Wer arm ist, debattiert aus Neid

Neid ist die Beschreibung eines Gefühls, das man hat, wenn man etwas besitzen will, was andere schon ihr eigen nennen. Der seit Jahren zunehmend verwandte verbale Beißreflex namens Neiddebatte wiederum diskreditiert jegliche Kritik mancher Personenkreise an den Verhaltensweisen anderer Personenkreise, indem unterstellt wird, jede Kritik erfolge lediglich aus Neid und habe keine andere Ursache oder auch nur Substanz.


Bild: David Andel
Kritisiert also ein Habenichts den ausufernden Reichtum eines Millionärs, dann wird dieser Vorgang von jenen als Neiddebatte bezeichnet, die sich mit der Kritik nicht auseinandersetzen wollen. Ein schäbiges Totschlagargument, das natürlich Unfug ist, denn der Millionär kann umgekehrt jederzeit den Habenichts nach Belieben kritisieren, ohne dass man ihn jemals des Neides bezichtigen würde. Er scheint jedoch in den Augen einiger Zeitgenossen gesellschaftlich über jede Kritik erhaben sein zu müssen, denn er hat ja große Mengen Geldes. Wird er kritisiert, so geschieht dies aus Neidgründen, denn der Kritisierende hat selten den gleichen Kontostand wie der Kritisierte. Unklar dabei, ob auch sonst alle Kriterien übereinstimmen, erfolgt eine Kritik außerhalb jedes vermeintlichen Neides. Sind beide Parteien gleichermaßen glücklich verheiratet, gesund und guter Laune? Sind sie des gleichen Alters, von gleicher Schönheit und ebenso gleicher Intelligenz? Und vor allem: Sind kluge, schöne, reiche und gesunde Menschen unweigerlich besser als dumme, hässliche, arme und kranke Menschen?

Die Verwendung der Neiddebattenwaffe beschert uns durch die Hintertür nicht weniger als ein Kastensystem, das man nicht außerhalb Indiens vermuten möchte. Es soll nicht über den eigenen Stand hinaus be- und geurteilt werden, vor allem nicht von unten nach oben, wobei „unten“ gemeinhin mit weniger Geld gleichgesetzt wird. Der Eindruck entsteht, als wären mit Geld alle Probleme gelöst und sämtliche Verhaltensweisen zu rechtfertigen. Ein reicher Kriegsverbrecher vor Gericht wäre dieser Logik zufolge einfach Opfer einer Neiddebatte und über jeden Verdacht erhaben. Der kritisierte Kriegsverbrecher könnte in Konsequenz verlautbaren, dass er die Neiddebatte als widerlich ablehne und jede Kritik oder gar Beweislast von sich weise, ist alles doch so niederen Ursprungs. In unserer Gesellschaft wird mit solcherlei Phrasen gerne hantiert, allzu oft auch mit Erfolg.

Ein Wohlhabender mag daher weiterhin jeden kritisieren, dessen Einkommen „unterhalb“ des seinigen liegt. Weder wird daraufhin die geballte Presse solche Anschuldigungen kritisieren noch wird jemals den Beschuldigten die gleiche Medienpräsenz und Allmacht eingeräumt. Dass dieser gesamte Prozess einen recht banalen Obrigkeitsgedanken widerspiegelt, dürfte wohl kaum jemanden überraschen, denn so agiert und regiert es sich doch sehr viel einfacher.

David Andel