Ausschnitt aus dem Film „Nineteen Eighty-Four“ (1954) mit einem Abbild des so genannten „Großen Bruders“

Es kann nur eine geben

Die Wahrheit, unendliche Definitionen. Wir schreiben das Jahr 2026. Dies sind die Abenteuer der Bundesrepublik Deutschland, die mit ihren 2.612 Politikern unterwegs ist, neue Interpretationen zu finden, neue Behauptungen und neue Auslassungen. Viele Lichtjahre von der Realität entfernt, dringt Deutschland so in Abgründe vor, die kein Vernunftmensch je erwartet hat.

In unseren Tagen werden mehr denn je freie Meinungsäußerung und freie Interpretation von Fakten mit der politisch motivierten Verbreitung nur einer akzeptierten Form von Wahrheit konfrontiert, deren Ursprung darin zu suchen ist, Fehler nicht eingestehen zu wollen. Fehler, die zersetzend auf die Karriere, das Weltbild, eine Partei, eine Koalition oder andere Bündnisse wirken könnten. Fehler, die einer starren Überzeugung widersprächen. Infolgedessen wird selbst dann noch auf einer Interpretation der Wahrheit beharrt, wenn sich die Situation für alle immer weiter verschlechtert.

Die Meinung, jenes subjektive Objekt, Tochter der Überzeugung. Meinung ist keine Wahrheit und Wahrheit zudem relativ. Schon an dieser Stelle scheitern aber die meisten Volksvertreter, da deren Sicht der Dinge Bestandteil beruflicher Daseinsberechtigung ist und damit zur Wahrheit befördert werden muss. Es darf keine alternative Wahrheit existieren, sonst wären Gegner nicht zu definieren, Maßnahmen nicht durchzusetzen, Kriege nicht zu führen. Für eine vage Auffassung oder gar einen Irrtum zu kämpfen muss von Anfang ausgeschlossen werden. Politik ist somit nicht kompetenzbasiert, sondern meinungsgetrieben.

Man braucht diese gemeinen kleinen deutschen Bengels nur zu sehen, um zu begreifen, warum die Deutschen schon so viele Kriege angefangen haben. Und wenn man die Lehrer sieht, versteht man auch, weshalb sie diese Kriege immer verlieren.

Aus Geködert (1990) von Len Deighton, Seite 125

Deighton schrieb auch, dass die Deutschen ihrem Kaiser und ihrem Führer länger treu waren, als gut für sie gewesen wäre. Jene Besessenheit Deutschlands ist in vielerlei Hinsicht schwer nachvollziehbar. Die CDU-geführten Nachkriegsregierungen der Kanzler Adenauer, Kohl und Merkel saßen insgesamt 46 Jahre sämtliche Reformen aus, die sie trotz alledem weiterhin fordern. Die nicht minder reformuntüchtige transatlantische Vasallentreue besteht entgegen dem isolationistischen Gegenwind der Trump-Administration weiterhin, jedes hingeworfene Zuckerl wird mit ehrfürchtiger Dankbarkeit quittiert. In der Regel lernt Deutschland erst dann, wenn es zu spät ist, was sich auch an der Wirtschaftspolitik ablesen lässt.

Es scheint ausgeschlossen, dass massenmediale Phänomene wie Hofreiter, Kiesewetter oder Strack-Zimmermann Einsicht an den Tag legten oder bisher Gesagtes revidierten. So geht es mit allem immer weiter, obgleich die eingeschlagene Richtung falsch sein kann. So wird fast ausnahmslos immer alles schlimmer, obgleich Widerruf möglich wäre. Die Zahl der Dogmen wird wie die der Tabus immer größer, obgleich das Gegenteil suggeriert wird. Wir sind nicht freier als zuvor, wollen aber daran glauben. Je mehr Menschen eine wie auch immer geartete Meinung teilen und als frei erkannte Wahrheit missverstehen, desto höher die Kollektivschuld und desto geringer damit die Gefahr, dass Einzelne dafür zur Verantwortung gezogen werden.

Eine orthodoxe jüdische Anhängerin der illegalen extremistischen Gruppe Kach ist heute eine der renommiertesten israelischen feministischen Friedensstifterinnen. Ein Palästinenser, der ein Jahrzehnt lang inhaftiert war, weil er mit Freunden eine Bombe gebaut hatte, um sie gegen Israelis einzusetzen, setzt sich heute dafür ein, palästinensische und israelische Jugendliche zusammenzubringen. Ein ehemaliger Siedler aus dem Westjordanland, der die ultra-ethnonationalistische israelische Partei Moldedet unterstützte, steht heute gemeinsam mit den Frauen von Machsom Watch an den Kontrollpunkten, um das Verhalten der Soldaten zu beobachten. Ein verwundeter Palästinenser verbringt vier Jahre im Gefängnis. Danach gründet er eine Organisation zur Förderung der Gewaltfreiheit in der palästinensischen Gesellschaft.

