Sheldon Adelson war in seinen letzten Lebensjahren nur noch ein Schatten seiner selbst. Der physisch zunehmend in sich zusammengesackte Multimilliardär wirkte mit seiner absonderlichen Frisur, bestehend aus einzelnen sorgfältig über das kahle Haupt gekämmten und gefärbten Haaren, eher wie die Karikatur eines Machtmenschen als jemand, der systematisch in die Politik Israels wie der USA eingreift. Aber der Schein trügt.
Der kleine Sheldon wurde am 4. August 1933 im Dorchester-Viertel von Boston als Sohn einer aus Litauen eingewanderten jüdischen Mutter und eines aus der Ukraine eingewanderten jüdischen Vaters geboren. Sarah Tonkin und Arthur Adelson waren einfache Leute, sie betrieb ein Strickwarengeschäft und er war Taxifahrer. Schon als Zehnjähriger begann Sheldon seinen ausgeprägten Geschäftssinn zu entwickeln, lieh sich 200 US-Dollar (inflationsbereinigt heute 2.600 US-Dollar) von seinem Onkel und erwarb eine Lizenz zum Zeitungsverkauf in Boston. Es sollte der Beginn einer langen und teilweise auch steinigen Karriere als Geschäftsmann sein, auf deren Basis später die Entwicklung seines immer umfassender werdenden politischen Machtanspruchs fußte.
Als er sich 1948 vom gleichen Onkel bereits 10.000 US-Dollar (inflationsbereinigt heute 134.000 US-Dollar) zur Gründung einer Kette von Verkaufsautomaten lieh, war klar, dass er nicht bereit war, klein zu denken und über die dazu erforderlichen solventen Sponsoren verfügte. Er brach seine Ausbildung am City College von New York und später auch der Handelsschule vorzeitig ab, scheiterte als Gerichtsreporter und landete zunächst bei der US-Armee. Nur in der Welt des Geschäftemachens kannte er sich jedoch aus, dort lag das Geheimnis seines Erfolges. Alles war ihm recht, um schnell zu Geld zu kommen: ob es die Vermarktung von Hygieneartikeln, die Herstellung von Sprays zur Enteisung von Windschutzscheiben oder ein Unternehmen im Bereich des Chartertourismus war, für nichts war er sich zu schade. Im Verlauf seiner Karriere gründete er 50 Unternehmen und ging dreimal bankrott.
Richtig groß konnte er aber erst nach Gründung der Computermesse COMDEX denken, für deren Verkauf an die SoftBank Group in Japan er 500 Millionen US-Dollar erhielt. Dies ermöglichte ihm den Einstieg ins Casinogeschäft (Sands Hotel and Casino), das er bis nach Macao, Singapur und Spanien erweitern sollte. Während der Hochzeitsreise mit seiner zweiten Frau Miriam in Venedig überzeugte sie ihn, aus dem vor sich hin siechenden Sands-Casino ein von der italienischen Lagunenstadt inspiriertes Luxushotel zu machen, das acht Jahre und anderthalb US-Milliarden später feierlich eröffnet wurde. Die Adelsons schienen keine finanziellen Grenzen zu kennen, das Marina Bay Sands in Singapur kostete 5,6 Milliarden US-Dollar, umfasst drei 55-stöckige Hotels, einen 40.000 Quadratmeter großen „Sky Park”, zwei Theater, 50 Restaurants und 800.000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche. Das Venetian und der Palazzo in Las Vegas sind mit 18,5 Millionen Quadratmetern die größten Hotels der Welt. Im Rahmen seines Unternehmens LVS (Las Vegas Sands) besaß Adelson 14 Flugzeuge.
Geld ist nicht das Wichtigste im Leben. Für meinen Mann ist Geld nur ein Maßstab, um seinen Erfolg als Unternehmer und Visionär zu messen. Ich habe Medizin studiert und als Internistin und Notärztin gearbeitet. Ich habe gekämpft, um das Leben von Jung und Alt zu retten, und hatte Überlebende, aber leider sind auch Menschen in meinen Armen gestorben. Meine Prioritäten im Leben sind meine Familie, eine gute Mutter und eine liebevolle Ehefrau zu sein. Geld steht ganz unten auf meiner Liste. Deshalb habe ich kein Problem damit, mein teures Kostüm gegen den weißen Laborkittel zu tauschen. Wenn Sie mich fragen, welchen ich bevorzuge, werde ich Ihnen ohne zu zögern sagen, dass es der weiße ist.
