In einer Zeit, in der vom europäischen Einigungsprozess nichts anderes mehr übrig ist, als die Gemeinsamkeit, mit Wladimir Putin keine zu haben, dürfen keine großen Taten von Europa erwartet werden. Europäische Regierungen sind unbeliebt, überbezahlt und schnell vergessen. Nur Emmanuel Macron merkt dies nicht und meint, er müsse in die Geschichte eingehen.
Ein sträflicher Irrtum: „La Grande Nation“ hätte von Anfang an Großfrankreich heißen müssen, so wie Großbritannien oder das Großdeutsche Reich. Noblesse oblige – Adel soll verpflichten, wurde in Frankreich aber enthauptet und erholte sich nur als politische Wiedergeburt. Die neuen Könige waren fortan republikanische Präsidenten, hausten in den gleichen Palästen wie ihre kopflosen Vorgänger und erinnerten zuweilen an Louis de Funès oder spanische Priester. Das Land brachte es seit seiner Revolution weit, bietet heute für jeden einzelnen Tag bis zu vier unterschiedliche Käsesorten, in jedem zweiten Département ein Kernkraftwerk und ständig neue Wörter, vor allem für Dinge aus anderen Ländern.
Und dann: kaum etwas hätte schlimmer kommen können als Ursula von der Leyen. Statt des transatlantisch-berechenbar-faden und keinerlei Eindruck hinterlassenden Bayern Manfred Weber hat uns die Ausgeburt politischer Farblosigkeit Emmanuel Macron ein europäisches Desaster aus dem hannoverschen Albrecht-Clan beschert. Ihm ist dieser fundamentale politische Fauxpas an der Spitze der Europäischen Kommission zu verdanken, er wollte jene protestantische Übermutter und setzte diese gegen alle Widrigkeiten durch. Na also, Demokratie in der EU geht doch – nicht!
Schon zur ersten Amtszeit wollte man ihn gleich wieder loswerden und auch die zweite Amtszeit Macrons schien nur dem Ziel seines langsamen Abschieds zu dienen, bis man etwas besseres gefunden hatte. Sein einziger Vorteil war, nicht Marine Le Pen zu sein, davon abgesehen stand er nur für jahrelange Unerwünschtheit. Die Popularität der beiden französischen Regierungschefs war am 20. Juli auf dem niedrigsten Stand überhaupt. Nur 19% der Franzosen konnten sich noch mit Präsident Emmanuel Macron arrangieren, nur noch 18% seinen Premierminister François Bayrou ertragen.
Wären wir nicht in einer tragischen Phase unserer Geschichte, wäre ich niemals gewählt worden. Ich bin nicht dafür geschaffen, in ruhigen Zeiten zu führen. Mein Vorgänger war es, aber ich bin für stürmische Zeiten geschaffen.
Emmanuel Macron über sich selbst
Wohin er führt, daran besteht kein Zweifel: Emmanuel Macron weiß in keinem Bereich zu überzeugen – weder ökonomisch noch ökologisch. Sogar eines der Wahrzeichen von Paris brannte während seiner Präsidentschaft ab. Wenig überraschend sitzt er mit den beiden anderen Verliererstaaten Deutschland und Großbritannien fest im Sattel des toten Ukraine-Pferdes auf dem Weg nach Nirgendwo, woran auch ihn anhimmelnde Lobeshymnen nichts ändern. Seine anhaltende Unbeliebtheit konnte dieser stolze Mann nicht ertragen und entschied daher, fast, als es wirklich nicht mehr anders ging, als 149. Staat Palästina anzuerkennen. Natürlich eine billige Geste, ohne jede Konsequenz und vor allem viel zu spät für all die von Israel in aller Ungestörtheit prozesslos gefällten Todesurteile. Aber dennoch, eine Randnotiz in der Geschichte ist ihm, dem einstigen Musterschüler und späteren Gatten seiner früheren Französischlehrerin Brigitte Trogneux, nun sicher.
Kinder sterben vor Hunger, Familien überleben ohne Wasser, ohne medizinische Versorgung, ohne Obdach, unter den Trümmern dessen, was gestern noch ihre Stadt war. Eine ganze Gesellschaft wird vor den Augen der Welt ausgelöscht, und diese Welt schaut weg oder schlimmer noch: sie rechtfertigt, relativiert, zögert.
