Wenn ein Land als Paradebeispiel für die verabscheuungswürdige Doppelmoral des Wertewestens dienen muss, dann der Iran. Nirgends lässt sich die Verlogenheit der Briten und US-Amerikaner sowie deren Gefolgsstaaten besser beobachten als dort. Das Ergebnis ist ein eisiger Frieden, der jederzeit als auslösender Funke für einen Dritten Weltkrieg dienlich sein kann.
Die Ladenfläche der glamourösen Anschrift 73, Avenue des Champs Elysées beherbergt heute ein austauschbares Geschäft für Liebhaber überteuerter Armbanduhren, lässt aber manch einen noch ins Schwärmen geraten, der sich an die Siebziger erinnert. Hier wurden allerlei persische Köstlichkeiten, handgearbeitete dekorative Objekte und kleine Möbelstücke sowie Kleidung aus kostbaren Stoffen feilgeboten, die eine selbst mit Haute Couture verwöhnte Damenwelt in Verzückung versetzen konnte. Der Verfasser dieser Zeilen hat insbesondere die vorzüglichen gesalzenen Pistazien mit Safran- und Zitronennote oder die mundgeblasenen königsblauen Gläser, die ihn seine gesamte Kindheit über begleiteten, bis heute nicht vergessen.
Zur Einweihung des „Maison d’Iran“ am 30. Mai 1969 traten unter anderem Farah Diba, Salvador Dali und die berüchtigte Schwester des Schahs Ashraf Pahlavi an, deren dritter Gatte Mehdi Bushehri neben zahlreichen weiteren Tätigkeiten (unter anderem Leiter des FIDCI-Filminstituts) als Direktor des Hauses fungierte. Oftmals wurden dort opulente Ausstellungen des iranischen Kunsthandwerks oder Retrospektiven des jungen iranischen Films unter Teilnahme längst vergessener Prominenz eröffnet, der Jetset gab sich die Klinke in die Hand. Selbst die Bank Melli Iran (BMI) und Air Iran hatten zunächst an dieser Adresse ein Büro, bevor sie dann eigene Niederlassungen gründeten. Die kulturellen Tätigkeiten wurden später durch die Eröffnung der „Galerie Cyrus“ (65-71, Avenue des Champs Elysées) maßgeblich erweitert, in der Werke zeitgenössischer iranischer Künstler wie Sadegh Barirani, Kamran Diba oder Kambiz Ghodsi ausgestellt wurden.
Das ist lange her. Aus der Stadt an der Seine wurde ein touristisches Abziehbild ihrer selbst, aus den Champs Elysées ein langgezogenes Kaufhaus. Schon 1980 zeugte an besagter Stelle nichts mehr vom Glanz Persiens und das Maison d’Iran ward nicht mehr. Die Kacheln des Eingangsbereichs waren zerbrochen und in einem Fenster im zweiten Stock erteilte ein vergilbtes Chomeini-Porträt darüber Auskunft, dass sich der Iran vom Westen abgewandt hatte und mit dem Untergang des Hauses Pahlavi andere Saiten aufgezogen worden waren. Der neue Iran wollte nicht mehr verführen und keine Männchen mehr vor fremden Völkern machen.
Im Allgemeinen dient der Iran den USA samt Gefolgschaft seither als abschreckendes Beispiel, gegen die der abgenutzte westliche Hegemon meint, irgendwie vorgehen zu müssen. Dahinter steckt aber nur, dass er die militärische Vormachtstellung seines Vorpostens Israel in der Region als gefährdet erachtet. Einen Vorposten wohlgemerkt, über den er gerade selbst die Kontrolle verliert. Die ganze Situation basiert auf dem Rollentausch von Gut und Böse. Nicht der Iran hat seine demokratisch legitimierte Regierung gestürzt und durch eine Theokratie ersetzt, sondern Großbritannien und die USA waren es, die 1953 aus Raffgier die gewählte Mossadegh-Regierung durch einen willigen Führer samt Terrorsystem ersetzten, der die Iraner für 26 Jahre mithilfe seiner SAVAK-Schergen in Schach hielt. Der Iran ist das, was er heute ist, also nicht, weil er dies aus freien Stücken und in böser Absicht tat, sondern nur ein weiteres Paradebeispiel gescheiterter westlicher Einmischung, aus die er dann in all seiner radikalen Pracht geläutert hervorging. Die diffusen Werte, von denen sich unsere Hemisphäre heute geleitet sieht, sind im Iran von heute folglich nicht mehr gefragt.

