Wehe, wenn sie losgelassen!

Rechtspopulistische Parteien sowie deren Wähler sind gehorsame Soldaten eines endlosen Krieges gegen eine niemals abnehmende Überzahl amorpher Feinde. Sobald diese jedoch auf das kampfuntüchtige Heer des karriereoptimierten Gemeinplätze-Debattierclubs aus den Reihen so genannter Volksparteien treffen, entsteht ein asymmetrisches Schlachtfeld, welches das Kartenhaus einer bislang als Ordnung missverstandenen wie verkauften Kleptokratie in Sekundenschnelle zum Einsturz bringen kann. Am 23. Juni haben England, Wales und die britischen Midlands gegen die EU-Mitgliedschaft gestimmt und damit das selbsternannte große Britannien aufs Wesentliche reduziert. Währenddessen findet in den USA ein Wahlkampf zwischen Herrn Großmaul Pest und Frau Lobby Cholera statt. Eine sinnlose Auseinandersetzung, die die Interessen des Bürgers nicht nur missachtet, sondern auch den oligarchischen Geist des Sternenbanners offenbart. Ist dies der Schwanengesang dessen, was die Militärmächte mit angeschlossener Bevölkerung allen Ernstes noch zu verteidigen suchen?


Bild: Walter Piesch
Es ist wie eine missratene Ehe. Sie mag zwar von Anfang an falsch gewesen sein, wurde dennoch aber vor allem aus sachlichen Gründen geschlossen. Dann vergingen die Jahre, die Familie wurde derweil erweitert und die Zeichen des ehelichen Verfalls ignoriert oder bewusst falsch ausgelegt. Schließlich folgte die Katastrophe in Form einer Scheidung, die Schlammschlacht, der Kampf um jedes Möbelstück, jeden Cent und überhaupt alles, was im Verlauf des Pflichtbündnisses gemeinsam erzielt wurde. Das Nein der 17.410.742 wahlberechtigten Bürger Großbritanniens zur jetzigen Form der EU bringt sowohl zum Ausdruck, dass diese Europäische Union keinerlei Bürgerunion, sondern ein rein wirtschaftlicher Interessenclub ist als auch, dass das Politik-Establishment vom dummen Wähler erwartete, er werde den Vorgaben wie gehabt folge leisten. Die Frage stellt sich dann jedoch, wieso dieser überhaupt zur Wahlurne gebeten wird? Was genau ist noch essentiell demokratisch an einem Staat, wenn vom entmündigten Bürger lediglich ein Abnicken erwartet wird oder sämtliche Parteien prinzipiell die gleichen Ziele verfolgen?

Am Volk desinteressierte Politik

Was ein Politiker genau ist und wie dessen Pflichtenkatalog aussieht, vermag niemand zu sagen, beobachten lassen sich aber mehrere Tendenzen. Ein Politiker verunmöglicht der Bevölkerung zunehmend ein Leben unter würdigen Umständen (Motto: der Bürger muss seinen Beitrag leisten), reduziert fortwährend die soziale Sicherheit der Bevölkerung (Motto: der Bürger muss mehr Eigenverantwortung tragen), schmälert die Privatsphäre und vermehrt die Kontrolle der Bevölkerung zu Überwachungszwecken (Motto: Kampf gegen den Terror, Kampf gegen Drogen, Kampf gegen organisiertes Verbrechen, Kampf gegen Kinderschänder usw.), sodass der Bürger immer weiter zum steuerlich Melkvieh wird und Parteien zu Molkereibetrieben. Gleichzeitig schafft ein Politiker sich selbst das vorzüglichste aller sozialen Netze, sichert sich oftmalige Einnahmeerhöhungen zu und beklagt nur die Verantwortungslosigkeit anderer. Er ist damit das leuchtendste aller Beispiele für den Bewohner einer Ellbogengesellschaft und liefert diesem stets neue Argumente für rücksichtsloses Verhalten, die er selbstredend über den Dingen stehend gleichzeitig anprangert.

„Diese Regierung, die so hartnäckig auf das Vertrauen pocht, das wir ihr angeblich schulden, hat selbst längst allen demokratischen Mut verloren, ihren Bürgern auch nur das kleinste Quentchen Vertrauen entgegenzubringen.“
Der deutsche Arzt und Journalist Hoimar von Ditfurth über die „obrigkeitliche Raserei“ der Politik im Zusammenhang mit der Volkszählung von 1987.

Menschen, die verheerende Ungerechtigkeiten aufs Tapet bringen, werden gern gejagt und inhaftiert, zumindest aber versucht man sie mundtot oder ihnen den Prozess zu machen. Beispiellos war das Drama um Edward Snowden, dem keine der so genannten Demokratien des großartigen Westeuropas Zuflucht bieten wollte, sodass er schließlich erst bei allseits verhassten Flüchtlingen und dann im allseits verhassten Russland Unterschlupf fand. Ein Mann wohlgemerkt, der die Völker der Welt darüber aufklärte, dass die angelsächsischen Spionagedienste NSA und GCHQ mehr oder weniger das gesamte Internet und zahlreiche weitere Kommunikationswege abhören oder es zumindest mit großem Eifer versuchen. Keiner der ehrenwerten Regierungschefs Europas brachte es fertig, Snowden für sein Tun Lob auszusprechen, alle dachten sie nur an die Vorteile, die sich aus dieser Situation für sie selbst oder die eigenen Dienste ergeben könnten, leisteten sie den Wünschen des Sternenbanners nur unterwürfig Folge. Gepredigt wird der Wert der Zivilcourage, praktiziert aber die alltägliche Feigheit. Die Liste jener, die mit dem Handeln ihrer vermeintlich demokratischen Systeme nicht mehr einverstanden sind, wird immer größer, deren Bestrafung immer unverständlicher: gejagt werden die Kronzeugen, verschont die Übeltäter.

Einen Politiker im Ruhestand oder nach einem Rücktritt findet man kaum mehr zuhause auf dem Schaukelstuhl, sondern vorwiegend als Raubritter unterwegs im Namen von Unternehmen und Organisationen, für deren freie Bahn er direkt oder indirekt im Laufe seiner politischen Tätigkeit zuvor gesorgt hat. Zur Maskierung dieses bewährten Korruptionssystems zu Ungunsten aller Bürger werden nicht nur meist unnütze Unternehmensposten oder -funktionen geschaffen, sondern zudem auch etliche Organisationen, die wiederum im Auftrage einstiger politischer Günstlinge hoch dotierte Reden an die nun abschöpfenden Parlamentsrentner vermitteln und ihnen so die zuvor versprochene Süßlupinenernte ermöglichen.

Wie die Vorstellung des vernetzten Politik-Managers vom idealen Volk oder Land aussieht, kann vorzüglich dort beobachtet werden, wo die mediale Aufmerksamkeit schläfriger ist. So sind die wirtschaftlichen und militärischen Verwicklungen zwischen Frankreich und dem kleinen afrikanischen Staat Gabun seit 56 Jahren derart von Günstlingswirtschaft und Korruption gezeichnet, dass das französische Nachrichtenmagazin
Nouvel Observateur von einem „inzestuösen Verhältnis“ spricht. Die 42-jährige Herrschaft des Omar Bongo sowie die sieben Jahre Amtszeit seines Sohnes Ali Bongo garantieren Frankreichs Erdölkonzern Total (ehemals Elf) den ungestörten Zugriff auf die Erdölreserven des Landes, sodass im Gegenzug die in Gabun befindliche permanente französische Militärbasis zur Gewährleistung der öffentlichen Ordnung beiträgt, was konkret die Unterdrückung der Bongo-Opposition heißt. Da ein Gutteil der Erdöleinnahmen wiederum an die Herrscherfamilie fließt, spenden die Bongos aus Dankbarkeit seit Jahrzehnten an konservative wie sozialistische Parteien Frankreichs beträchtliche Summen. Die Annahme wäre jedoch verkehrt, würde gemutmaßt, dass derlei Klüngeleien in Europa oder den USA nur deswegen nicht stattfinden, weil es dort eine kritische und aufmerksame Presse gibt. Eher gehen hier Politik, politiknahe Presse und Wirtschaft für alle außer dem Bürger fruchtbare Kooperationen ein und jubeln ihm dann derlei Lobbysüppchen als unausweichliches neoliberales Nirwana unter.

