Revolution ohne Lehrbuch

Der gewaltsame Sturz der Feudalherrschaft im Jemen, die Schüsse an der Grenze dieses arabischen Staates und ihr Echo auf der diplomatischen Bühne haben die Aufmerksamkeit erneut auf ein Land gelenkt, das vor wenigen Monaten den 10. Jahrestag seiner Revolution feiern konnte und seitdem Vorbild und Zentrum aller arabischen Revolutionen ist, Ägypten. Das Reich Gamal Abdel Nassers ist im Begriff, zum Zentrum des „arabischen Sozialismus“ zu werden.
 
Ägypten feierte Ende Juli den zehnten Jahrestag der Revolution. Die Festmusik war noch nicht verklungen, das glanzvolle Bild der Paraden noch nicht verblaßt, auf den großen Plätzen in Kairo standen noch die Raketenattrappen und an den Straßen hingen noch die Jubiläumstransparente, als es im Verlauf der in dem libanesischen Mittelmeerkurort Schtaura stattfindenden turnusmäßigen Ratstagung der Arabischen Liga zu einem Eklat kam. Er machte den Pläneschmieden im State Departement und Foreign Office, die schon davon geträumt hatten, Gamal Abdel Nasser doch noch an die goldene Kette großzügiger Dollarkredite zu legen, schlagartig klar, daß Politik sich an keinem Platz der Erde so wenig vorausberechnen laßt und so voller Überraschungen ist wie im Nahen Osten.

Die Zusammenhänge, die zu der spektakulären Explosion in der Arabischen Liga führten, sind von einigem Belang; sie bieten einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis nahöstlicher Politik.
 
Demonstration vor dem Shepeard’s Hotel (1952)
Demonstration auf dem Opernplatz (1952)
Die Arabische Liga entstand sozusagen im Windschatten von Ideen, die auch jenen Riesen mit dem Kindergehirn gebaren, der sich Vereinte Nationen nennt. Am 22. März 1945 wurde in Kairo ein Pakt unterzeichnet, der die Liga begründete. Damals gehörten ihr sieben Staaten, heute sämtliche arabischen Nationen des Nahen und Mittleren Ostens und Nordafrikas an. Die Liga krankte von Anfang an an einer gewissen Unaufrichtigkeit in den Absichten, die zu ihrer Gründung führten, und in den Gefühlen, die ihr entgegengebracht wurden. Während ihre britischen Initiatoren die auf den Reißbrettern des Foreign Office entstandene Konstruktion nur deshalb ersonnen hatten, um den Einfluß John Bulls auf die arabischen Länder den veränderten Verhältnissen anzupassen und für künftige Zeiten sicherzustellen, sahen die Mitgliedsstaaten, von denen fünf Monarchien waren, in ihr lediglich das Instrument zur Stärkung ihrer dynastischen Interessen.

Beide Hoffnungen blieben unerfüllt. Weder vermochten es die Engländer, durch die Liga einen dauerhaften Einfluß auf die Araber geltend zu machen, noch konnten sich die feudalistischen Häupter der Gründerstaaten mit ihrer Hilfe vor den sozialrevolutionären Forderungen ihrer Untertanen schützen. Aber die widerstreitenden imperialistischen und dynastischen Elemente wirken bis heute nach und haben bewirkt, daß die großen Pläne der Liga – politische, wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit mit dem Ziel einer Föderation aller Mitgliedsstaaten – auf dem Papier stehenbleiben.

Vor zwei Jahren – am fünfzehnten Jahrestag ihrer Gründung — erhielt die Arabische Liga in Kairo einen modernen Palast als ständigen Sitz. Das mit erlesenem Geschmack ausgestattete Gebäude steht, inmitten prächtiger Parkanlagen, am rechten Nilufer — unmittelbar gegenüber dem ägyptischen Außenministerium. Diese Tatsache hat dazu geführt, daß man die Liga oft als Zweig der ägyptischen Außenpolitik abqualifizierte. Immerhin ist der Generalsekretär von Anfang an ein Ägypter gewesen, und die ägyptische Regierung bestreitet seit je fast die Hälfte des Etats. Dennoch ist der ägyptische Einfluß der Größe dieses Aufwandes keineswegs adäquat.

