Warum ausgerechnet Sues, Port Said oder Ismailia? Diese Frage hört der abseits der Trampelpfade verkehrende Reisende immer wieder. Wie so oft liegt eine Verwechslung vor, denn ein Reisender ist kein Tourist. „Touristen denken ans Abreisen, sobald sie ankommen. Reisende dagegen kehren vielleicht gar nicht zurück.“ heißt es in Bertoluccis Himmel über der Wüste (1990). An die Abreise denkt man im Maxim de Lesseps im ägyptischen Ismailia tatsächlich nicht.
Ismailia wurde 1863 gegründet und liegt etwa 120 Kilometer von Kairo entfernt. Während die Stadt 2017 noch knapp 400.000 Einwohner zählte, waren es 2023 bereits 50.000 mehr. Zusammen mit den Städten Port Said (800.000 Einwohner) und Sues (800.000 Einwohner) zählt Ismailia damit zu jenem wirtschaftlichen Knotenpunkt Ägyptens, der vor allem vom Sueskanal profitiert, mit dessen Bau am 25. April 1859 begonnen wurde. Bauherr war das französische Unternehmen Suez, das von 1858 bis 2008 bestand und unter anderem zum beträchtlichen Reichtum des passionierten Steuervermeiders Bernard Arnault beitrug. Manche berühmte Söhne Ismailias sind wenig überraschend ebenfalls Franzosen, beispielsweise die Sänger Louis Chedid und Claude François.
Das Unternehmen, dessen Namen ursprünglich La Compagnie universelle du canal maritime de Suez lautete, wurde 1858 von Ferdinand Marie de Lesseps gegründet und betrieb den Sueskanal fast 100 Jahre lang bis zu seiner Verstaatlichung durch den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser am 26. Juli 1956. De Lesseps, der die Ägypter später als „fröhlichstes Volk der Welt“ bezeichnen sollte, stammte selbst aus dem französischen Versailles und weilte während der Konstruktion des Kanals zwischen 1859 und 1869 in Ismailia, wo er ein komfortables Haus errichten ließ, in dem sich gleichzeitig sein Büro befand.




Das Gebäude, das schon ein Jahr vor Gründung der Stadt entstand, blieb bis vor kurzem seiner Funktion zur Verwaltung des Kanals verhaftet, wurde danach jedoch in ein komfortables Hotel umgebaut, das sich all jenen als willkommener Ort des Rückzugs anbietet, die entweder geschäftlich oder kulturell in der Region zu tun haben. Es liegt direkt neben dem während unseres Aufenthaltes offiziell noch nicht eröffneten Kanalmuseums, das wir zwar bereits besuchen, dessen Ausstellungsobjekte wir jedoch noch nicht fotografieren durften. Soviel sei aber angemerkt: wer im Maxim de Lesseps absteigt, kann kaum von einem größerem Komfort profitieren als der Tatsache, dass das wesentliche Museum der Stadt direkt neben dem Hotel liegt. Das erinnert an das Nile Ritz Carlton (ehemals Nile Hilton) in Kairo, das in direkter Nachbarschaft des (alten) Ägyptischen Museums liegt.




Sichtlich stolz auf die perfekte Renovierung des ihm nun unterstellten Gebäudes sprach uns Direktor Alaa El-Ashry eines Abends (in Unkenntnis unserer publizistischen Tätigkeit) an und führte uns durch das Hotel, dessen Instandsetzung schon angesichts der nun selten gewordenen Materialien eine Herkulesarbeit war. Das zweigeschossige Haus mit Balkon wurde 1862 errichtet und 1902 um einen Ostflügel erweitert. Früher war zu dessen Besichtigung eine Genehmigung der Sueskanalbehörde nötig, heute ist es ein Hotel. Nun bedarf es zwar keiner Genehmigung mehr, doch sind das Wohn- und Schlafzimmer sowie der Salon mit einer Schreibkommode de Lesseps nicht Bestandteil der öffentlich zugänglichen Räumlichkeiten und bleiben meist verschlossen.




Im Vergleich zu Kairo zwar nur im kleinen ist jedoch auch Ismailia eine sehr lebendige Stadt, die so schnell nicht schlafen geht. Wer aber im Maxim de Lesseps absteigt, kommt leicht zur Ruhe und kann im Innenhof von einer friedlichen Atmosphäre profitieren, die in ägyptischen Städten eine Ausnahme darstellt. Umgeben von Palmen und einem kleinen aber ausgesprochen feinen Garten lässt sich dort direkt an einem Swimming Pool ein angenehmes Gespräch führen, das hervorragende Frühstück einnehmen oder auch nur bei frischer Luft ein Buch lesen, dann und wann unterbrochen von einem Sprung in den geheizten Pool. Die meisten Zimmer sind um den Innenhof herum angeordnet, sodass kaum ein Raum allzu weit davon entfernt ist. Lediglich die Suiten befinden sich im Haupthaus, was jedoch wiederum über seine eigenen Vorteile verfügt. So erlauben die ausgeklügelten architektonischen Details, etwa die für das Spielzimmer der Kinder eigens niedriger angebrachten Türgriffe, kleine Ausflüge in die Vergangenheit des Alltags der Familie de Lesseps.