Die Begriffe Wertewesten und Kolonialismus sind dabei beliebig austauschbar. Es spielt keine Rolle, ob die Verstaatlichung der britisch-kolonialen Erdölförderung durch den in aller Freiheit gewählten Präsidenten Mohammad Mossadegh vor über 70 Jahren mit Geld und Gewalt aus einer kolonialistischen oder aus einer wertewestlichen Perspektive heraus geschah. Vertreten wurde eine Position der Heuchelei, bei der die falschen Kräfte zur Erreichung vorgeblicher Ziele so penetrant unterstützt wurden, dass sich daraus 1979 eine Situation ergab, die in etwa das widerspiegelt, was uns unter veränderten Kriterien auch in anderen US-Krisengebieten wie der Ukraine erwarten dürfte: das Entgleiten einer unterschätzten Situation ins Chaos oder zumindest Gegenteil der Erwartung.

Wer sich vor Augen führt, dass der Erste Golfkrieg des Irak gegen den Iran vom 22. September 1980 bis zum 20. August 1988 andauerte, etwa eine Million Opfer forderte, zu Schäden von rund einer Billion US-Dollar führte und die dadurch bedingte westliche Aufrüstung des Irak unter Saddam Hussain Auslöser für viele weitere Konflikte wie der irakischen Invasion Kuwaits wurde, der sollte daran denken, wenn er mit der Ukraine unter Wolodimir Selenski dasselbe in Europa zu tun gedenkt. Das zerschlagene Porzellan wird ergebnisunabhängig Generationen mit einem Fluch belegen, während die Baerbocks, Habecks, Hofreiters, Kiesewetters und Strack-Zimmermanns allesamt längst verblichen sind, so wie es zuvor mit den Neocons der Generation Cheney, Reagan und Rumsfeld der Fall war. Sie wird man weder für das endlose Leid im fast achtjährigen Krieg und auch nichts von dem, was danach geschah, mehr anklagen können.
Der Iran der frühen Fünfziger war eine Demokratie aus eigener Kraft und könnte es immer noch sein. Er wäre vorbildlicher Leuchtturm für sämtliche Nachbarstaaten gewesen, wurde jedoch mit tatkräftiger Unterstützung der üblichen Verdächtigen in eine Operettenmonarchie umgeformt. Die kurze Blütezeit der Mossadegh-Regierung wurde westlichem Ressourcenhunger geopfert und eine in der Region einzigartige Regierung durch einen Polizeistaat samt Traumprinz ersetzt, der vorgeblich zwar mit dem Wertewesten perfekt kompatibel war, sich tatsächlich aber als unfähig hinsichtlich der Integration der Kräfte seines Territoriums erwies, was nicht zuletzt die Kennedy-gestützte und daher vom Westen überschätzte „Weiße Revolution“ vom 26. Januar 1963 manifestierte, die zu den Unruhen ab dem 5. Juni 1963 führte, einem Vorläufer der Revolution von 1979 und als deutliche Warnung hätte verstanden werden müssen. Der Traumprinz namens Mohammad Reza Pahlavi war in allen Bereichen überfordert und eher Kandidat Israels und der USA denn legitimer Vertreter des iranischen Volkes.