Hierin liegt denn auch eine der Ursachen für den inzwischen schon fast wieder verheilten Bruch von Schtaura: Wenige Tage nach dem Auszug der ägyptischen Delegation aus der Ratssitzung lief nämlich die Amtszeit des bisherigen Generalsekretärs, Hassuna, ab. Es galt keineswegs als sicher, daß die übrigen Mitgliedsstaaten wieder der Wahl eines Ägypters in die Schlüsselposition zustimmen würden. Die Opposition dagegen, kam vor allem von den feudalistischen Königreichen Saudisch-Arabien und Jordanien, denen die sozialen Ideen Nassers sehr viel lästiger sind, als es seine panarabische Propaganda jemals war. Der ägyptische Generalsekretär wurde wiedergewählt, und Kairo schied nicht aus der Organisation aus.

Die sozialreformerischen Ziele Gamal Abdel Nassers aber beeindrucken die übrigen arabischen Völker weiterhin. Dies wurde in den letzten Wochen im Jemen besonders deutlich, dessen neues Revolutionsregime eindeutig zu Nasser und seinen Vorstellungen hinneigt. Diese Tatsache wird so lange ein Unruhefaktor in der nahöstlichen Welt sein, bis die feudalistischen Herrschaftssysteme modernen Regierungsformen gewichen sind. Es ist eine fruchtbare Unruhe, die von Kairo ausgeht.

„Sind Sie auf der Flucht?”, fragte ein schnauzbärtiger Polizist lauernd den Fahrer des soeben gestoppten schwarzen Austin. „Warum fahren Sie so, schnell?”

Ehe der am Steuer sitzende junge Offizier eine Antwort finden konnte, fügte der Polizist hinzu: „Wenn Sie es schon so eilig haben, achten Sie wenigstens darauf, daß Ihr Rücklicht brennt!”

Achselzuckend ließ der Offizier den Motor wieder an und hörte gerade noch die Frage: „Wie heißen Sie eigentlich?”

„Gamal Abdel Nasser”, rief er dem auf das Trottoir zurücktretenden Polizisten zu, während der Wagen schon anlief. Einen Augenblick später war der Austin um eine Ecke verschwunden.

Eine solche Szene – sie spielte sich vor genau zehn Jahren, am Abend des 22. Juli 1952 ab — könnte man sich heute kaum noch vorstellen. Das Leben in der ägyptischen Hauptstadt hat sich von Grund auf gewandelt. Wer die Verkehrsvorschriften übertritt, kommt nicht mehr ohne Protokoll davon. Das ist das Werk jenes Mannes, den ein nachlässiger Ordnungshüter einst entwischen ließ und der fünf Stunden später die Fäden der Macht in Ägypten in seinen Händen hielt: Gamal Abdel Nasser.

Damals brodelte es in Ägypten. Kairo war ein unsicherer Ort, wo es stets zu blutigen Ausbrüchen des jahrelang aufgestauten Hasses gegen die Regierung, gegen die Engländer oder gegen die religiösen Minderheiten kommen konnte. Ein vom König insgeheim geförderter Aufruhr, der Dutzenden von Europäern das Leben gekostet hatte, lag erst ein halbes Jahr zurück. Die Ruinen der geplünderten Warenhäuser und die Überreste des berühmten „Shepeard’s Hotel”, auf dessen Terrasse sich der wütende Mob eines ausländischen Diplomaten und seiner ganzen Familie bemächtigt und sie nach furchtbaren Mißhandlungen über die Brüstung in die Tiefe gestoßen hatte, standen noch. Den Europäern saß der Schrecken noch tief in den Gliedern; sie wagten sich nur am Tag, in Gruppen oder unter bewaffnetem Schutz auf die Straßen. Die in der Suezkanalzone stationierten britischen Einheiten standen Gewehr bei Fuß.
 
Faruk verließ auf seiner Yacht „Mahroussa” für immer das Land
 

Fellachen und Raketen

Heute geht es in Kairo ebenso friedlich zu wie in jeder anderen Metropole der Welt. Die Zahl der Bettler ist nicht größer, die der Leuchtreklamen nicht geringer als anderswo. Es gibt ebenso viele überfüllte Omnibusse und Trambahnen wie in London oder New York, und die Taxifahrer betrügen nicht schlimmer als in Athen oder Hamburg.

