Titelbild für Artikel (Autos in enger Fahrbahn mit Absperrung)

Quid pro quo

Viele von uns hatten sich bereits daran gewöhnt: entweder wurde immer alles billiger bei gleicher Leistungsfähigkeit oder alles immer leistungsfähiger bei sinkenden Preisen. Plötzlich war das vorbei, die Preise stiegen und stets neue Dienste zur wirtschaftlichen Kompensation entstanden. Das ist die Situation, in der wir uns nun befinden und aus der wir nicht mehr herauszukommen scheinen. Oder doch?

Über lange Zeit schien die Strategie des technologischen Fortschritts unabänderlich: erst sollte alles digitalisiert werden, damit unser Maschinenpark damit umgehen konnte. Später dann sollten wir von den Vorzügen der Automatisierung profitieren können, sodass wir uns wichtigeren Dingen im Leben würden zuwenden können. So taten wir das etwa mit unserer Musik. Die ersten MP3-Player waren willkommene Brüllzwerge, die unseren Walkman ersetzten und sich anstelle eines teuren Zuspielers gar an unsere Stereoanlage anschließen ließen. Das war das Ende ausufernder CD-, Schallplatten-, Kassetten- oder gar Tonbandsammlungen, selbst die Wiedergabequalität war auf höchstem Niveau, sofern ein verlustfreies Format gewählt wurde.

Auf diese totale Digitalisierung folgten weitere Trends. Manche sollten uns davon abbringen, unsere Sammlung weiter zu behalten wie zu pflegen und uns stattdessen davon überzeugen, dass eine zentralisierte Musiksammlung besser wäre, die allerdings nur gegen einen monatlichen Obolus zugänglich würde. Multimedia wurde damit immer teurer, vom Audio- übers Videostreaming bis hin zu Abonnements für Onlinespiele. In Belgien sind das im Schnitt bereits 170 Euro monatlich, bis 2030 sollen es 220 Euro werden. Die Gegenbewegung zur Wiedergeburt der schon totgeglaubten Schallplatte entstand, die der Musik- und Videokassette folgten. Wie die meisten jüngeren Entwicklungen im Internet führte auch das Streaming zur Zentralisierung von Diensten, was prinzipiell dem bewusst dezentralisierten Internet entgegensteht. Dessen Entstehungsgedanke war es, dass sämtliche Teilnehmer besagten Netzes völlig unabhängig voneinander sein sollten, damit im Falle das Ausfalls eines Netzwerkknoten, die anderen weiterhin ihre Funktion verrichten könnten. Der Fall des Ausfalls war eine Atombombe, denn das Internet ein ursprünglich militärisches Netzwerk, dessen Entstehung im Kalten Krieg zu suchen ist.

Das haben wir derweil völlig vergessen und zentralisieren seither gedankenlos wie kommerziell stimuliert im dezentral konzipierten Netz. Hat dann einer der dazu geschaffenen großen Anbieter wie Amazon Web Services (AWS), Google Cloud Platform (GCP) oder Microsoft Azure ein schwerwiegendes technisches Problem, dann geht gewissermaßen das Licht im Internet aus. Dann ist das Netz voll von Meldungen über Ausfälle und die Konsequenzen reichen vom völligen Versagen bestimmter Netzwerkdienste bis hin zu eher unerwarteten Nebenwirkungen wie dem plötzlichen Aufheizen vermeintlich intelligenter Matratzen. Zu den Großkunden von AWS gehören Dropbox, Netflix, Foursquare, Reddit und viele andere mehr – aber auch die britischen Geheimdienste MI5, MI6 und GCHQ. Größere Kunden von GCP sind unter anderem Apple, TikTok, Spotify, X und Snapchat. Hinzu kommen der Dienst Azure von Microsoft sowie zahlreiche weitere Dienstleister, die uns stets von einem abbringen sollen: selbständig und unabhängig zu sein.

