Meinungsumfragen sind inflationär und von fragwürdigem Nutzen, da sie kaum mehr als ein momentan-subjektives Stimmungsbild widerspiegeln, das schon nach Art der Fragestellung beträchtlich variiert und von der statistischen Perspektive aus gesehen oftmals waghalsig ist. So sollen bereits kostengünstige eintausend Personen ausreichen, um einen zuverlässigen Eindruck der Meinung von Millionen Menschen zu erhalten.
Die israelische Zeitung Haaretz berichtete gestern über eine von Tamir Sorek (Professor für Geschichte an der staatlichen Universität von Pennsylvania, USA) im März im Auftrag des israelischen Meinungsforschungsinstituts Geocartography Knowledge Group durchgeführte Umfrage. Befragt wurden 1.005 jüdische Israelis zum israelisch-palästinensischen Konflikt. Von diesen sprachen sich 82 Prozent (2003: 45 Prozent) für die Ausweisung der Bewohner des Gasastreifens aus, 56 Prozent (2003: 31 Prozent) befürworteten gar die Ausweisung sämtlicher palästinensischer Bürger aus Israel.
Während der Zeit des Hitler-Regimes in Deutschland fanden keine Umfragen statt, Demoskopie entstand erst im Nachkriegsdeutschland. Um dennoch zu erfahren, wer bei Wahlen beispielsweise für die NSDAP gestimmt hatte, analysierte man nachträglich die demographische Zusammensetzung der Bevölkerung der verschiedenen Wahlkreise, um sich so zumindest ein Bild davon zu machen, wen ungefähr die Nazis besonders beeindruckten.
Der Autor und ehemalige außerordentliche Professor für Regierungslehre und Sozialstudien an der Universität Harvard Daniel Goldhagen, Sohn des Harvard-Professors und Holocaust-Überlebenden Erich Goldhagen, stellte sich jedoch die Frage, warum genau Menschen die Befehle Hitlers zur Ermordung der Juden ausführten. Goldhagen wollte in Erfahrung bringen, wer die deutschen Männer und Frauen waren, die die Juden töteten, und warum dies der Fall war. Er kam zu der Erkenntnis, dass es sich bei vielen der Mörder um gewöhnliche Deutsche handelte, die töteten, weil sie einer zutiefst antisemitischen Kultur entstammten, dieser angeglichen wurden und daher „bereit und willens” für die Ausführung der Völkermordpläne der Nazi-Regierung waren. Es sollen gewöhnliche Deutsche gewesen sein, die von einem „eliminatorischen Antisemitismus“ besessen waren und bereitwillig Juden auf grausame und sadistische Weise ermordeten.
Religiöse Interpretationen spielen bei der Gestaltung dieser Ansichten eine wichtige Rolle. Fast die Hälfte (47 Prozent) der Befragten stimmte zu, dass „die israelischen Verteidigungskräfte bei der Eroberung einer feindlichen Stadt so vorgehen sollten, wie es die Israeliten unter Josuas Befehl in Jericho taten – indem sie alle Einwohner töteten“.
Aus Yes to Transfer (Ja zum Transfer) der israelischen Tageszeitung Haaretz vom 28. Mai 2025
Wer das heutige Israel kennt, kann dies gut nachvollziehen. Der angriffskriegstüchtigste Staat im Nahen Osten erklärt keine Kriege und erhebt keine Anklagen, richtet urteilslos hin, wen er für schuldig befindet. Als in den Achtzigern eine Welle von US-Vietnamkriegsfilmen in die Kinos schwappte, konnte jeder beobachten, was es heißt, Mitglied einer militarisierten Gesellschaft zu sein. Einer Gesellschaft wohlgemerkt, die nur eines zum Ziel hat, sich sämtlicher Opfer der Enteignung zu entledigen, auf der das blühende und vom Westen unterstützte Israel fußt. In den zahlreichen Szenen jener US-Filme, in denen Vietcongs wie tollwütige Hunde massakriert wurden, klatschten befremdlich viele Zuschauer im israelischen Publikum Beifall. Sich auszumalen, an wen sie eigentlich dabei dachten, dürfte nicht allzu schwer fallen.