Die Revolte einer Gruppe junger Offiziere, die fast alle dem gleichen Jahrgang der Militärakademie Abbasiya angehörten, war vielleicht die notwendigste gewaltsame Veränderung in einem Land seit der russischen Oktoberrevolution.

Die Art und Weise, mit der es Gamal Abdel Nasser fertigbrachte, Ägypten vom sozial unterentwickelten, wirtschaftlich ausgepowerten und einflußlosen Interessengebiet europäischer Kolonialmächte in ein selbständiges Land zu. verwandeln, dessen dynamische Aufwärtsentwicklung sich in wachsenden außenpolitischen Einfluß ummünzt, ist wohl eines der interessantesten Lehrstücke moderner Staatkunst.

Zehn Jahre sind im Leben eines Menschen eine lange Spanne, in der Geschichte der Völker jedoch nur ein kurzer Augenblick. Und die Uhren Arabiens gehen um Dekaden nach …

Auf diesem Hintergrund muß man die Entwicklung Ägyptens seit 1952 sehen. Und man wird verstehen, warum die Fellachen noch immer in so unvorstellbarer Armut leben; warum Ägypten eigene Glühbirnen, Elektrogeräte und Arzneien produziert, obwohl die Herstellungskosten über und die Produktionsergebnisse unter dem Weltmarktniveau liegen; warum Nasser eigene Düsenflugzeuge entwickeln und eigene Raketen bauen läßt, obwohl sie von geringem militärischem Wert sind und der ägyptischen Volkswirtschaft Mittel entziehen, die sie für die soziale Entwicklung nötiger hätte.

Politik ist im Orient nicht die Sache intellektuellen Kalküls, sondern unvorhersehbarer Emotionen. Nur so ist es übrigens auch zu erklären, daß die jungen Offiziere, die im Juli 1952 den König stürzten und die Dynastie beseitigten, die ein 1849 in geistiger Umnachtung gestorbener albanischer Landsknecht gegründet hatte, zwar einig waren, daß sie die alte Ordnung beseitigen, nicht aber darüber, was sie an ihre Stelle setzen wollten. Die Revolution, die das politische Antlitz der arabischen Welt so sehr verändern sollte, war die improvisierte Tat von Militärs, die eine sich unerwartet bietende günstige Gelegenheit ergriffen, ohne zu wissen, was sie wollten. Sie wäre fast im letzten Augenblick an der Intervention eines einfachen Verkehrspolizisten gescheitert.

Ab mit Harem und Segelyacht

„Was ist denn in Kairo eigentlich los?“, rief die vor Empörung zitternde Stimme eines nervösen kleinen Mannes in die Telefonmuschel. Während er erregt auf eine Antwort wartete, zog er zitternd den weiten Pyjama fester um seinen Körper und wischte sich mit einer fahrigen Geste den Schweiß aus dem Gesicht. Die kurze Antwort, die er von seinem zweihundert Kilometer entfernten Gesprächspartner erhielt, war kaum geeignet, seine Aufregung zu dämpfen.

„Sie sind einmal Regierungschef gewesen”, tönte es aus dem Hörer an das Ohr des Anrufers, und ehe er sich vergewissern konnte, ob er diese Ungeheuerlichkeit richtig verstanden hatte, knackte es in der Muschel und die Leitung war tot.

Es war fünf Uhr an einem der letzten Julitage 1952. Das kurze Gespräch zwischen einem General, dessen Identität nicht mehr feststellbar ist, und Ägyptens letztem königlichen Ministerpräsidenten, Hilaly Pascha, an den sich heute niemand mehr erinnert, ist gleichfalls historisch geworden. Der Morgen sah den wenige Stunden vorher noch von der Gunst eines Polizisten abhängenden Obersten Nasser schon als neuen Herrn am Nil.

Unterdessen rasselten Panzer durch die Straßen Kairos, Truppeneinheiten besetzten gleichzeitig alle in der Stadt verstreuten Regierungsgebäude und die strategischen Punkte. Der Abdin-Palast, die königliche Residenz, war hermetisch abgeriegelt. Seit ein Uhr nachts war die Armee im Besitz der Hauptstadt und damit des Landes. Als kein Zweifel mehr über das Gelingen des Putsches bestehen konnte, schickten die Revolutionäre eine Abordnung zum König nach Alexandria, um ihn durch ein auf drei Tage befristetes Ultimatum zur Abdankung aufzufordern.

