Deutsche Medien sind in ihrer Israelberichterstattung einzigartig einseitig. Im Vergleich zum „linksliberalen“ britischen Mainstream wie dem Guardian gibt es in Deutschland kaum etwas über das Existenzrecht Palästinas oder die deutsche Schuld am Leid der Palästinenser zu vernehmen. Worauf sich der deutsche Philosemitismus mit seiner großen Liebe für Israel so alles bezieht, ist dabei immer wieder erstaunlich.
In der Berliner Zeitung, die in letzter Zeit auffällig oft über sich selbst berichtet, sei es über ihren Herausgeber, den Chefredakteur oder die Werte des Blattes, fand sich vor kurzem ein herausragendes Exempel eines einseitigen und konsequent-naiven Tunnelblicks über Israels Zerstörung von Gasa. Der Verfasser Andreas Kopietz ist mit einem Israeli befreundet, den er offenkundig anhimmelt: Arye Shalicar (48), Autor, israelischer Soldat, internationaler Berater der ehemaligen Nachrichtendienst- und Außenminister Israel Katz und Eli Cohen – Allwissender folglich.
Was wäre, wenn es 1945 Instagram, X und TikTok gegeben hätte? Hätten Kulturschaffende die Alliierten aufgefordert, den Krieg gegen die Deutschen, den „Genozid“ an ihnen zu beenden?
Naivität als Frage von Andreas Kopietz am 3. November 2025 in der Berliner Zeitung
Das ist einfach zu beantworten, denn das wäre gar nicht erforderlich gewesen, da Deutschland damals wie Israel mit seiner Hasbara heute über einen riesigen Propagandaapparat verfügte. Zahlreiche Nazis waren davon abgesehen im national bestens vernetzten Nachkriegsdeutschland noch sehr lange aktiv und hatten trotz ihrer Untaten kaum Karriereprobleme zu befürchten. Die Neonazis, deren Nachfolger sozusagen, gibt es währenddessen nicht nur zunehmend in Deutschland bis zum heutigen Tage, sondern auch und gerade in Israel, wo sich Mitglieder der dortigen rechtsradikalen Regierung ganz offen bei den Allerschlimmsten jener Sorte anbiedern, wie nicht zuletzt die Berliner Zeitung am 4. Oktober festgestellt hatte.
Im Zusammenhang mit den Angriffen auf Nazi-Deutschland überhaupt den Begriff Genozid zu erwähnen, ist bemerkenswert. So man sich auch nur ansatzweise vorstellte, die Palästina-Araber hätten jemals eine schlagkräftige Armee wie jene Nazideutschlands besessen und sämtliche Nachbarstaaten überfallen, wäre es natürlich zu einem Krieg zwischen den Armeen gekommen, aber in Gasa ist keine schlagkräftige Armee stationiert, auch dann nicht, wenn Israel dies unablässig behauptet. Palästina hat Israel zu keinem Zeitpunkt dem Erdboden gleichgemacht und wäre dazu nie in der Lage gewesen. Israel hat auf Gasa aber sehr wohl 153 Tonnen Bomben geworfen und verheimlicht auch nicht im Geringsten, jederzeit willens zu sein, seine Taten zu wiederholen.
Man stelle sich nur vor, internationale Journalisten hätten im Sommer des Jahres 1945 den Fokus auf das zivile Leid der Menschen in Deutschland gelegt und auf allen Kanälen Interviews mit Deutschen gebracht, die, auf Trümmern stehend, die Schuld an der Misere allein den Alliierten in die Schuhe geschoben hätten.
Naivität als Vorstellung von Andreas Kopietz am 3. November 2025 in der Berliner Zeitung
Zunächst: internationale Journalisten gibt es in Gasa nicht, da Israel absichtlich auf diese schoss. Was den Rest jener Aussage anbetrifft, so hatten die Alliierten nicht 75 Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Großteil Deutschlands besetzt, sämtliche Anwohner vertrieben und dann dort etwas wie eine Zweit-USA als Satellitenstaat gegründet. Deutschland hat somit auch zu keinem Zeitpunkt in Selbstverteidigung gegen eine jahrzehntelange Besatzungsmacht gehandelt. Kopietz phantasiert gnadenlos und Geschichtsbücher müssen bis auf Weiteres nicht umgeschrieben werden. Die grenzenlose Naivität und/oder Propaganda, die aus einer solchen Bemerkung abzulesen ist, ist derart einzigartig, dass die Frage gestellt werden muss, ob es sich bei dieser Form der Inkompetenz überhaupt noch um Journalismus handelt? Sollen damit etwa die unfassbaren Taten Deutschlands mit den Reaktionen Palästinas auf einen westlich sanktionierten Besatzer verglichen werden? Waren die Nazis jemals Opfer des Kolonialismus?