Die persische Operette
Er war ein waschechter Diktator und Geld spielte keine Rolle in seinem Leben. Seine Paläste waren voller Prunk und seine Gier nach Anerkennung kannte keine Grenzen. In diesen Zusammenhang passt eine Anekdote seines ehemaligen Botschafters in Brüssel: ein Mitarbeiter des iranischen Außenministeriums hatte große Angst vor dem theatralischen Pomp des aufgeblasenen Herrschers und fragte seinen Kollegen, was um alles in der Welt er genau tun müsse, um dem komplizierten Protokoll gerecht zu werden? Der spätere Botschafter entgegnete, dass alles im Prinzip ganz einfach sei, denn er müsse nur gesenkten Kopfes einen langen Läufer entlang gehen und sich genau dann verbeugen, wenn das Symbol mit dem Löwen im Teppich zu sehen wäre. Am nächsten Tag kam der Mitarbeiter völlig aufgelöst zurück und erklärte, dass das Ganze als Desaster geendet hätte, da der Bodenbelag ausgetauscht worden war und nur noch aus Abbildungen von Löwen bestand – er habe sich somit derart oft verbeugt, dass der Despot ihn irgendwann bat, endlich damit aufzuhören …
Die von Pahlavi als „Revolution von Schah und Volk“ gepriesene Landreform zur Abschaffung der Großgrundbesitzer war für die breite Masse Etikettenschwindel. Kategorien wohlhabender Bauern, kleiner Landbesitzer und Dorfarbeiter wurden geschaffen und ehemalige Dorfvorsteher, Gerichtsvollzieher sowie Grundbesitzer wurden der Gruppe wohlhabender Bauern zugeordnet, der auch die Familie Pahlavi selbst angehörte. Einige Großgrundbesitzer wie Amir Asadollah Alam, seines Zeichens Premierminister, wurden zwar zum Verkauf ihrer Ländereien an den Staat verpflichtet, das so erworbene Land in kleinere Parzellen unterteilt und dann weiterverkauft. Jedoch nur die Hälfte der Landbevölkerung konnte vom Kauf solcher Parzellen profitieren, der Rest wurde in staatliche Kooperativen zurückgeführt. Am Leben der kleinen Dorfarbeiter änderte sich nichts. Auf deren Armut und Ohnmacht fußte das spätere Mullahregime, dessen schärfster Vertreter Ruhollah Musawi Chomeini vom Pahlavi-Polizeistaat nach monatelangem Hausarrest am 4. November 1964 über die Türkei ins französische Exil verbannt wurde. Er würde diese Vorgänge nie vergessen.
Schah Mohammad Reza Pahlavi war wichtiger, vom 12. bis zum 16. Oktober 1971 mit beispiellosem Prunk und unter Anwesenheit seiner westlichen Kollegen wie dem belgischen, dänischen, griechischen und norwegischen König, dem luxemburgischen Großherzog sowie Gestalten wie Nicolae Ceaușescu, Yahya Khan, Imelda Marcos oder Suharto in der Wüste die iranische Monarchie zu feiern, als rechtzeitig die notwendigen Ventile zur Befriedung seiner ausgebeuteten Untertanen zu öffnen. Noch heute zeugen in Persepolis die Überreste der 50 Prunkzelte, vom Pariser Kitschtempel Maison Jansen entworfen, von der unaufhaltsamen Dekadenz der Operettenmonarchie. Spätestens mit dieser schamlos vorgetragenen Burleske hatte der Schah sein eigenes Todesurteil gefällt.

In Dan Shadurs Dokumentarfilm Before The Revolution (2013) sprechen sich die israelischen Profiteure des Shah-Gebildes freimutig über ihre Zeit im Iran aus, ganz so, als wären sie Belgier im Kongo Leopolds II – Zone Of Interest von Jonathan Glazer kommt in den Sinn. Die Kibbuz-gewohnten Zionisten hatten plötzlich allesamt ein Hausmädchen, das kochte, saubermachte und die Wäsche per Hand wusch. Die vom Westen glorifizierten einzigen Demokraten des Nahen Ostens äußern sich heute unbefangen über straffe Machtstrukturen, die manchen Bevölkerungen ganz gut täten und schwärmen von all den Vorzügen, die zu Zeiten des Schahs für sie gegolten hätten und auf die sie nun leider keinen Zugriff mehr hätten.
Wir haben nicht einmal von Verbrechen gehört, weil das Regime stark war. Wir haben von keinem Verbrechen gehört. Ich dachte, das ist ein ideales Regime. Ich glaubte, dass ein Herrscher, auch wenn er ein Diktator ist, aber ein liberaler Diktator, möglicherweise besser für das Volk sein könnte als ein demokratisches Regime.