Miriam Adelson 2012 über ihre Bescheidenheit
Seine Frau Miriam hielt 2012 26,9 % der Anteile von LVS, während Sheldon nur 26,3 % besaß. Die zierliche Frau mit Diamant-verzierter Brille und hündischer Frisur, die man heute oftmals in nordisch-weihnachtlich anmutenden Gardinenkleidern als Sahnestück US-republikanischer oder Israel-expansionistischer Veranstaltungen sieht, sollte zu Sheldons nachdrücklichem Politkatalysator werden und aus dem geldorientierten Geschäftsmann Adelson den berüchtigten parteilichen Einflussnehmer machen, der aus den Regierungen Israels wie der USA jene aggressiven Selbstbedienungsläden gemacht hat, die das Leben zahlreicher am falschen Ort geborener Menschen zunehmend verunmöglichen.
Sheldon ist mein Ein und Alles. Er ist mein bester Freund, so wie ich es für ihn bin, und er ist ein „Mensch“. Er behauptet, ich wäre ein Engel, und ich sage, er ist der „Wind unter meinen Flügeln“. Auf jeden Fall befinden wir uns gemeinsam auf einem großartigen Flug!
Miriam Adelson 2012 über ihren Oligarchengatten Sheldon
Die kleine Miriam erblickte das Licht der Welt am 10. Oktober 1945 in Tel Aviv, damals noch britisches Mandatsgebiet Palästina. Ihre Eltern Menucha und Simha Farbstein entkamen dem deutschen Judenmord in Polen und siedelten ins malerische Haifa um, wo ihr Vater mehrere Lichtspielhäuser betrieb und prominentes Mitglied der linkszionistischen „Vereinigten Arbeiterpartei“ MaPaM (Mifleget haPōʿalīm haMeʾuchedet, מפ״ם – מִפְלֶגֶת הַפּוֹעֲלִים המְאוּחֶדֶת) wurde. Miriam ist Absolventin der Hebräischen Universität Jerusalem in Mikrobiologie und Genetik, erwarb einen Abschluss an der medizinischen Fakultät der Universität Tel Aviv, spezialisierte sich auf Innere Medizin und arbeitete als Ärztin der Notaufnahme des Rokach-Krankenhauses in Tel Aviv. Aus ihrer 1980 geschiedenen ersten Ehe mit dem Gynäkologen Ariel Ochshorn gingen zwei Kinder hervor, 1986 lernte sie während eines „Blind Dates“ die Liebe ihres Lebens Sheldon Adelson kennen, den sie 1991 heiratete, seinen Namen annahm und mit dem sie zwei weitere Kinder adoptierte. Sheldon verstarb am 11. Januar 2021 und machte sie damit zur reichsten Israelin und weltweit fünftreichsten Frau.
Wenn Israel am Vorabend der Wahlen einen Krieg auslöst, in der offensichtlichen Absicht, den Präsidenten zu erpressen, wird die amerikanische Öffentlichkeit dann Israel unterstützen – oder könnte es auch anders kommen? Es wird ein entscheidendes Glücksspiel von historischer Tragweite sein. Aber wie Mitt Romney ist auch Netanjahu ein Protegé des Casino-Magnaten Sheldon Adelson, und vielleicht ist er dem Risiko nicht abgeneigter als die armen Trottel, die ihr Geld in Adelsons Casinos lassen.
Der israelische Journalist und Politiker Uri Avnery am 18. August 2012 über Sheldon Adelson
Während die Adelsons 2012 zehn Millionen US-Dollar für die erfolglose Präsidentschaftskampagne Newt Gingrichs, 93 Millionen US-Dollar für die Wahlkampagne des Kongresskandidaten Mitt Romney und 2016 25 Millionen US-Dollar für die erste Trump-Wahlkampagne spendeten, war es für die zweite Trump-Kampagne eine Großspende von 106 Millionen US-Dollar, wofür Miriam Adelson von der derzeitigen US-Regierung die eindeutige Unterstützung zur Annexion des Westjordanlandes durch Israel erwartet. Die genaue Höhe sämtlicher Spenden ist schwer zu ermitteln, da unter anderem 2012 von den rund 50 Millionen US-Dollar an mehrere als gemeinnützig anerkannte, dennoch aber politisch aktive Gruppen gingen, die keiner Pflicht zur Offenlegung ihrer Gönner unterliegen. So landeten hohe Beiträge bei Interessenverbänden wie die Americans for Prosperity (Amerikaner für Wohlstand), Teil des einflussreichen Netzwerks der Milliardärsbrüder Charles und David Koch.