Follow The Money

Eine Bürgerlobby hingegen gibt es nicht, denn genau diese Rolle käme schließlich dem Politiker als Volksvertreter zu. Der Bürger steht damit ungeschützt im Regen und gibt sich unverändert der Illusion hin, er könne mit seiner Stimme im oftmals auf ein Duopol reduzierten Parteiensystem Berge versetzen. In den USA und Israel werden Politiker mittlerweile so offenkundig von Geldgebern gesponsert, dass der geneigte Wähler anstelle des Besuchs der Wahlurne nur noch dem Geld der Spender und deren Interessen folgen muss, um den Verlauf der späteren Politik vorausahnen zu können. Mit dem Vertreten bürgerlicher Interessen hat die Politik in diesen Ländern längst abgeschlossen. In Israel finanziert ein gewisser Sheldon Adelson nicht nur die fragwürdige Erscheinung des Benjamin Netanjahu, sondern gleich auch noch die größte Tageszeitung jenes Landes, das genau wie die USA nicht viel mehr als eine Armee mit angeschlossener Bevölkerung darstellt. In den USA wiederum fließen die Spenden direkt aus Saudi-Arabien in die Kasse der gutgeölten Clinton-Wahlmaschine.


Bild: David Andel

Recht so!

Stets faszinierend ist die Reaktion von Politikern im Falle eines öffentlich gewordenen Fehlverhaltens. Das ist nicht nur bei kleinen Fischen wie dem CSU-Politiker Hans Wallner oder dem SPD-Abgeordneten Sebastian Edathy so, sondern gilt skandalübergreifend. Eine regelrechte Welle wenig amüsanter akademischer „Doktorspielchen“ gab es die vergangenen Jahre bei den Damen und Herren Jorgo Chatzimarkakis (FDP), Wolfgang Dippel (CDU), Bijan Djir-Sarai (FDP), Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Siegfried Haller (SPD), Margarita Mathiopoulos (FDP), Silvana Koch-Mehrin (FDP), Matthias Pröfrock (CDU) und Annette Schavan (CDU) zu vernehmen. Niemand aus den Reihen dieser „Copy & Paste“-Akademie nahm sofort seinen Hut und ging, sondern alle warteten bis zum letzten Ende auf die Vorlage „eindeutiger“ Beweise. Der im Skandalsumpf von Kiel versunkene Uwe Barschel war trotz inflationärer Ehrenworte außerstande seine Schuld einzugestehen und beendete sein Leben schließlich in einer Genfer Badewanne. Der US-amerikanische homophobe Methodist und Waffennarr Larry Craig wurde 2007 in einer so genannten Schwulenklappe erwischt, wo er sich ausgerechnet einem Polizisten gegenüber „ungebührlich“ benahm und verhaftet wurde. US-Präsident Richard Nixon war unfähig, einen aus seinem unmittelbaren Umfeld erfolgten Auftrag zum Einbruch als seiner Aufrichtigkeit unzuträglich anzuerkennen, musste zurücktreten und schaffte es somit auf eine der oberen Stufen des Treppchens der größten politischen Skandale. Und sein Amtskollege Bill Clinton sah 25 Jahre später seine außereheliche Affaire mit der damals 22-jährigen Praktikantin Monika Lewinsky als sexuelle Begegnung der dritten Art.

Tales Of Greed And Dissatisfaction

Politiker sind zwar keine Heilige, nur was genau sind sie? Problematisch wird der Ansatz des gewöhnlich Sterblichen vor allem dann, wenn unheilige Politiker dem Volk abverlangen, es müsse heilige Werte anstreben: Verzicht, Leidensfähigkeit, mehr Leistung und weniger Leben – Gürtel enger schnallen, vorbei die Zeit der Made im Speck – sagt die Made im Speck. Währenddessen gibt es eine bemerkenswerte politische Tendenz zur Bereicherung, auch bei jenen, die niemals durch herausragende politische Taten auffielen. Weder der als US-Pudel bekannt gewordene britische Irak-Kriegsherr Anthony „Tony" Charles Lynton Blair noch der Hitler-Verniedlicher Joseph „Joschka“ Martin Fischer ließen es sich nehmen auf das goldene Rentnerkarussell aufzuspringen. Blair, jener tiefreligiöse – verheiratete – Politiker mit dem stets dümmlich grinsenden Fledermausgesicht suchte nicht nur Trost im Schoße der Gattin seines einstigen Förderers Rupert Murdoch, sondern reist nun ausgerechnet als Berater durch den Nahen Osten, wohingegen der lebendig gewordene Turnschuh unter anderem den Konzernen BMW, Siemens und RWE „zur Seite steht“. Da weder die Handlungen Blairs noch die Fischers auch nur ansatzweise als weise zu bezeichnen wären, stellt sich natürlich die Frage nach deren Beraterqualität.

Durch Verquickung von politischem Amt und Tätigkeit in der freien Wirtschaft entstehen immer neue und größere nach Bestechlichkeit stinkende goldene Misthaufen. Mangels entsprechender gesetzlicher Verbote ist jedoch viel zu viel erlaubt und auf Gesetze gegen solche Verhaltensweisen darf sich der verzichtende, leidende, mehr leistende und weniger lebende Bürger von solchen Politikern schwarz warten oder rot ärgern – auch grün ist die Hoffnung da nicht. Das Prinzip ist einfach: Politiker sollen nur das Volk vertreten dürfen, nicht aber sich selbst oder andere Gruppierungen als das Volk. Mittlerweile wird leider jede noch so absurde Rechtfertigung dazu verwendet, jenes zunächst simple Politikprinzip auszuweiten und damit die Aufgaben des Politikers in die eines konzerngesteuerten Interessenmaklers umzumünzen, der angeblich eine völlig undefinierbare Mitte vertritt. Diese Mitte gibt es weder noch gab es sie jemals und tatsächlich führen die Lobby-orientierten kleinen oder großen Koalitionen der vermeintlichen „eierlegenden Wollmilchsau“-Richtung zu nichts anderem als dem Anwachsen extremer Ränder, heute nur noch dem rechten.

Falsche Linke gegen falsche Rechte

Die „Lobbyhure“ ist zwar keine ganz neue Politikergattung, sondern nur eine mit fortwährend zunehmender Tendenz. Besagte Berufspolitiker sind derart in ein Netz von Interessengruppen verwoben, dass sie sich weder mehr bewegen müssen noch können – auch Bequemlichkeit regiert da mit. Entscheidungen zur Wirtschaftspolitik nehmen ihnen Industrie- und Arbeitgeberverbände ab, die Außen- und Rüstungspolitik wird von der NATO vorgegeben und die Sicherheits- und Gesundheitspolitik dominieren vor allem regionale Unternehmen und Institutionen aus den Bereichen der Versicherungswirtschaft und Informationstechnologie. Der Ruhestand kann so schnell und vergoldet kommen und im Gegensatz zum Soldaten macht sich für den im Rotlicht-Milieu der Lobbies agierenden Politiker der allenfalls noch kosmetische Dienst am Vaterland ausgesprochen gut bezahlt. Einziges Ärgernis bleibt hier der Wahlkampf, da dort kurzzeitig das bewährte System zur Selbstbereicherung versagt und der Kontakt zum Volk gesucht werden muss. Bewährt hat sich deshalb auch das Dreschen rechter Parolen, denn traditionell läuft das Wahlvieh echten, falschen und auch vorübergehenden Nazis immer hinterher. Auch durch die Konzentration auf eine vom Volk entrückte EU-Karriere kann der lästige Wähler abgestreift werden.