Der Buchhalter Ori Bartal in Before The Revolution (2013)
Der blutrünstige Geheimdienst SAVAK sorgte zumindest bei einzelnen jüdischen Gastarbeitern für Unbehagen, aber das Thema wurde nicht weiter angesprochen, zumal der Mossad an dessen Aufbau maßgeblich beteiligt war. Im großen Ganzen überwogen die Vorzüge. Nur außerhalb von Teheran habe es gewisse Risiken für Israelis gegeben, aber dann gab man sich halt als Deutsche oder (bevorzugt) Franzosen aus. Als die Stimmung im persischen Schlaraffenland schließlich umschlug, konnten einige von ihnen das Land in letzter Minute nur deswegen unbeschadet verlassen, weil sie vorgaben, Vertreter der PLO zu sein …
Was folgte, war grausam und blutig. Zwar ging die Revolution diesmal von der Bevölkerung aus und war kein Ergebnis ausländischer Stimulation. Die Konsequenzen waren aber auch für viele der Demonstranten überraschend. Kaum hatte Mohammad Reza Pahlavi am 16. Januar 1979 fluchtartig das Land verlassen, stand Frankreich schon mit dem nächsten Marionettenensemble Gewehr bei Fuß und schickte am 1. Februar 1979 den Mullah Chomeini samt einer Gruppe weltlicher Exilpolitiker in das Land, allen voran der ehemalige Mossadegh-Anhänger Abolhassan Banisadr. Mit im Flugzeug saß eine ganze Heerschar von Journalisten, darunter auch ein vor Selbstbewusstsein strotzender Peter Scholl-Latour. Die zweitrangige Kolonialmacht Frankreich sah mit der Beherbergung Ruhollah Chomeinis im entstandenen Machtvakuum ihre Chance gekommen, sich fortan der Ressourcen des Landes zu bedienen.

Mohammad Reza Pahlavi verstarb am 27. Juli des Folgejahres an Morbus Waldenström im ägyptischen Exil und ist dort auch beigesetzt. Seine Operettenmonarchie wurde am 1. April 1979 per Volksabstimmung entsorgt und wird trotz aller Hoffnungen der im US-amerikanischen Exil verbliebenen Familie nicht zurückkehren. Die Macht des überschätzten und im eigenen Land als politisch inkompetent erachteten Banisadr war von kurzer Dauer und währte bis zum 21. Juni 1981. Um nicht am Galgen zu enden, musste Banisadr als Frau verkleidet nach Frankreich zurückflüchten, von wo aus er noch zwei weitere Jahre eine Exilregierung leitete.
Ajatollah Ruhollah Musawi Chomeini
Chomeini war ein belesener Mann, Autor zahlreicher Bücher und Schriften, der sich in seinen Studien nicht nur mit Religion, sondern auch mit Philosophie und Poesie befasste. Sein philosophischer Ansatz war offenkundig nicht, alles zu hinterfragen, denn der von ihm später durchgesetzte theokratische Staat ließ Zweiflern keinen Spielraum. Seine Vision war von Anfang an eine Diktatur des Glaubens und keine dekorative Pfaffenrepublik. Alles war vorhersehbar, hätten westliche Geheimdienste und Journalisten ihre Hausaufgaben gemacht. Alles konnte in seinem Werk „Die islamische Regierung“ (Hukumat-i Islami) nachgeschlagen werden, basierend auf Vorträgen Ruhollah Chomeinis zwischen dem 21. Januar und 8. Februar 1970 in Najaf. Die Textsammlung wurde jedoch erst Jahre später in andere Sprachen übersetzt, im Herbst 1978 – aus unerfindlichen Gründen auf einer arabischen Version fußend – auch vom Übersetzungsdienst der CIA (Joint Publications and Research Service) ins Englische und anschließend als wenig hilfreiches Machwerk mit dem reißerischen Titel „Ayatollah Khomeinis’ Mein Kampf“ (ISBN 10: 053223166X) 1979 bei Manor Books veröffentlicht.