Aus Connecting with the Enemy (2016) von Sheila H. Katz

1953 haben Britannien und die USA den demokratischen Iran erfolgreich ruiniert. 1979 setzte Frankreich mit Chomeini noch einen drauf, nachdem sich das vom Westen installierte Operettenregime des Schahs nur noch mit den vom israelischen Mossad ausgebildeten SAVAK-Terrorschergen an der Macht halten konnte. Alles Übel im Iran ist Folge westlicher Einmischung, dennoch bewundert Merz die „Drecksarbeit“ Israels, den Iran von Atomwaffen fernzuhalten, von denen das rechtsradikale zionistische Regime Israels bereits hunderte besitzt, mit einer maximalen Reichweite von 11.500 km. Laut Colin Powell stehen dem Judenstaat über zweihundert, laut Jimmy Carter über dreihundert nukleare Gefechtsköpfe zur Durchsetzung seiner Interessen zur Verfügung, die er seit seiner Gründung in Palästina immer weiter ausweitet: Ägypten, Iran, Irak, Jemen, Libanon, Sudan, Syrien usw. usf. Alleine Syrien griff Israel vergangenes Jahr über sechshundert Mal an.

So etwas wie eine unabhängige Presse gibt es in Amerika nicht, außer in abgelegenen Kleinstädten auf dem Land. Ihr seid alle Sklaven. Ihr wisst es und ich weiß es. Nicht ein einziger von euch wagt es, eine ehrliche Meinung auszudrücken. Wenn ihr sie zum Ausdruck brächtet, würdet ihr schon im Voraus wissen, dass sie niemals im Druck erscheinen würde. Ich bekomme 150 Dollar dafür bezahlt, dass ich ehrliche Meinungen aus der Zeitung heraushalte, mit der ich verbunden bin. Andere von euch bekommen ähnliche Gehälter um ähnliche Dinge zu tun. Wenn ich erlauben würde, dass in einer Ausgabe meiner Zeitung ehrliche Meinungen abgedruckt würden, wäre ich vor Ablauf von 24 Stunden wie Othello: Meine Anstellung wäre weg. Derjenige, der so verrückt wäre, ehrliche Meinungen zu schreiben, wäre auf der Straße um einen neuen Job zu suchen. Das Geschäft des Journalisten in New York ist es, die Wahrheit zu verdrehen, unverblümt zu lügen, sie zu pervertieren, zu schmähen, zu Füßen des Mammon zu katzbuckeln und das eigene Land und Volk für sein tägliches Brot zu verkaufen, oder, was dasselbe ist, für sein Gehalt. Ihr wisst es und ich weiß es; Was für ein Unsinn, einen Toast auf die „Unabhängigkeit der Presse“ auszubringen! Wir sind Werkzeuge und Dienstleute reicher Männer hinter der Bühne. Wir sind Hampelmänner. Sie ziehen die Fäden und wir tanzen. Unsere Zeit, unsere Fähigkeiten, unser Leben, unsere Möglichkeiten sind alle das Eigentum anderer Menschen. Wir sind intellektuelle Prostituierte.

Der US-amerikanische Journalist John Swinton am 12. April 1883

Israel praktiziert die Strategie der nur einen Wahrheit grundsatzbedingt und ist seither Vorbild nicht zuletzt Deutschlands. Vom auserwählten Volk zum Übermenschen samt Leitkultur ist es nicht weit. Wer in Israel aus der Reihe tanzt, wird zum sich selbsthassenden Juden erklärt, da nicht sein kann, was nicht sein darf. Als Mordechai Vanunu es 1986 wagte, die Existenz der Atomwaffen Israels zu bestätigen, wurde er dafür hart bestraft – bis heute darf er das Land nicht verlassen. Als sich der israelische Friedensaktivist Abie Nathan 1990 mit Jassir Arafat traf, landete er dafür ein halbes Jahr im Gefängnis. Selbst Juden müssen bestimmten Vorgaben folgen, damit sie Israel-kompatibel werden. Die Parallelen zu den EU-Feinden Jacques Baud, Hüseyin Doğru, Alina Lipp und Thomas Roeper sind unverkennbar. Es wäre schön, wären alte Nazis jemals derart geächtet worden, stattdessen aber machten sie Karriere in Deutschland, unter anderem in der CDU. Noch gibt es den sich selbsthassenden Deutschen zwar nicht, bald dürfte er aber erfunden werden.

Ich rate auch den Ukrainern, sich nichts vorzumachen. [Die Krim] wird Teil Russlands bleiben und in absehbarer Zukunft niemals Teil der Ukraine werden. […] Was, ist die Krim etwa ein Schinkensandwich oder etwas, das man einfach nehmen und zurückgeben kann? Nein, das glaube ich nicht.

Alexei Navalny im Oktober 2014 über die Annexion der Krim

Die Begründungen für die insgesamt 26.655 Sanktionen (Stand: 15. August 2025) der US-Verbündeten gegen Russland klingen so glaubwürdig wie die Begründungen, weshalb es keine vergleichbaren gegen Israel oder die USA gibt. Israel, das nicht nur Gasa menschlich, logistisch, politisch und kulturell hingerichtet hat, führt weiterhin ein kaum sanktioniertes Dasein. Jassir Arafat wurde ebenso von Israel ermordet wie Marwan Barghuthi seit Jahrzehnten von Israel in Haft terrorisiert wird, die Liste der Opfer des Zionismus ist endlos. Währenddessen sind wir gehalten, uns über vermeintliche Froschgift-Attentate auf vermeintliche Regimegegner Russlands zu erzürnen. Es soll, kann und darf nur die eine Wahrheit geben.

David Andel