Man erfährt von der „Einheit 504“: Deren Soldaten tätigten Zehntausende Anrufe bei Familienoberhäuptern im Gazastreifen, verschickten Millionen SMS und warfen Millionen Flyer ab, um Zivilisten vor einem anstehenden IDF-Einsatz aufzufordern, in die humanitäre Zone zu gehen. Welche Armee hat sich je so um Zivilisten gesorgt?
Leichtgläubigkeit von Andreas Kopietz am 3. November 2025 in der Berliner Zeitung
Selbstverständlich keine. Denn es war ausschließlich unmenschliche Taktik der israelischen Armee, „humanitäre Zonen“ zu definieren, in denen die Vertriebenen von Scharfschützen erwartet wurden. Ob es den israelischen Opfern vom 7. Oktober 2023 wohl lieber gewesen wäre, die Hamas hätten ihren Angriff mit Flugblättern angekündigt, die Zielpersonen dann in eine Ecke vertrieben, ihre Häuser wie die gesamte Infrastruktur um ihre Häuser herum zerstört, sie dann bei der Rückkehr in die Trümmer ihrer Häuser mit Scharfschützen empfangen, dann die gesamte Region um ihre Häuser herum zerstört, sie erneut in andere Regionen vertrieben, um schließlich weitere Teile ihrer Heimat zerstören zu können? Wäre es für Israel tatsächlich besser gewesen, Zehntausende auf diese Weise zu ermorden, immer unter der Behauptung, die Opfer wären allesamt Terroristen und Kämpfer in Zivilkleidung? Ist es das, was Herrn Kopietz zugesagt hätte?
Der gesamte Beitrag ist argumentativ armselig und der Versuch, das propagandistische Machwerk eines Majors der israelischen Armee und Sprecher der Reserve als oberste Neutralität darzustellen, verwerflich. Gefährliche Hamas-Soldaten „teilweise mit Jeans und Badelatschen“ sind das Problem? Wie sieht es im Umkehrfall mit der vermeintlich schwer leidenden Gegenseite aus? Mitglieder der israelischen Streitkräfte also, jene Horden von Reservisten in der Zivilbevölkerung beispielsweise, erkennt man immer und überall woran? An ihren demokratisch-obligatorischen Clownsnasen? Auf welchen Irrweg will Kopietz seine Leser führen und wieso soll ein parteiischer israelischer Autor in irgendeiner Form glaubwürdig sein, wenn Israel sämtliche neutrale Berichterstattung unterbindet und unabhängige Journalisten seit Jahren ermordet werden? Diese Tatsachen sind mittlerweile hinlänglich bekannt. Aber der Reservistensprecher Arye Shalicar spricht gewiss die unumstößliche Wahrheit, denn Israel weiß immer alles.
Eine einzigartige Freundschaft scheint felsenfest und unumstößlich: die israelische Hasbara hat im deutschen Gutmenschen den eifrigsten Erfüllungsgehilfen ihrer menschenverachtenden Verleumdung gefunden. Und nein, Machwerke wie jenes von Shalicar dürfen niemals Schullektüre werden, denn derlei gibt es schon massenhaft als Buch, Film und Fernsehserie. Die Romantisierung der Leidensschicksale jüdischer Eroberer Palästinas fand schon früh ihre Anfänge in den Büchern und Filmen beispielsweise Ephraim Kishons, dessen Filme Sallah (1964, Titelbild), Ervinka (1967), Der Blaumilchkanal (1969) oder Schlaf gut, Wachtmeister (1971) für viele leichtgläubige Deutsche unvergessen bleiben.
Mit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 wurde die Weissagung der Propheten Wirklichkeit, und es kehrten über eine Million Juden aus Ost und West in das Land ihrer Vorväter zurück.
