Masada

Glaube versetzt keine Berge

Der vermeintliche Friedensplan des großen Dealers Trump ist wie seine sämtlichen Vorversionen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Alles, wofür dieser Plan steht, ist der Versuch der Wahrung einer unmöglich dauerhaft zu haltenden israelischen Vorherrschaft. Somit ist das einzige, was er ermöglichen wird, der weitere Zerfall des Nahen Ostens, inklusive Israel.

Der schwer erträgliche krampfhafte Versuch oder eiserne, wenn nicht gar stählern betonierte Wille der Europäer und deren US-Superkolonie, eine so genannte westliche Leitkultur möge irgendwie die gesamte Welt anführen und im Sinne einer weißchristlich-jüdischen Gesellschaft gestalten, ist kaum mehr als ein Rohrkrepierer. Das in kolonialer Manier agierende, sorgsam divers getünchte wie gleichzeitig schwer bewaffnete neoliberale Politikchaos ist dazu nicht mehr imstande, was nicht zuletzt die Wahl des Personals verdeutlicht. Wer Immobilieninvestoren als Verhandlungsführer benennt, muss entweder betrunken oder verzweifelt sein.

Eine von Blair geführte Regierung in Gasa wäre, genau wie die amerikanische Regierung im Irak, ein unvereinbares Transplantat, das vom Körper abgestoßen würde, was zu einem Kreislauf der Gewalt und Eskalation führen würde, der völlig vermeidbar ist und in niemandes Interesse liegt.

Josh Paul, ehemals Berater für nationale Sicherheit im Irak und beim US-Sicherheitskoordinator für Israel und die Palästinensischen Gebiete am 30. September 2025 über Tony Blair

Sobald die Namen Blair und Kushner fielen, hielten sich bereits viele die Ohren zu, denn außer heißer Luft ist aus dieser Richtung kaum etwas zu erwarten. Tony Blair, seines Zeichens Betbruder von Bush Junior, wurde vor allem durch seine Schreckensbilanz im Irak bekannt, basierend auf Terrorismus- und Massenvernichtungswaffenlügen, die eine Million Todesopfer zur Folge hatten. Wer ihm jemals bei seinen weitschweifigen Vorträgen im heimeligen American Colony Hotel in Jerusalem zuhörte, musste sich fragen, ob er überhaupt verstand, wo er sich befand oder worum es ging? In Palästina ließ er sich kaum blicken, von über hundert Nahostreisen führten ihn ganze drei nach Gasa. Noch nicht einmal die dringend nötige Abwasserklärung des Gasastreifens konnte er umsetzen, seinen Partnern von JP Morgan hingegen verhalf er zu einem milliardenschweren Telekom-Abschluss mit Wataniya Mobile. Grandios verfehlte er seine eigenen Ziele als Nahost-Gesandter eines weitgehend sinnlosen Nahost-Quartetts, das Einsacken eines Beraterhonorars von 27 Millionen Petrodollars aus Kuwait gelang ihm jedoch vorbildlich. Eine Zahl, die damals gut zu seinem Immobilienimperium passte, bestehend aus 27 Wohnungen und zehn Häusern. Erst massive Proteste seitens echter Diplomaten und Angriffe mit Eiern und Schuhen auf Blair während seiner eitlen Autogrammstunden vermochten seine obskure Rolle als sich fortwährend selbst bereichernder Gesandter des Quartett-Entsandten beenden.

Ich beschäftige mich nun schon seit drei Jahren mit diesem Thema. Ich habe 25 Bücher darüber gelesen, mit allen führenden Politikern der Region gesprochen und mit allen, die daran beteiligt waren.

Jared Kushner am 28. Januar 2020 über seine Kompetenz in der Nahostpolitik

Kushner ist zwar alles andere als ein Blair-Klon und in allem außer Politik erfolgreicher als der Brite, an regionaler Kompetenz fehlt es ihm jedoch genauso wie Blair. Gewiss, Immobilien sind seine Spezialität, darüber hinaus glaubt der Schwiegersohn von Donald Trump aber Nahostexperte zu sein, was für den Sprössling einer orthodoxen jüdischen Familie aus New Jersey nach 25 gelesenen Büchern zum Thema der Fall sein soll. Als vor fünfeinhalb Jahren der erste Versuch des puppenhaften US-Amerikaners scheiterte, den Palästinensern seine Form des Friedens aufzuschwatzen, meinte er enttäuscht: „Durch ihre Reaktion beweisen sie, dass sie noch nicht bereit sind für einen eigenen Staat.“. Kushner geht nun wohl davon aus, dass sich dies geändert hat, denn die Bewohner des Gasastreifens wurden vom Netanjahu-Regime vertragsreif gebombt.