„Ich bin Sozialist, weil es mir unverständlich erscheint, eine Maschine mit Sorgfalt zu pflegen und zu behandeln, aber den edelsten Vertreter der Arbeit, den Menschen selbst, verkommen zu lassen.“
Hitler-Spruch auf dem Denkmal der Deutschen Arbeitsfront (DAF) in Dortmund-Dorstfeld, 1935.

Wie weit das Desinteresse des Politikers am Wähler gehen kann, ist derzeit in der britischen Labour Party zu beobachten. Dort haben die Mitglieder für einen Spitzenkandidaten gestimmt, den die alteingesessenen Lobbykraten in Politik und Presse aufgrund seiner offenkundigen Aufrichtigkeit abgrundtief zu hassen scheinen. Denn kaum war das Brexit-Referendum entschieden, sollte schon der Kopf Jeremy Corbyns rollen. In einer Zeit wohlgemerkt, in der es einer deutlichen Opposition gegen die rechte Politikposse zwischen Brexit und Austerität bedurft hätte. Corbyn, der sehr genau wusste, dass mit Argumenten in einem demagogischen Krieg keine Schlacht zu gewinnen ist, warf man vor, er habe sich nicht ausreichend gegen Brexit eingesetzt, sei in nicht genügendem Maße Führungspersönlichkeit, wäre insgesamt nicht wahlfähig.

„Ich bin ein Leninist. […] Lenin […] wollte den Staat zerstören, und das ist auch mein Ziel. Ich möchte alles zum Absturz bringen und die Errungenschaften der etablierten Gesellschaft von heute zerstören.“
Bekenntnis des Breitbart-Direktors Steve Bannon am 12. November 2013.

Eine Leidensgeschichte der des beeindruckend standfesten Jeremy Corbyn nicht unähnlich fand kurz zuvor in den USA statt. Dort hätte es mit Bernie Sanders die Chance auf eine echte Alternative zum bisherigen transatlantischen Tütensüppchen aus Geheimdienst-Gruppensex und NATO-Säbelrasseln sowie den Globalisierungsfetischen CETA, TiSA und TTIP gegeben, nur wurde jene vom Lobby-Monster „Killary“ Clinton mit aller redlichen und vor allem unredlichen Gewalt verunmöglicht, was am Ende ihres Sieges gar zu einer Entschuldigung gegenüber Sanders führte. Verhindert hat all dies sowie ein selten dämlicher E-Mail-Skandal die tragische Kandidatur Clintons nicht, sodass eine abzusehende aggressive Militärstrategie der möglicherweise kommenden Präsidentin weltweit zu weiterem Leid und Flüchtlingen führen dürfte.

„Sicher ist, dass die Spanier, Polen und Portugiesen, die wir bei uns zur Arbeit haben, weniger Probleme bereiten als Muslime oder Schwarze zu haben.“
Wahlpropaganda von Jacques Chirac am 19. Juni 1991.

Nach den allenfalls als politische Groschenromanhelden zu verstehenden Figuren Silvio Berlusconi, Jörg Haider, Roland Koch, Ronald Schill, Geert Wilders, Bart de Wever sowie Nicolas Sarkozy sollten europäische Berichterstatter ein Kaliber wie Donald „Trumpeltier“ schon ausreichend gut kennen und vor allem nicht allzu lautstark kritisieren. Furchterregend an der US-Wahl ist nicht nur die unerträgliche Alternativlosigkeit, sondern auch der umfassende Mangel an Glaubwürdigkeit beider Kandidaten.

„Im Kontext der fremdenfeindlich motivierten Gewalttaten ist bemerkenswert, dass die ostdeutschen Länder mit Ausnahme von Berlin nach wie vor durch sehr niedrige Ausländeranteile im Vergleich zu Westdeutschland geprägt sind. […] Dies belegt, dass fremdenfeindliche Gewalt nicht durch einen hohen Ausländeranteil bedingt ist.“
Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit, 2016.

Zusammenfassend darf gefolgert werden, dass selbst ein korrupter, koksender versteckter Homosexueller mit ausländischem Elternteil oder Ehepartner beim rechten Protestwähler Erfolg haben wird, solange er nur ausländerfeindlich auftritt. Ähnliches galt schon während des Nationalsozialismus, bei dem alles erlaubt war, so nur Judenhass verkündet wurde. Ergo sind dem rechten Wutbürger traditionelle Werte gleichgültig, er braucht nur sein Hassventil, es kann ihm daher alles angedreht werden. Und genau dies haben rechte Gruppierungen wie die nordbelgische Provinzpartei N-VA erkannt, die den Bürger noch weit mehr zu entmündigen suchen als alle anderen, das Metier des geschickten Schürens des betrügerisch entflammten Hassfeuers jedoch in besonderem Maße beherrschen.

„Links-Block verhindern! Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!“
Wahlslogan der hessischen CDU, 2008.

So stört es den Bürger überhaupt nicht, wenn er von den Spionage-Cowboys aus NSA und GHCQ überwacht wird und seine Regierung dies einfach aussitzt. Er gerät aber in Verzückung, verbietet sein Innenminister-Sheriff ein absonderliches Badegewand namens Burkini, so wie er bereits begeistert war, als ein Vorgänger dieses kleinbürgerlichen Rechtshüters vor 50 Jahren das Oben-Ohne-Baden verboten hatte. Die Bürger der Kolonialstaaten Belgien, Frankreich, Großbritannien und zahlreicher anderer Länder mit düsterer Vergangenheit vergessen allzu gern und schnell woher das Saatgut ihrer nationalen Größe und Macht stammt. Es fällt leicht, heute jene zu hassen, die man gestern noch ausgebeutet und umgebracht hat.


Bild: „Brexit: The Battle For Britain“ (BBC)

Wie irrelevant die politische Ausrichtung des Protestwählers für den Populisten tatsächlich ist, wurde bei der Brexit-Kampagne überdeutlich, für die man sich dreist roter Omnibusse bediente, damit auch die Labour-Kundschaft sich angesprochen fühlte. Somit hatte man den Protestwähler dort, wo man ihn haben wollte, ganz gleichgültig, was er sonst noch so dachte und wollte. Denn alles andere wurde selbstverständlich ausgelassen, der größere Kontext, die sachliche Erklärung der Zusammenhänge und Folgen. So bestand denn auch das Brexit-Theater lediglich aus einem Haufen Lügen, dem die Befürworter des Verbleibs in der EU mangels verblichenem Kontakt zum Volk und aufgrund einer vom Bürger entfremdeten EU nichts mehr entgegenzusetzen hatten. Dem Protestwähler wird vorgesetzt, was er hören will, in seinem Sinne gehandelt wird deswegen jedoch noch lange nicht.

