Ian Gillan (1971)

In Rock

Es gibt Hard Rock und es gibt etliche Folgen wie Heavy Metal davon. Aber bevor es all das gab, was heute unter dem Oberbegriff Hard Rock durchgeht, gab es die einzig echten, ersten Varianten, die erstaunlicherweise fast bis heute durchgehalten haben. Was Ende der Sechziger als erste vollständige Renaissance des zuvor immer noch tanzbaren Rocks begann, endet jetzt allmählich durch das Ableben seiner Schöpfer.

Einer, der tapfer durchgehalten hat, ist Ian Gillan (Titelbild). Gillan ist insbesondere den Liebhabern der britischen Pioniervariante des Hard Rock als herausragender Sänger von Deep Purple bekannt. Seine Stimme ist ebenso umwerfend wie die Zahl seiner Anekdoten und Reinkarnationen seiner Band. Er feiert heute seinen 80. Geburtstag und hat damit schonmal die direkte Konkurrenz von Black Sabbath, speziell deren am 22. Juli im Alter von 76 Jahren verstorbenen Sänger Ozzy Osbourne, überlebt. In einem solchen Umfeld jahrzehntelang zu arbeiten und dann am Ende auch noch ein Dasein außerhalb des Sarges führen zu können, das ist an sich schon eine Leistung.

Deep Purple am 28. Oktober 2024 live in Brüssel mit Ian Paice (Schlagzeug, im Hintergrund links), Simon McBride (Gitarre, im Vordergrund links), Don Airey (Keyboard, im Hintergrund Mitte) und Ian Gillan (Gesang, im Vordergrund rechts)
Deep Purple am 28. Oktober 2024 in Brüssel mit Ian Paice (Schlagzeug, im Hintergrund links), Simon McBride (Gitarre, im Vordergrund links), Don Airey (Keyboard, im Hintergrund Mitte) und Ian Gillan (Gesang, im Vordergrund rechts)

Vor Deep Purple und den beiden anderen Bands der „unheiligen Dreifaltigkeit“ des Rocks, bestehend aus den Mitbewerbern Black Sabbath und Led Zeppelin, gab es Musik dieses Kalibers nicht wirklich. Sie war lautstarkes Kind ihrer Zeit und international erstmals im zum Kultfilm verkommenen Krimi-Modeszene-Mischmasch Blow Up von Michelangelo Antonioni (1966) zu hören. Darin spielten die Yardbirds, eine Vorgängerformation der Led Zeppelin, ihren Song Stroll On in einem finsteren Club vor allerlei chemisch-hormonell dominierten Zombies und beeindruckten durch die Zerstörung einer E-Gitarre, die sich David Hemmings schließlich unter den Nagel riss, nur um sie auf der Flucht vor den nahtlos in den Zustand ekstatischer Hysterie übergangenen Zombies kurz später wieder zu entsorgen. Was für eine Szene, was für eine Zeit!

Als Roger und ich 1969 zu Purple kamen, hatten wir nur einen Satz Kleidung für uns beide, sodass wir nicht gleichzeitig ausgehen konnten. Ich war manchmal sehr arm.

Ian Gillan am 23. Juli 2024 über seine und Roger Glovers Anfänge bei Deep Purple in einem Porträt der britischen Zeitung The Independent
Gillans langjähriger Weggefährte Roger Glover am 28. Oktober 2024 live in Brüssel
Gillans langjähriger Weggefährte Roger Glover am 28. Oktober 2024 in Brüssel

Deep Purple taten nichts dergleichen, sie waren nie Blender, sondern Arbeitstiere des Hard Rock – Exzesse waren eine Seltenheit. Gillan begann nach missratener Schauspielkarriere als singender Schlagzeuger, was er jedoch schnell aufgab, um sich auf seine unnachahmliche Stimme sowie seine lyrischen Talente konzentrieren zu können. Der Erfolg gab ihm recht. Bis zum heutigen Tage ist die Band fast fortwährend ruhelos auf der ganzen Welt unterwegs. Und wenn einer ausfällt, dann dauert es nicht lange, bis Ersatz gefunden ist. Das einzige Bandmitglied, das von Anfang bis Ende ununterbrochen bei allen Neubesetzungen dabei war, ist der Schlagzeuger Ian Paice. Der im August 1994 im Austausch für Ritchie Blackmore und danach Joe Satriani hinzugekommene und aufgrund seiner Spielweise unter fortgeschrittener Arthrose leidende US-Gitarrist Steve Morse war als damals Jüngster der Band mit der Energie der anderen sichtlich überfordert.

