Zum Tode von Omar Sharif

Der am Freitag nachmittag im Alter von 83 Jahren in Kairo verstorbene Schauspieler teilte die Damenwelt stets in zwei Fraktionen: jene, die ihn mit Schnurrbart verehrten und jene, die ihn lieber ohne sahen. Verehrt haben sie ihn aber fast ausnahmslos, denn dieser Mann hatte noch all das, was es heute nicht mehr gibt. Der dunkeläugige Blick zeugte von Erfahrung, die sanft-rauchige Stimme war ebenso international wie nikotingefärbt und sein breites Lächeln bestätigte, dass er die wirklich wichtigen Geheimnisse dieser Welt längst gelüftet hatte. Mit dem Tod Omar Sharifs fiel für den einzigen verbliebenen Lebemann eines Kinos großartiger Abenteuer und unsterblicher Helden die letzte Klappe.


Bild: Filmausschnitt mit Faten Hamama (1954)
Er war ein Weltbürger, stammte aus einer Familie libanesisch-syrischer Christen und wurde seiner dicklichen Erscheinung wegen als Kind von der Mutter in eine Schule nach Großbritannien strafversetzt – dort führt das schlechte Essen bekanntlich zu mageren Menschen. So lernte er früh nicht nur auf kulinarischer Ebene die kulturellen Gegensätze kennen und fühlte sich im Orient wie im Okzident gleichermaßen heimisch. Dass er als Mann von Welt die Grenzen oftmals vergaß, wurde über die Jahrzehnte hinweg immer wieder deutlich. 1968 spielte der zum internationalen Star avancierte Ex-Leinwandheld des ägyptischen Kinos der großen Gefühle in Funny Girl an der Seite Barbra Streisands einen Spieler, der sich ausgerechnet für den Staat Israel einsetzte, was ihm die Rückkehr nach Ägypten bis 1977 verunmöglichte.

Dabei ist nicht auszuschließen, dass dem am 10. April 1932 als Michel Demitri Chalhoub in Alexandria geborenen Lebemann die verlängerte Ferne zur Heimat gelegen kam, verließ er doch Ägypten auch wegen der nationalistischen Nasser-Regierung, die nicht nur die vormalige Oberschicht enteignet, sondern ebenso den Fes, die unter dem fetten König Faruq allseits beliebte Kopfbedeckung, verboten hatte. Die später einsetzende Landflucht der Bevölkerung versprach letztlich kein allzu mondänes Umfeld mehr für gesellige Bridge-Abende in den beiden Metropolen des Landes. Erst unter dem westlicher orientierten und von 1970 bis 1981 regierenden Staatspräsidenten Anwar as-Sadat sollten sich die revolutionären Wogen wieder etwas glätten.

Auf Sicherheit und Konvention setzte Sharif nie. Schon seine erste und einzige Frau Faten Hamama war zuvor Freundin des Regisseurs Youssef Chahine. Sharif spannte sie ihm nicht nur aus, sondern konvertierte – sehr zur Freude seiner ägyptischen Fans – für die Heirat auch noch zum Islam, nur um sich 1974 wieder scheiden zu lassen, sah er sich doch zur hinreichenden Treue außerstande. Ob Sharif dabei eher an Pferde und Bridge dachte als an Frauen, sei dahingestellt. In einem Playboy-Portrait vom April 1964 wehrte er sich zumindest gegen das Klischee des orientalischen Liebhabers à la Rudolph Valentino mit den Worten „Natürlich wäre ich gerne ein Halbgott, dennoch möchte ich den Rest meines Lebens nicht auf einem Kamel verbringen.“. Und wäre er nicht Schauspieler geworden, hätte ihm auch der Beruf des Barkeepers gelegen, meinte er an anderer Stelle.

„Sie lud mich einst als Ehrengast in die Downing Street zu einem Treffen mit dem ägyptischen Präsidenten Mubarak ein, zog mich an der Hand zu ihm und meinte «Was, Sie kennen Omar Sharif nicht? Das ist doch der berühmteste Ägypter der Welt!» Das war großer Unfug. Ich sagte dann zum Präsidenten auf Arabisch «Sie ist ziemlich verrückt. Jeder weiß das.»“ – der Sozialist Omar Sharif über sein Treffen mit Margaret Thatcher

