Len Deighton und Michael Caine während der Dreharbeiten zu Ipcress – streng geheim (1965)

Deighton, streng geheim

Am 15. März verstarb der britische Schriftsteller Len Deighton, der durch seinen Spionagethriller Ipcress – streng geheim weltberühmt wurde. Er verfasste neben seinen 35 Romanen jedoch auch noch Werke anderer Art, nämlich Kochbücher. Nachruf auf einen Mann, dessen Hauptrolle Zeit seines Lebens war, der einzig echte Konkurrent von John le Carré gewesen zu sein.

Schon seine Geburt war ungewöhnlich. Da das örtliche Krankenhaus voll belegt war, erblickte Leonard Cyril Deighton (im Titelbild links, neben Michael Caine) am 18. Februar 1929 in der Krankenstation eines Armenhauses im Londoner Stadtteil Marylebone das Licht der Welt. Sein Vater war Chauffeur und Mechaniker für Campbell Dodgson, dem „Keeper of Prints and Drawings“ (Leiter der Abteilung von Drucken und Zeichnungen) im British Museum, seine Mutter war Köchin. Die Familie lebte damals in den Gloucester Place Mews in der Nähe der Baker Street. Bereits als Elfjähriger wurde er Zeuge der Verhaftung der Nazi-Spionin Anna Wolkoff, einer weißrussischen Emigrantin und Sekretärin des so genannten Right Club, der sich gegen die Beteiligung Großbritanniens am Krieg gegen Deutschland engagierte. Deightons Mutter kochte für sie. Die Verhaftung Wolkoffs wegen Spionage für Deutschland – man beschuldigte sie, Korrespondenz zwischen Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt gestohlen zu haben – machte die Pläne eines faschistischen Putschs durch den Club zunichte, der für den Fall der Landung deutscher Truppen auf britischem Boden geplant war. Wolkoff wurde 1947 aus der Haft entlassen und verstarb 1973 in Spanien nach einem Verkehrsunfall. Das Fahrzeug, in dem sie sich befand, wurde von Enid Riddell gefahren, einem weiteren Mitglied des Right Club.

Filmplakat von „The Ipcress File“ (1965)
Filmplakat von The Ipcress File (1965)

Schon Deightons Schulkarriere verlief alles andere als gradlinig. Nach dem Besuch der St. Marylebone Grammar School und William Ellis School landete er kriegsbedingt in einer Notschule. Seine ersten Berufserfahrungen machte er als Angestellter der Bahn, mit 17 Jahren zog man ihn zum Wehrdienst bei der Royal Air Force ein und bildete ihn zum Fotografen aus. Später war er für die Militärpolizei sowie die Special Investigation Branch (SIB) tätig, wo er als Pilot und Taucher ausgebildet wurde. Nach zweieinhalb Jahren bei der Luftwaffe entließ man ihn schließlich. Mit dem Entlassungsgeld studierte er an der Saint Martin’s School of Art, später erhielt er ein Stipendium für das Royal College of Art, in dem er 1955 seinen Abschluss machte. Während seines Studiums arbeitete er unter anderem als Konditor und Flugbegleiter, schließlich wurde er hauptberuflicher Werbegrafiker für Agenturen in New York und London, zudem gestaltete er über 200 Buchumschläge. Sein gestalterisches Talent sollte ihm dabei helfen, erste Kochrezepte mit grafischen Anleitungen zu veröffentlichen. Er entwickelte Rezepte im Cartoon-Stil, den so genannten Cookstrip. Diese trugen dazu bei, die mediterrane Küche in einem Großbritannien zu popularisieren, dessen traditionelle Küche aus ersoffenem Fleisch und Gemüse zuvor ungenießbar war.

Seinen ersten Roman The Ipcress File (Ipcress – streng geheim) verfasste er 1960 während eines Aufenthalts in der südfranzösischen Dordogne. Das Buch war ein durchschlagender Erfolg, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und ging binnen drei Jahren zweieinhalb Millionen Mal über den Ladentisch. Der Held seines Romans war namenlos und erhielt erst mit der Verfilmung 1965 den Namen Harry Palmer. Deighton verfasste drei weitere Romane mit seinem namenlosen Helden. Während auch der zweite Roman Horse Under Water (Fische reden nicht, 1963) verfilmt werden sollte und aus Funeral In Berlin (Finale in Berlin, 1964) sowie Billion-Dollar Brain (1966) Adaptionen für die Leinwand wurden, entschloss man sich nach dem schwachen Ergebnis des ausgerechnet von Ken Russell verfilmten Billion-Dollar Brain jedoch zur vorzeitigen Beendigung der Filmreihe, die zwar 1995 und 1996 erneut mit Michael Caine als Harry Palmer wiederauflebte, dann allerdings nicht mehr auf den Werken Deightons basierend.