Alternativlose Politik

Was genau zeichnet militärische Erfolge aus, denkt man an Vietnam, Irak, Iran, Syrien oder Libyen? Sind die Militärfetischisten Israel und USA Vorzeigedemokratien der Demokratieillusionen? Tragen Unternehmer, die eine vom Steuerzahler finanzierte Infrastruktur für ihre Zwecke nutzen ausreichend dazu bei, indem sie so erwirtschaftetes Geld in Ländern verstecken, in welchen sie niemals ein Unternehmen hätten gründen können? Bringen autofreundliche Städte ihre Bürger auf vielfältige Weise um oder verhelfen sie ihnen ausgerechnet dort zu mehr Mobilität, wo es bereits zahlreiche öffentliche Verkehrsmittel gibt? Vernichten Schulen systematisch kindliche Kreativität oder fördern sie per starrem Lehrplan verdeckte Talente? Ist das Ausbildungsprinzip insgesamt eher Qualitätsgarant oder Fließband zur Beschäftigungstherapie der Ausbildungsindustrie selbst? Lebt der moderne Mensch für die Arbeit oder arbeitet er ausschließlich zum Überleben? Ist Vollbeschäftigung oder ein bedingungsloses Grundeinkommen realistischer und vor allem auch menschlicher? War Atomkraft jemals etwas anderes als ein energiepolitischer Irrweg? Ergibt die Sommerzeit irgendeinen Sinn? Hat zunehmende Bürgerbesteuerung jemals zur dauerhaft blühenden Wirtschaft eines Landes geführt? Gibt es Anzeichen für behutsameres Vorgehen bei den vor der eigenen Gier auf Kosten des Bürgers geretteten Banken? Ist die NATO eine militärische Arbeitsbeschaffungsmaßnahme oder völkerübergreifend friedenssichernd? Ist die staatliche Subventionierung religiöser Systeme von kirchenübergreifendem Nutzen? Kümmert sich institutionelle Religion um hungernde Kinder oder ist sie Hauptverursacher der Überbevölkerung? All diese Fragen stellt sich ein Politiker nie, sondern pflastert nur bisherige Irrwege immer neu – nicht die der Mitte allerdings, sondern die des Mittelmaßes. Die Politik zieht nach wie vor das Jahr 1950 dem Jahr 2016 vor.

„Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter – Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt.“
Bekenntnis des luxemburgischen Politikers Jean-Claude Juncker.

Daher werden die Bevölkerungen der Welt auch inmitten einer bereits versagenden weil rückwärts gewandten Wirtschaft von Entwicklungen wie intelligenten Robotern oder künstlicher Intelligenz vollverschuldet überrascht werden, denn die jahrzehntelang wider besseres Wissen gewählten Volksparteien erhalten den Aberglauben an die Vollbeschäftigung auch dann immer noch aufrecht, wenn vom Briefträger über den Chirurgen bis zum Piloten und Zahnarzt bereits alles menschliche Personal von Automaten ersetzt wurde. Und wenn die NATO-kriegsbedingte Völkerwanderung ihren Höhepunkt erreicht hat, sämtliche Bomben gefallen, sämtliche Bodenschätze geplündert, sämtliche Grenzen und Ordnungen zerstört sind, wird auf den absurden Traum von Frieden durch Krieg ein bitterböses Erwachen folgen.

Inkompetenz als schlimmste Form der Korruption

Immer gern werden kritische Stimmen wie Michael C. Ruppert oder Daniele Ganser als Verschwörungstheoretiker bezeichnet, denn es ist angenehmer, sich gewohnten Sichtweisen anzuschließen. Was allerdings übel aufstößt, das sind die fortwährenden Verschwörungstheorien unserer etablierten Politiker, so auch jene im Falle von Brexit. Die Brexit-Befürworter waren teils etablierte, teils weniger etablierte rechtskonservative Politiker wie Londons ehemaliger Bürgermeister und jetziger Außenminister des Vereinigten Königreichs Boris Johnson. Ihm wurde zu keinem Zeitpunkt zur Last gelegt, ein Verschwörungstheoretiker zu sein, die Argumente jedoch, die im Rahmen auch seiner Kampagne verlautbart wurden, waren nichts anderes als eine bemerkenswerte Sammlung abenteuerlicher Behauptungen.

„Einige von ihnen, mit denen ich über den Nahen Osten sprach, hatten offensichtlich keine Ahnung, wovon sie sprachen; doch wurden sie als Experten betrachtet. Einige waren – offen gesagt – wichtigtuerische Esel. (Wichtigtuerische Esel sind eine Kategorie, die es in jedem Parlament gibt).“
Der israelische Journalist Uri Avnery über seine Begegnung mit Mitgliedern des US-Senats.

Als ein belgischer Politiker, Mitglied der derzeitigen konsequent wirtschafts- und flandernhörigen liberal-konservativ-rechtsextremen Koalition, kurzerhand von der Bildfläche verschwand, schien dies zunächst niemanden zu stören, schließlich gäbe es für einen Politiker ja keine konkrete Arbeitsverpflichtung. Erst als die zwischenzeitlich stark geschwächte verbliebene Tagespresse auf den Fall aufmerksam wurde, sah sich der ebenfalls auffällig oft abwesende Ministerpräsident Charles Michel genötigt, seinen einfach mal so zur Bildungsreise angetretenen Kollegen, den ehemaligen Verteidigungsminister und jetzigen Außenhandelsstaatssekretär Pieter De Crem, zur Rückkehr aufzufordern. Es ist wenig überraschend, dass ein so offenkundig inkompetent agierender und von seinem Parlamentskollegen Wouter De Vriendt (Groen) gar als „überflüssig“ bezeichneter Politiker wie De Crem schon seit längerem auf einen NATO-Posten hofft. Gleichzeitig wird der Bürger von besagter Regierung des unangefochtenen Spitzenreiters aller Hochsteuerländer fortwährend durch immer neue „Ideen“ zur Kasse gebeten – dieser kann sich daher nur im seltenen Ausnahmefall eine Bildungsreise und erst recht keine unentschuldigte Arbeitsplatzabwesenheit leisten.

Der Rechtsschreck des Mitte-Simpels

Die Wohlfühlmitte beschert uns „Muttis“ und „Vatis“ vom Schlage Merkels und Kohls, aber auch nette „Onkels“ in Serie als Bundespräsidenten – nur ist deren ewig gestrige Politik nicht von Vorteil fürs immer weiter nach Rechts rückende Wahlvieh, was es nun allmählich merkt. Nicht notwendige Aufklärung findet statt, sondern das Vorspiegeln ewig falscher oder lange überholter Schlaraffenlandphantasien irgendwann aus der Nachkriegszeit. Dieses Zerrbild der Wirklichkeit wird alleine dem unkritischen Wähler gegenüber gepflegt, damit er vor allem eines nicht tut: Hinterfragen. In Deutschland heißt dies trotz zweier Weltkriege rechts wählen – konservativ, national. Der deutsche Michel tritt auf der Stelle, gerne auch in Soldatenstiefeln.


Grafik: David Andel

Gemeinsam ist all den Muttis und Vatis jedoch, dass diese nicht nur ewig (Helmut Kohl 16 Jahre, Angela Merkel bislang 11 Jahre) regieren, sondern dass dieser totale Stillstand der Politik wesentlich auf einem verlogenen „Weiter so!“ basiert, tatsächlich aber den knallharten Vorgaben der Arbeitgeber- und Industrieverbände folge leistet, sodass sich beispielsweise Deutschland eine ganze Generation kaum weiterentwickelt hat, was sich nicht nur auf die Einnahmeseite der Mittelschicht auswirkt, sondern auch das tödlichste aller Gifte für neue Ideen ist. Wer nicht denken will, der unterlässt es, denn je weniger gedacht und damit infrage gestellt wird, desto glatter verläuft das Karriereleben.

„Ich bin echt gut darin, Menschen zu töten.“
Bemerkung des Friedensnobelpreisträgers Barack Hussein Obama zu den zahlreichen Drohneneinsätzen während seiner Amtszeit als US-Präsident.