Der Angriff auf die Medien begann vor einiger Zeit, als der amerikanische Casino-Magnat Sheldon Adelson, ein enger Freund Netanjahus, eine Tageszeitung mit dem ausdrücklichen Ziel gründete, Netanjahu zu unterstützen. Sie wird kostenlos verteilt und hat mittlerweile die größte Auflage des Landes, wodurch sie die Existenz aller anderen Zeitungen bedroht (sie besticht diese jedoch auch, indem sie ihnen riesige Druckaufträge erteilt). Geld spielt keine Rolle. Es werden enorme Summen ausgegeben.
Der israelische Journalist und Politiker Uri Avnery am 19. November 2011 über Sheldon Adelson
Die „Freundschaft“ mit Netanjahu währte über viele Jahre und Bibi konnte aus ihr zahlreiche Früchte ernten. Die Medienlandschaft änderte sich zunächst derart, dass Netanjahu tun und lassen konnte, was er wollte und für all dies maßlos gelobt wurde, von der kostenlos verfügbaren rechtspopulistischen Zeitung Israel Hayom, die es ohne Miriam und Sheldon Adelson nicht gegeben hätte. Die Kombination des Adelson-Sponsorings israelischer und US-amerikanischer Politiker war für sämtliche Anliegen eines politisch wie auch immer gearteten Palästinas tödlich, worüber vor allem Uri Avnery immer wieder empört schrieb – insgesamt 34 Mal. Mit ihrem unerschöpflichen Reichtum bestimmten die Adelsons weite Teile der israelischen und US-amerikanischen Politik. Während der transatlantische Sklave Deutschland unglaubwürdig von Staatsräson spricht, handeln die spendenstimulierten USA tatsächlich so, als wären die Interessen Israels und die der USA deckungsgleich.
Binjamin Netanyahu ist ein Republikaner nach amerikanischem Vorbild und ein überzeugter Anhänger von Mitt Romney. Sowohl als Finanzminister als auch als Premierminister hat er dem sozialen Netz Israels unermesslichen Schaden zugefügt. Aber nicht einmal er würde sich als Anhänger von Ayn Rand bezeichnen. Eines hat er jedoch mit Paul Ryan gemeinsam: Beide werden von Sheldon Adelson gefördert und finanziert.
Der israelische Journalist und Politiker Uri Avnery am 25. August 2012 über Sheldon Adelson
Selbst die Posten von Botschaftern der USA sind traditionell finanziellen Spendern nahe oder werden auch direkt an diese vergeben, was in der Vergangenheit bereits etlichen diplomatischen Clowns bärbockschen Kalibers beeindruckende Karrieren ermöglichte. Im Israel Netanjahus ging dies so weit, dass die Adelsons vorgaben, genau wer aus Israel wem in den USA die entsprechenden Informationen zu vermitteln hatte. Die finanzielle Quelle allen Übels lautet dabei Miriam Adelson, deren Herz immer in Israel verweilte, wie sie einst sagte. Sie wäre nur in Amerika „hängen geblieben“, nachdem sie Adelson kennengelernt hatte. Sheldon war zwar Jude, hatte Israel vor der Heirat mit Miram aber nur wenige Male besucht. Miriam trug dazu bei, ihren Ehemann für die israelische Sache zu gewinnen, was auch zur Gründung der Adelson Family Foundation führte, die sich auf Programme konzentriert, die dem Staat Israel und dem jüdischen Volk zugutekommen sollen. Dies galt jedoch anscheinend nicht für Sarah’les und Bibis Bereicherungsapparat.
Der wichtigste Bereich unserer Außenpolitik betrifft die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Diese sind in der Tat so wichtig, dass Binjamin Netanjahu sie vollständig für sich behält. Unser Botschafter in Washington berichtet ihm persönlich, nachdem er von Sheldon Adelson, dem Casino-Milliardär, handverlesen wurde.
Der israelische Journalist und Politiker Uri Avnery am 1. September 2012 über Sheldon Adelson
Erst als die endlose Gier von Sarah’le und Bibi nach privaten Geschenken deren Dauereinsatz für Groß-Groß-Großisrael zu überschatten drohte, verringerte sich die Zuneigung der Adelsons für die durch und durch korrupte Netanjahu-Mischpoke, was kaum deutlicher zum Ausdruck kam als in den Polizeiverhören um die zahlreichen Korruptionsaffären Bibis, besonders schön zusammengefasst im mittlerweile auch in Deutschland ausgestrahlten Dokumentarfilm The Bibi Files. Das Ehepaar Adelson gab vor, zu spät dahinter gekommen zu sein, mit wem sie es konkret zu tun hatten.