Natürlich verfügt das Gebäude neben dem „Eugenia“-Terrassencafé auch über ein geschlossenes Restaurant namens „Versailles“, das sich in einem ausgesprochen großen Raum mit etwa sechs Meter hohen Decken befindet, der fast an einen Ballsaal erinnert. Was uns besonders gefallen hat, waren die dort immer wieder anzutreffenden jungen Paare der Stadt, die einen Abend im Maxim de Lesseps als romantischen Höhepunkt verbrachten, um dort bei Kerzenlicht und passender Blumenpracht auf dem Tisch ein reichhaltiges Abendmahl zu genießen. Die Küche des Hauses ist von hoher Qualität und bietet eine Auswahl willkommener Standards aus Orient und Okzident. Auch die Wahl des Frühstücks bietet vertraute Optionen – zu unserer besonderen Freude à la carte und nicht von einem Buffet, eine Unsitte, die seit mittlerweile fünfzig Jahren zunehmend viele Hotels heimzusuchen scheint und abgeschafft werden sollte. Die Jagd nach unbekanntem Essen vom Wühltisch steht im krassen Widerspruch zum Wunsch nach Erholung. Vielen Dank dafür!




Die Gästezimmer um den Innenhof herum sind bestens ausgestattet, das drahtlose Internet funktioniert einwandfrei und ermöglicht auch Videokonferenzen mit einem höheren Bedarf an Bandbreite. Ein großer Fernseher, ein opulenter Empfangsraum und ein nicht minder räumlich großes wie komfortables Bad mit dem Stil des Hauses angepassten Armaturen führen zu einem sehr angenehmen Gesamteindruck. Das Maxim de Lesseps bietet wie auch die staatliche ägyptische Fluggesellschaft EgyptAir leider keine alkoholischen Getränke an, was angesichts der hohen ägyptischen Zölle zwar nicht überrascht, aufgrund der durchaus trinkbaren ägyptischen Weine jedoch enttäuscht. Hier muss aber angemerkt werden, dass die Auswahl an alkoholfreien Cocktails (neudeutsch Mocktails) ausgezeichnet ist, obgleich sich diese natürlich auf andere Weise trinken und daher weniger als Stimulans für ein anregendes Gespräch dienlich sein können.
Wir werden mit Rosenwasser besprengt; das ist die Zeremonie vor dem Essen. […] Wir halten uns an die Vorschrift des Propheten; es gibt keinen Wein, und wir begnügen uns mit ausgezeichnetem Wasser, auf dem Eisstücke schwimmen.
Aus Souvenirs de quarante ans dédiés à mes enfants (Erinnerungen von vierzig Jahren, meinen Kindern gewidmet), Seite 20, von Ferdinand de Lesseps, 1887




Alles in allem haben wir unseren Aufenthalt im Maxim de Lesseps genossen und kehrten nach jedem Ausflug ins Umland mit großer Begeisterung zurück, was nicht zuletzt am besonders zuvorkommenden und kommunikativen Personal lag. Das zentral gelegene Haus hat mit seinen 27 Zimmern für die Bedeutung der vergleichsweise kleinen Stadt genau die richtige Größe und fügt sich angesichts seines privaten Charakters diskret in die Nachbarschaft ein – von außen ist es kaum als Hotel zu erkennen. Architektonisch steht es im völligen Gegensatz zu traditionellen Hotels des Nahen Ostens, wie etwa dem mittlerweile seinem tragischen Schicksal überlassenen Le Baron in Aleppo (Syrien) und pflegt einen völlig eigenständigen, fast tropisch anmutenden Stil.
Während die ideale Reisezeit der Spätherbst und die Wintermonate sind, ist insbesondere Freunden von Mangos anzuraten, bereits im heißeren September oder Oktober anzureisen. Ägypten gehört zu den zehn größten Mango-Produzenten der Welt und Ismailia ist für seine Früchte berühmt, die es nur in diesen beiden Monaten frisch an jeder Straßenecke zu kaufen gibt, während sie den Rest des Jahres über aus Kühlhäusern stammen.
Reisende, die die Gelegenheit zu schätzen wissen, an einem geschichtsträchtigen Ort zu übernachten und den Wert eines abendlichen Gesprächs in traumhafter Umgebung über die Reize eines touristisch größtmöglich ausgeschlachteten und überlaufenen Badeortes mit all seinen zunehmend abschreckenden Begleiterscheinungen stellen, finden im ehemaligen Privathaus des Sueskanalgründers ihre Erfüllung. Es wird sicher nicht unser letzter Aufenthalt sein.
David Andel