Die von solchen Regierungen nun schon seit Jahrzehnten gepflegte „Strategie der Spannung“ präsentiert dem Volk im Orwellschen Sinne eine permanente Bedrohung, gegen die nur jene „harte Maßnahmen“ helfen, die ohnehin von Anfang an geplant waren, um so ungestört weiter regieren zu können. Dies kann wie im Italien der Siebziger der Fall furchterregende Ausmaße annehmen, sodass davon auszugehen ist, dass einer fremdgesteuerten Regierung alle Mittel zum Erreichen vorgegebener Ziele recht sind. Auch andere Länder wie Luxemburg, Belgien oder Deutschland sind nicht frei von solchen Einflussnahmen und dienen allesamt letztlich dazu, den Bürger auf eine ewig rechte Linie zu trimmen.

„Sie zerstörte zu viele gute und schuf zu viele schlechte Dinge in der Gesellschaft, hinterließ dann ein soziales und moralisches Vakuum, in welchem der selbstsüchtige Reiche und der unvorstellbar Privilegierte zu einfach immer noch mehr von dem zerstören können, was sie nicht brauchen und dabei auch nicht sehen, was alle anderen brauchen.“
Die Schriftstellerin Emma Darwin über die zur schlechtesten Premierministerin des Jahrhunderts gekürte Margaret Thatcher.

Sobald akzeptiert ist, dass der Durchschnittsbürger der irgendwann irgendwo irgendwie gefundenen Mitte spätestens seit Thatcher, Reagan und Kohl sowie auch durch eine selbstenthauptete Presse tatsächlich zur rechten Politik erzogen und aus ihm der nötige gehorsame Untertan wurde, erscheint nachvollziehbar, weshalb er sich im Falle der Unzufriedenheit noch weiter rechts manifestiert, denn links vom Mitte-Fetisch werden je nach Zeitalter nur noch Hexen, Juden, Moslems, Ungläubige, Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten, Kulturschänder, Perverse, Arbeitsscheue und Sozialschmarotzer vermutet – der Tummelplatz des ewigen amorphen Feindes. Der Mitte-Simpel hat nie gelernt, was soziales, fortschrittliches, unkonventionelles oder gar völlig neues Denken ist, sondern er lebt vorgefertigt rückwärtsgewandt, möchte ihm eingebleute oder vertraute Werte bewahren oder zumindest die Illusion davon. Und Teil dieser Illusion ist eine absurde „völkische“ Reinheit, die es de facto schon seit Jahrhunderten nicht mehr gibt. Inwiefern der Hass auf Andersdenkende und Nicht-Hiesige dem Fortschritt der Menschheit dienlich oder ein nationales Reinheitsgebot von besonderem Wert sein soll, vermag der Mitte-Simpel natürlich nicht zu sagen. Auch nicht, welche konkreten Werte seiner „Leitkultur“ gegen wen verteidigt werden sollen, so es denn welche gibt. Die Monokultur des völkischen Inzests ist somit die Verweigerung eines kulturellen Erfahrungs- und Lernprozesses oder Ablehnungs- und Gegenkultur der Rücksichtslosen und Fortschrittsfeinde, die die entgleiste Demokratie längst nicht mehr unter Kontrolle hat.

Religion als Hobby wie das Briefmarkensammeln

In der Tat haben religiöse Insignien und Kleidungsarten als Ab- und Ausgrenzungsmerkmale auf den Straßen aufgeklärter Staatsformen nichts zu suchen. Dazu gehören allerdings nicht nur Kopftücher und Tschadore, sondern auch die Uniformen anderer religiöser Heere, also jene von Nonnen, Pfarrern, Rabbis, orthodoxen Juden und ebenso die der Soldaten der Heilsarmee. Viele Menschen fühlen sich auch oder gerade von all diesen Insignien belästigt, weshalb sie in letzter Konsequenz niemals auf die Straße gehören. Wer Mummenschanz praktizieren möchte, der sollte dazu zuhause oder an speziell dafür vorgesehenen Feiertagen genügend Gelegenheit haben. Welch grauenvoller Anblick muss ein Pfarrer für die armen Buben sein, an denen sich ein als „Diener Gottes“ agierender Menschenpeiniger jahrelang vergangen hat, der jedoch trotz alledem ungeschoren davon kam und dann auch noch Unterschlupf unter just dem Kirchendach fand, das seinen Opfern einst als Schutzschild hätte dienen sein sollen? Oder wie geht es jenen irischen Frauen beim Anblick einer Nonne, die einst Sklavenarbeit leisten mussten, weil sie unehelich schwanger waren und daher als Schande für ihre zurückgebliebene Gesellschaft galten? Und wie reagieren die Frauen, die abgetrieben haben, beim Anblick von Nonnen und Pfarrern, die diese dann als Mörderinnen beschimpfen, da sie „ungeborenes“ Leben gern höher schätzen als geborenes Leben im Kriegsfall?

In den westeuropäischen und erst recht in den US-amerikanischen Massenmedien werden die Schlagzeilen kaum mehr wahrgenommen: ein toter Araber, zehn tote Araber, hundert tote Araber, tausend tote Araber, zehntausend tote Araber, hunderttausend tote Araber: Drohnenexekutionen, Kollateralschäden, Vergeltungsmaßnahmen, völkerrechtswidrige Kriege – alles kein Problem. In Israel exerziert die Statistik vor, was Menschenleben wert sind: jüdische israelische Staatsbürger hundert Prozent, nichtjüdische arabische israelische Staatsbürger zehn Prozent und Palästinenser ganz ohne Wert. Laut B'Tselem (The Israeli Center for Human Rights in the Occupied Territories) wurden zwischen 1987 und 2012 nicht weniger als 8516 Palästinenser durch Israel getötet, darunter hunderte von Kindern. Im gleichen Zeitraum starben etwa 400 Israelis durch palästinensische Selbstmordattentäter. Im Jemen findet ein extrem zerstörerischer Aggressionskrieg durch Saudi-Arabien mittels US-amerikanischer Waffen statt, der vom europäischen Westen nicht nur toleriert, sondern auch gefördert wird. Wer daher heute in Gaza oder dem Westjordanland geboren wird und aufwächst, der weiß von Anfang an über seine Startposition Bescheid – es ist die des Untermenschen, des Aussätzigen, des Hoffnungslosen des 20. und mittlerweile auch 21. Jahrhunderts. Die Bürger des Iraks und Syriens haben jahrzehntelang unverschuldet gelitten und die USA haben sich noch vor nicht allzu langer Zeit gerne der Waffenmacht eines Saddam Hussain als Stellvertreterarmee gegen den Iran bedient: das alleine waren acht Jahre Krieg. Und Syrien? Auch hier spielen der Westen und Israel die Rolle der anlass-, kenntnis- und glücklosen Einmischer. Gespielt wird stets im Turnier des großen Experiments: schauen wir mal, was dabei herauskommt, wenn wir diese oder jene Schachfiguren hin- und herbewegen. Daher wird weiter gemordet und gestorben, denn es ist ja alles weit weg – oder doch nicht? Die verhassten Flüchtlinge sind keine Züchtungen multikultureller Kobolde zur Verärgerung rechter Wutbürger, sondern werden in den Schreckensfabriken rechter Kriegsstrategen in Serie produziert.

Fern ist uns der Nahe Osten geografisch nicht, sondern der europäische Hinterhof – ganz so wie die USA Südamerika als den ihrigen sehen. Der Hinterhof Europas beginnt direkt hinter dem NATO-Mitglied Türkei, einem Staat, der schon seit geraumer Zeit völlig unberechenbar ist, den der Westen jedoch wie den unverhohlen religiösen Aggressor Saudi-Arabien aus unerfindlichen Gründen als Waffenpartner ins Herz geschlossen hat. Wer mit saudischen Politikern spricht, der begegnet höflichen und ausgezeichnet Englisch sprechenden Herren mittleren Alters im perfekt sitzenden westlichen Anzug. Und die sollen mit ihrem Erdölreichtum den islamischen Fundamentalismus in der Region finanzieren? Aber nein!

