Plakat der Partei „Die Republikaner“ (1988)

Rechts überholt

Eine Taxifahrt in Brüssel kann in nur wenigen Minuten die gesamte Absurdität unserer Gesellschaft verdeutlichen. So äußerte sich vor einigen Jahren ein junger Taxifahrer türkischer Herkunft voller Begeisterung über eine rechtspopulistische flämische Partei, da diese endlich mit den ganzen Arabern im Land aufräumen würde. Was kann da noch schiefgehen?

Dem Vernehmen nach sollen Politiker auch nur Menschen sein und sich um ihre Zukunft sorgen. Nur eine bescheidene Legislaturperiode lang ist ihr Arbeitsplatz wirklich sicher und um den gut dotierten Posten zu behalten, sind daher alle Mittel recht. Das Leben auf Staatskosten ist nicht nur für beruflich oder finanziell gescheiterte Bürger Überlebensstrategie, sondern auch für jene, die in den Parlamenten agieren. Fast ein Viertel der im Bundestag tätigen Politiker sind Juristen, sodass Argumentieren zum erlernten Handwerk gehören sollte. Falls dies dennoch nicht zum gewünschten Ergebnis führt, wird die populistische Karte gezogen.

Meine Damen und Herren, wir leben in einem der schönsten Länder der Welt. Und ich habe einige Journalisten, die mit mir in Brasilien waren, letzte Woche gefragt: Wer von euch würde denn gerne hier bleiben? Da hat keiner die Hand gehoben. Wir waren alle froh, dass wir vor allen Dingen aus diesem Ort, wo wir da waren, wieder nach Deutschland zurückgekehrt sind in der Nacht von Freitag auf Samstag.

Friedrich Merz über seine Vaterlandsliebe am 13. November 2025

Der ehemalige Hamburger Innensenator und „Richter Gnadenlos“ Ronald Schill sieht dies anders und verdeutlicht, wie niedrig das moralische Ross von Rechtspopulisten tatsächlich ist. Der 67-jährige lebt von seiner deutschen Rente in Höhe von 2.000 Euro in eben jenem Brasilien, das an 104. Stelle der ärmsten Länder der Welt steht (Deutschland belegt Platz 169) und findet es richtig gut, dass die dortige Sozialhilfe lediglich 20 Euro monatlich betrüge. Der Frührentner führt seit über 18 Jahren in Rio de Janeiro genau das Leben, das Friedrich Merz und die seinen verachten: morgens spielt er am Strand Tennis, schwimmt um wellenumtoste Felsen und geht dann erst einmal essen. Da er beim Koksen gefilmt wurde, war die Fortsetzung seiner Karriere als gnadenloser Politiker oder Richter, der für eine schärfere Bestrafung vor allem von Wiederholungstätern eintrat, nicht mehr allzu glaubwürdig. Er lebt nun 10.000 Kilometer von Deutschland entfernt, empfindet sich mittlerweile mehr als Brasilianer denn als Deutscher und betrachtet sein Geburtsland als abgehakt. Nur die Philippinen könnten ihn als Wohnort noch mehr reizen und lediglich der weihnachtliche Gänsebraten aus Deutschland fehlt ihm.

Hier wackeln die Frauen selbst beim Einkaufen mit dem Arsch und genießen die darauf gerichteten Männerblicke.

Ronald Schill am 16. Mai 2019 aus dem brasilianischen Exil über sein Frauenbild

Wer rechtsaußen auf Stimmenfang geht, muss mit Nebenwirkungen rechnen. Bestätigt werden so nicht nur latente Ressentiments, sondern auch Kräfte, die bewusst auf diese Karte setzen. Der beispiellose Russlandhass der letzten Jahre ist ebenso furchterregend wie die kompromisslose Übernahme israelischer Feindbilder. So werden rechte Parolen salonfähig, entstehen immer neue, immer radikalere rechte Anspruchshaltungen. Bis es irgendwann zu einer erfolgreichen Gruppierung wie der AfD kommt, die sich als mürrische Opposition rebellisch gibt, was aber mit einem Wahlsieg schnell vorbei sein wird. Wie bei anderen Gruppierungen zuvor ist es eine Partei, deren Wähler nie das Wahlprogramm gelesen oder auch nur hinterfragt haben. Ein Wahlprogramm, das sich gewaschen hat, große Einkommen und Unternehmen schützt, Geringverdiener und Normalbürger bestraft.

