen, sein Geständnis wäre das Ergebnis von Folter. Als politischer Führer und Mitglied des Palästinensischen Legislativrates, gewählt von seinem Volk, habe Israel kein Recht, ihn vor Gericht zu stellen, anzuklagen und über ihn zu urteilen. Er spricht von einem Verstoß gegen das Völkerrecht, er habe das Recht, sich gegen die Besatzung zu wehren. Da das Gericht seine Aussagen ignoriert, entschließt er sich, während der Verhandlung die meiste Zeit zu schlafen. Der Prozess gerät zur Farce, Barghuthi wird zum Volkshelden. Am 20. Mai 2004 wird Barghuthi wegen mehrfachen Mordes an Israelis zu fünfmal lebenslänglicher Haft und wegen versuchten Mordes zu 40 Jahren Haft verurteilt, in weiteren 21 Fällen wird er wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Eine Berufung ist zwecklos, israelische Militärberufungsgerichte entscheiden fast ausnahmslos im Sinne der Staatsanwaltschaft, wobei von den Richtern zwar 67 Prozent der Berufungen der Staatsanwaltschaft, jedoch nur 33 Prozent der von der Verteidigung eingereichten Berufungen akzeptiert werden. Etwa 750.000 Palästinenser wurden von israelischen Militärgerichten bereits angeklagt, die Verurteilungsquote liegt der Tageszeitung Haaretz zufolge bei 99,74 Prozent.
Israel als politische Einheit zieht die Besatzung dem Frieden vor: Für das politische Establishment, die Regierung und die israelischen Institutionen ist alles besser als Frieden. Daher gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass die Verhandlungen auch nur die niedrigsten Erwartungen der palästinensischen Nation erfüllen werden. Israel nutzt die Verhandlungen lediglich, um Zeit zu gewinnen und seine internationale Isolation zu beenden. Es nutzt die lähmende Wirkung der Spaltung innerhalb der palästinensischen Arena sowie die aktuelle Lage in der arabischen Welt, um die Siedlungsaktivitäten so zu intensivieren, dass die Gründung eines vollständig unabhängigen und souveränen palästinensischen Staates entlang der Grenzen von vor 1967 mit Jerusalem als Hauptstadt unmöglich wird.
Marwan Barghuthi in einem Interview, das über einen Mittelsmann erfolgte, der die Fragen im Januar 2014 an Barghuthi im Gefängnis überbrachte
Während seiner Haft gründet er die neue politische Partei Al-Mustaqbal (Die Zukunft, المستقبل). Obgleich er zunächst bei den palästinensischen Präsidentschaftswahlen 2006 kandidieren will, zieht er sich schließlich doch zurück. Stattdessen verfasst Barghuthi zusammen mit Führern der Hamas, der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), des Islamischen Dschihad und der Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas (DFLP) das Dokument zur nationalen Aussöhnung, auch bekannt als Gefangenenpapier. Er fordert darin die Reform und Erweiterung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), die Umstrukturierung anderer politischer und sicherheitspolitischer Apparate, die Bildung einer gemeinsamen Militärfront zur Bekämpfung der israelischen Besatzung sowie die Bildung einer palästinensischen Koalitionsregierung. Das Dokument bildet die Grundlage für alle weiteren palästinensischen Versöhnungsversuche.
Die Inhaftierung hat nur dazu beigetragen, meinen Glauben an die Gerechtigkeit unserer Sache zu bekräftigen und meine unerschütterliche Überzeugung hinsichtlich unseres heiligen Rechts auf Palästina – das Land unserer Vorfahren – zu stärken, das Siedlerkolonialismus und ethnische Säuberungen in einem beispiellosen Ausmaß erlebt hat.
Marwan Barghuthi in einem Interview, das über einen Mittelsmann erfolgte, der die Fragen im Januar 2014 an Barghuthi im Gefängnis überbrachte
Wie im Falle Mandelas setzt sich auch Barghuthis Ehefrau Fadwa für die Freilassung ihres Mannes ein und verbreitet seine öffentlichen Erklärungen. Fadwa Barghuthi ist Anwältin und macht die Palästinensische Autonomiebehörde dafür mitverantwortlich, Marwans Freilassung zu behindern. Sie wirft Präsident Abbas vor, nicht genug zu tun, um auf den Fall aufmerksam zu machen. Obwohl Barghuthi seit Jahrzehnten in israelischer Haft sitzt, ist er weiterhin als Anführer der Gefangenenbewegung aktiv und inspiriert viele Palästinenser, die mit der nachgiebigen Führung der Palästinensischen Autonomiebehörde unzufrieden sind. Er wird häufig als einer der beliebtesten zeitgenössischen palästinensischen Führer aller Parteien genannt und Umfragen zeigen, dass er eine mögliche nationale Präsidentschaftswahl gewinnen würde. Selbst aus dem Gefängnis heraus werden seine Äußerungen als Aufruf zur nationalen politischen Wiederbelebung sowohl für Fatah- als auch für Nicht-Fatah-Mitglieder gefeiert.