Blinde Augen gibt es immer dort, wo günstige geostrategische Lagen vorliegen. Man weiß ja nie, mit Russland … Die Angelegenheit sollte klar sein: die USA haben im europäischen Hinterhof genauso wenig verloren wie Europa einen Krieg gegen Venezuela führen würde, um an dortige Erdölvorräte zu gelangen – und dazu dann auch noch um die militärische Hilfe der USA bäte. Den Europäern aber werden von ihren Regierungen die abenteuerlichsten US-militärischen Unterfangen angedreht, nur damit die transatlantischen Kuscheltiere glücklich werden. Wer jedoch bezahlt letztlich für das menschliche Leid, die Flüchtlinge, den Terror vor der Haustür?

Alt und dumm

Aus unseren Schulen geht ein kreativer und kluger Rebell allenfalls per Zufall hervor, eher verkümmert er aber dort. Das Schulsystem ist insgesamt so kaputt wie dessen Grundschullehrer am Abend. Wer Steve Jobs in Serie will, darf keine Zumwinkelchen fördern und wer keine Neonazis will, der muss jedem Menschen seine Chance auf individuelle Fortentwicklung geben. Der Wandel der Städte in den vergangenen Jahrzehnten fand niemals zu Lasten der Gutverdiener, sondern immer zu Ungunsten des gesellschaftlichen Bodensatzes statt. Damit einher ging ein fundamentaler Verlust an Lebensqualität, denn dort, wo es einst eine solide Mischung aus urigen Lokalen und Freizeitangeboten für kleine Portemonnaies gab, befinden sich zunehmend seelenlose und seriengefertigte Konsumpaläste: Städte wie London oder Paris sind bemerkenswerte Beispiele für gentrifizierte und damit austauschbar gewordene Wohnsilos für finanziell Gutsituierte ohne jede Fähigkeit zur Individualität. Die seit Jahrzehnten schon in Vororte verbannte Arbeiterschaft geringen Einkommens darf sich mit den Brotkrumen der kulturellen Produktionsvielfalt unserer Metropolen abfinden, sodass auf lange Sicht das Leben dort nicht mehr lebenswert erscheint. Jacques Tati brachte es 1958 in „Mon Oncle“ auf den Punkt – nun allerdings ist der Kontrast zwischen der vom Geld vereinnahmten Moderne und den perspektivlosen wie heruntergekommen Vorstädten noch furchterregender. Genau dort findet sich das Saatgut von Hass und Gewalt – und einen besseren Dünger als Hartz IV zur Aufrechterhaltung dieses Zustandes gibt es nicht. Das Hartz-„Konzept“ ist ein von Gerhard Schröder (SPD, später Ringier, Harry Walker, NEGP Company/Nord Stream AG/Gazprom, Libyan Investment Authority, Rothschild Bank, TNK-BP usw. usf.) eingeführtes und nach dem 2007 in 44 Anklagepunkten der Untreue für schuldig befundenen VW-Ex-Manager Peter Hartz benanntes Prinzip zur Durchsetzung industriefreundlicher Zwangsarbeit. Laut dem Demokratieforscher Wolfgang Gründinger ist es problematisch, wenn ehemalige Politiker als Lobbyisten in Bereichen tätig werden, für die sie zuvor politisch verantwortlich waren. Der Verdacht liege nahe, „dass sie ihr Mandat darauf verwendeten, bestimmten Interessengruppen Vorteile zu verschaffen und sich damit als Kandidat für spätere lukrative Stellen zu präsentieren.“. Auch hier wiederum wusch eine Hand die andere.

Das auch als „Revolving-Door“ oder deutsch „Drehtürprinzip“ bezeichnete Verfahren, das Politikern den nahtlosen Übergang in privatwirtschaftliche Bereiche ermöglicht, in deren Sinne sie zuvor politische Entscheidungen trafen, dürfte wesentliche Stimulanz des rechten Protestwählers sein, der nicht selten auch Opfer der „politischen“ Maßnahmen einer solch verabscheuungswürdigen Praxis ist und der später auch beobachten darf, wie sein gesamtes soziales Umfeld daran erkrankt. Es ist leicht, Brexit-Wähler als dumm und alt zu verunglimpfen. Die Frage stellt sich nur, wohin dies in letzter Konsequenz führt. So haben die größten Brexit-Propagandisten Farage und Johnson das Schulsystem ebenso erfolgreich durchlaufen wie die allermeisten der einst schulpflichtigen Wähler. Jene 17 Millionen Briten allesamt für dumm zu erklären hieße folglich, das gesamte Ausbildungssystem als sinnlos zu definieren, was dann weitere interessante Schlussfolgerungen nach sich zöge. Und die beiden End-Babyboomer Farage und Johnson als alt zu bezeichnen, ist ebenso absurd wie das demographische Ausloten jenes Wahlausgangs. Richtig, denn auch die Liste der Nazis und Neonazis mit akademischem Hintergrund enthält einige bemerkenswerte Beispiele dafür wie geringes Alter keineswegs vor politischer Unkenntnis schützt. Näher liegt eher der Schluss, dass akademische Laufbahnen und Intelligenz sinnvoll voneinander zu trennen sind und auch Jugend keinerlei Qualitätsmerkmal ist.

Mit Großbritannien wird es nicht anders sein wie im übrigen Europa. Der von der diffusen Mitte verprellte Wähler wählt bevorzugt rechts außen und damit Schandmäuler wie Farage, „alte Naive für Deutschland" wie Storch oder Regionalhäuptlinge wie De Wever. Diese wiederum wollen aber vor allem an die schnelle Macht, ans schnelle Geld und denken unweigerlich nicht weiter als von heute auf morgen, wenn überhaupt. „Was schert mich mein Geschwätz von gestern?“ pflegt man in solchen Kreisen gern zu bekennen und ein solcher Satz wird auch auf der großen Rechnung stehen, die die Briten die kommenden Jahrzehnte noch zu zahlen haben. Aber ihre Unabhängigkeit werden sie erhalten. Eine eisige und unbequeme Unabhängigkeit jedoch, die sie zunächst einmal Schottland und dann womöglich auch noch Nordirland kosten dürfte. Das verbleibende Kleinbritannien dann wird keine sonderlich große Rolle mehr im globalen Machtzirkus spielen und das wird vor allem London zu spüren bekommen. Vorbei die Zeiten endloser Immobilien-Aufwärtsspiralen, vorbei mit dem größten EU-Geldumschlageplatz, vorbei mit dem angelsächsischen Tor für Politik und Wirtschaft zur EU.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn schon wenige Tage nach dem Referendum damit gerechnet wurde, dass erste Konsequenzen spürbar würden. So wirkt es fast albern, wenn die asiatische HSBC-Bank verkündet, sie werde auch künftig in London verbleiben oder andere Firmen verlautbaren, dass sie diesen oder jenen erst unlängst errichteten Standort nicht kurzfristig schlössen. Warum sollte dies auch geschehen, wenn es weder noch den geringsten Anlass noch eine kurzfristige Alternative gibt? Sollen millionenschwere Gebäude einfach verkauft oder abgerissen werden, um dann ausgerechnet in Amsterdam sein Glück zu versuchen?