Faruk mag einen Augenblick lang mit dem Gedanken gespielt haben, die Hilfe der in der Suezkanalzone stationierten britischen Einheiten zu erbitten; der amerikanische Botschafter Caffery soll ihm aber geraten haben, das Ultimatum anzunehmen. (In ihm gewannen die jungen Offiziere sogleich einen aufrichtigen Freund. Leider unterstützte ihn seine Regierung nicht.) Zweiundsiebzig Stunden später verließ Faruk, ohne daß ihm ein Haar gekrümmt wurde, unter Mitnahme seines gesamten transportablen Harems und Besitzes an Bord der Luxusjacht „Mahroussa” für immer das Land.

Den Reinen ist alles rein

Nach einem kurzen Zwischenspiel übernahmen die jungen rebellierenden Offiziere die Macht. Regierungschef und – nach der Entthronung des zunächst zum nominellen König erhobenen minderjährigen Faruk-Sohnes Achmed Fuad II — Staatspräsident wurde Mohammed Naguib. Dieser populäre General, der während des zweiten Weltkrieges als oppositionell gegolten hatte, war von den größtenteils unbekannten Offizieren zum Führer des Aufstandes gemacht worden. Wirklicher Initiator war jedoch von Anfang an der damals vierundvierzigjährige Oberst Gamal Abdel Nasser, der das „Komitee der Reinen”, wie die Freien Offiziere sich nannten, schon in den vierziger Jahren um sich geschart hatte. Während des Palästinafeldzuges 1948, in dem die unzulänglich ausgerüsteten, jedoch zahlenmäßig überlegenen ägyptischen Truppen gegen eine kleine und moderne Armee kämpften und verloren, entschlossen sich die jungen Idealisten zum Handeln. Während sie in den Schützengräben des Wüstenkrieges ihr Leben für eine aussichtslose Sache opferten, verdienten der König und seine Höflinge am Schmuggel der für die Armee bestimmten Waffen Millionenbeträge. Damals schworen die „Freien Offiziere”, ihr Vaterland vom britischen Einfluß und den Paschas zu befreien. Weil ein Putsch ohne eine profilierte und vertrauenerweckende Persönlichkeit aussichtslos erschien, trat Nasser an den General Naguib heran, der sich dem Unternehmen zur Verfügung stellte.

Als der Revolutionsrat die Macht übernommen hatte, zeigte es sich, daß zwischen dem General und den Revolutionären schwere Meinungsverschiedenheiten über den zukünftigen Weg Ägyptens bestanden. Im November 1954 trat Naguib nach monatelangem Hin und Her endgültig zurück. Die Vermutung, der General werde in einem oberägyptischen Konzentrationslager festgehalten oder sei tot, bewahrheitete sich nicht. In Wirklichkeit lebt der pensionierte Revolutionär völlig zurückgezogen in einem versnobten Kairoer Villenviertel.

Nachdem die Revolutionsregierung bereits fünf Wochen nach dem Staatsstreich das erste Bodenreformdekret erlassen, im Dezember 1952 die Verfassung von 1923 aufgehoben und kurz darauf alle Parteien aufgelöst hatte, verkündete sie die Schaffung einer Einheitspartei. Nach einem Mordanschlag auf Nasser wurde die militante orthodox-religiöse Moslembruderschaft verboten. Damit hatte Nasser, der als Nachfolger General Naguibs provisorischer Präsident wurde, freie Hand zur Neuregelung der innerpolitischen Verhältnisse. Am 23. Juli 1956 wurde die neue Verfassung in einer Volksabstimmung gebilligt und Nasser als Staatsoberhaupt bestätigt.

Waffen aus Prag – Ideen aus Bandung

Inzwischen hatte die Außenpolitik der Revolutionsregierung ein Profil gewonnen, das dem Westen klarmachte, daß er nicht länger auf Ägypten als Bundesgenossen rechnen konnte.