Ich lebe seit etwa neun Jahren in derselben Zelle, Nummer 28, die ich mir mit mehreren verschiedenen Personen teile. […] In dieser Einheit befinden sich Häftlinge aus allen Fraktionen und Organisationen: siebzig Fatah-Mitglieder, fünfundzwanzig von der Hamas, zwanzig vom Islamischen Dschihad und sieben von der PFLP und DFLP zusammen. In unserer Einheit befindet sich auch der Doyen der palästinensischen Gefangenen, unser Bruder und Anführer Karim Younis, der vor wenigen Tagen sein zweiunddreißigstes Jahr in Haft begonnen hat.
Marwan Barghuthi in einem Interview, das über einen Mittelsmann erfolgte, der die Fragen im Januar 2014 an Barghuthi im Gefängnis überbrachte
Laut Barghuthi sind Inhaftierung und Freiheitsentzug schon jahrzehntelang fester Bestandteil des palästinensischen Lebens. Bereits in der britischen Mandatszeit und während der frühen Kolonialisierung des Landes habe die Kolonialpolitik diese Mittel eingesetzt, um die Stimme von Generation von Palästinensern in ihrem ständig erneuerten Widerstandskampf zum Schweigen zu bringen. Seit seiner Verhaftung im Jahr 2002 weiß Barghuthi über insgesamt hundert Tage Verhöre in Haftanstalten wie Al-Maskubiya im besetzten Jerusalem oder Petach Tikwa sowie weiteren Geheimgefängnissen zu berichten. Man verlegt ihn zunächst in Einzelhaft und dann in so genannte „kollektive Isolation“, eine kleine Gruppe von Gefangenen, getrennt von der größeren palästinensischen Häftlingspopulation. Dort befindet er sich bis heute.
Der Aufbau einer Demokratie erfordert den Dialog, die Wahrung der Werte Toleranz und Respekt für die Meinungen anderer, die Achtung der Menschenrechte, Gleichheit und Staatsbürgerschaft sowie die Vermeidung von konfessionellen, ethnischen und kommunalen Konflikten. Die Vielfalt und der Pluralismus, die die arabischen Länder auszeichnen, sind ein Beweis für den Reichtum der Region als Ganzes (Umma), und dieser Geist der inklusiven Gemeinschaft muss auf alle bestehenden [politischen] Strömungen ausgedehnt werden, ohne Diskriminierung oder Einschränkung ihrer Rechte.
Marwan Barghuthi in einem Interview, das über einen Mittelsmann erfolgte, der die Fragen im Januar 2014 an Barghuthi im Gefängnis überbrachte
Seit dem 7. Oktober 2023 steht Barghuthi wie zahlreiche andere inhaftierte Palästinenser unter verschärften Haftbedingungen. In einem Interview gibt Marwans Sohn Arab Barghuthi an, sein Vater würde systematisch gefoltert, wozu zahlreiche Demütigungen und Prügel gehörten. Das Ziel wäre eine nicht mehr zu heilende Behinderung, sodass sein Vater nicht mehr als Politiker tätig werden könne. Trotzdem gilt er immer noch als aussichtsreichster Kandidat für die Nachfolge des enttäuschenden Mahmud Abbas, der gegenüber der Besatzungsmacht als rückgratlos gilt.
Am 14. August 2025 verbreitet der rechtsradikale israelische Minister für Nationale Sicherheit Itamar Ben-Gvir ein Video, in dem er den sichtlich gealterten Barghuthi in seiner Zelle aufsucht. Der fette Knesset-Abgeordnete ist dabei umgeben von Wachpersonal und spricht mit dem Gefangenen im Unterhemd, ohne diesen zu Wort kommen zu lassen: „Wer sich mit dem Volk Israel anlegt, wer unsere Kinder ermordet, wer unsere Frauen ermordet, den werden wir auslöschen. Ihr werdet uns nicht besiegen.“ Am 9. Oktober 2025 wird bekannt, dass Marwan Barghuthi auch diesmal nicht Bestandteil des Gefangenenaustauschs mit der Hamas sein wird. Am 15. Oktober 2025 verlautbart das palästinensische Asra Media Office (AMO), dass Barghuthi Mitte September während seiner Verlegung vom Rimon- zum Megiddo-Gefängnis von israelischem Gefängnispersonal angegriffen wurde: „Er verlor das Bewusstsein und erlitt durch die Schläge vier Rippenbrüche.“

Marwan Barghuthi ist für das heutige Israel Staatsfeind Nummer Eins. Vor kaum jemandem hat das Netanjahu-Regime eine derart große Angst, da Barghuthi jene Kräfte Palästinas einen könnte, deren Zwietracht das Lebenselixier eines gelobten Landes ist, das die Palästinenser als Erzfeinde sieht. Seine Fähigkeiten als einende Kraft Palästinas werden immer wieder auch von israelischer Seite aus bestätigt, zuletzt am 17. Juli 2025 vom ehemaligen Mossad-Chef Efraim Halevy. Das vom zionistischen Besatzer ausgeübte Prinzip der Teilung und Herrschaft würde mit Barghuthi unweigerlich enden und somit ein florierendes Palästina ermöglichen, in das nicht zuletzt aus den Golfstaaten Investitionen flössen – ohne lukrativen Umweg über Israel oder die USA.
David Andel
(dieser Beitrag wird fortwährend aktualisiert)