Hören Sie, ich glaube, Israel wäre besser dran, wenn sie sich nicht in seine Politik einmischen würde. Und, äh, sie ist sehr nachtragend. Aber ich muss Ihnen sagen und ich muss so ehrlich wie möglich zu Ihnen sein. Ich glaube nicht, dass ich die Freundschaft mit ihnen fortsetzen werde.
Sheldon Adelson im israelischen Polizeiverhör über das Ehepaar Netanjahu
Obgleich der Eindruck entstehen könnte, die Adelsons wollten fortan mit dem Bibi-Regime nichts mehr zu tun haben, wäre dies ein voreilig gezogener Schluss. Die rechtsradikale Politik Israels ist immer noch deckungsgleich mit den Vorstellungen der Miriam Adelson und nur die peinliche Geldgier Bibis samt Anhang stört diese ansonsten perfekte Symbiose aus finanziellem Reichtum und dogmatischer Religion. Erst am 31. August verlieh der israelische Präsident Isaac Herzog seine Präsidentenmedaille nicht nur an Matthias Döpfner, dem Vorstandsvorsitzenden der Hasbara-treuen Axel Springer SE (Societas Europaea = Europäische Aktiengesellschaft), sondern auch an Miriam Adelson, die Haaretz als „israelisch-amerikanische Großspenderin des rechten Flügels“ bezeichnete. In einem Podcast zeigte sich Miriam Adelson erfreut über die Zahl der US-amerikanischen Juden, die bei den letzten Wahlen für die Republikaner gestimmt hätten und somit allmählich verstünden, dass die andere politische Seite der USA Israel nicht ausreichend verteidigten und nur die Trump-Regierung Israels Beschützer wäre.

Sarah zeigte mir einmal eine Halskette und sagte: „Arnon hat sie mir gekauft. Sie ist von Tiffany & Co.“ Und sie deutete an, dass sie sich freuen würde, wenn auch ich ihr eine kaufen würde. Ich entgegnete, dass ich eine Casino-Lizenz habe und nichts Illegales tun kann. Das würde keinen guten Eindruck machen.
Miriam Adelson im israelischen Polizeiverhör über Sarah (Sarah’le) Netanjahu
Die Bilanz der jahrelang währenden Adelson-Einflussnahme ist düster. Sie ist nicht weniger (oder mehr) als eine von vielen primitiven Formen der Bestechung, die in unseren so genannten Demokratien legitimiert und damit salonfähig sind. Die Politiker des Wertewestens pflegen eine irrationale und für Europa besonders schädliche Beziehung zum US-amerikanischen Parteienduopol, das durch Geld in jede x-beliebige und nicht selten zivilisatorisch toxische Richtung gelenkt werden und Auswirkungen bis hin zum Weltkrieg oder zumindest einer völlig zerstörten Region haben kann.
Die so leidenschaftliche Ärztin Adelson hat wenig überraschend keinerlei Problem mit der Ermordung und Verstümmelung palästinensischer Menschen, darunter zahllose Frauen und Kinder. Auch die Zerstörung der Krankenhäuser in Gasa oder die systematische Folter und der hemmungslose Mord des medizinischen Personals des größten Freiluftgefängnisses der Welt unter israelischer Terrorkontrolle ficht sie nicht an. Der bislang brutalste Versuch der Auslöschung Palästinas durch Israel wird auch in Europa bittere Früchte tragen, die zu ernten keiner von uns bereit ist, zuallerletzt kriegstüchtige Regierungen. Was auch immer der transatlantische Westen und insbesondere Deutschland von den USA erwarten, es wird keinerlei Maßnahme sein, die dem rechtsextremen Regime Israels rechtzeitig Einhalt gebietet. Zu sehr stehen die Geldmittel von Spendern der Adelson-Größenordnung im Mittelpunkt US-amerikanischer Politik. Sie sind das Öl, das die gewaltige Todesmaschine des militärisch-industriellen Komplexes schmiert, sie sind die radikale Meinung, die uns ohne Unterlass als ganz alltägliche Manipulation auch in unseren Medien begegnet. Die Interessen Israels sind jedoch nicht die Interessen der Menschheit. Die meisten Juden der Welt leben unverändert in den USA – Israel ist deren koloniales wie religiöses Steckenpferd.
David Andel