Als Gegenzug zum Bagdadpakt schloß Ägypten im März 1955 ein Militärbündnis mit Syrien, aus dem hervorging, daß sich die beiden Staaten nicht in das Wettrüsten zwischen Ost und West hineinziehen lassen wollten. Diesem Bündnis schlossen sich später Saudi-Arabien und der Jemen an.

Als Nasser im Herbst gleichen Jahres Waffenlieferungen aus der Tschechoslowakei und der Sowjetunion erhielt, war der Bruch mit dem Westen perfekt. Schon vorher war der Präsident auf der Konferenz der afro-asiatischen Völker in Bandung als einer der Wortführer einer dritten Kraft aufgetreten und hatte sich zum „aktiven Neutralismus” bekannt, der seither die Grundlage der ägyptischen Außenpolitik geblieben ist.

Die Quittung des Westens ließ nicht lange auf sich warten. Ein Dreivierteljahr nach den ersten östlichen Waffenlieferungen ließ der damalige amerikanische Außenminister Dulles den ägyptischen Botschafter in Washington wissen, die Vereinigten Staaten und die Weltbank seien nicht bereit, die ursprünglich versprochene Finanzierung des Assuanstaudammes zu gewährleisten: die politischen Verhältnisse in Ägypten seien nicht stabil genug, eine Tilgung der Kredite zu garantieren.

Der Damm von Assuan, das wichtigste Projekt der jungen Regierung soll eines Tages nicht nur eine gleichmäßige Bewässerung der im Niltal gelegenen Agrargebiete sichern, die bisher ständig von Trockenheit oder Überschwemmungskatastrophen bedroht waren, er soll auch weitere achthunderttausend Hektar Wüstenboden urbar machen – ein Viertel der gegenwärtigen Nutzfläche des Landes. Die Bedeutung des Projektes wird erst verständlich, wenn man hinzufügt, daß eine unvorstellbare Übervölkerung auf Ägypten wachsenden Druck ausübt. Die Bevölkerung des Nillandes wächst jede Minute um einen Menschen, jährlich um eine halbe Million. Die einzige Lösung des Problems ist Wasser und wieder Wasser, das vom Assuandamm gespeichert und gleichmäßig auf wachsende Anbaugebiete verteilt werden soll. Die kahle Wüste nämlich entwickelt unter der Einwirkung von Feuchtigkeit eine erstaunliche Eigenschaft: sie verwandelt sich wie durch Zauberkraft in blühenden Ackerboden, dem die glutheiße Sonne drei Ernten jährlich abgewinnt.

Der Wortbruch des Westens und die beleidigende Begründung müssen Gamal Abdel Nasser tief getroffen haben. Als er die Hiobsbotschaft auf der Insel Brioni erhielt, wo er sich gerade zu Gesprächen mit Tito und Nehru aufhielt, sagte er nur: „Ich werde den Damm doch bauen!“

Der Kanal bezahlt den Damm

Über das Wie ließ Nasser die Weltöffentlichkeit nicht lange im Zweifel: am 23. Juli 1956, dem vierten Jahrestag seiner Revolution, klagte er den Westen auf dem von seiner unübersehbaren Menschenmenge gefüllten Mohammed-Ali-Platz in Alexandria mit dem ganzen Pathos des tödlich enttäuschten Revolutionärs an. Noch während seiner Rede besetzten ägyptische Truppen den Suezkanal und die Betriebsgebäude der Kanalgesellschaft. „Ich nehme hiermit den Kanal, der Kanal wird den Damm bezahlen!“ rief Nasser aus.

Der Westen reagiert empört, indes Nasser die einzige Chance ergriffen hatte, die ihm geblieben war.

Als Ende Oktober 1956 israelitische Fallschirmjäger auf der Sinai-Halbinsel, nur vierzig Kilometer von Suez entfernt, absprangen und in einem siebentägigen Blitzfeldzug bis an den Kanal vorstießen, richteten England und Frankreich ein auf zwölf Stunden befristetes Ultimatum an die Kriegführenden, nach dessen Ablauf anglo-französische Verbände Port Said bombardierten und die strategischen Punkte des Suezkanals besetzten. Die US-Regierung distanzierte sich offiziell von dem Vorgehen ihrer europäischen Verbündeten, und die Sowjetunion drohte, Paris und London mit Raketen zu belegen. Einen Augenblick lang stand die Erde am Abgrund eines dritten Weltkrieges. Dann trat zum erstenmal jenes inzwischen mehrfach wirksam gewordene „Interessenbündnis” zwischen beiden Supermächten auf, mit dessen Hilfe der Weltsicherheitsrat eingreifen und die Okkupationsmächte zum Waffenstillstand und zum Rückzug aus Ägypten zwingen konnte. Der Kanal jedoch blieb noch monatelang durch versenkte Schiffe gesperrt.