Der Kater wird groß und langanhaltend sein. Die EU wird sich rächen und vor allem andere vom Austritt abhalten wollen. Genau dann wird mutmaßlich auch erst erkannt, welchen Wert die EU überhaupt hat – nämlich im Verlustfalle. Ein schöneres Geschenk hätte man sich in Eurokratien nicht wünschen können. Die Briten werden als Exempel dafür dienen, was passiert, wenn man aus der EU-Reihe tanzt: teurerer Urlaub, teurere Waren, geringere Freizügigkeit, geringere Arbeitsrechte u. v. a. m. Hauptsache natürlich, der Metzger an der Ecke nimmt Abschied vom metrischen System. Auch das separatistische Flandern wird Federn lassen müssen, da es vom separatistischen Britannien nach geradezu erdolcht wurde, denn deren hauptsächlicher Handelspartner wird zwar auch weiterhin kaum einen Steinwurf entfernt sein, steuerlich jedoch auf dem Mond liegen.

Politische Generalausrede Brexit

Die Albträume der Bevölkerung sind der Traum des Politikers. Brexit wird künftig an allem Schuld sein: am mittlerweile leider ganz alltäglichen Rassimus, an der Wirtschaftskrise, an der Loslösung Nordirlands und Schottlands und auch am kulturellen Niedergang der Insel – Subventionen werden fehlen, Exportoptionen und Reisemöglichkeiten nicht mehr bestehen, Versicherungen ihre europaweite Gültigkeit verlieren und Zölle den schnellen Erwerb europäischer Produkte erschweren. Der vom Volk gesättigte britische Politiker kann sich so noch mehr dem eigenen Vorteil und seiner Karriere-Drehtür zuwenden und alles, aber auch alles auf das Referendum abwälzen.

Diejenigen Politiker, die nun Großbritannien gerne noch ausreichend Zeit oder eine Meinungsänderung geben würden, sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit identisch mit jenen, die dem EU-Einfluss der USA und/oder den entsprechenden Interessengruppen unterliegen. Und diejenigen Briten, die nicht das Opferlamm jener Posse werden wollen, haben schon längst die Flucht zurück ins gemütliche alte Europa angetreten. Weder die Schweiz noch Norwegen werden als Vorbilder für das neue, kleine Britannien des Jahres 2019 als kurzfristige Vorbilder funktionieren, denn keine Lösung darf allzu viel Zeit benötigen soll sie nicht Berge von Geld kosten. Der Fahrplan des Brexit-Zuges lässt sich nicht endlos aufschieben, die Zugführer aber kennen noch nicht einmal die Haltestellen.

Whatever Happened To The Likely Lads (1973)

Die britische TV-Serie „Whatever Happened To The Likely Lads“ (Was auch immer mit den liebenswerten Kumpeln geschah) handelt von den beiden Freunden Bob und Terry und erfreute sich bei einem breiten britischen Publikum von 1964 bis 1974 großer Beliebtheit, da sie vor allem auch eine besonders veränderungsreiche Phase der Nachkriegszeit Großbritanniens wiedergab. So ist der nachfolgende Dialog zweifelsfrei auf den EU-Beitritt Großbritanniens am 1. Januar 1973 zurückzuführen, zu welchem schon am 5. Juni 1975 ein erstes Referendum stattfand.

Zur Vorgeschichte: nach einem aufgrund des für Terry nicht ausreichend männlichen Personals gescheiterten Frisörbesuch befanden sich die Kumpels auf der Flucht vor einer Kneipenbekanntschaft, die ihnen aus purer Gehässigkeit die Ergebnisse eines erst am Abend im Fernsehen zeitversetzt ausgestrahlten Fußballländerspiels in Bulgarien mitteilen wollte. Mit noch nassen Haaren im nächsten Pub gelandet, kam das Gespräch dann vom Fußball in Bulgarien auf den Balkan und eins führte zum andern: ein Fernsehdenkmal für den unbekannten Protestwähler.

Bob: Balkan. Da, wo es die ganzen schrecklichen Flutkatastrophen gibt. Tragisch. Tausende obdachlos.

Terry: Das ist doch eher zu unserem Vorteil, halt dumm gelaufen.

Bob: Wie kann man nur sowas schrecklich unmenschliches sagen?

Terry: Naja, die wissen dort schon mit Fluten und sowas umzugehen. Die sind das gewohnt. Katastrophen gehören da zum Leben.


Bob: Und was willst Du mit dieser lächerlichen Bemerkung jetzt wieder sagen?

Terry: Naja, all die Länder da, so wie Persien oder Bulgarien und der Nahe Osten, die sind unstabil. Wenn die keine Fluten haben, dann Erdbeben. Wenn keine Erdbeben, dann Taifune. Das macht die Leute da so unstabil. Darum sind die immer so hysterisch. Immer rauf und runter – ’nen Krieg anfangen, Regierungswechsel oder sonst was wollen.

Bob: Und daraus willst Du allen Ernstes eine nationale Identität basteln?

Terry: Ganz sicher, denn das ist so. Jetzt nimm mal die Briten zum Vergleich. Wir haben keine Erdbeben oder Flutwellen. Und wenn bei uns im Februar die bittere Kälte aus dem Nordosten kommt, dann fliehen wir auch nicht gleich in den Süden. Deswegen ist der britische Charakter so stabil, deswegen sind wir so verdammt entspannt und ruhig in Krisenzeiten.


Bob: Aber Deiner Meinung nach gibt es bei uns doch gar keine Krisen.

Terry: Ham’ wir nicht. Aber wenn, dann bleiben wir ruhig.

Bob: Weißt Du, ich lerne heute ’ne Menge von Dir. Ich wette, Du könntest mir gleich die ganze Welt erklären.

Terry: Ich bin vielgereist, kenne die Welt ein bisschen, weißt Du.


Bob: Was hältst Du beispielsweise von den Koreanern?

Terry: Kann man nicht trauen, brutale Leute. So wie alle anderen Orientalen.

Bob: Da verurteilt jemand gleich ein Drittel der Weltbevölkerung in nur einem Satz.


Bob: Russen?

Terry: Finster.

Bob: Ägypter?

Terry: Feige.

Bob: Ich dachte, das sind die Italiener für Dich.

Terry: Nein, nein, nein. Die sind nur schmierig. Natürlich nicht so schmierig wie die Franzosen.


Bob: Deutsche?

Terry: Arrogant.

Bob: Spanier?

Terry: Faul.

Bob: Dänen?

Terry: Pornografisch.


Bob: Das sind wohl alle. Und Amerikaner?

Terry: Naja, die sind protzig, oder?

Bob: Bleiben also nur die Briten?

Terry: Naja, ich hab’ nicht die Zeit für die Iren oder Waliser, die Schotten aber sind schlimmer als die Koreaner.

Bob: Und die Leute aus dem Süden unseres Landes konntest Du auch nie ausstehen.

Terry: Ehrlich gesagt kann ich niemanden von außerhalb dieses Ortes ausstehen. Eine ganze Reihe von Familien aus unserer Straße kann ich schon nicht ertragen. Wenn ich es mir recht überlege, so mag ich schon die Leute von nebenan nicht.


Bob: Verstehe. Also vom entfernten blauen Pazifik bis zur kargen Einöde der Mandschurei bis 127, Inkerman Terrace kannst Du niemanden ausstehen. Wie Du überhaupt jemals ein deutsches Mädel heiraten konntest, werde ich wohl nie verstehen.

Terry: Das Scheitern meiner Ehe bestätigt nur meinen Punkt. Die und wir vertragen sich nicht. England sollte sich des Risikos meines Scheiterns mit Europa beherzigen. Gott hat nicht aus Versehen aus diesem Land eine Insel gemacht, weißt Du.

Bob: Verstehe. Zusammengefasst bewahren die Briten während einer Krise die Ruhe, der Rest der Welt ist instabil und alle Frisöre sind Tunten.