In diesen schweren Tagen errichteten die Behörden sogenannte Maabara: Auffanglager, in denen die Einwanderer in baufälligen Hütten vorübergehend Unterkunft fanden, bis ihnen eine endgültige Heimatstadt zugewiesen werden konnte.
Die gigantische Aufgabe die verschiedenen Stämme zu einen, versuchten die Alteingesessenen gemeinsam mit den Behörden mit grossem Enthusiasmus zu lösen. Sie errichteten zu diesem Zweck einen „allmächtigen Apparat“, der die Aufnahme und Verteilung der Flut von Einwanderern lenken sollte.
Über den Beginn des Landraubs an Palästina aus der Einleitung von Kishons Sallah (1964)
Sallah war anspruchsloser Stereotypen-Klamauk für die Simpel dieser Welt. Kishon beherrschte sein Metier wie kein zweiter, verfilmte als Autodidakt gar seine Bücher selbst. Und der deutsche Michel nahm das alles auf wie ein Schwamm, passte den Inhalt noch seiner Erwartungshaltung an, die nicht weiter von der Wirklichkeit entfernt sein könnte. In der deutschen Synchronfassung von Sallah babbelt der Held, wie sollte es anders sein, Jiddisch. Mit der Ursprungsversion hatte das rein gar nichts mehr gemein, denn darin war es Hebräisch mit arabischem Akzent, im Israel der damaligen Zeit selbstredend verpönt. Von solchen jüdischen Arabern abgesehen fanden in Kishons Weltbild Araber sonst nur als Störfaktor statt.
Arafat müßte den Oscar bekommen als größter Schauspieler. […] Die ganze Welt glaubt, daß Arafat dafür kämpft, eines Tages Präsident eines unabhängigen Staates zu sein. Ein riesiger Irrtum! Nichts fürchtet Arafat mehr als einen Palästinenserstaat. Wenn er Präsident ist, womit kann er dann das gequälte Volk beschäftigen?
Ephraim Kishon am 11. August 2002 über den am 11. November 2004 verstorbenen Jassir Arafat
Das gequälte Volk der Juden oder das der Palästinenser? Auch Kishon vertrat strikt das Hasbara-Weltbild des fortwährend unter bösen Arabern unschuldig leidenden Juden, der einst palästinensisches Brachland zur blühenden Oase Zions ausbaute und hatte keinerlei Hemmungen, dies trotz aller historischen Unwahrheiten hinauszuposaunen. Es gab keine Palästinenser wie auch Palästina nicht existierte und nur Israel war und ist es überhaupt wert, geschützt zu werden. Er fand damit bei jenen Deutschen, die die Verbrechen gegen die Juden begangen hatten und sich nun selbst Absolution erteilten, großen Anklang. Die Palästinenser und andere Araber sollten in weiter Ferne komfortabel für die Taten deutscher Nazis büßen und ängstliche Juden in aller Welt mussten ja irgendwohin – das bringt selbst Friedrich Merz zum Flennen. Das nennt man nach zigtausend Toten in Gasa immer noch das „Selbstverteidigungsrecht Israels“ – moralisch unterstützt von Neonazis aus aller Herren Länder.
Welches Land in der Welt würde es hinnehmen, daß täglich feige Morde an seinen Zivilisten verübt werden, daß man von seiner Großmutter oder einem Freund plötzlich nur noch eine Hand auf der Straße findet? Israel wird in den feindlichen Weltmedien derart diskriminiert, daß, wenn palästinensische Terroristen israelische Schulkinder ermorden, dies die gleiche Empörung hervorruft, als wenn wir einen der brutalsten Mörder, einen Hamas-Führer, töten.
Ephraim Kishon am 11. August 2002 über sein Feindbild
Ja, welches Land, das einfach so auf dem Gebiet eines anderen Landes errichtet wurde, wäre wohl derart plakativ wie Israel selbst nach 75 Jahren immer noch davon überrascht, dass dergleichen passiert? Und welches Land, das wie Israel wahllos an Pflegepersonal, Journalisten, Frauen und vor allem Kindern feige wie brutale Morde verübt und eine ganze Region dem Erdboden gleichgemacht hat, beharrt anschließend immer noch auf seiner Opferrolle? Wie viele Hände von Großmüttern oder Freunden liegen wohl in Gasa unter den Trümmern? Wann erfahren wir die genauen Zahlen?
David Andel