Im Video nimmt Schill laut Bild auch Stellung zu seiner Zeit als Hamburger Innensenator. Er gibt an, schwarze Angeklagte härter bestraft zu haben: „Von mir haben die Neger alle etwas mehr bekommen. Die „reinrassigen Neger“ aus Afrika könne er nicht leiden. Deshalb lehne er es auch „aus moralischen Gründen ab“, nach Afrika zu reisen.

Die Süddeutsche Zeitung am 11. Mai 2010 über Ronald Schill

Die rechte Konkurrenz der CDU ist hausgemacht, nicht zuletzt Friedrich Merz führt dies Kochrezept immer wieder vor und greift dabei auf die gleichen Ingredenzien zurück, wie auch sein Andenpakt-Kumpel Koch. Da hatte man den Salat schon 1999: „Wo kann man hier gegen die Ausländer stimmen?“, hieß es damals in Wiesbaden vor der Landtagswahl, als dem „brutalstmöglichen“ Roland oder dem – frei nach Jack London – auch „Köchlein“ benannten dicklippigen Politiker nach allerlei Skandalen um Spenden und jüdische Vermächtnisse nichts mehr einfiel, als das Machen rechter Stimmung. Pandoras Büchse war daraufhin offen, was sich bekanntlich nicht mehr rückgängig machen lässt. Die deutschen Konservativen haben mit der jahrzehntelangen Verleumdung aller „linken“ Kräfte nicht nur für eine fettleibige und träge Mitte, sondern auch für einen eklatanten Rechtsruck gesorgt.

Aber wir haben natürlich immer im Stadtbild noch dieses Problem, und deswegen ist der Bundesinnenminister ja auch dabei, jetzt in sehr großem Umfang auch Rückführungen zu ermöglichen und durchzuführen.

Friedrich Merz am 14. Oktober 2025 über sein deutsches Stadtbild vor dem Ausflug nach Brasilien

Wer erinnert sich noch an den Bierdimpfel der Republikaner Franz Schönhuber (Titelbild)? Schönhuber konnte eine nahtlose Karriere von der Hitlerjugend über die SS in die Münchner Abendzeitung vorweisen und verstarb vor fast genau zwanzig Jahren an den Folgen einer verschleppten Grippe. Er brachte es bis zum stellvertretenden Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens und war Träger des Bayerischen Verdienstordens, der sein Eisernes Kreuz Zweiter Klasse, das ihm einst als SS-Unterscharführer verliehen wurde, willkommen ergänzte. Wer dem wuchtigen Mann mit der schallend lauten Stimme jemals begegnet ist, erkannte sein „völkisches“ Denken schon daran, dass er aus den Familiennamen seiner Gesprächspartner auf deren Herkunft schloss und nichts anderes als ein alter Nazi war, der sich am liebsten in einer Bierwirtschaft aufhielt, denn „Außer Bierdunst und Zigarettenqualm schlägt ihm dort stets die rechte Stimmung entgegen“.

Die Spenden an arme Negerlein werden doch von Häuptlingen an der Cote d’Azur verfressen, versoffen und verhurt.

Zitat von Franz Schönhuber, veröffentlicht in Der Spiegel am 5. Februar 1989

Die rechte Stimmung aus der Bierwirtschaft ist die Stimulanz auch der AfD, die als Sammelbecken aller frustrierten wie gescheiterten aber übermäßig national stolzen Existenzen trotz alledem nicht alleine wird regieren können. Ihr zwangsläufiger Koalitionspartner muss unweigerlich die alles routiniert aussitzende CDU sein, sodass die resultierende Politik an den vorhandenen Missständen im Land absolut nichts ändern wird. Man muss kein Hellseher sein, um zu erkennen, dass so die nächsten „Weiter so“-Legislaturperioden garantiert sind und es noch nicht einmal mehr der Kriegstüchtigkeit als Koalitionskleber bedarf. Eine furchterregende Traumhochzeit, denn Konkurrenz von links gibt es nicht mehr. Weder Grüne noch SPD können dieser politischen Richtung mehr zugeordnet werden, während sich die Linke immer weiter aus ihrer ideologischen Heimat entfernt und sich in immer mehr Bereichen prostituiert. Das wäre uns natürlich erspart geblieben, hätte die CDU nicht sämtliches linke Gedankengut verunmöglicht. Aber alles scheint bekanntlich recht(s), solange nur das heilige transatlantische Bündnis niemals nicht in Frage gestellt wird.

David Andel