Der Großajatollah schwärmt darin von der „islamischen Rechtswissenschaft“ Faqih und stellt die vom Judentum wie imperialistischen Westen bestrittene Alltagstauglichkeit und revolutionäre Seite des Koran in den Vordergrund. Historisch sieht er den Islam als einzig taugliches Bollwerk gegen den Westen seit den Kreuzzügen und verteidigt ihn als idealen sozialen Leitfaden für die Menschheit, das auf militanten Individuen aufbauen müsse, die unablässig gegen imperialistische Feinde zu kämpfen hätten. Während der Westen sich noch im „Zustand der Barbarei“ befand, das heutige Amerika noch von „halbwilden Rothäuten“ besiedelt war, die Reiche Iran und Byzanz unter der Herrschaft der Tyrannei, des Klassenprivilegs und der Diskriminierung standen, habe der Allmächtige durch seinen „edelsten Gesandten“ der Menschheit Gesetze und Praktiken für alle menschlichen Angelegenheiten, von der Bildung des Embryos bis hin zur letzten Ruhestätte, geschickt.
Die Islamische Republik wird wie die französische Republik sein. Menschen gehen zur Wahl, bestimmen ihre Vertreter und es gibt eine Verfassung.
Ruhollah Chomeini 1979 auf die Frage eines Reporters
Im Gegensatz zum universellen und damit auch politischen Islam Chomeinis, steht der politische Quietismus, im Iran vertreten durch die Großajatollahs Sayyid Hossein Tabataba’i Borudscherdi, Mohammad Hossein Naini sowie Mohammad Kazem Schariatmadari. Sie allesamt lehnen eine aktive Beteiligung der Geistlichkeit an der Politik ab. Borudscherdi verbot seinem Schüler Chomeini denn auch, sich mit weltlichen Angelegenheiten zu beschäftigen, woraufhin dieser eine politische und soziale Abhandlung, in der er zur Teilnahme an politischen Angelegenheiten aufrief, erst nach Borudscherdis Tod am 30. März 1961 veröffentlichte.
Wir, die Geistlichkeit, sollen einen islamischen Staat gründen? … Wir wären hundertmal größere Verbrecher als die, die jetzt an der Macht sind.
Sayyid Hossein Tabataba’i Borudscherdi
Im Rahmen der uneingeschränkten Macht der Mullahs erfolgten keine Reformen, die annähernd auf eine Rückkehr zum von Mossadegh 1951 eingeschlagenen Weg schließen ließen – der politische Quietismus hatte ausgedient. Seit dem Coup 1953 sind über siebzig Jahre vergangen, 26 Jahre Pahlavi & SAVAK sowie 46 Jahre Theokratie. Auf die Jahrzehnte des repressiven Schahsystems, in dem Intellektuelle, Kleriker, Schriftsteller und Studenten unterdrückt wurden, folgten die Jahrzehnte einer Glaubensherrschaft, in denen Frauen, Intellektuelle, Schriftsteller und Studenten die Opfer waren. Zwischen dem 17. August 1953 und dem 16. Januar 1979 wurde bewusst der pluralistische Reichtum des Landes zerstört, die kläglichen Reste unterlagen schließlich den Revolutionswirren und gipfelten im Verschwinden der Nationalen Front noch 1979. Vier Jahre später übergab die CIA den Chomeini-Gefolgsleuten eine Namensliste mit KGB-Agenten und deren Helfershelfern, was zur sofortigen Hinrichtung von rund 200 Menschen führte. Die kommunistische Tudeh-Partei wurde am 4. Mai 1983 verboten und befindet sich seither im Exil. Nach China ist der Iran weltweit führend in Sachen Todesstrafe.
Auf Chomeini folgt Chamenei
Als das Machtzepter nach dem Tode Chomeinis am 4. Juni 1989 überraschend an einen Emporkömmling im Range eines Hodschatoleslam übergeben wurde, mögen Außenstehende Veränderungen erhofft haben, wurden von der Wirklichkeit jedoch enttäuscht. Der machtpolitisch gefährliche Ali Chamenei wurde im Hauruckverfahren zum Ajatollah aufgewertet. Er strebte 1994 zwar erfolglos den Titel des Großajatollahs an, wusste sich jedoch gegen sämtliche geistlichen Kontrahenten wie Mousavi Ardebili, Ahmad Dschannati, Mohammad Reza Mahdavi-Kani, Ali Meschkini, Hossein Ali Montazeri, Mahmud Haschemi Schahrudi oder Mesbah Yazdi durchzusetzen.