Panarabische Blütenträume

Im Laufe des Jahres 1957 trat die unhaltbare innerpolitische Lage in einem anderen arabischen Land, Syrien, offen zutage. Als der Geheimdienst nacheinander einen kommunistischen Putsch, einen gemeinsamen türkisch-irakischen Angriff und eine amerikanische Landung voraussagte, entschloß sich Staatspräsident Kuwatli zu einem ungewöhnlichen Schritt. Er flog mit sämtlichen Ministern seines Kabinettes nach Kairo, um Gamal Abdel Nasser einen Zusammenschluß ihrer Staaten vorzuschlagen. Beide Regierungen wollten zunächst eine Föderation bilden; unter dem Druck der immer alarmierenderen Nachrichten aus Syrien kam es jedoch zu einem straff organisierten Einheitsstaat mit der gemeinsamen Hauptstadt Kairo und dem ägyptischen Präsidenten als Staatsoberhaupt.

Nach dem Zusammenschluß schien es, als sei die Verwirklichung der panarabischen Idee in ihr letztes Stadium getreten, zumal auch der wenig später an die Macht gelangte irakische General Kassem zunächst keinen Zweifel darüber ließ, daß er in das Kairoer Lager strebte.
Als sich herausstellte, daß Kassem andere ehrgeizige Ziele verfolgte, verlangsamte sich das Tempo der panarabischen Einigung beträchtlich. Die Syrer, die sich zuerst aus dem politischen Wirrwarr in ihrem Land freiwillig unter die Hand eines starken Mannes geflüchtet hatten, vermißten allzubald ihre Selbständigkeit. Nachdem sich das Zusammenleben zwischen beiden Partnern der Vereinigten Arabischen Republik im Verlauf der wenigen Jahre ihrer Existenz immer schwieriger gestaltet hatte, kam es im September 1961 zum Bruch. Syrien ging wieder seine eigenen Wege. Aber es zeigte sich bereits, daß die innenpolitischen Probleme des Landes keineswegs gelöst sind. Inzwischen hat sich die Lage in Damaskus wieder so zugespitzt, daß wachsende syrische Kreise einen erneuten Zusammenschluß mit Ägypten anstreben.

Sozialismus Made in Egypt

In Kairo wecken diese Wünsche nicht mehr die gleiche Begeisterung wie noch vor viereinhalb Jahren. Die Jugendblüte der panarabischen Idee des Gamal Abdel Nasser ist vorüber. Ägypten hat sich einem innerpolitischen Programm zugewandt, das von der Kairoer Presse als „gigantischstes Aufbauwerk der Epoche” bezeichnet wird. Im Mai dieses Jahres verkündete der Staatspräsident vor dem Kongreß der „Nationalen Volkskräfte” seine neue „Nationalcharta”, das Programm zur Neugestaltung Ägyptens im Rahmen einer sogenannten kooperativen Gesellschaft.

„Arabischer Sozialismus”, heißt die neue Losung, mit der Nasser das Schlagwort vom arabischen Nationalismus ersetzte. Um sie zu verwirklichen, wurde der ausländische Besitz enteignet, wurden Banken, Versicherungsgesellschaften und Außenhandel verstaatlicht. Künftig sollen alle wichtigen Produktionsstätten der öffentlichen Hand unterstehen und in dem noch ausstehenden neuen Parlament sollen Fellachen und Arbeiter den größten Teil der Sitze einnehmen. Zum erstenmal hat die ägyptische Regierung damit an die Seite einer dynamischen Außenpolitik auch ein überlegtes und geplantes innenpolitisches Programm gestellt: Vollbeschäftigung, Mindestlöhne, Kapitalbeteiligung, Geburtenkontrolle, Gleichberechtigung der Frau.

Horst J. Andel
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