Bibliotheca Alexandrina (Titelbild)

Ägyptens Tempel des Buches

In der Geschichte der Menschheit wird einst Zerstörtes zuweilen wieder aufgebaut. Im Falle der Bibliotheca Alexandrina geschah dies allerdings erst nach deutlich über tausend Jahren. Ob es nun besser oder schlechter als damals geworden ist, lässt sich nicht mehr feststellen, da der Ursprungsbau aus unbekannten Gründen in der Versenkung verschwand. Eines aber ist sicher: die zweite Auflage weiß zu beeindrucken!

Die zahlreichen Theorien über das Ende der antiken Bibliothek in Alexandria lesen sich wie ein Krimi. Weder ist mehr in Erfahrung zu bringen, wann das Drama geschah, noch aus welchem Grund. Es kann irgendwann kurz nach Beginn unserer Zeitrechnung oder aber 600 Jahre später gewesen sein, archäologische Spuren gibt es wie im Falle des mythischen Atlantis keine. Nur in einem sind sich alle einig: die Bibliothek war ein Hort weltweit einzigartiger Wissenskonzentration. Immerhin, die Ruinen einer „Filiale“ im Serapeum von Alexandria (siehe Bildstrecke) können heute noch besichtigt werden. Umso erstaunlicher, dass von der Hauptniederlassung trotz intensiver Suche nun nichts mehr zu finden ist, obgleich zahlreiche geschichtliche Belege die Existenz des Baus und auch den ungefähren Ort im antiken Palastviertel im Nordosten von Alexandria, an dem sie sich befand, bestätigen.

Der Neubau aus dem Jahre 2002 trat also in vielerlei Hinsicht ein schweres Erbe an. Lange Zeit war Ägypten nicht gerade eine Bastion der Bildung und führend beim Analphabetismus. Noch 2013 konnten kaum drei Viertel der erwachsenen ägyptischen Bevölkerung lesen und schreiben. Geplagt von fetten Königen und den so genannten „neuen Pharaos“, einer ganzen Reihe Diktatoren, deren jeweilige Ziele nicht unterschiedlicher sein könnten und selten dem Wohl des Volkes verpflichtet waren. Dann wäre da die inhaltliche Frage. Allein die Masse heutiger Veröffentlichung macht es unendlich schwer, darin noch die Klasse des Lesenswerten zu finden oder definieren. Viel wird zwar nach wie vor veröffentlicht, doch was davon ist wirklich von besonderem Wert für die Menschheit oder eben der neuzeitlichen Version der größten Bibliothek der Welt angemessen?

Buchmessen huldigen dem schnöden Mammon und insbesondere Bestsellerlisten verleiten zu dem hässlichen Gedanken, dass Lesen alles andere als bildet. Und dann der Ort des Neubaus: die bittere Tatsache, dass Alexandria alljährlich drei Millimeter Land an das Meer abgibt. Die Bibliothek liegt nicht allzu weit davon entfernt und ein Blick aufs Meer in der zweitgrößten Stadt Ägyptens steht seit langem sowohl für Freiheit als auch Bedrohung. Seit 1970 gab es in Alexandria 16 kleinere Erdbeben zu vermelden und im Jahr 365 führte ein großes Beben vor der Küste Griechenlands zu einem einzigartigen Tsunami, der Alexandria und deren Umgebung dem Erdboden gleichmachte. Bis zu 50.000 Menschenleben und ebensoviele Gebäude wurden dabei zerstört, vielleicht war die alte Bibliothek eines davon.

Aber Ägypten ließ sich von solchen Voraussetzungen nicht entmutigen und setzte aufs Prinzip der Hoffnung. Das Land hatte einen Ruf zu verteidigen, denn eine alte Weisheit besagt, dass Ägypten schreibt, der Libanon veröffentlicht und der Irak liest. Wie könnte da ausgerechnet die Nation der berühmtesten Schriftsteller des Nahen Ostens auf eine Bibliothek verzichten? Die Tradition wollte es, dass die neue Bibliothek am gleichen Ort erbaut werden musste wie die alte, spurlos verschwundene – im Stadtteil Schatbi (الشاطبي). Dort finden sich neben der neuen Bibliothek bereits die von den Briten 1929 gegründete ehemalige British Boys‘ School (heute die El Nasr Schule für Jungen) sowie unweit davon das ebenfalls von den Briten 1935 gegründete English Girls College (heute das El Nasr Girls‘ College für Mädchen), die katholische Bubenschule Collège Saint Marc, das Lycée Français sowie die Universität. Somit darf sich Ägyptens Tempel des Buches fortwährend einer großen Nachfrage erfreuen.

Im Auftrag des ägyptischen Bildungsministeriums wurde die Bibliotheca Alexandrina nach sechsjähriger Bauzeit und Baukosten von 218 Millionen US-Dollar im Juli 2001 vollendet und am 16. Oktober 2002 feierlich eröffnet. Das Bauwerk ist das Ergebnis eines internationalen Wettbewerbs im Jahre 1989, aus dem der Entwurf des damals noch jungen norwegischen Architekturbüros Snøhetta als Gewinner hervorging, der dann in Zusammenarbeit mit dem Kairoer Architekturbüro Hamza Associates umgesetzt wurde. Der Bestand der Bibliothek soll heute auf elf Stockwerken und 80.000 Quadratmetern etwa anderthalb Millionen Bücher betragen, hinzu kommt eine kleine Auswahl von Büchern auf Deutsch, Italienisch und Spanisch sowie seltenen Sprachen wie Cripoli, Haiti und Zulu. Platz ist für bis zu vier Millionen Bücher, der durch den Einsatz spezieller kompakter Lagerungssysteme auf bis zu acht Millionen Bücher erweitert werden kann.