Wahlen finden im Iran der Mullahs nur innerhalb des theokratischen Systems statt, weshalb gewählte Präsidenten wie Mohammad Chātami oder Hassan Rouhani allenfalls kosmetische Veränderungen wie etwa die Lockerung der Kopfbedeckungspflicht für Frauen, nichts aber an der postrevolutionären dogmatischen Struktur des Landes, vornehmen können. Es wäre töricht, einen wahlbedingten Regierungswechsel im Iran zu erwarten, ebenso töricht, wie sich in den USA einen Urnengang hin zum Kommunismus oder auch nur eine gleichberechtigte dritte Partei auszumalen. Dass die derzeit 60 Millionen wahlberechtigten Iraner aus 15 Provinzen künftig mehr Optionen als die vom Wächterrat genehmigten zur Verfügung haben werden, kann ausgeschlossen werden. Eine Wahlbeteiligung von lediglich 41 Prozent im Jahr 2024 (2017: 48,8%) lässt aber auf eine fortwährende Abnutzung der Attraktivität des Mullahstaates schließen und stellt trotz zahlreicher Aufrufe zur Stimmabgabe ein historisches Tief dar. Selbst gesetzt den unwahrscheinlichen Fall, der Iran würde mangels Desinteresse am religionsverfassungsrechtlichen Modells zum Laizismus übergehen, kann kaum als plausibel erachtet werden, die Mullahs würden sich schlagartig aus allen Belangen des Staates zurückziehen. Wer sich die ganze Gesellschaft unterwerfen kann, wird dies so schnell nicht aufgeben. So oder so hat der Iran für jede progressive Änderung einen langen Weg vor sich, soll diese unblutig verlaufen.
Achmadinedschāds Weihnachtsansprache
Am 25. Dezember 2008 strahlte der britische Sender Channel 4 seine alternative Weihnachtsansprache aus, in der keineswegs die üblichen patriotischen oder gar regierungstragenden Redner zu Wort kommen, sondern eher Exoten unterschiedlicher Couleur: vom Society-Koch Jamie Oliver über den US-Aussätzigen Edward Snowden bis hin zu Abdullah Kurdi, dem Vater eines ertrunkenen zweijährigen Flüchtlings aus Syrien. Diesmal war jedoch ein noch ungewöhnlicherer Gastredner an der Reihe als sonst, nämlich Mahmud Achmadineschād, der damals noch amtierende sechste Präsident der Islamischen Republik Iran. Und anstelle die Chance einer solch einzigartigen Platform zur Vermittlung einer bahnbrechenden Botschaft zu nutzen, war von ihm kaum mehr als religiöses Geschwafel zu vernehmen, das irgendwie auch politisch interpretiert werden könnte, hätte nur irgendwer Interesse daran gehabt. Damit erhielt der geneigte Zuschauer denn auch die Zusammenfassung des ganzen iranischen Systems, das aus eigener Anstrengung kaum mehr in der Lage dazu ist, sich aus seiner selbst gewählten Isolation zu emanzipieren.

Der Iran steckt in einer konservativ-religiösen Endlosschleife fest, die als Warnung an Staaten verstanden werden sollte, die offen gewillt sind, einen ähnlichen Weg einzuschlagen. Reflexartig folgt auf jede weltliche Lockerung eines Präsidenten die Rückkehr zur vorigen Situation durch einen der Nachfolger, woran zuletzt auch die zahlreichen Proteste um den Tod von Mahsa „Jina“ Amini nichts ändern konnten. Das Machtgefüge mag zwar unter Druck geringer Teile der Bevölkerung stehen, weiß sich aber wie gehabt mit einer spätestens seit dem Schah bekannten Brutalität zu verteidigen. So sind Gerüchte um Giftanschläge auf Mädchenschulen für das Lostreten einer größeren Protestwelle ungeeignet. Da der Staat jedwede unabhängige Untersuchung schon aus Furcht vor Einmischung durch das Ausland unterbindet, kann er derartige Vorfälle leicht als Hysterie abtun, was zudem wahrscheinlicher Auslöser war.
