Wo ist Jessica Hyde?

Gäbe es nichts außer Fernsehen als Tor zur Welt, wäre der Kulturverlust aufgrund jener geistesstarren Unsympathen, die sich der Dummheitspflege widmen, beträchtlich. Und obgleich sich mittlerweile Konkurrenten allerorten finden, tritt das Medium seit Jahrzehnten nur immer primitiver auf. Wenn dann wider Erwarten ein Juwel namens „Utopia“ auf den Bildschirmen erscheint, dann wirkt das fast schon wie Versehen.


Bild: Channel 4 (Bildschirmfoto)
Britische TV-Sender ermöglichen gegenüber deutscher Bildschirmtristesse noch Ausnahmen. So läuft im Privatsender Channel 4 nicht nur der übliche Schund, sondern auch Progressives wie „Black Mirror“, anarchistische Komödien à la „Derek“ oder „Cardinal Burns“ und eine Serie, deren bloße Beschreibung schon neugierig macht:

„Nachdem sie in den Besitz des Originalmanuskripts der Comic-Novelle «Die Utopia-Experimente» gelangen, vereinbaren fünf Mitglieder eines Online-Forums ein Treffen. Nichtsahnend, dass die düstere Organisation «Das Netzwerk» ebenfalls auf der Suche nach dem Werk ist und auch nicht davor zurückschreckt, sämtliche Informanten zu beseitigen. Thriller mit Nathan Stewart-Jarrett, Alexandra Roach, Wilson Adeel Akhtar, Paul Higgins und Stephen Rea.“

„Wo ist Jessica Hyde?“ wird im ersten Teil (von sechs) bild- und tongewaltig untermalt gefragt. Wieso der Hase am Anfang der ersten beiden Folgen? Und wer sind jene skurrilen Gestalten, die auf der Suche nach dem Manuskript eine Blutspur hinterlassen? Bis zum bitteren Ende gibt es in Utopia viele Fragen und fortwährend gute wie böse Überraschungen, denen es weder an Plausibilität noch Komik mangelt. Und wenn von Komik die Rede ist, dann von düsterer, sarkastischer Komik. Niemand wird verschont, nicht der opportunistische Regierungsbeamte, nicht der zynische Politiker, nicht der rücksichtslose Konzernchef oder deren Heer von Günstlingen.

Dabei ist Utopia ausgesprochen menschlich. Eine Liebesszene entsteht so spontan wie wirklichkeitsnah und endet gleichermaßen abrupt – frustrierend vielleicht, aber weder banal noch unglaubwürdig oder kitschig. Keiner der Beteiligten ist ein Übermensch, selbst Täter sind oder werden Opfer und der vielleicht größte Held ist ein vierzehnjähriger Außenseiter, den die meisten Kinderkarriere-Eltern wohl hassen würden.

Gewalt tritt von Anfang bis Ende in immer neuen Formen auf. Gewalt aber nicht in nervtötender Tarantino-Machart, die den Zuschauer wie in der TV-Serie „American Horror Story“ zum Flipperball zwischen Kitsch und Abscheu verdonnert oder aber als beige-braun gefärbte Scheinwirklichkeit inflationärer skandinavischer Mordschnulzen mit frustrierten Klischee-Außenseiterhelden, sondern Gewalt, die sich im Verlauf der Handlung immer wieder von selbst erklärt.

Wem die (gefühlt) tausendste Ermittlung im Unterprivilegierten-Millieu eines Kaffee saufenden oder Currywurst fressenden unrasierten Kommissars im Sozialarbeiter-Kostüm, die anderthalbstündige hysterische Mutter eines entführten Kindes oder die hinter zahlreichen Minderheiten kaschierte schlechteste Drehbuchvorlage der Welt noch immer nicht zu viel ist, für den ist Utopia nichts. Allen anderen jedoch sei ein Blick auf besseres Fernsehen anempfohlen, so wie Channel 4 es in Fällen wie diesem ermöglicht.

Den Beteiligten war sichtlich bewusst, dass sie Großartiges zustande bringen würden, Mitwirkende wie Stephen Rea, James Fox oder auch die charismatische Fiona O'Shaughnessy sind ein deutliches Statement. Im deutschen Fernsehen gab es das nicht mehr seit Rainer Erlers „Das Blaue Palais“. Da ist fast vier Jahrzehnte später die Frage berechtigt, wo zum Donnerwetter die Qualität im deutschen Fernsehen geblieben ist. Zunehmend wütend kann man sich anschließend auf Utopia einlassen und stattdessen fragen: „Wo ist Jessica Hyde?“

David Andel