Die sehr bescheidene deutsche Sammlung weiß dabei allerdings ebensowenig zu beeindrucken wie die mittlerweile sehr zurückgebliebenen diplomatischen Fähigkeiten des Landes. Deutschland hat dank der blinden Israel-Hörigkeit im Nahen Osten längst seinen guten Ruf eingebüßt. Frankreich hingegen schenkte der Bibliotheca Alexandrina eine halbe Million Bücher auf Französisch aus den Bereichen Wissenschaft, Literatur, Geschichte, Geographie sowie Anthropologie und machte somit die Sammlung zu einer der größten französischsprachigen der Welt. Es gibt gar eine eigens eingerichtete Leseecke für die Sprache von Dumas, Hugo und Proust.

Die Außenfassade mit Symbolen der Künstler Jorunn Sannes und Kristian Blystad
Außenfassade mit Symbolen der Künstler Jorunn Sannes und Kristian Blystad

Das imposante Hauptgebäude zeichnet sich durch seine ungewöhnliche kreisförmig-schräge Form aus, hat einen Durchmesser von 160 Metern und eine Höhe von bis zu 32 Metern, während etwa 12 Meter in den Boden hineinragen. Auf der 6.000 Quadratmeter großen Außenfassade aus gespaltenen Granitsteinplatten sind unter Anwendung lokaler Techniken von Hand eingemeißelte Symbole verschiedener Kulturen zu finden, die in Zusammenarbeit mit den Künstlern Jorunn Sannes und Kristian Blystad angefertigt wurden. Ein zum Verweilen einladender offener Platz und ein Spiegelbecken umgeben das Gebäude, eine Fußgängerbrücke verbindet die Konstruktion zudem mit der nahe gelegenen Universität, sodass ein Zentrum der Bildung entsteht.

Innenansicht (Panorama)
Innenansicht (Panorama)

Der 20.000 Quadratmeter umfassende und damit weltweit größte Lesesaal ist einzigartig und bietet Platz für 2.000 Leser. Der gewaltige Raum wird indirekt durch vertikale, nach Norden ausgerichtete Oberlichter im Dach gleichmäßig beleuchtet – nirgends trifft direktes Sonnenlicht auf das empfindliche Papier. Der Lesesaal nimmt mehr als die Hälfte des Bibliotheksvolumens ein und erstreckt sich über sieben terrassenförmig angeordnete Stockwerke. Der geneigte Bildungsreisende kann dabei unter den neugierigen Blicken mancher Lesender von oben nach unten durch die verschiedenen Themenbereiche schreiten – es gibt keine räumliche Trennung, sondern nur eine nach Höhe.

Neben den Bibliothekseinrichtungen umfasst das Gebäude weitere kulturelle und pädagogische Einrichtungen, darunter ein Planetarium, mehrere Museen, eine Schule für Informationswissenschaft und Konservierungseinrichtungen. Das in die Bibliotheca Alexandrina eingegliederte Sadat-Museum ist dabei eine willkommene Ergänzung, da dieser am 6. Oktober 1981 bei einem Attentat erschossene ägyptische Staatschef trotz aller berechtigten Kritik als einer der größten Brückenbauer zwischen Orient und Okzident galt, was nicht zuletzt von seiner charismatischen Frau ausging. Zu sehen ist unter anderem ein Nachbau des Büros von Anwar es-Sadat, samt seiner eher bescheidenen persönlichen Bibliothek. Neben seinem Weltempfänger, einem Satellit von Grundig, seinem bevorzugten Rasierwasser, seiner Pfeife und einigen Spazierstöcken ist auch jene blutbedeckte Uniform zu sehen, die er zum Zeitpunkt des Attentats trug.

Ägypten setzt beim Großprojekt der Bibliotheca Alexandrina voll auf die Bildung seiner Bevölkerung. Das Gebäude soll je nach Bedarf auch mit künftigen digitalen Informationseinrichtungen ergänzt werden können und wurde von Anfang an mit diesem Hintergedanken konzipiert. Alexandria ist im Ergebnis nicht nur die Stadt der Bücher des Altertums, sondern auch der Zukunft. Selbst der US-Konzern Amazon nannte in Anerkennung an diesen geschichtsträchtigen Ort der Antike seinen Sprachassistenten „Alexa“. Bleibt zu hoffen, dass der nun in diese Richtung eingeschlagene Weg nicht durch die kriegerischen Aktivitäten mancher Nachbarstaaten beeinträchtigt wird – mit dem Auto ist Israel keine acht Stunden entfernt. Das stolze Land am Nil hatte bereits genug zu ertragen und die fragile kosmopolitische Situation braucht keine weiteren Kriege, sondern vor allem hoffnungsvolle Zukunftsvisionen.

David Andel