Ein von außen angestoßener Machtwechsel dürfte ebenfalls scheitern, denn das vorherrschende System wird unverändert stark von vielen Kräften unterstützt, seien es die Kämpfer der Armee der Wächter der Islamischen Revolution oder zahlreiche weitere nationale und internationale Milizen. Die Erfahrung lehrt bislang, dass jeder extern provozierte Einfluss die schiitische Nomenklatura nur festigt, so auch der über fast acht Jahre währende Erste Golfkrieg. Der Wille zur Rückkehr auf den einst von Mohammad Mossadegh eingeschlagenen Weg müsste von innen heraus geschehen, was bei fortwährendem äußeren Druck aber ausgeschlossen werden kann. Wer sich nun auf das syrische Beispiel beruft, verkennt die Tatsache, dass das Syrien der Zukunft eine sunnitische Version dessen werden könnte, was der schiitische Iran bereits hinter sich hat. Dabei spielen religiöse Details eine weit geringere Rolle als deren jeweilige machtpolitische Interpretation.
Wer sich im Syrien der Neunziger wunderte, dass urplötzlich sämtliche alten Taxis US-amerikanischer Bauart der Vierziger und Fünfziger von den Straßen verschwunden und durch Fahrzeuge undefinierbarer Herkunft ersetzt worden waren, war Zeuge des iranischen Plans, zur führenden Fertigungsstätte von Industriegütern der Region werden zu wollen. Nur für kurze Zeit konnten die Verbündeten des Gottestaates von dessen beispielloser Industrialisierung profitieren. Ironischerweise war dies ein von den Mullahs wieder aufgenommenes Projekt John F. Kennedys aus dem Jahre 1962, an welchem Reza Pahlavi jedoch scheiterte und dem nun ausgerechnet der ausufernde Sanktionsdruck einer sich aufbäumenden USA ein jähes Ende setzte.
Während im Iran infolgedessen die Lebenshaltungskosten der Bevölkerung stiegen, setzte die Regierung auf massive militärische Aufrüstung, denn die betenden Herrscher sind sich darüber im Klaren, dass sie sich im Fadenkreuz wertewestlicher Armeen befinden, die nur auf einen günstigen Augenblick warten, sie durch gehorsame Marionetten zu ersetzen. Selbstverständlich tickt die Uhr nicht erst seit dem Zusammenbruch der Assad-Diktatur in Syrien, der Iran strebt schon seit dem Schah den Besitz von Atomwaffen an, um mit Israel auf Augenhöhe zu sein. Spätestens dann würde aus dem Mullahregime ein unabänderlicher Betonschiismus.

Es ist befremdlich, dass die Symbolik des Kreuzrittertums vom US-Hegemon noch bis vor kurzem gepflegt wurde und damit den iranischen Mullahs zur idealen Vorlage eines Feindbilds dienlich war. Zwischen 1940 bis zu ihrer Außerdienststellung im Jahre 2007 war die 523. Einheit der US-Armee, das so genannte Kreuzritter-Jagdgeschwader (Fighter Squadron Crusaders), an zahlreichen Kampfhandlungen der USA beteiligt, unter anderem im Zweiten Weltkrieg, dem Koreakrieg und Vietnamkrieg, der Operation Wüstensturm (Desert Storm) sowie dem so genannten Krieg gegen den Terrorismus.
Der Blick des Wertewestens auf den heutigen Iran ist nicht minder ideologisch verblendet. Eine Theokratie kann schon argumentativ kaum überzeugen – freilich auch eine solche nicht, die unter dem Deckmäntelchen des Neozionismus Israels oder des Scheinisolationismus der USA heranwächst. Unverändert werden die Opfer Persiens über- wie die Opfer der zahlreichen Kriege der USA oder des alten und neuen Zionismus unterbetont, weshalb als einer der gesicherten Werte des Westens auch blanker Rassismus vorausgesetzt werden muss.
Zwar findet sich der Iran zusammen mit dem politisch gescheiterten Libanon, dem von Robert Mugabe in 37 Jahren kaputt regierten Simbabwe, dem von Naturkatastrophen heimgesuchten Bangladesch und der bürgerkriegsgebeutelten Zentralafrikanischen Republik (ehemals Französisch-Äquatorialafrika) lediglich auf Platz 149 von 180 im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International – und mit nur noch 24 von 100 erreichbaren Punkten im Jahr 2023 ist die Tendenz eindeutig abnehmend, doch werden den Mullahs im Gegensatz zu Israel (Rang 33/180 sowie 62/100 Punkten) weder Verstöße gegen internationales Recht noch Genozid vorgehalten.
David Andel