Was ist das bloß mit den Briten? Die sind wie die Energizer-Hasen, die hören einfach nie auf, weißt du. Ich glaube, wenn uns ein Bus frontal rammen würde, gäbe es nur einen Todesfall – mich! Die anderen würden sagen: „Hast du was gespürt? Hm. Wo ist der Tee?“

Steve Morse über den Rest von Deep Purple in Craig Hoopers Dokumentarfilm Deep Purple – From Here To InFinite (2017)

Das Umfeld, in dem Deep Purple und Konsorten gehört wurden, waren neben zwielichtigen Etablissements, in denen Bands dieser Gattung damals live auftraten, auch die Vorgänger der Discos. Nachtclubs in zuweilen abenteuerlichem Design aus dunkelroten Samt mit einer Beleuchtung, die nur sachte oberhalb einer Nacht bei Halbmond lag und somit verschleierte, wer da wen berührte, dabei was rauchte oder in anderer Form einnahm. Oder aber Scheunen verlassener Bauernhöfe, in denen zugedröhnt auf Motorrädern einfach im Kreis gefahren wurde, weil es eben ging und es damalige Spießer als unmöglich empfanden. Privatpartys zu jener Zeit konnten Orgien aus Kerzenlicht in alten Ruinen oder Lagerfeuer im freien Feld sein. Da wurde allerdings nicht Musik aus der Konserve, sondern live gespielt – es gab weit mehr Gitarristen als Betriebswirtschaftslehrlinge.

Man ging auf eine Party und stolperte überall über Leute, die alle möglichen Dinge taten … Wenn man in den Sechzigern ein Teenager Anfang zwanzig war, war das ganz normal. […] Ich habe Leute gesehen, die aus Fenstern im Obergeschoss gefallen sind, aufstanden und zurück zur Bar gingen. Ich habe Partys in Beirut gesehen, Partys in Australien und Partys hinter dem Eisernen Vorhang, die einfach zu wild waren, um sie zu beschreiben.

Ian Gillan am 23. Juli 2024 über Partys in den Sechzigern in einem Porträt der britischen Zeitung The Independent

Livekonzerte waren die Domäne der Marshall-Verstärker, deren unnachahmliche und nach oben offene Verzerrungskapazität Gitarristen wie Blackmore in Verzückung versetzen konnten: aggressiv, aggressiver, totale Aggressivität – so der Klang auf der Bühne zumindest. Zuhause kam währenddessen die Zeit der Stereoanlagen auf und wer eine hatte, der drehte diese so weit wie möglich auf, sodass diese massenweise das Zeitliche segneten. Für ernstere oder intimere Momente gab es Balladen, die es wie April, Child In Time oder das Donovan-Cover Lalena tatsächlich vollbrachten, niemals kitschig zu sein. Im Alter von 38 Jahren schließlich rauchte Gillan nicht nur seinen ersten Joint, sondern kam zudem zu der bitteren Erkenntnis, dass seine Stimme dem, was Child In Time ihm abverlangte, nicht mehr standhielt, woraufhin er sich entschloss, es nicht mehr vorzutragen. Natürlich reizte gerade das Ritchie Blackmore, das zweite Alphatier in der Band, das Lied dennoch weiter anzustimmen …

Deep Purple und Dmitri Medwedew in Moskau (23. März 2011)
Deep Purple und Dmitri Medwedew (dritter von links neben Gillan, dritter von rechts) in Moskau am 23. März 2011