Natürlich steht außer Frage, im Nachruf auf einen solchen Mann jene großen Filme unerwähnt zu lassen, mit denen er zu Weltruhm gelangte. So wurde Sharif durch die Verkörperung des Sherif Ali in David Leans Lawrence von Arabien (1962) nicht nur weltberühmt, sondern brachte zudem gleichzeitig Alec Guinness den passenden arabischen Akzent bei. Auch in Leans nachfolgendem Monumentalepos Doktor Schiwago (1965) wirkte Sharif erneut mit, diesmal in der Hauptrolle des unter den Wirren der Russischen Revolution leidenden Schriftstellers. Deutsche Fernsehzuschauer kennen ihn vor allem als Kapitän Nemo aus der weitgehend verschollenen TV-Fassung von Die Geheimnisvolle Insel (1973) und deren von Gianno Ferrio stammende Filmmusik, die seine Verkörperung des tragischen Helden nochmals verstärkte. In Die Frucht des Tropenbaumes (1974) gab er gestützt von Binder-Vorspann und Barry-Musikkulisse den verführerischen Anti-Bond der UdSSR-Gegenseite und verführte (im Film zumindest) Julie Andrews, die Frau des Regisseurs Blake Edwards. Ebenfalls mit von der Partie in diesem ungewöhnlich zusammengestellten Film war sein ehemaliger Armeekollege Anthony Quayle aus Laurence von Arabien. Auch sein Auftritt als ägyptischer Auftragsmörder und überzeugender Liebhaber im Peter-Sellers-Vehikel The Pink Panther Strikes Again (1976), wiederum von Blake Edwards, dürfte unvergessen bleiben.

Dennoch scheint es interessant, dass Sharif, den Peter O’Toole kumpelhaft Fred nannte, in weit mehr schlechten Filmen mitwirkte als in guten, nur erinnert sich daran eben kaum jemand – auch das ein Geheimnis seines Charmes. Sharif konnte machen, was er wollte, richtig übel nahm man es ihm nie. Daher kam es nach etlichen Fehltritten doch immer wieder zu einem unvergesslichen Film. 2003 erstaunte er sein Publikum in der Rolle des türkischen Lebensmittelhändlers Ibrahim in Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran des Belgiers Éric-Emmanuel Schmitt. Kaum jemand dürfte sich mehr daran erinnern, wer sonst noch in diesem Streifen mitwirkte, stahl Sharif doch allen eiskalt die Schau.

„Ich arbeite nicht besonders gern, schätze aber eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit, um nur dann arbeiten zu müssen, wenn es mir wirklich Spaß macht.“ – Omar Sharif in einem RTB-Interview

Und siehe da, während Massenmedien derzeit der Plutokratie huldigen, wurden die Waffen zum Tode Sharifs gestreckt und in kompromisslose Bewunderung für ein Wertesystem umgemünzt, welches sonst mit aller Gewalt bekämpft wird. Keiner wagt einen Nachruf vom Schlage „Er war genauso faul wie die Griechen, hochverschuldet und hatte nichts als Unsinn im Kopf. Deutschland ist nicht mehr bereit, sich so etwas im Kino anzusehen!“. Michel de Carvalho, nunmehr einer der letzten überlebenden Nebendarsteller aus Lawrence von Arabien und mittels Hochzeit zwischenzeitlich zum Bierkönig avanciert, wäre da weit medienkompatibler, gibt inhaltlich aber kaum was her. Eine ungerechte Welt, in der der Geldadel am Ende leer ausgeht.

Sharifs Rentenalter war ein finanzielles Debakel, er hatte sein Vermögen verspielt und offenkundig kein Verständnis mehr für eine Welt, in der ein guatemaltekischer Parkplatzwächter in den USA sein 20-Euro-Parkgeld ablehnte. Omar Sharif tat, was ihm Spaß machte und wollte dafür nicht allzu viel arbeiten. Zum Glück gelang ihm dies fast bis zum Alzheimer-geplagten Abspann. Bevor er sich 1998 in Kairo seinem Sohn Tarek zuliebe eine Wohnung kaufte (sein einziger verbliebener Besitz), verbrachte er den Juni und September im Royal-Monceau in Paris und den Winter vorwiegend in einem Zimmer des Kairoer Sheraton ohne Blick auf den Nil. Die Vorhänge ließ er zu und meinte, alle schönen Ausblicke ohnehin schon zu kennen.

Als der Autor der San-Antonio-Krimis Frédéric Dard Omar Sharif einmal danach fragte, ob denn nun Slips oder Shorts für einen Herren als Unterwäsche angemessener wären, antwortete dieser spitzbübisch unverfroren „Es tut mir sehr leid, Herr Dard. Ich trage niemals etwas unter meinen Hosen. Ich liebe es, wenn meine Eier an der frischen Luft sind. Aber wenn Sie mir vor der Fortsetzung dieser interessanten Konversation bitte erlauben würden, die sterblichen Reste meiner Mutter abzulegen, dann ginge ich kurz auf mein Zimmer. Ich komme gerade von der Einäscherung zurück.“

David Andel