Deighton hatte mit der filmischen Umsetzung seines Werks weniger Glück als der geschäftstüchtigere David Cornwell, alias John le Carré. Mit der auf Deightons Berlin-Trilogie (Berlin Game, 1983, Mexico Set, 1984 und London Match, 1985) basierenden Fernsehserie Game, Set & Match (1988) war er derart unglücklich, dass er deren Ausstrahlungsrechte erwarb und so eine weitere Verbreitung verhinderte. Während Kritiker die Serie liebten, waren die Einschaltquoten der Erstausstrahlung ein Desaster. Keine Probleme hatte Deighton indes mit der ITV-Neuverfilmung von Ipcress – streng geheim (2022), obgleich die erste Kinoversion bis heute zu Recht als absoluter Klassiker des Spionagefilms gilt. Das Resultat war wie so oft eine weitere von vielen missratenen Serien mit viel zu jungen Darstellern, die sich eher an die Fans von Harry Potter, denn an die erwachsenen Freunde eines guten Spionageromans zu richten schien.

Vieles wird dem ehemaligen Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und späteren Staatspräsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow heute völlig zu Unrecht vorgeworfen. Was er jedoch zweifelsfrei auf dem Gewissen hat, das ist der klassische Spionageroman, der in etwa gleichzeitig mit dem Fall des eisernen Vorhangs starb. Das technokratische Umfeld heutiger Geheimdienste ist derart langweilig, dass daraus kaum mehr Helden wie James Bond, George Smiley oder Bernard Samson entstehen können. Und Romane über die Arbeitsbedingungen und Liebesleiden übergewichtiger Informatiker aus dem Umfeld von GCHQ, Keschet oder NSA dürfte niemand lesen wollen.

Als ich „The Ipcress File“ schrieb, wollte ich überhaupt kein Schriftsteller sein. Ich mag Schriftsteller nicht, sie gehen mir auf die Nerven. Sie jammern und nörgeln ständig und erzählen einem, dass ihre Verkaufszahlen nicht gut genug sind. Um Himmels willen, es ist besser, als LKW zu fahren, wie Elvis Presley über das Singen sagte.

Len Deighton über seine berufliche Motivation in einem Interview im Jahre 2009

Die ewigen Vergleiche Deightons mit le Carré sind nur schwer verständlich. Deightons Held Bernard Sampson ist alles andere als le Carrés George Smiley und weit mehr Klassenkämpfer als nur Schein wahrender Mitläufer des Establishments. In den Nachrichtendiensten Deightons geht es widerborstiger zu, während das starre Oxbridge-Umfeld der ersten Romane le Carrés mit seinen vor allem geistig überalterten Jungs spätestens dann hätte enden sollen, als die Cambridge Five aufgeflogen waren. Die Spezialität von le Carrés Frühwerk war die Beschreibung vorgestriger Spionage, während Deightons Arbeit von der exzellenten Qualität seiner Dialoge profitierte. Was man bei Deighton las, konnte man sich vorstellen, was bei le Carré zu lesen stand, nicht, obgleich sich insbesondere le Carré später viel Mühe gab, zeitgemäßer und vielfältiger zu schreiben. Aus der Sicht eines echten Spions müssen letztlich beide Ansätze als wirklichkeitsfremd bezeichnet werden, wodurch sich deren literarische Qualität natürlich nicht verringert.

Wenn man zulässt, dass einen jemand zum Ritter schlägt, gibt man damit zu, dass es jemanden gibt, der das Recht hat, einen nach Maßstäben zu beurteilen, denen man zustimmen wird. Was für eine Unverschämtheit!

Len Deighton, der sämtliche Auszeichnungen ablehnte, in einem Interview im Jahre 2009

Fast schon exotisch war für Deighton, der Interviews mied und von Öffentlichkeitsarbeit nicht sonderlich viel hielt, seine Zeit als Reise-Redakteur beim US-Magazin Playboy. „Zwei Dinge ruinieren Schriftsteller: Lob und Alkohol.“, meinte er schließlich. In seinen späteren Lebensjahren sog er sich zunehmend zurück, wollte gar nach Japan auswandern und wurde damit im Prinzip genauso zu einem Geheimnis wie die Arbeit seines Helden Bernard Samson. Er war zweimal verheiratet, zuerst mit der Grafikerin Shirley Thompson und später mit der Diplomatentochter Ysabelle de Ranitz, mit der er zwei Söhne hatte. Am 15. März verstarb er in seinem Haus in Guernsey im Alter von 97 Jahren.

David Andel