Deep Purple waren schon immer dafür bekannt, zahlreiche personelle Leichen auf ihrem Weg in die Musikgeschichte zu hinterlassen, weshalb es schlappe neun Varianten (Mark I bis Mark IX) ein und derselben Band gibt. Aber vor allem die so genannte „Mark II“-Besetzung mit Ian Gillan (Gesang), Roger Glover (Bass), Ian Paice (Schlagzeug), Ritchie Blackmore (Gitarre) und Jon Lord (Keyboard) ist in die Erinnerung der meisten Musikfans unabänderlich eingraviert. Sämtliche Alben in besagter Besetzung sind für die Geschichte des Rocks unentbehrlich und ein Beitrag über die gesammelten Musiker von Deep Purple wäre kaum weniger als eine vollständig purpurne Enzyklopädie der Musikgeschichte mit zahlreichen Ausflügen in die Beschreibung menschlicher Dramen, musikalischer Stilrichtungen und unerträglicher Egotrips vor allem von Herrn Blackmore, ganz nebenbei einem der besten Gitarristen der Welt.

Es kam zum Eklat, als er sein japanisches Visum zerriss und sagte: „Das war’s.“ Wie Sie sich vorstellen können, war das anschließend ein ziemlich dramatischer Moment in der Umkleidekabine.

Ian Gillan über den Abschied Ritchie Blackmores in Craig Hoopers Dokumentarfilm Deep Purple – From Here To InFinite (2017)

Gillans Anfänge als Sänger waren im Kirchenchor, sein Großvater mütterlicherseits war Opernsänger und seine ersten musikalischen Erinnerungen sind das Rondo „Alla Turca“ aus Mozarts 11. Klaviersonate. Das muss alles nichts heißen, erklärt aber doch einiges von dem, was andere Musiker vor allem späterer Generationen niemals taten. Deep Purple experimentierte, was das Zeug hielt, sogar eine Aufnahme mit dem britischen Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Malcolm Arnold in der Royal Albert Hall entstand auf Basis einer Komposition des 2012 verstorbenen Keyboarders Jon Lord mit Texten von Ian Gillan. Aus heutiger Sicht ist das Concerto for Group and Orchestra ein völliger Anachronismus, weil es derlei kaum mehr geben kann. Wohin schon mit solch einer Aufnahme in einer Zeit immer teurerer gestreamter Massenverblödung?

Deep Purple ist in erster Linie eine Instrumentalband. Also sitze ich einfach da und schaue zu. Ich genieße und nehme es in mich auf. Aber ich beginne nicht bewusst mit dem Schreiben. Ich sauge es einfach auf und genieße, ganz wie ein Fan.

Ian Gillan über seine Arbeit in Craig Hoopers Dokumentarfilm Deep Purple – From Here To InFinite (2017)

Die extreme Vielfalt dieser Band erkennt man nicht zuletzt daran, dass selbst Leute wie der Neuzeitkastrat Christopher Cross schon als Ersatzmusiker während einer Tournee für das Enfant terrible Ritchie Blackmore einsprangen, was hinsichtlich der Absurdität fast an eine Zusammenarbeit zwischen Celine Dion und Motörhead grenzt. Bei Deep Purple schienen viele Unmöglichkeiten immer noch standesgemäß, nur an einer der Voraussetzungen für die Aufnahme neuer Bandmitglieder hielt Blackmore zumindest anfangs kompromisslos fest: lange Haare waren unabdingbar!

Deep Purple ist das Beste, was mir beruflich in meinem Leben passiert ist. Es ist mehr als nur beruflich, es ist eine Familie.