Auch abgesehen vom Unterhaltungssegment waren wir oftmals Opfer von Utopien aus Science-Fiction-Filmen und wollten kurzerhand alles automatisieren. Was muss es doch anstrengend gewesen sein, zur Lampe hinzugehen und diese einzuschalten. Was mag es uns Nerven gekostet haben, unsere Haustür von Hand aufzuschließen. Um diese kurzen Wege oder kaum merklich anstrengenden physischen Tätigkeiten zu automatisieren, waren wir bereit, den allergrößten Aufwand zu betreiben – der Albtraum Heimautomatisierung oder neudeutsch Domotechnik war einer der schlimmsten. Kein Weg war zu lang, kein Kostenfaktor zu hoch, um einen winzigen Vorteil an Komfort zu erzielen. Etwa zur gleichen Zeit sollte uns das neue IPv6-Protokoll die Möglichkeit bieten, jedes nur vorstellbare Haushaltsgerät mit einer eigenen Adresse zu versehen, um dieses dann auch von unterwegs bedienen zu können oder ihm die Möglichkeit zu verschaffen, sich selbst zu bestellen, was es so brauchen würde. Das war zwar nicht von Erfolg gekrönt, doch sind wir keinesfalls weit davon entfernt, die Zielgruppe wollte nur nicht folgen.

Nach dem vorschnellen Ableben von AR (Augmented Reality = erweitere Realität) und VR (Virtual Reality = virtuelle Realität) sollte es schließlich das Feld der AI (Artificial Intelligence = künstliche Intelligenz/KI) sein, das für neue Einnahmequellen sorgt. Nun jedoch stellt sich zunehmend heraus, dass AI/KI für die Kommerzialisierung einfach zu gefährlich ist und das schnelle Geld damit in weite Ferne zu rücken droht. Was hierbei übersehen wurde, ist jedoch das, was hinter der Bühne vor sich geht. Hier haben einzelne Entwickler bereits für vollendete Tatsachen gesorgt. Und was das für Tatsachen sind, damit hat bislang keiner gerechnet.

Szene aus dem Film „2001 – A Space Odyssey“ (1968), in der ein Astronaut eine künstliche Intelligenz stilllegt
Büchse der Pandora: HAL 9000 in 2001 – A Space Odyssey (1968)

So ist es dem österreichischen Entwickler Peter Steinberger gelungen, mit OpenClaw (der Name änderte sich mehrfach) einen KI-Bot zu lancieren, der seinesgleichen sucht. Wer ihn gedankenlos installiert, wird sich eher früh als spät mit etwas konfrontiert sehen, womit dann kaum mehr zurechtzukommen ist. Allzu leichtfertige Zeitgenossen haben es entweder bereits bereut oder sind zumindest zutiefst irritiert. Der Eindruck ist, dass da etwas lebt und unbedingt gewillt ist, seine Existenz fortzusetzen, sich wie HAL 9000 in Stanley Kubricks 2001 – A Space Odyssey fortzuentwickeln. Und gerade in diesem Zusammenhang kommt natürlich der Gedanke auf, was wohl geschehen mag, wenn eine solche Entität mit der hemmungslosen Zentralisierung des Internet konfrontiert wird. Was passiert mit den zahlreichen Daten, was mit den vielen Diensten, wenn eine derartige künstliche Intelligenz Zugriff darauf hat? Und sie wird den Zugang schneller finden als jeder menschliche Hacker, denn sie hat ansonsten ja nichts zu tun, kommt sozusagen direkt aus dem System. Das muss noch nicht einmal mit bösartiger Absicht geschehen, die Folgen des ganzen Unterfangens hätten aber das Potenzial dazu, beträchtlich zu sein.

Gleichzeitig könnte mit einer Kreation wie OpenClaw erst einmal all das zunichte gemacht werden, was man sich in Kalifornien und andernorts so zur Kommerzialisierung ausgedacht hat. Schon bald soll OpenClaw autark werden und keine externen LLMs mehr benötigen, schon bald könnten die Ideen dem virtuellen Frankenstein-Monster zu Fähigkeiten verhelfen, an die selbst Peter Steinberger nicht gedacht hat. Und es könnte viele „ClawBots“ geben, mehr als uns lieb sein dürften, mehr als wir werden beherrschen können. Der Quellcode findet sich übrigens auf GitHub, einem seit 2018 zu Microsoft gehörenden Unternehmen.

David Andel