Earth Vs. The Flying Saucers (1956)

Sag mir, wo die Drohnen sind

Ozeanien, Eurasien und Ostasien befinden sich in George Orwells Dystopie 1984 in einem Dauerkrieg, der vor allem dem „Großen Bruder“ zum Machterhalt dient. Orwells Buch war eine Warnung vor der Gefahr eines totalitären Staates, der sich von der Verantwortung zum Schutz seiner Bürger lossagt und stattdessen deren kompromisslose Überwachung zugunsten eines beliebigen, vor allem aber unerreichbar in der Ferne liegenden Zieles verschreibt.

Der Kalte Krieg folgte unmittelbar auf den heißen Zweiten Weltkrieg. Mit ihm einher ging im Wertewesten eine Dauerjagd auf Kommunisten, die ihren Höhepunkt in den Berufsverboten und Schauprozessen der so genannten McCarthy-Ära in den USA fand. Jeder, der dabei erwischt wurde, mal irgendwo und irgendwann nicht sein Fähnchen nach dem patriotischen Wind gehängt zu haben, musste mit den schlimmsten Konsequenzen rechnen. Zu den politisch Verfolgten jener Zeit gehörten unter anderem die Schauspielerin Lucille Ball, der Komponist Elmer Bernstein, der Dirigent Leonard Bernstein, der Schauspieler Charlie Chaplin, die Regisseure Jules Dassin und Edward Dmytryk, die Schauspielerin Ruth Gordon, der Autor Dashiell Hammett, der Regisseur Joseph Losey, der Schauspieler Burgess Meredith, der Autor Arthur Miller, der Schauspieler Zero Mostel, der Regisseur Martin Ritt, die Schauspieler Edward G. Robinson und Jean Seberg, der Sänger Pete Seeger, der Musiker Artie Shaw sowie die Schauspieler Lionel Stander und Sam Wanamaker.

Das Ganze nahm derart absurde Ausmaße an, dass der homosexuelle Roy Cohn, ein enger Mitarbeiter des US-Senatoren McCarthy, zu den schärfsten Verfolgern Homosexueller wurde, die zu jener Zeit als erpressbares Sicherheitsrisiko galten. Laut Cohns Cousin David L. Marcus begingen viele als Homosexuelle bloßgestellte Bundesbeamte in der US-Hauptstadt Washington infolgedessen Selbstmord. Cohns Verhör von David Greenglass trug maßgeblich zur Verurteilung und späteren Hinrichtung von Ethel und Julius Rosenberg bei. Bis in die jüngste Zeit werden die Biografien der damaligen Verfolger und Verfolgten in vielfältiger Weise aufgearbeitet, so auch im Falle von Roy Cohn in den Dokumentarfilmen Where’s My Roy Cohn? (2019) und Bully. Coward. Victim: The Story of Roy Cohn (2019). Cohn gestand seine Homosexualität wie auch seine spätere AIDS-Erkrankung bis zum Ende seiner Tage nicht ein. Am 2. August 1986 verstarb der oftmals als „Mentor“ von Donald Trump bezeichnete Mann im Alter von 59 Jahren.

Roy Cohn und Donald Trump
Roy Cohn (rechts) und Donald Trump

Ein weiteres Phänomen des Kalten Krieges ist das Thema der unbekannten Flugobjekte (U.F.O. = Unidentified Flying Objects), das zu dieser Zeit ebenfalls seinen Höhepunkt erlebte. So waren die wesentlichen Ereignisse die UFO-Sichtung von Kenneth Arnold sowie der Roswell-Vorfall im Jahre 1947, der Mantell-UFO-Vorfall von 1948, der Vorfall des Fluges 775 der American Airlines 1949, der Mariana-UFO-Vorfall von 1950, die Lubbock-Lichter von 1951, der UFO-Vorfall von Washington, D.C. 1952 sowie das Flatwoods-Monster von 1952. All das wurde angeheizt von allerlei Filmen, in denen Außerirdische eine Rolle spielten, beispielsweise The Day The Earth Stood Still (1951 – deutscher Titel: Der Tag, an dem die Erde stillstand), The Thing From Another World (1951 – deutscher Titel: Das Ding aus einer anderen Welt), It Came From Outer Space (1953 – deutscher Titel: Gefahr aus dem Weltall), This Island Earth (1955 – deutscher Titel: Metaluna IV antwortet nicht), Earth Vs. The Flying Saucers (1956 – deutscher Titel: Fliegende Untertassen greifen an, Titelbild) und natürlich Invasion Of The Body Snatchers (1956 – Die Dämonischen), um nur die wichtigsten Titel zu nennen.

