Kalt erwischt

Der Schneeleopard ist ein Raubtier, das sein dickes graues Fell der evolutionär bedingten Anpassung an seine Umgebungsbedingungen zu verdanken hat. Ein natürlicher Ausleseprozess hat somit dazu geführt, dass der pelzige Jäger auch im dicksten Winter nicht in Kältestarre verfällt und weiterhin relativ unbesorgt jagen kann.


Bild: David Andel
Übertragen auf Mac OS X hieße dies, dass sich Snow Leopard (Mac OS X 10.6) noch mehr als Leopard (Mac OS X 10.5) seinen Anwendern angepasst hätte, ein über die Jahre währender Ausleseprozess Apples führte zur Beseitigung der am schwersten wiegenden Fehler und konzeptionellen Mängel. Leider nicht wirklich, denn Snow Leopard ist lediglich eine optimiertere Form von Leopard, keineswegs jedoch die optimale Reaktion auf sämtliche Kundenwünsche. Obgleich also diesmal die Flut neuer Ausstattungsmerkmale (neudeutsch „Featuritis“) auf ein Minimum reduziert wurde, hat Apple in vielerlei Bereichen sogar noch Fähigkeiten entfernt und sich damit über die Wünsche mancher Anwender hinweggesetzt. Inoffizielle und für den Hersteller zunehmend lästig gewordene Schnittstellen in manchen populären Apple-Anwendungen fielen dabei ebenso unter den Tisch wie die gesamte Unterstützung der ehemals gegenüber Intel favorisierten PowerPC-Plattform.

Deutlich wird der dadurch radikale Wechsel unter anderem daran, dass allerlei kleine Helferlein mit dem Erscheinen von Snow Leopard nicht mehr funktionieren, noch Wochen nach dem Marktstart von Snow Leopard können Safari-Anwender daher weder mehr ihre Cookies sinnvoll im Zaum halten noch Mail-Anwender ihre Mitteilungen in PGP verschlüsseln. Alte Zöpfe wurden dabei derart stark gekürzt, dass manch kostenlose Produkte vom ehemaligen Hersteller gleich ganz eingestellt wurden, beispielsweise GPGMail von Sen:te. Schade dabei ist jedoch, dass Apple es währenddessen nicht für nötig hielt, besagte Notwendigkeiten selbst in irgendeiner Form zu integrieren. So verfügen weder Safari noch Mail bis heute über eine offizielle Möglichkeit, deren Funktionsumfang zu erweitern. Apple gibt folglich hoheitlich vor, was für den Anwender sinnvoll ist und was nicht, es sitzt aber kein Modulor vor dem Bildschirm.

Während es bei kleinen Programmierern noch nachvollziehbar ist, dass diese keine zahlenden Apple-Entwickler sind und daher auch keinen rechtzeitigen Zugang auf Vorversionen und absehbare Änderungen von Mac OS X haben, überrascht die Überraschung seitens vieler kommerziell agierender Unternehmen. Selbst Hersteller von Produkten wie Acrobat, Cepstral Voices, EyeTV und SilverFast wurden unter Snow Leopard mit Inkompatibilitäten konfrontiert, obgleich diese Zugang zu sämtlichen erforderlichen Materialien zur Abwendung solcher Probleme haben sollten. Manche kommerziellen Produkte wie etwa iUSBCam von ecamm wurden vollständig eingestellt, von manch anderen dürfte die Zukunft zurzeit noch unsicher sein, denkt man beispielsweise an PGP. Und auch Apple hat sich mit den mitgelieferten Druckertreibern ein Bein gestellt, denn etliche Drucker wesentlicher Hersteller wurden gar nicht erst erkannt.

Wenn Cupertino es also noch immer nicht vergessen hat, dass es anders denkende Anwender mit individuellen Ansprüchen gibt, dann sollte das auch dazu führen, dass sich das Betriebssystem so offen wie nötig gibt, vor allem bei dessen Anpassung an den Menschen. Safari ist einer der besten und ästhetisch anspruchsvollsten WWW-Browser, daher müssen auch Möglichkeiten bestehen, per Plug-In lärmende Werbewelten oder Cookie-Fluten in den Zaum zu kriegen. Gleichzeitig bringt es niemandem etwas, wenn Produkte vorschnell und unfertig vermarktet werden, denn Nutzer von beispielsweise EyeTV können nicht mal so nebenbei auf eine Alternative ausweichen. Uns allen wäre ein sanfter Übergang daher wesentlich angenehmer gewesen als vom Schneeleoparden kalt erwischt worden zu sein.

David Andel