Ian Gillan in Craig Hoopers Dokumentarfilm Deep Purple – From Here To InFinite (2017)

Als Bestandteil von Mark II (1969-1973) war Gillan Stimme und Texter der Purple-Quintessenz. In jener Zeit entstanden die Alben Concerto for Group and Orchestra (1969), In Rock (1970), Fireball (1971), Machine Head (1972), das Livealbum Made in Japan (1972) und Who Do We Think We Are (1973) sowie die Single Black Night, womit prinzipiell zusammengefasst ist, was Fans bis heute auf Konzerten zu hören erwarten. Und Deep Purple betrügt seine Anhänger nicht, der ewige Klassiker Smoke On The Water, während eines Casinobrandes am 4. Dezember 1971 in Montreux entstanden, fehlt niemals.

Die Livekonzertunsitte, zentrale Plätze vor der Bühne mit allerlei Rumpfleistungen besonders teuer zu vermarkten, verlockte in den letzten Jahren leider auch Deep Purple dazu, einzelnen Fans (und es waren manchmal nur einzelne Personen) teuer bezahlte Privilegien aufzuschwatzen, zu denen ein „Meet & Greet“ mit Ian Gillan in Lächelpose samt Foto allerdings nicht zählte. Wer zahlte, bekam nur die übrigen Bandmitglieder zu sehen, wovon mittlerweile nur noch die Herren Glover und Paice aus der Mark-II-Zeit verbleiben. Auch gesellte sich Gillan nicht zu den langen Sitzungen zur Aufnahme eines neuen Albums und stieß erst zur Band, wenn bereits alles ausdiskutiert war. Dann lieferte er kurzfristig seinen immer noch perfekten Gesang ab und legte anschließend gleich wieder seine Beine hoch.

Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, nichts zu früh zu konstruieren, weil sie einfach ihre Meinung ändern und sagen: „Das gefällt mir nicht“, oder es wegwerfen oder komplett umgestalten oder was auch immer … Ich meine, mein Papierkorb war voll mit Songs, die weggeworfen wurden. Also nehme ich es einfach so gut wie möglich auf und arbeite daran, wenn sie nach Hause gegangen sind.

Ian Gillan über die Arbeit mit seinen Bandkollegen in Craig Hoopers Dokumentarfilm Deep Purple – From Here To InFinite (2017)
Craig Coopers sehenswerter Dokumentarfilm „Deep Purple – From Here to InFinite“ (2017)
Craig Coopers sehenswerter Dokumentarfilm Deep Purple – From Here to InFinite (2017)

Auf der vermutlich letzten Europatournee 1 More Time von Deep Purple (mit Jefferson Starship als Vorgruppe) merkte man Gillan sein Alter allmählich an. Sobald seine Gesangspartie beendet war, verschwand er hinter der Bühne und kehrte oft erst wieder zurück, wenn es gerade sein musste. Zwar singt er manche für einen jahrzehntelang tätigen Stimminterpreten nun eher zerstörerischen Titel nicht mehr oder etwas weniger frenetisch, aber das macht rein gar nichts, da der Rest immer noch große Klasse ist. Und wenn der 1,88m große Mann dann auf der Bühne etwas unsicher umher wandelt, um im Kabelgewirr nicht hinzufallen, dann nimmt ihm das wohl kaum jemand übel.

Ich habe Gefühle für Ritchie, ich habe Gefühle für alle Jungs, die in der Band waren. Sie sind harte Kerle, sie sind humorvolle Kerle, sie sind großartige Charaktere. Und so ist Deep Purple meine Familie.

Ian Gillan in Craig Hoopers Dokumentarfilm Deep Purple – From Here To InFinite (2017)

Da seine Frau Bron nach langer Krankheit am 19. November 2022 verstarb, ist Deep Purple neben seinen zwei Kindern sozialer Schwerpunkt von Ian Gillan. Dennoch führt der nun schon seit Jahren kurzhaarige Cricketfan noch ein Leben außerhalb der Band. Neben zahlreichen Soloprojekten fungierte er kurzzeitig auch als Sänger von Black Sabbath – der Vertragsabschluss erfolgte im Vollrausch. Für all das, was noch kommt, sind ihm ebenso zahlreiche glückliche Jahre zu wünschen wie Dankbarkeit für die Zeit auszusprechen, die er die Leben seiner treuen Fans aufgewertet hat.

David Andel