die französische Sängerin Zaho de Sagazan über die realen Werte des Westens
Mit François Mitterrand und Helmut Kohl war alles so schön, da sind sich französische Marianne wie deutscher Michel spätestens nach dem, was folgen sollte, allesamt sicher. Der sozialistische Cognac-Fürst wie auch der gute Mann aus Oggersheim führten ihre Länder garantiert so, wie sie es verdienten. Kohl und Mitterrand verschoben das Niveau nach ganz unten, um zumindest selbst in die Geschichte eingehen zu können. Das Format von Willy Brandt oder Charles de Gaulle würde keiner von ihnen erreichen, nach beiden die Versenkung. Der Trend wurde bestätigt, die beiden Todeskanzler Merz und Scholz setzten deutliche Zeichen zur Aufrüstung eines Abwärtslandes zurück in den totalen Krieg
Wie Sie lehne auch ich es ab, dass der Schmerz durch Schweigen verdeckt wird. Nichts kann die Gleichgültigkeit angesichts des Zusammenbruchs eines Volkes rechtfertigen. […] Frankreich leistet keinerlei direkte oder indirekte militärische Hilfe für die Operationen der israelischen Armee in Gasa.
Emmanuel Macrons Replik auf die Vorhaltungen der französischen Sängerin Zaho de Sagazan
Mit anderen Worten setzt Macron wirtschaftlich kaum etwas aufs Spiel, indem er dem Netanjahu-Regime seine staatliche Liebe entzieht. Dass Frankreich als Pionier der Waffenlieferungen ins gelobte Land, nach dem Bau der ersten Kernkraftwerke im Irak und in Israel sowie als Exilnation Ruhollah Musawi Chomeinis irgendetwas aus der Geschichte gelernt hätte, wäre hingegen verwunderlich. Wir wissen nicht erst seit der Nixon-Rede zur Watergate-Affäre oder dem Waterkantgate-Ehrenwort Uwe Barschels, dass die Auffassungen von Politikern oftmals in direkter Konfrontation mit der Wirklichkeit stehen, was zwar nicht heißt, dass Frankreich zu den größten Waffenlieferanten des Judenstaates zählt. Dennoch strafen die vorliegenden Daten Macron Lügen:
Dieser Bericht dokumentiert regelmäßige und kontinuierliche Waffenlieferungen auf dem Luft- und Seeweg von Frankreich nach Israel seit Beginn des Völkermords. Dazu gehören insbesondere mehr als 15 Millionen Artikel in der Kategorie „Bomben, Granaten, Torpedos, Minen, Raketen und andere Kriegsmunition” im Wert von über sieben Millionen Euro sowie 1.868 Artikel in der Kategorie „Teile und Zubehör für Raketenwerfer, Granaten, Flammenwerfer, Artillerie, Militärgewehre und Jagdgewehre” im Wert von über zwei Millionen Euro. Eine Welle von Lieferungen nach Oktober 2023 umfasst eine einmalige Lieferung im November 2023 von 15 Milliarden Artikeln der Kategorie „Bomben, Granaten, Torpedos, Minen, Raketen und andere Kriegsmunition”. Unsere Recherchen haben Flüge zwischen dem Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle und dem Flughafen Ben Gurion in Israel mit Fluggesellschaften dokumentiert, die nachweislich Militärfracht nach Israel transportiert haben. Wir haben auch Lieferungen von Teilen für F-35-Kampfflugzeuge aus den Vereinigten Staaten nach Israel über Frankreich über den Flughafen Paris-Charles-de-Gaulle dokumentiert. Die Daten deuten darauf hin, dass diese Luft- und Seetransporte bis heute fortgesetzt werden.
Einleitung des Berichts Livraisons d’armes de la France vers Israël: Un flux ininterrompu (Waffenlieferungen von Frankreich nach Israel: Ein ununterbrochener Strom) vom 10. Juni 2025

Das sieht bei den großen Israelfreunden Deutschland und den USA völlig anders aus, die beide knietief im Morast des neozionistischen Völkermordes waten. Die Legitimierung Palästinas durch einige verbliebene ewig-zögerliche Staaten im September ist nicht zuletzt Folge der Angst vor den rechtlichen Konsequenzen einer Mittäterschaft. Alles in allem ist aber auch die nun zunehmende staatliche Anerkennung kaum mehr als eine symbolische Geste, so dem keine Taten folgen, von denen allzeit beliebte Sanktionen nur die geringsten wären. Bibi und seine finsteren Gesellen müssen solange bluten, bis jedes einzelne palästinensische Opfer für sie unbezahlbar wird, eine andere Sprache versteht diese Regierung und mittlerweile auch ein Großteil des blutrünstigen Landes nicht mehr. Erst im Anschluss an solche Maßnahmen ist ein Einlenken und unmittelbar darauf folgend auch ein Ende des Netanjahu-Regimes zu erwarten. Für Deutschland bleibt die düstere Bilanz bis dahin, nicht nur schärfster Feind eines von den USA umzingelten Russlands, sondern auch noch dickster Freund eines von den USA als koloniale Regionalmacht betriebenen radikal-expansionistischen Israels zu sein.
David Andel