Als es noch die fragile Option zu einem friedlichen Miteinander zwischen Arabern und Juden gab, hörte man von Israelis immer wieder die gleichen Worte, die auch Netanjahu wie ein zurückgebliebener Roboter fortwährend wiederholte. Man wäre sehr skeptisch, wolle den Arabern dennoch eine letzte Chance geben, obgleich man nicht wirklich daran glaube. Zu oft wäre man betrogen worden, zu oft wären einem Terroristen in den Rücken gefallen. Dass es hier um Friedensverhandlungen zwischen Besatzern und Besetzten ging, ließ man nicht gelten, denn das besetzte Gebiet hätten die einstigen Bewohner nur verkommen lassen, ohne Israel gäbe es an gleicher Stelle nur Brachland.

Heute hat sich die Situation derart verschärft, dass man ebenfalls davon ausgehen kann, dass die Bevölkerung Israels „bereit und willens” für die Ausführung der Völkermordpläne der Netanjahu-Regierung ist und es der „eliminatorische“ Bibisemitismus ist, der den Menschen einer ganzen Region den Tod bringt. Unterstützung erhält Israel dabei von zahlreichen Bürgern der angriffskriegserfahrenen USA. In einem Beitrag der britischen Tageszeitung The Guardian stellt sich der Autor Ahmed Moor ähnlich Daniel Goldhagen die Frage, weshalb sich so viele US-Bürger der israelischen Armee anschließen. Auch er spricht von einem ausgeklügelten sozialen Apparat, durch den junge Amerikaner radikalisiert werden. Ein Soldat, der in Gaza getötet wurde, „arbeitete jedes Jahr in einem zionistischen Sommerlager in Pennsylvania“.
Es ist nicht überraschend, dass Amerikaner überproportional vertreten sind. Viele amerikanische Juden, die nach Israel eingewandert sind, sind sehr idealistisch.
Sara Hirschhorn, Gastprofessorin für Geschichte an der Universität Haifa
Einem Beitrag der Washington Post zufolge sind US-Einwanderer in den religiösen, nationalistischen und zionistischen Gemeinschaften in Israel und dem Westjordanland weit verbreitet. Oftmals sind mehrere Mitglieder jener Großfamilien im israelischen Militär, nach Angaben der israelischen Verteidigungsstreitkräfte schätzungsweise 23.380 US-amerikanische Staatsbürger.
Während US-Bürger weniger als zwei Prozent der israelischen Bevölkerung ausmachen, stellen sie fast zehn Prozent der Kriegstoten des Landes seit Beginn der Bodeninvasion in Gaza.
Aus The American citizens fighting and dying for Israel in the Gaza war vom 22. Februar 2024 in der US-Zeitung Washington Post
Die Ursachen all dieser unmenschlichen Verhaltensweisen scheinen immer dieselben zu sein. Konsequenzen solchen Handelns werden traditionell ausgeblendet. Auf die Verrohung der Gesellschaft und die dadurch wie selbstverständlich begangenen Untaten folgen schmerzvolle Begleiterscheinungen, die jene zu tragen haben, die in die ursprünglichen Taten nicht verwickelt waren. Alte Nazis und deren Kinder wie Kindeskinder zögen es bis heute vor, dass endlich Gras über all die Untaten wächst. Die kriegstüchtige Bundesrepublik sieht sich nicht in der Tradition des kriegstüchtigen Deutschen Reiches nationalsozialistischer Prägung, obgleich von dessen versprochenen tausend Jahren erst 92 Jahre verstrichen sind. Netanjahu fände gerne als Messias des großisraelischen Reiches und nicht als korrupter Wahnsinniger im Blutrausch Platz in den Geschichtsbüchern seiner halbstarken Nation. Seine Chancen, den Wettbewerb nahöstlicher Westentaschen-Hitler zu gewinnen, stehen allerdings ungleich größer. Die Hitler dieser Welt enden selten im Altersheim, deren Staaten meist in völliger Zerstörung.
David Andel