Sämtliche Bilder: „Whatever Happened To The Likely Lads“ (BBC)

Die Achillesferse des Eurokrates

Wenn ein submental verfetteter Unsympath wie der verhinderte Hyde-Park-Schwätzer und mittlerweile von seinem Amt zurückgetretene Nigel Farage kaum sympathischere Eurokraten beleidigt, dann ist das Affenzirkus auf höchstem Niveau. Denn schon der Satz, in welchem Farage dem Belgier Van Rompuy das „Charisma eines feuchten Lappens“ mit dem „Erscheinungsbild eines untergeordneten Bankangestellten“ und dem Charme eines Buchhalters bescheingte und Belgien als „so ziemlich ein Nicht-Land“ bezeichnete, ist vielsagend, da der wenig glaubwürdige Farage selbst mit dem EU-Austritt genau das erreicht hat: aus Großbritannien wird ein bei weitem noch zerstritteneres Nicht-Land als Belgien, zu welcher die Brexit-Gegner des Großraums London, Schottland und Nordirland kaum noch gehören wollen.

Auch der zweite Brexit-Leithammel hat es in sich. Der stets etwas nach vorne geneigte übergewichtige und selten mal nicht verlegen-dümmlich grinsende Boris Johnson entspricht zu 100 Prozent dem, was der rechte Polemiker mitbringen muss. Er änderte schon unzählige Male seine Auffassung (so beispielsweise über den EU-Beitritt der Türkei) und ist vor allem bekannt dafür, seine Schlagzeilen aus Brüssel selbst erfunden zu haben, was ihn seine erste Stelle als EU-Korrespondent der europäischen Hauptstadt kostete. Kein Fettnäpfchen – oder in seinem Fall vielleicht besser Porzellanladen – hat der politische Loxodont bislang ausgelassen und wurde so zum Schwarm der Protestwählerschaft.

Die Achillesferse der EU wie auch der NATO ist deren Expansionsdrang. Die Supermacht Russland einerseits als Feind zu betrachten und sich transatlantischen Vorgaben folgend andererseits deren Hinterhof einzuverleiben sorgt bei keiner Bevölkerung Kerneuropas für Begeisterung. Sind wir Europäer wirklich sinnvolle Verbündete des religiös-expansionistischen Einwanderungslandes USA, welches kaum noch weiter entfernt und andersartiger sein könnte als uns vertraute kulturelle Traditionen und Werte? Wo genau liegen sie denn, die zahlreichen großen Gemeinsamkeiten der Gegenwart und Vergangenheit? Bei der Segregation von schwarz und weiß oder arm und reich? Bei der Todesstrafe durch Giftspritze, elektrischen Stuhl oder Gaskammer? Bei den andauernden heißen und kalten Kriegen oder Stellvertreterkriegen? Beim Religionswahn von der Wiege bis zur Bahre? Doch genau für die zahlreichen tatsächlich nicht vorhandenen Gemeinsamkeiten mit den USA warben vor allem die Briten. Auch damit ist nun Schluss. Kerneuropa hat eine einmalige Chance erhalten, sich wirklich auf sich selbst zu besinnen und damit ganz nebenbei wieder mehr an seine Bürger zu denken. Aber Vorsicht: diese Chance besteht nicht endlos.

Nieder mit dem Frankenstein-Wähler!

Die teuflische Strategie des besonders pflegeleichten rassistischen Wahlviehs hat versagt. Der so kultivierte neue innere Staatsfeind stimmt fortan nicht mehr jedem kriegerischen Beutezug und jeder Verarmungsmaßnahme zu und ist nun zum gefährlichen und unberechenbaren Faktor geworden. Der durch jahrzehntelanges politisches Eindreschen von Simpel-Gewäsch zur blind um sich schlagenden Frankenstein-Kreatur geratene Wähler muss daher erneut zur politischen Mündigkeit befähigt werden. Er muss zum selbständigen Denken befähigt oder zumindest nicht wie schon 1933 durch Politikdilettanten zur rechtsnationalen Gefahr werden, denn nur so können sich unsere Gesellschaften und ihre Institutionen noch entwickeln und führen nicht zu dem, wovon Brexit oder das infernale Clinton/Trump-Wahlduo erst den Anfang darstellt. Politikverdrossenheit gibt es nicht, da es Politik längst nicht nicht mehr gibt. Jene Regelungen des Gemeinwesens wurden zu Regelungen Einzelner oder dem Gemeinwesen entfernter Interessenverbände umfunktioniert und sind daher allenfalls als vorgebliche Politik zu definieren. Zweifelsfrei dürfte es daher niemanden überraschen, dass es gerade diese politische Fälscherwerkstatt ist, die zu Verdrossenheit führt und es immer neue Fälscherbanden sind, die sich zur Wahl stellen: falsche Linke und falsche Rechte verkaufen allesamt die falsche Mitte.

Es ist schwer vorstellbar, dass es im aufgeklärten Europa immer noch die Utopie eines Deutschlands mit Heino aus dem Volksempfänger, Musikantenstadl aus dem Einheitsempfänger, Völkerball auf dem Sportplatz, Frauengold in der Ehe, Doppelkorn in der Trinkhalle, Urlaub im deutschen Wald und dem Kintopp-Förster auf Wilderer-Pirsch gibt. Die Realität sieht anders aus, denn abgesehen vom reinheitsdeutschen Fabrikbier und dem abgasschummelnden deutschen Volksdiesel kauft der Deutschtümler Heimatprodukte allenfalls so standortfeindlich billig wie möglich und nimmt seine eingebildete Leitkultur gerade mal als verdrehte Synchronfassung von US-Serienkost wahr. Gäbe es keine billigen ausländischen Arbeitskräfte mehr, dann könnten die meisten Staaten nicht existieren, Bau-, Renovierungs- und Instandhaltungskosten vervielfachten sich, Renten-, Pflege- und Gesundheitssysteme brächen zusammen und Fließbandakademiker landeten ungefragt im Dienstleistungssektor – ein Blick in jene Länder, die keine oder wenige Einwanderer zu verzeichnen haben,
lohnt sich zum Zwecke der Ernüchterung.

Konservativismus bietet keine Lösungen mehr, sondern Flickschusterei am dahinsiechenden Sozialstaat. Und rechts davon werden tagtäglich neue Wunden aufgerissen, die den Tod des Seelenverkäufers allenfalls verdeutlichen. Der Neoliberalismus als das neue Deckmäntelchen alter Geldgier hat genauso versagt wie das Märchen der Globalisierung als Entwicklungshilfe oder billiges Fließband westlicher Gestaltung. Jene Ideologien scheiterten nicht weniger kläglich an der Menschheit wie zuvor Aristokratie und Kommunismus – auf den Zusammenbruch des Einen wird der Zusammenbruch des Anderen folgen, denn sämtlichen neuen Ansätzen wird nur mit großer Feindseligkeit begegnet. Gewiss lag Farage nicht verkehrt damit, dass die meisten Politiker das wirkliche Leben nicht kennen würden, nur befand er sich währenddessen selbst in der Politik. Viele Wähler verwechseln Politik mit Realität, die meisten Politiker tun dies jedoch ebenso. Für den dressierten Wähler wäre es an der Zeit, darüber nachzudenken, seine kostbare Stimme nicht an Muttis, Onkels, Maulhelden, gnadenlose Richter sowie andere Formen rechter Inkompetenz zu vergeben und überschüssige Energie vielleicht mal nicht auf dem Sportplatz, sondern in einer Partei zu investieren, die den denkenden Menschen als Mittelpunkt sieht – so wäre das Zerrbild des Wutbürgers gar nicht erst nötig, der mit seinem sinnlosen Tun ohnedies auch weiterhin vom Leben bestraft wird.

David Andel