Vor allem die gesamten USA unterlagen damit einer permanenten Angst, von irgendwem überfallen oder unterwandert zu werden, was ganz im Sinne des Staates war, der sich neben vielen anderen kriegerischen Auseinandersetzungen nicht nur im Koreakrieg (1950-53) oder dem aufkommenden Vietnamkrieg (1955-75), sondern vor allem auch im steten ideologischen und territorialem Wettbewerb mit China und der UdSSR befand. Und wer hier Ähnlichkeiten mit der heutigen Zeit sieht, liegt damit völlig richtig. Die zunehmend heraufbeschworene Gefahr durch Drohnen und andere dem Durchschnittsbürger schwer zu vermittelnde Dinge, sind hervorragende Auslöser für das, was in Deutschland ausnehmend dümmlich unter dem Begriff Kriegsertüchtigung ans Volk gebracht werden soll.

Selbst von Experten kann all das, was uns zur Zeit aus sämtlichen Medienkanälen überflutet, in keinem einzigen Fall überprüft oder auch nur nachvollzogen werden, denn es handelt sich ausschließlich um Behauptungen. Der Bürger weiß daher weder, wer konkret hinter dem virtuellen Einbruch in das IT-System seiner Krankenkasse oder des nächstgelegenen Flughafens steht, noch ob es sich bei den zahlreichen Sichtungen vermeintlicher Drohnen um einen groß angelegten Angriff, die Taten respektive Streiche Einzelner oder Einbildung handelt. Die Beweislage ist jeweils dünn oder gar nicht vorhanden, die Tendenz zur übertriebenen wie einseitigen Reaktion vor allem seitens der Politik aber furchterregend groß. Die einzig verbliebene Handlungsfähigkeit unserer Regierungen ist konfrontativer Natur und somit unverantwortlich, die einseitigen Schuldzuweisungen propagandistischer Natur und daher irrational. Schwer bewaffnete Propagandastaaten wie Israel oder die Ukraine haben hier ein leichtes Spiel. Der ukrainische Journalist Anatolij Sharij vermutet wenig verwunderlich, dass Kiew selbst Drohnen einsetzen könnte, um europäische Länder weiter zum Krieg sowie die Erweiterung ukrainischer Rüstungsprojekte anzuspornen.

Mehr denn je sind europäische Bürger zu erhöhter Wachsamkeit gegenüber staatlicher Propaganda als Wegebnung hin zu einem autoritären Überwachungsstaat aufgefordert. Die Freiheit Europas wird ebensowenig von Israel wie der Ukraine verteidigt, sondern ganz im Gegenteil. Noch wird unsere derzeitige Propagandablase zwar nicht von Film- und TV-Produktionen in dem Maße unterstützt, wie das vor 75 Jahren der Fall war. Erste Anzeichen sind allerdings auszumachen. Da westliche Regierungen nicht mehr in der Lage sind, Politik im Sinne ihrer Bevölkerungen zu betreiben und der für alle kostbare Sozialstaat aufgrund geopolitischer Großmachtphantasien abgebaut werden soll, reagieren Wähler zunehmend mit der Stimmabgabe zugunsten rechtsextremer Parteien. Die bislang einzig wahrnehmbare Reaktion des Politikbetriebes auf derlei Tendenzen ist jedoch nicht die Änderung des beim Volk unbeliebten eingeschlagenen Weges, sondern dessen trotzige Beibehaltung. So fließen weiterhin abenteuerliche Summen in das hoffnungslose Ukraineabenteuer und auch die fortwährende Aufrüstung Israels durch vor allem Deutschland und die USA werden für alle beteiligten Länder schwerwiegende wie langanhaltende Konsequenzen haben.

David Andel