Sprechen Sie mich nicht auf Geschichte an. Geschichte interessiert mich nicht. Wir machen die Dinge hier anders.

Jared Kushner über sein Geschichtsbewusstsein zu Aaron David Miller, ehemaliger Diplomat und Nahost-Unterhändler

Einem Beitrag der New York Times zufolge besteht Kushners Strategie im wesentlichen daraus, zunächst eine Zusage zu erhalten und anschließend die Details zu klären, für Geschichtsprofessoren und Diplomaten wäre in einem solchen Spiel kein Platz – für persönlichen Profit indes jederzeit, sodass auch die unsäglichen Luftschlösser in Gasa noch nicht abgehakt sein dürften. Bis all die großartigen Deals auf ihre Verwirklichung zusteuern, fließt erst einmal weiter Blut. Klar ist immerhin, dass Bibi mit den vorgeblichen Zielen seines Flächenbombardements auf ganzer Linie scheiterte. Die brutale Zerstörung der gesamten Region führte weder zur Entmachtung noch vollständigen Entwaffnung der zuvor von ihm selbst fachmännisch aufgeblasenen Hamas. Auch war er diesmal nicht imstande, seinen üblichen propagandistisch verstärkten Sympathiebonus im Westen für sich zu nutzen. Ob seine Tage allerdings gezählt sind, hängt von der besonderen Einfältigkeit des bibifizierten Wählers ab.

Es ist ein Unding, dass ausgerechnet jüdische Immobilienunternehmer wie Jared Kushner und Steve Witkoff über das Schicksal eines militärisch, politisch und wirtschaftlich unabhängigen Palästinas entscheiden sollen. Diese absurde Ausgangslage kann nur von Erfolg gekrönt sein, so dem mehr als je zuvor galoppierenden jüdischen Exzeptionalismus Einhalt geboten wird, was gerade von derartigen Kräften nicht zu erwarten ist. Um die Situation besser einordnen zu können, verglich der US-amerikanische Politikwissenschaftler Peter Beinart jüngst die Situation Israels mit denen in Südafrika und dem bürgerkriegsgebeutelten Irland. So war auch die weiße Minderheit Südafrikas von der politisch bewusst geschürten Angst geprägt, von bewaffneten Horden aus Nigeria oder dem Kongo überfallen zu werden, wie im Falle Israels und dem Irak oder Syrien. Die weißen Südafrikaner hätten sich vielleicht sogar noch stärker davor gefürchtet, ins Meer geworfen zu werden, wie die israelischen Juden heute, da deren Anteil an der Gesamtbevölkerung wie auch die Zahl ihrer internationalen Verbündeten geringer waren. Nach dem genozidalen Irrsinn Israels in Gasa jedoch dürften die Verhältnisse, wer vor wem Angst zu haben hat, zumindest geklärt sein.

„Hang Nelson Mandela and all ANC terrorists: they are butchers“ (Hängt Nelson Mandela und alle ANC-Terroristen: sie sind Schlächter – Plakat der Vereinigung konservativer Studenten Südafrikas aus den Achtzigern)
„Hang Nelson Mandela and all ANC terrorists: they are butchers“ (Hängt Nelson Mandela und alle ANC-Terroristen: sie sind Schlächter – Plakat der Vereinigung konservativer Studenten Südafrikas aus den Achtzigern)

Gasa liegt in Schutt und Asche, die Opfer sind vornehmlich Frauen und Kinder, im Westjordanland werden vom egomanischen Israel in gewohnter Manier Gebiete gestohlen. Die bittere Erkenntnis für Europa und die USA muss daher sein, dass Glaube weder Berge versetzt, noch Frieden schafft. Auch noch so viele Köche vermögen koloniale Rezepte auf nahöstlichen Krisenherden nicht verzehrbar zuzubereiten. Die Existenz des neokolonialen Judenstaates hat bislang zu einer der größten menschlichen Katastrophen des 21. Jahrhunderts geführt, das Existenzrecht Palästinas scheint dabei in westlicher Politik trotz alledem eine untergeordnete Rolle zu spielen. Ein juristisches Nachspiel wird folgen, eines der Rache ebenfalls. Solange die unmenschliche Routine kein Ende findet, wird sich die Situation weiter derart verschärfen, dass für Israel wie einst in Masada (Titelbild) irgendwann kein Fortbestand mehr denkbar ist.

David Andel